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Johannes 6, 22 – 27

22 Am nächsten Tag sah das Volk, das am andern Ufer des Meeres stand, dass kein anderes Boot da war als das eine und dass Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Boot gestiegen war, sondern seine Jünger waren allein weggefahren.

             Ein bisschen verwirrend ist der erste Satz schon. Wo ist das Volk? Noch dort, wo es das Brotwunder erlebt hat? Und was sehen sie? Nur ein Boot ist noch zu sehn. Aber kein zweites Boot und schon gar nicht sehen sie, dass Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Boot gestiegen war. Das können sie nur wissen, wenn sie am Tag zuvor gesehen haben, wie die Jünger allein weggefahren sind. Vielleicht reimen sie sich das alles zusammen und landen  folgerichtig bei der Frage: Wo ist er denn jetzt? Einmal mehr muss man sagen: die Erzählweise des Johannes lässt das alles im Ungefähren.

23 Es kamen aber andere Boote von Tiberias nahe an den Ort, wo sie das Brot gegessen hatten unter der Danksagung des Herrn. 24 Als nun das Volk sah, dass Jesus nicht da war und seine Jünger auch nicht, stiegen sie in die Boote und fuhren nach Kapernaum und suchten Jesus.

Es kommt der Menge zupass, dass andere Boote von Tiberias kommen. Mit denen fährt das Volk nun Jesus nach. Sie verlassen den Ort, an dem sie so wundersam gespeist worden sind. Es hilft nichts, an den Orten seiner Erfahrung festzuhängen. Es geht ja weiter. Es warten neue Erfahrungen, neue Einsichten. So fahren sie nach Kapernaum. Dort suchen  sie Jesus. Warum? Was wollen sie von ihm? Wollen sie ihn immer noch zum König machen? Oder ist das vorbei?

Auffällig: Die Geschichte vom Seewandel spielt überhaupt keine Rolle. Für das Volk nicht. Für die Juden nicht. Für das Gespräch über Jesus nicht. „Jesus – das ist doch der, der über das Wasser läuft“ ist kein Thema, wenn es um den Glauben geht. Sie wirkt wie dazwischengeschoben. Dass er Brot verteilt, den Hunger stillt, Menschen den Rücken stärkt und sie auf die Beine stellt – das sind Themen für das Gespräch über den Glauben, mit denen, die noch nicht glauben.  

25 Und als sie ihn fanden am andern Ufer des Sees, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hergekommen?

Als sie ihn endlich finden, irgendwo bei Kapernaum, da fragen sie: Rabbi, wann bist du hergekommen? Der Eindruck kann täuschen. Aber hinter der Frage könnte die andere stecken, die das Rätsel löst: Wie bist du hier her gekommen? Aber weder auf die direkt gestellt Frage noch auf die dahinter versteckte wird Jesus eine  Antwort geben. Eine These: Er schweigt über seinen Seeweg, „weil sie ihm das doch nicht geglaubt hätten, dass er seinen Weg unabhängig von allen Naturbedingungen auch über stürmische Wellen frei zu nehmen vermag.“ (W. de Boor, Das Evangelium des Johannes, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel. Wuppertal 1975, S. 195) Ich denke anders: er schweigt, weil es nicht so wichtig ist, dass Wie seines Daseins zu erörtern. Wichtig ist, dass er da ist.

 26 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.          

             Es ist eine harsche Kritik. Nicht nur an denen, die um ihn herumstehen. Sondern an allen, die ihn darauf reduzieren wollen, dass er die Lebensprobleme löst. Satt macht. Brot verteilt. Arbeit gibt. Gerechtigkeit nach Menschenmaß herstellt. Es ist für Leute, die von der Hand in den Mund leben kein Wunder, dass sie an diesem Jesus, der Speise gibt, hängen, dass sie ihn suchen.

 „Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben,                   Und Sünd und Missetat vermeiden kann,
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,                              
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt,                      
Das eine wisset ein für allemal,
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt,             
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.                         Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,                          Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“                                        B. Brecht, Dreigroschenoper

             Mir ist es eine wesentliche Warnung: „Es ist leicht, auf solches Trachten in geistlichem Hochmut herab zusehen, solange man selbst Tag für Tag satt – und mehr als satt – wird.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 89) Aber es ist nicht der zentrale Inhalt seiner Sendung, die Lebensmittel-Frage der Welt zu klären. Obwohl er beten lehrt: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (Matthäus 6,11) Da sind wir schon selbst mit verantwortlich, dass es genug Brot täglich gibt – für alle.

Seine Worte sind zugleich auch harsche Kritik an denen, die nur auf Wunder aus sind, auf Unerklärliches, Sensationelles; die ihn darauf reduzieren, dass er ein Wundermann ist. Und dabei übersehen: Vielmehr würde gelten und darum muss es gehen, die Zeichen zu sehen  und sie zu deuten, zu verstehen, worauf die Zeichen zeigen, wen sie zeigen. Sie bleiben am Vordergründigen, am Äußerlichen, am Materiellen hängen und sind blind für  die Zeichen, σημεα, blind für die Hinweise auf die größere Wirklichkeit.

27 Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben; denn auf dem ist das Siegel Gottes des Vaters.

Jesus knüpft am Speisungswunder an, an dem was sie gegessen haben, was sie gesättigt hat und doch wieder neu hungern lässt. Das ist der Lauf der Welt: essen folgt auf Essen. Wer aufhören würde zu essen, müsste verhungern. Daraus leitet Jesus seine Wegweisung ab. Er fordert sie, die sich so um ihr tägliches Brot sorgen, auf: „Wirkt“, müht euch um Speise, die bleibt. Satt macht für immer. Ewiges Leben in sich trägt.

Es ist eine paradoxe Aufforderung. Um das tägliche Brot kann man sich mühen. Dafür schaffen. Aber um diese Speise, die zum ewigen Leben sättigt? Die Paradoxie löst sich auf: Dies wird euch der Menschensohn geben. Diese Speise ist Gabe, so wie das Brot an die 5000 Gabe war.  Es ist ein Geschenk, das uns gemacht werden soll und es wird so empfangen „indem man auf alles „Sichverschaffen“ von Grund auf verzichtet und sich die Gabe des Lebens vom Menschensohn schenken lässt.“(U. Wilkens, aaO. S. 100)

Diese Gaben auszuteilen ist der Menschensohn bevollmächtigt, versiegelt. Nichts anders meint diese uns Heutigen rätselhafte Wendung: auf ihm ist das Siegel Gottes des Vaters.  Brot und Wein des Abendmahls sind, im Glauben empfangen, solche Gaben, die für den Weg zur Ewigkeit stärken.

Die Sätze erinnern an das, was Jesus zu der Frau am Jakobsbrunnen gesagt hat: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (4,13) Hier geht es um die Speise, die für die Ewigkeit satt macht. Durch die Ewigkeit.  Und so viel sagt Jesus schon: Diese Speise  wird euch der Menschensohn geben. Diese Speise ist die Gabe, um die es ihm geht, mehr noch: die er selbst ist. Es wird aber noch zu beantworten sein: Wie sollen die Zuhörer Jesus das denn schaffen und bewirken, sie, die kaum schaffen, das tägliche Brot zu erwerben, zu erarbeiten. Bei kargem Lohn. Das kann doch keiner, sich die Speise, die  das ewige Leben  birgt, erarbeiten. Ist das nicht eine paradoxe, unerfüllbare Forderung?

Es ist eine große Spannung: „Johannes ist in seiner ganzen Verkündigung keineswegs in dem Sinn Spiritualist, als wollte er nur rein geistige Wahrheiten verkündigen. Er bringt die Botschaft von der Fleischwerdung des Wortes. Der am meisten „vergeistigte“ unter allen Evangelisten ist gleichzeitig, krass ausgedrückt, der materialistischste von allen, dort nämlich, wo es um die Realität der Offenbarung geht. Das Wort versteckt sich nicht nur hinter der Maske eines Menschen, sondern es ging real in unser Fleisch ein.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 94) 

             Einmal mehr frage ich: Warum diese radikale Wirklichkeit? Warum dieses Beharren: wirkliches Brot, wirklicher Wein, wirkliche Heilung, wirkliche Wege über das Wasser… Weil unser Verständnis von Realität aufgesprengt werden soll. Weil wir es glauben lernen sollen: wir leben Wand an Wand mit der Wirklichkeit Gottes. Und die Wand ist durchlässig. Für ihn. Aber auch für uns wird sie durchsichtig, wenn uns die Augen aufgehen. Und: der Realismus des Johannes wehrt allen Abwertungen der Realitäten, allen Versuchen, das mit dem Glauben nur noch symbolisch zu nehmen.

Andere sind kühner, schreiben, was ich kaum zu denken wage: „Wir sind göttlichen Geschlechts“, zitiert Paulus zustimmend griechische Philosophen (Apostelgeschichte 17,28) Auch in uns will Gott geboren werden und zur Welt kommen, wie der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart sagt. Das Johannesevangelium spricht von einer „zweiten Geburt“ aus Wasser und Geist (Johannes 3, 5). Die Orthodoxen Christen sagen: „Gott wird Mensch, damit wir Gott werden.“ Das alles freilich ohne physische Jungfrauengeburt. Aber vielleicht geht es noch einfacher. Ich liebe jenes Graffiti, das angeblich mal an irgendeine Mauer gesprüht war und zum geflügelten Wort geworden ist: „Mach´s wie Gott – werde Mensch!“(A. Ebert, Schwarzes Feuer, Weißes Feuer, München 2018, S. 101) So werden wir über allzu enge Grenzen hinaus gelockt. Ins Weite, ins Freie. In die Nähe Gottes.

 

Herr Jesus, Du hast Menschen satt gemacht, heil gemacht, ihnen den Rücken gestärkt, ihnen den Himmel geöffnet. Du hast nie die Not der Welt schön geredet.

Mit beiden Beinen auf der Erde hast Du gelehrt, den Himmel zu sehen,sich aufzurichten, den aufrechten Gang einzuüben, an die größere Zukunft zu glauben, durch den Horizont hindurch zu blicken.

Du lehrst uns die Liebe zum Vater, zu den Menschen, zu den Gaben der Schöpfung, zu uns selbst. Du – Gottes Liebe. Amen