Brot des Lebens

Johannes 6, 28 – 40

 28 Da fragten sie ihn: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken?

            Das merkt man im Deutschen nicht gleich, wie die Gesprächspartner an den Worten Jesu anknüpfen. Jesus hat gesagt: ργζεσθε, schafft, wirkt, müht euch – und sie fragen jetzt: Was sollen wir tun, ργαζμεθα τ ργα, dass wir Gottes Werke wirken? Es ist das gleiche Wort, das hier von Jesus und dem Volk mehrfach verwendet wird.

Das Volk hat nur hören können, dass Jesus zum Tun, zum Handeln auffordert. „Wirke Werke“. Darum ging es in den Synagogen. Eine Fülle von Werken des Gesetzes wurde ständig von den Menschen gefordert.“ (W. De Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S. 196) Weil sie es so gewöhnt sind, hören sie nur, was sie schon kennen. Hören Jesus also wie einen Rabbi wie alle anderen. Dabei müssten sie doch anders hören lernen, weil er anderes sagt als sie es gewohnt sind. Sie hören: Er will, dass wir tun, aktiv werden, engagiert.

Aber es ist wohl auch unsere Gefahr: Dass wir die Worte Jesu immer einfügen in unser gewohntes Lebensbild und sie uns nur bestätigen sollen, was wir ohnehin schon wissen. Dass auch wir hören: Er will, dass wir tun, aktiv werden, engagiert. Das wir uns einsetzen. Bei einem Bundes-Partei-Tag einer kleineren Partei höre ich: „Wir müssen die Welt retten.“ Damit kann man, so hofft die Sprecherin Leute mobilisieren. Es ist Wasser auf die gewohnten Mühlen: Mach was.  Tu was. Streng dich an. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ (J. W. v. Goethe, Faust, Der Tragödie 2. Teil) Ist es Zufall, dass diese Sätze in einer Tragödie stehen? Weil sie auf die falsche Fährte führen?

Wenn wir wahrnehmen, dass er anders redet als wir es gewohnt sind, anders ist, als wir es erwarten, dann wird es zum Erschrecken. Kompliziert. Weil es uns abverlangt, dass wir anders werden. Neu.   

29 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

Jesus bleibt bei seiner und ihrer Wortwahl. Das eine Werk, hier steht im Griechischen ein Singular, um das geht, ist Glauben. Vertrauen auf den, den Gott gesandt hat. Also nicht: Die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Auch nicht Erfüllung des Gesetzes. Auch nicht: Glaubensartikel aneignen und aufsagen können. „Nicht durch das, was der Mensch wirkt, erfüllt er Gottes Forderung, sondern in dem Gehorsam unter das, was Gott wirkt.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957 S. 164) Jesus ist nicht der Promotor der Täter, die die Welt nach ihrem Gusto verändern wollen, ob unter frommen, wirtschaftlichen, ästhetischen oder sozialen Vorzeichen. Er steht für ein anderes Reich, für eine andere Welt, die er bringt – und die im Glauben ergriffen, empfangen wird. „Glaube ist keine menschliche Leistung, sondern göttliches Geschenk.“ (R. Micheel / Th. Popp, Fenster zum Himmel, Texte zur Bibel 24, Neukirchen, S. 29)

 30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? 31 Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«

            Jetzt haben sie, die mit Jesus reden, zumindest so viel verstanden: Es geht um ihn, um Vertrauen auf ihn. Und stellen darum die Frage: Wie weist Du dich aus? Wie legitimierst du dich und deine Forderung nach Glauben? Ein Zeichen  σημεον – wollen sie von ihm – der ihnen zuvor gerade gesagt hat: Ihr seid blind für die Zeichen, ihr seht nicht die Zeichen, ihr seht nur die Materie. An solchen Erinnerungen an den Weg Jesu durch Galiläa, die in der ersten Gemeinde erzählt werden, kann man den Satz des Paulus festmachen: „Die Juden fordern Zeichen.“ (1. Korinther 1,22)

Und sie legen in ihrem Fordern die Messlatte sofort ganz hoch: Unter einem Zeichen, unter „Brot vom Himmel“ werden wir es nicht tun. „Hinter der Forderung steht die jüdische Anschauung, dass der zweite Erlöser (der Messias) das Wunder des ersten Erlösers (Mose) wiederholen wird.“ (J. Schneider, , Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 148)

Es ist, als hätten sie nicht in der Einöde, auf der anderen Seeseite, gegessen. Aber wahrscheinlich wird hier etwas über Wunder, Mirakel, religiöse Sensationen deutlich: Sie erfüllen nur den Augenblick. Aber sie taugen nicht, um dauerhaft den Weg zu weisen und den Lebenshunger zu stillen. Sie sind Event. Nicht mehr. Es wird anderes brauchen, damit der Glauben Dauer gewinnt. Lebenskraft. Zur Lebensgestalt führt.

32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.

Jesus korrigiert: Mose hat nur verteilt. Der Geber hinter dem Manna ist der Vater. Er allein gibt das Brot vom Himmel. Und, wenn es um das Leben geht, sind alle auf das Geben des Vaters angewiesen. Dass es Leben gibt, ist seine Gabe. Das ist erst einmal ein schlichter Rückgriff auf den Schöpfungsglauben.       

Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                        nimmst du weg ihren Odem,                                                                  so vergehen sie und werden wieder Staub.                                       Du sendest aus deinen Odem,                                                                  so werden sie geschaffen,                                                                     und du machst neu die Gestalt der Erde.      Psalm 104, 29-30

            Aber darüber hinaus ist es der Hinweis: Gott gibt ein Brot, das Leben spendet. Hier und jetzt. Mitten in der Welt. Man kann im Übrigen – das Griechische lässt das zu – auch so übersetzen: „Das Brot Gottes ist der, welcher vom Himmel herabkommt.“(so u. a.: Schlachter 2000, Elberfelder, NGÜ)  Brot für die Welt – nicht was, wer ist das?

Die Korrektur Jesu geht noch weiter. Sie reden von vergangenem Geschehen – Jesus redet anders, „indem er von der Vergangenheit in die Gegenwart springt: Gott gibt euch dieses Brot. auch diese Vergegenwärtigung  ist nicht völlig neu. In rabbinischer Lehrtradition galt der Auslegungsgesichtspunkt als entscheidend:In jeder Generation ist man verpflichtet, sich so anzusehen, als ob man selbst aus Ägypten ausgezogen wäre.“(Mischna Pes X,5)“. (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 101) Angelegt ist dieses Denken schon im 5. Buch Mose. Und Jesus erweist sich so auch hier als einer, der aus den Schriften Israels lebt.

34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

            Dieses wunderbare Lebensbrot wollen sie haben. Die Galiläer um Jesus herum gleichen darin erneut der Frau am Jakobsbrunnen. Ihr sagt Jesus: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben.« – »Herr, bitte gib mir von diesem Wasser!«, sagte die Frau. »Dann werde ich nie mehr Durst haben und muss nicht mehr hierher kommen, um Wasser zu holen.« (4, 14-15) Es scheint eine innere Gesetzmäßigkeit zu geben, nach der wir die geistlichen Dinge immer sofort in das Konzept der natürlichen Lebenserhaltung einfügen, sie darin aufgehen lassen. Also Vorsicht mit allen raschen Urteilen über diese unverständigen Galiläer. Es begegnet bis heute im Gespräch, mit kirchennahen und mit kirchenfernen Menschen: Wenn das mit dem Glauben, mit Gott etwas sein soll, dann müssen sich doch meine Lebensverhältnisse ändern. Zum Guten hin, so wie ich das Gute verstehe. Keine Krankheit, kein unzeitiger Tod, kein Unfall, keine Armut, keine soziale Ungerechtigkeit. Das wollen wir von Gott – verändere die Lebensumstände zum Besseren.

35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Das erste „Ich-bin-Wort Jesu. Sechs weitere werden folgen. Der Bogen spannt sich vom Brot des Lebens bis zum wahren Weinstock (15,1). Und immer, so wie hier: Ἐγώ εἰμι· Ich bin…. Nicht mehr und nicht weniger: Das Lebensmittel schlechthin für den, der nach der Ewigkeit hungert. Für die, die der Durst nach Leben, das bleibt, verdursten lässt. Lebenshunger und Lebensdurst – gestillt in Jesus allein. „Das Nötigste zum Leben, sagt Jesus, bin ich.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991 S. 91) Was für ein Anspruch. Und zu ihm kommen, welche Lebenserfüllung.

Das heißt doch: Aufhören können, anderes zum Lebensmittel schlechthin und zur Lebensmitte zu machen. Nicht mehr glauben müssen, dass ich unersättlich sein muss nach Erfolg, nach Ruhm, nach Anerkennung. Nicht mehr Weltmeister werden müssen um jeden Preis. Nicht mehr meinen Lebenshunger und Lebensdurst stillen müssen an Ersatzstoffen.

Solche Sätze mit solchen Zusagen sind vor dem Johannes-Evangelium nicht nachzuweisen. Sie unterstreichen die  Einladung und das Versprechen Jesu: „Nie mehr hungern und dürsten zu müssen ist die heilsame Folge des Glaubens an den menschgewordenen Gott.“ (R. Micheel / Th. Popp, aaO. S. 30) Es ist eine harte Alternative: entweder nimmt Jesus den Mund hier zu voll, weil er spinnt, religiös abhebt – oder er ist wirklich der, der Leben in Fülle schenkt. Herauszufinden, was denn nun gilt,  gibt es nur einen Weg: sich auf ihn einlassen. Ihm glauben.

36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. 37 Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

            Ich lese: „Der Unglaube der Juden wird direkt auf den Willen Gottes zurück geführt.“  (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975,  105) Und das sei „johanneische Prädestinationslehre“, die hier entfaltet wird (ebda). Ich glaube das nicht und denke anders.

Der Schlüssel für mich ist: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. So spricht der, der Gottes suchende Liebe in Person ist. Das gleicht der großen Einladung, die Jesus ausspricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11, 28-29) Es sind einladende Worte und nicht ausschließende Worte. Denn da ist ja doch der Vater im Spiel, der ihm, Jesus, alles gibt und dafür sorgen will und wird, dass sie zu ihm kommen. Und die Worte gelten denen, die wie die Galiläer vor Jesus stehen, sehen und doch nicht glauben. Aber das soll nie und nimmer das letzte Wort in dieser Sache sein.

Freilich: Die Möglichkeit des Menschen ist solcher Glaube nicht. Glauben können ist Gnade. Gabe Gottes, die empfangen werden kann, nach der man sich ausstrecken kann, mit leeren Händen. Weil er, Gott, uns zieht (6,43). Es ist Gottes Werk an uns, wenn wir glauben können, dass wir glauben können.

38 Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage. 40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.

            Noch einmal: Hier leuchtet der Heilswille Gottes auf. Hier wird das Ziel der Sendung Jesu in die Welt auf den Punkt gebracht: Nichts und niemand soll er verlieren, verloren geben. Gleich dreimal in fünf Versen: Auferwecken am Jüngsten Tage. (6,39, 40,44) So wichtig ist das: Leben, das mit Jesus, dem Brot des Lebens verbunden ist, bleibt nicht im Tod.

Hineinstellen in sein eigenes Auferstehungsleben, teilgeben an der eigenen Herrlichkeit – das ist Jesu Auftrag. Wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, wird das ewige Leben haben – und geht der Begegnung mit ihm entgegen. Weil er, Jesus, ihm entgegen kommt als der, der aus den Toten ruft.

Bei Dir, Jesus, werden wir satt, wird unser Hunger nach Leben, unser Durst, unsere Sehnsucht gestillt.

Du gibst Dich und wer Dich empfängt, gewinnt den lebendigen Gott mit Dir , das Leben in Dir, die Fülle, die allem Mangel und aller Leere wehrt.

Ich danke Dir, dass Du Dich so schenkst – mir, in mein Leben mit all seinem Mangel hinein. Amen