Kauen lernen

Johannes 6, 41- 59

41 Da murrten die Juden über ihn, weil er sagte: Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist, 42 und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel gekommen?

            Wer soll das alles begreifen? Verstehen? Da steht einer aus Nazareth, einer, den sie alle kennen, über dessen Familie sie Bescheid wissen. Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen. Und dann Brot vom Himmel? „Wer freilich kann, da Jesus wie ein gewöhnlicher Mensch erscheint, diesen Anspruch akzeptieren?“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988,, S. 65) Es wird nicht gesagt, aber die Frage stellt sich doch: Ist er noch richtig im Kopf? „Die Seinen machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21) Gemessen daran ist murren noch sehr zurückhaltend formuliert.

 43 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Murrt nicht untereinander.

Es ist eine Unheilsgeschichte, die sich mit murren verbindet. Ein Zeichen des Kleinglaubens in der Wüstenwanderung Israels (2.Mose 16). Kenn-Zeichen der Heiden, die sich gegen Gott auflehnen. „Warum toben die Heiden und murren die Völker so vergeblich?“ (Psalm 2,1) Andererseits: die Hoffnung, „wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte,“ geht darauf, dass das Murren überwunden wird. „Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“ (Jesaja 29,23-24) Ist Jesus nicht der, der die Werke Gottes in ihrer Mitte tut? Die Zeit des Murrens ist vorbei.

44 Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage. 45 Es steht geschrieben in den Propheten (Jesaja 54,13): »Sie werden alle von Gott gelehrt sein.« Wer es vom Vater hört und lernt, der kommt zu mir.

            Das sollen sie vielmehr wissen: Jetzt ist die Zeit, zu Jesus zu kommen. An ihn zu glauben. In ihm den Gesandten Gottes sehen zu lernen. Das Brot des Lebens. Das soll an allen geschehen. Darum zieht sie der Vater. Weckt die Sehnsucht nach dem Leben. Aus dem Ziehen des Vaters resultiert das Kommen. Ohne dieses Ziehen gibt es kein Kommen. „Nicht hinter der Glaubensentscheidung des Menschen, sondern in ihr vollzieht sich das „Ziehen“ des Vaters.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957 S. 172)

            „In der Begegnung mit Jesus erfährt der Mensch die Kraft der ihn ziehenden Liebe Gottes.“ (R. Micheel / Th. Popp, Fenster zum Himmel, Texte zur Bibel 24, Neukirchen, S. 31) Es ist eine Kraft, die bittet und nicht Gewalt übt. die die Freiheit des Menschen achtet. Weil das alles so ist, verbietet es sich auch, diese Worte irgendwie in Richtung Vorherbestimmung zu lesen. „Nicht dass Gott den einen zu Jesus zieht, den anderen jedoch nicht, wird hier gesagt, wohl aber, dass jeder Glaubensweg zu Jesus ein persönliches Geschenk Gottes ist.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1998, S. 104) Wie ein Vorgriff auf die Zukunft klingt es: »Sie werden alle von Gott gelehrt sein.«. Alle, die auf Gott hören. Ihr Herz seinem Wort öffnen. Dass einer gelehrt ist vom Vater zeigt sich darin, dass er zu Jesus kommt. In diesen Lebensschritten. Diesem Vertrauen zu ihm.

 46 Nicht als ob jemand den Vater gesehen hätte außer dem, der von Gott gekommen ist; der hat den Vater gesehen. 47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.

Es ist eine Zirkelbewegung, die hier beschrieben ist. Nur der Sohn hat den Vater gesehen. „Jesus ist der einzige, der bei Gott war und ihn als der Präexistente gesehen hat.“ (R. Micheel / Th. Popp, aaO. S. 32) Das unterscheidet ihn von allen Menschen. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal. Es bleibt dabei und wird später brieflich wiederholt: “Niemand hat Gott jemals gesehen. … Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. (1. Johannes 4,12. 14-15) Im Glauben an Jesus gewinnen wir als Glaubende das Leben, das bleibt. In Gottes Ewigkeit.

Es sind steile Sätze, mit Langzeitwirkung, bis zu uns heute: „Es gibt keine klare Gotteserkenntnis außer in Jesus.“ (R. Micheel / Th. Popp, ebda.) Es ist der Anspruch, den das Johannes-Evangelium wieder und wieder variiert. Es geht diesem Evangelium nicht irgendwie um Gottgläubigkeit, es geht ihm um den Zugang zu Gott, der sich – allein – in Jesus öffnet. In ihm. mit ihm haben wir festen Boden unter den Füßen, was den Glauben an Gott angeht. Das alles zu sagen und zu schreiben bedeutet auch zu wissen, dass hier eine schier unüberwindliche Schwierigkeit im Gespräch mit anderen Religionen und anderem Glauben aufgerichtet wird. Eine billige Toleranz des „Wir glauben doch alle an den einen Gott“ ist mit Johannes und Jesus, wie er nach diesen Evangelium gezeichnet ist, nicht zu haben. Hier meldet sich der Schmerz, nicht die christlich-selbstgefällige Überlegenheit über anderen Glauben zu Wort.     

 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.

            Wer glaubt, hat das ewige Leben. Parallel dazu steht der Satz: Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das Himmelsbrot will gegessen werden, damit es Leben gibt. So wie Brot gegessen werden muss, um zu sättigen. Wasser getrunken, um den Durst zu stillen.

Für mich ist dieses Reden vom Essen des Brotes mehr als ein erster Hinweis auf das Sakrament. Das Brot des Lebens muss verinnerlicht werden. Durchgekaut. Es muss, auch wenn es auf den ersten Blick schwer verdaulich erscheint, verdaut werden. Angeeignet mit Leib und Seele, der ganzen Existenz.

Es ist ein Hinweis auf den Vollzug im Leben. Man die Worte „auswendig lernen und im ständigen Wiederholen in den Alltag mitnehmen, so dass Jesu Ich in all meinem Erleben, entscheiden, Mich-Mühen, in allen Leiden, Bedrückungen, Traurigkeiten, wie auch in allen Freuden, Erfolgen, glücklichen Erlebnissen immer mit dabei ist.“ ( U. Wilkens, zit. nach R. Micheel / Th. Popp, ebda.)  Glauben ist wie Essen und Trinken,  praktisch, nicht eine Theorie, die ich habe, sondern Lebenspraxis.

Das Manna in der Wüste war dem gegenüber nur Brot für die Zeit. Es hat den Tod nicht aufgehoben, das Sterben nicht erspart. Daran erinnert der Satz: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Das Brot vom Himmel aber durchbricht die Wirklichkeit des Todes.

Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

            Der Horizont weitet sich. Nicht mehr nur der Einzelne. Das Brot des Lebens will und soll nicht nur diesen und jenen sättigen. Es geht um die Hingabe der Existenz – deshalb der Wort-Wechsel von Brot zu Fleisch für die Welt. Das war ja schon im Gespräch mit Nikodemus Thema: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (3,16) Das sind Sätze, die jedem Heilsegoismus, der auf den Alleingang in das Heil setzt, den Weg versperren. Das Ziel der Hingabe Jesu ist die Welt. Und wird Thema bleiben durch das ganze Evangelium hin. Gott sucht die Welt heim, damit sie nach Hause findet.

52 Da stritten die Juden untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?

Das Missverständnis ist gewissermaßen vorprogrammiert. Das Murren steigert sich zum Streiten.  Wie soll das gehen? Wer von unten ist, von der Erde (3,31), der kann nur in diesem Rahmen in und diesen Kategorien denken. Da ist mein Fleisch wie eine Aufforderung zum Kannibalismus. Ein Vorwurf, der die ersten Gemeinden in der Tat getroffen hat, weil sie keine Fremden, Ungetauften, zum Abendmahl zuließen, aber irgendwie die Spendeformel: “Das ist mein Leib” nicht so geheim blieb.

Auffällig ist freilich der Wechsel von ρτος, “Brot” zu σρξ, “Fleisch”. Hätte es nicht gereicht, beim “Brot” zu bleiben, allenfalls noch σμα “Leib” zu sagen? In den Einsetzungsworten der Synoptiker steht jedes Mal dieses Wort für Leib. Warum also hier so  hart: Fleisch?  Ist es so, dass hier der Striet von Jesus regelrecht gesucht wird, das Missverständnis provoziert? “Man begreift die “deftige” Sprache, wenn man sich klar macht: Die Gnostiker wollten nicht anerkennen, dass der Erlöser wirklich ins Fleisch gekommen ist(1,14); das Wort Leib ließen sie gelten, aber sie meinten damit einen Himmelsleib, und das heißt, weltlich geredet, einen Scheinleib. Auch Jesu Tod war ihnen nur Schein – wie kann ein Himmelswesen wirklich sterben?”  (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991,  S. 95)

Das Evangelium dient nicht nur der Erbauung der Gemeinde nach innen. Es soll auch eine Hilfe für die Auseinandersetzung nach außen sein. Deshalb verwendet der Evangelist viel Sorgfalt darauf, durch die Worte Jesu der Gemeinde Klarheit zu verschaffen.

53 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.

Klarheit: Es geht um wirkliches Essen und wirkliches Trinken. „Kauen“ steht da, τργων, gleich mehrfach. Damit deutlich wird: Das ist kein sprachlicher Ausrutscher. Es geht um Vorgänge, die unsere Leiblichkeit betreffen und nicht nur um geistige Wirklichkeiten und schöne symbolische Bilder. Es ist bewusst ärgerlich formuliert. Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.

Anteil am Leben, an seinem Leben, am ewigen Leben gibt es nur durch Kauen und Trinken. So wie es Anteil an ihm nur für den gibt, der sich von ihm die Füße waschen (13, 8-10) lässt. Wirklich. Es sind keine gedachten Füße, die Petrus gewaschen werden und es ist keine bloß gedachte Handlung. Reales Geschehen. “Alle Wege Gottes enden in der Leiblichkeit”(F. Ch. Oetinger) Es geht im Evangelium darum, dass die ganze Welt versöhnt wird mit Gott, die Materie mit dem Geist, die Zeit mit der Ewigkeit.

So ist es auch ein reales Kauen und Trinken. Vollzogen in der Mahlfeier. Da wird nicht nur Kauen gedacht, nicht nur Trinken phantasiert. “Wer im Herrenmahl Jesu Fleisch und Blut genießt, der ist in mysteriöser Weise mit ihm vereinigt, und eben darauf beruht es, dass er das Leben in sich hat.” (R. Bultmann, aaO.; S. 176)

            Dieses Mysterium verstehen zu wollen, erklären zu wollen, es auch lehren zu wollen und zu müssen, hat im Lauf der Kirchengeschichte zu aus heutiger Sicht ziemlich akrobatischen Gedankengängen geführt, wie denn das nun ist mit dem Fleisch, das da im Herrenmahl gekaut wird und dem Blut, das getrunken wird.

Mir ist die Deutung nahe und lieb, die ich vor Jahrzehnten gelernt habe: “In, mit und unter dem Wort” ist Christus gegenwärtig und schenkt sich denen, die sich ihm im Glauben öffnen. Das gilt mir auch für den Vollzug des Mahles. In ihm, den Worten der Einsetzung, der Spendenformel “Christus – für Dich” und unter dem Essen und Trinken ist Christus gegenwärtig und schenkt sich. Und wenn einer mich fragt: Wie? Dann sage ich: Im Glauben wird er empfangen. Und Du wirst es wissen, wenn Du glaubst. Etwas anderes weiß ich nicht.

Das alles ist jedenfalls denkbar weit weg von so etwas wie Kannibalismus, auch von nur gedachtem. Aber es ist nahe, darin, dass es zur Vergewisserung hilft. Ich spüre doch, dass ich kaue und schlucke. Die Geschmacksnerven sind in Ordnung. Es sind wirkliche Vorgänge. Und sie versichern mir die wirkliche Gegenwart des Auferstandenen. Denn das muss man wohl auch sagen: Diese Worte am galiläischen Meer zielen über den Augenblick hinaus auf eine Wirklichkeit, die aus der Auferstehung lebt.

Aber Johannes hat tausendfach Recht, wenn er diese Worte dem irdischen Jesus in den Mund legt. Nur wenn der Auferstandene der ist, der ins Fleisch gekommen ist, wird ja auch unsere irdische Existenz berührt. Es geht bei Fleisch und Blut um die Wirklichkeit unserer Welt. Hier ist der Ort der Erlösung. Auch wenn sie erst vollendet wird in dem kommenden Himmel, am Jüngsten Tage, wenn er auferwecken wird, die das ewige Leben haben.

57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.

Wie eine Zusammenfassung liest sich das. Noch einmal: Jesus ist der Gesandte des Vaters. Und so wie Jesus lebt um des Vaters willen, aus seinem Willen, so wird auch jeder leben um Jesu willen, der ihm glaubt, zu ihm gehört, Anteil an ihm hat, leben. Und noch einmal wird kontrastiert: Die Väter in der Wüste sind nach dem Manna-Genuss dennoch gestorben. Die Anteil am Brot des Lebens haben, haben Anteil am Leben über den Tod hinaus.

Zum Schluss wird gewissermaßen der Ort der Auseinandersetzung nachgetragen: Das  alles wird in der  Synagoge in Kapernaum verhandelt, in seiner Stadt. Als er dort lehrte.

 

Herr Jesus, wie oft bin ich satt geworden an Deinem Tisch, bei Brot und Wein, gestärkt für Schritte, die vor mir lagen, getröstet in Ängsten, die mir das Herz eng gemacht haben, ermutigt für einen Weg, den ich noch nicht wusste, auf den Du mich stellen wolltest.

Ich danke Dir für Dein Geschenk, dass Du Dich uns schenkst, verborgen in Brot und Wein, verwandelt im Durchgang durch Mühlstein und Kelter, geheimnisvoll gegenwärtig.

„Christus für Dich“ höre ich, schmecke ich. Und ich kann weitergehen mit meinem kleinen Glauben. Amen