Plötzlich: da

Johannes 6, 16 – 21

16 Am Abend aber gingen seine Jünger hinab an das Meer, 17 stiegen in ein Boot und fuhren über das  Meer nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen.

Das alles ist nicht spektakulär. Es verlangt auch nicht nach einer tiefsinnigen Erklärung. Der Tag geht zu Ende. Die Jünger wollen nach Kapernaum. Das sind quer über den See zwischen 7 und 12 km, je nachdem, wo man ihn überquert. Es wird dunkel – das geht in Israel schlagartig. Wie ein Nachtrag klingt dann der Satz: Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Darum also sind sie ohne ihn losgefahren. Er ist ja noch auf dem Berg, allein. So etwas passiert schon einmal.

18 Und das Meer wurde aufgewühlt von einem starken Wind.

Es gibt kräftige Winde am See Genezareth. Und damit auch kräftigen Wellengang. Aber das alles klingt nicht bedrohlich. Zumal die Jünger doch zum Teil erfahrene Fischer sind. Für sie ist der nächtliche Aufenthalt auf dem See Alltag. Es ist wohl ein wenig zu dramatisch gesehen: „Allein, ohne ihn, ist ihr Boot den aufkommenden starken Windböen ausgesetzt, und sie müssen es hilflos 25 bis 30 Stadien dahintreiben lassen.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 97) Nichts in den Worten des Evangelisten deutet auf lebensbedrohliche Not und Angst der Jünger hin.  

19 Als sie nun etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gerudert hatten, sahen sie Jesus auf dem Meer gehen und nahe an das Boot kommen; und sie fürchteten sich.

         Auch das ist noch innerhalb der Normalität. Der Wind hat ihnen Arbeit abgenommen. Sie sind – die alte Luther-Übersetzung: eine Stunde – eine geraume Strecke, etwa 4000 – 5000 m,   über den See „getrieben“. So muss man das griechische Wort ληλακτες genauer übersetzen. Das Ziel, das Land ist nahe.

Jetzt erst ändert sich alles. Plötzlich sehen sie Jesus auf dem See gehen und nahe an das Boot kommen. Unerwartet. Auch nicht durch irgendeine Not herausgefordert. Von der Angst der Jünger, die in den anderen Evangelien um des Sturmes willen um Hilfe rufen, kann hier keine Rede sein.

Es lässt Leser*innen, die sich allzu gut auskennen, aufschrecken: Der Angstauslöser bei denen im Boot ist nicht der Sturm, sondern Jesus. Dass er  einfach da ist. Er geht umher. Περιπατοῦντα steht da. Das gleiche Wort, mit dem Jesus den Gelähmten am Teich Bethesda aufgefordert hatte: Geh hin.(5,8) Nichts Zielgerichtetes. Und nichts Besonderes. Da geht einer herum. Auf dem Meer. Als wäre es eine Wattwanderung. Aber am See Genezareth gibt es kein Watt.

Sie fürchteten sich. Ich denke, dieser Satz verbietet es, aus dieser Erzählung einfach eine harmlose Episode zu machen. Die Art, wie Johannes erzählt, verbietet ihrerseits, das Wunder aufzubauschen. Auszuschmücken. Das liegt diesem Evangelisten ganz und gar nicht.  Es geht um eine Erfahrung des Da-Seins Jesu, das unerwartet ist, nicht einkalkuliert. Eben: Erschreckend. Es gibt nicht nur die bergende, tröstende Gegenwart Jesu, wenn er in eine Not kommt. Es gibt auch eine erschreckende Erfahrung seiner Gegenwart, mitten im Alltag.

20 Er aber sprach zu ihnen: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! 21 Da wollten sie ihn ins Boot nehmen; und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fahren wollten.

            Die Antwort auf diesen Schrecken: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! Es geht um mehr als um die Identität. Ihr müsst euch nicht fürchten, ihr kennt mich doch. Es geht um mehr als ihnen zu sagen: Ich bin kein See-Ungeheuer, keine See-Geist. Um viel mehr:  Ἐγώ εἰμι· – Ich bin es. Das ist die Art, wie Gott selbst sich zu erkennen gibt, zuerst Mose gegenüber, aus dem brennenden Dornbusch heraus. (2. Mose 3, 14) Das sind die Worte, die Jesus immer wieder nehmen wird, um zu sagen, wer er ist – das Brot, das Licht, der Weinstock, das Leben. Diese Worte sind, absolut gebraucht, „die alte Begrüßungsformel der epiphanen Gottheit“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957,. S. 159) Gott gibt sich so zu erkennen.

Jesus gibt sich so zu erkennen. Und wo er sich zu erkennen gibt, da ist kein Raum mehr für die Furcht. Kein Grund mehr. Ist er doch der, der seine Jünger „liebt bis zum Äußersten.“ (13,1) Und da ist eben kein Anlass und kein Raum für das Fürchten. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ (1. Johannes 4,18)

Nur: das Erschrecken über diese unerwartete Nähe darf nicht wegretuschiert werden. Es ist eine Aussage des Glaubens: Gott ist gegenwärtig. Immer. Überall. Das entlastet, weil es uns die Arbeit abnimmt, Gott zu vergegenwärtigen. Das können wir ja auch als Kirchen, auch mit unseren Gottesdiensten gar nicht. Das Votum „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ am Anfang des Gottesdienstes stellt nicht Gegenwart her, ist keine magische Beschwörungsformel – es sagt, was ist: Gott ist da. Und doch gibt s dann noch einmal Augenblicke, in denen  dieses Gegenwart manifest wird, handgreiflich, sichtbar. Das sind Augenblicke wie ein Überfall, von dem wir überwältigt werden. Das ist nicht unsere Alltagserfahrung, aber manchmal reißt der Schleier auf und wir sehen mehr Gegenwart Gottes, Nähe Gottes als wir glauben.

Beruhigt wollen die Jünger Jesus an Bord nehmen. Aber das erweist sich als überflüssig. Ehe sie es richtig realisieren, ist das Schiff schon an Land. Dort, wo sie hin wollten.

    Ich lese, dass Johannes das Wunder steigert, verdoppelt. Zur wunderbaren Begegnung auf dem Wasser komme die wundersam rasche Landung. Mein Eindruck ist anders. Johannes hat in der Tradition, den Quellen, aus denen er auch schöpft, diese Erzählung gefunden. Verknüpft mit der Speisungsgeschichte. Wie bei Matthäus und Markus. Und es ist die Treue zur Tradition, die ihn nun auch beides erzählen lässt. Weil er auch davon überzeugt ist: Hier offenbart Jesus sich, sein Sein. Er sagt: Ich bin es und zeigt damit seine Göttlichkeit. Daran hält Johannes fest.

Aber gleichzeitig spielt er das Wundersame an dem Wunder herunter. Vom Wunder auf dem See bleibt nur noch übrig, dass Jesus nahe kommt, da ist, herumgeht. Johannes erzählt in großer Treue die Wunder, die ihm überliefert sind. Aber er möchte den Glauben nicht an Wundern festmachen. Sondern Glauben soll an der Person entstehen, an Jesus, der sich zu erkennen gibt: Ich bin es. Fürchtet euch nicht. 

Mich beschäftigt, warum Johannes diese Geschichte erzählt. Er kommt mir in seiner Knappheit und Kargheit merkwürdig distanziert vor. Ist es nur die Treue zu den Quellen, aus denen er schöpft? Bei Matthäus und Markus ist die Erzählung vom Seewandel fest verbunden mit der Brot-Vermehrungsgeschichte. Das sollte reichen, um Johannes zu nötigen, in der gleichen Reihenfolge zu erzählen? Vielmehr scheint zu gelten: „Er hätte sie weglassen können, wie er so vieles wegließ. Diese Geschichte stört ihm offenbar nicht den Zusammenhang. Im Gegenteil: Die Jünger bekommen hier etwas zu spüren davon, dass die österliche Hoheit und gleichzeitige Nähe des Herrn das eigentliche Wunder ist, um das es geht.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 92) So gelesen wäre die Erzählung eine früher Hinweis auf das unerwartete Erscheinen des Auferstandenen, wenn man so will: eine vorweggenommene Ostererzählung mitten im Leben Jesu.   

             Ein anderer Gedanke macht sich an dem absolut gebrauchten Ἐγώ εἰμι· – Ich bin es. fest. Johannes hat im Evangelium keinen Bericht von der Verklärung Jesu auf dem Berg. Aber erzählt hier von der Offenbarung Jesu auf dem See. Nicht durch eine Himmelsstimme, sondern durch sein eigenes Wort wird Jesus erkennbar als der gegenwärtige Gott. Diese Überlegung hat für mich einen gewissen Charme. Auch deshalb, weil diese “Verklärung” so überaus nüchtern und zurückhaltend erzählt wird. Als Einbruch in das Diesseits, aber jenseits alles Wunderbaren.   

 

Plötzlich bis Du da, mein Gott und Herr, nah im Dunkel unserer Nacht, im Tun unseres Tages, im Hoffen und Bangen.

Mit allem hatten wir gerechnet, auf alles Mögliche gehofft. Nur Dich hatten wir aus den Augen verloren. Aber jetzt bist Du da. Und wir erschrecken über Deiner Nähe, die so unerwartet ist und doch unser Glück. Amen

2 Gedanken zu „Plötzlich: da“

  1. Dieser Bericht zeigt erneut die
    Vollmacht Jesu, die Naturgesetze durchbrechen zu können: Man kann nicht auf dem Wasser gehen, die Masse von Brot und Fisch kann nicht vermehrt werden. Aber Jesus kann! Er ist der Herr!

    1. Das ist alles richtig. Die Frage heißt nur: Was sagt mir das für heute? Welche Schritte des Glaubens löst es bei mir aus? Weil diese Texte des Evangeliums wollen nicht unsere Zustimmung zu Geschehen um das Jahr 30, dass wir das für möglich. wahr halten. Sie wollen uns heute bewegen! Sie fordern unser Vertrauen jetzt.

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