Jesus allein

Johannes 5, 31 – 47

31Wenn ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32Ein anderer ist’s, der von mir zeugt; und ich weiß, dass das Zeugnis wahr ist, das er von mir gibt.

Es sind Worte, die auf einen Disput hinweisen. Wir hören die Stimmen und Einwände der Gesprächspartner Jesu nicht. Wir können es nur aus seinen Worten erschließen, auf welche Anfragen er antwortet. Da wird der Vorwurf im Raum stehen: „Du redest ja nur von Dir selbst, aus Dir selbst. Wir sehen hinter Dir keinen, der Dich gesandt hat. Das kann jeder sagen – ich in gesandt“. Es ist die Anfrage, die sofort laut geworden ist, wenn ein Prophet sagte: „So spricht der HERR.“(Jesaja 42,5) Aber Jesus ist ja noch einen Schritt weiter gegangen, wenn er sagt: Es ist meine Stimme, die aus den Gräbern ruft. Und wer mein Wort hört, dem steht die Ewigkeit offen. Es ist nur zu verständlich, dass er damit Nachfragen provoziert: Woher nimmst Du Dir dieses Recht?

Die erste Antwort: „Der Sohn stellt sich seine Vollmacht nicht selbst aus.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 79)Die nachfolgenden Verse werden bestimmt von den Worten Zeugnis und bezeugen. Weil es um Klarheit, um Wahrheit geht, wie in einem Prozess, unterwirft Jesus sich der jüdischen Rechts-Überzeugung: Es braucht zweier Zeugen Mund für die Wahrheit einer Sache. Dass einer “Zeuge in eigener Sache ist” (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 118) reicht nicht aus zur Bestätigung seines Zeugnisses. Aber Jesus weiß und sagt: Da  ist ein anderer, der für ihn Zeugnis ablegt. Und sein Zeugnis ist wahr. Tragfähig. Belastbar.  Wer das ist, sagt er hier noch nicht.

33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat die Wahrheit bezeugt. 34 Ich aber nehme nicht Zeugnis von einem Menschen; sondern ich sage das, damit ihr selig werdet. 35 Er war ein brennendes und scheinendes Licht; ihr aber wolltet eine kleine Weile fröhlich sein in seinem Licht.

Lockt er seine Zuhörer jetzt auf die falsche Spur? Da war ja der Zeuge, zu dem ganz Jerusalem lief: Johannes der Täufer. Und er hat Zeugnis abgelegt, gewissermaßen gerichtsfest: “Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!”(1, 29) Aber sein Zeugnis ist nichts, was Jesus für sich braucht. Es ist nur der Hinweis an die Juden: Da, von Johannes, habt ihr die Wahrheit schon gehört. Johannes hat nichts verheimlicht. So der etymologische Ursprung des Wortes ληθεα. (G. Kittel, Theol. Wörterbuch zum NT, Bd. I, Stuttgart 1933, S. 239)Seine Wahrheit – darauf hätte man trauen können. Aber – und das ist jetzt doch harte Kritik: Ihr wolltet ja gar nicht seine Wahrheit. Ihr seid ihm nur nachgelaufen, wie man einem Star nachläuft, um sich in seinem Glanz zu sonnen.

Jesus braucht dieses Zeugnis der Menschen nicht. Auch nicht das des Johannes, der doch immerhin eine auch bei den Juden anerkannte Leuchte war. Das ist nicht Arroganz oder überhebliche Selbstsicherheit. Sondern Freiheit, die aus dem lebt, dass er sich ganz mit dem Vater eins weiß. Nur: Sehen kann das keiner, der nicht an ihn glaubt. Jesus läuft nicht mit dem strahlenden Nimbus durch das Leben, den ihm die Maler immer anmalen, damit wir ihn von den Anderen unterscheiden können. Er ist, äußerlich betrachtet, einer wie wir.

36 Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende, eben diese Werke, die ich tue, bezeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.

Weil Jesus ein anderes, ein größeres Zeugnis hat, ist er für sich selbst nicht auf die Worte des Johannes angewiesen. Es scheint, als würde er sagen. Dieses größere Zeugnis sind die Werke. Die der Vater durch mich tut, ich durch den Vater, die er mir gegeben hat. τὰ ἔργα, Werke, σημείων, Zeichen – ist es das? “Wir sahen, dass der Evangelist – wie Jesus selbst – von einem auf Wundererfahrungen gegründeten Glauben nicht viel hält. Es ist bei Werke an das ganze Offenbarungswirken Jesu zu denken. Die Wahrheit, die Jesus nicht nur verkündigt und bringt, sondern die er ist und die sich in ihm ereignet, die bezeugt sich selbst.” (G. Voigt, aaO. S. 119)

Mit meinen Worten: Wer sich im Glauben Jesus anvertraut, der erfährt es als Zeugnis, als Wahrheit im eigenen Herzen, dass Jesus der Gesandte des Vaters ist, das Bild des unsichtbaren Gottes, der mein Leben trägt und hält. Darum kann Paulus es so nach Rom schreiben: “Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.” (Römer 8,16) 

37 Und der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben.   

Nun benennt Jesus seinen ersten Zeugen: der Vater, der mich gesandt hat. Das ist das tiefe Wissen Jesu: Hinter mir steht der Vater. Die synoptischen Evangelien geben diesem „Selbstzeugnis“ und Selbstverständnis Jesu eine Geschichte und damit eine sichtbare Gestalt: „Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 3, 16-17) Mehr braucht Jesus nicht als Bestätigung für seinen Weg. Das macht ihn unabhängig von allem Zeugnis, das ihm Menschen geben könnten.

Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen 38 und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.

            Es folgt der härteste Angriff auf die Juden, der für mich denkbar ist: Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen. Ihr habt sein Wort nicht in euch wohnen. Im Klartext: Ihr kennt Gott nicht. Ihr nennt euch Gottes Volk, aber ihr kennt ihn nicht. Seid blind für ihn. Seid taub für seine Stimme. Seid nicht zuhause in seinem Wort. Ihr macht euch etwas über euch selbst vor – eine einzige große Lebenslüge.

„Für jüdische Ohren ein Affront – lebt doch aller Glaube und alle Frömmigkeit Israels davon, das Gott zu Mose wie mit einem Freunde geredet hat( 2. Mose 33,11) und dass er in der Tora sein Volk verbindlich und verlässlich hören lässt: „Höre Israel“(5. Mose 6,5) ist das Grundbekenntnis Israels.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 123) Schlimmer kann man Juden nicht angreifen – ihr habt gehört und doch nicht gehört. Ihr habt gesehen und doch nicht gesehen. Es ist ein Anknüpfen an die prophetische Botschaft in diesen Worten Jesu: „Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“(Jesaja 6, 9-10) Erfüllt sich an den Zeitgenossen Jesu dieses Gerichtswort des Jesaja?

Wird dieser Angriffe abgefangen, gemildert, wenn man sagt: Die Juden stehen im Johannes-Evangelium für alle Menschen? Für die Unfähigkeit des natürlichen Menschen, das Evangelium zu begreifen, den Offenbarer Jesus zu erkennen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es ein überaus harter Angriff ist und dass ich ihn nicht aus dem Evangelium heraus interpretieren kann. Nur: Mit der Schablone „Anti-Judaismus“ ist nichts gewonnen. Es ist das theologische „Zeugnis“ des Johannes, das er an seine Gemeinde weitergibt. Geformt sicher aus der bitteren Auseinandersetzung mit führenden Leuten der Synagoge in der Zeit, in der er sein Evangelium schreibt. Dafür muss er einstehen.

Und die Begründung: Ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat. Ihr glaubt mir, Jesus Christus, nicht. “Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.” (Matthäus 11,27) Es ist eine Sprache wie im Johannes-Evangelium. Und es ist die gleiche Sicht: „Nur im Glauben an Jesus gibt es den Zugang zum Vater und allein wer Jesus sieht, sieht den Vater.“ (U. Wilkens, ebda.) Es gibt keine Gotteserkenntnis an dem Sohn vorbei. Wer den Vater sucht, findet ihn nur im Sohn. Das Evangelium des Johannes wird dies unermüdlich wiederholen!

39Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; 40aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

            Das ist jetzt der zweite Zeuge in dem Disput mit den Juden: die Schrift. Sie wird von den Juden gelesen, voller Hoffnung, bittend, betend, suchend: Nach Gott und nach dem Leben. Und Jesus bestätigt diese Haltung: Ja, die Schrift ist der richtige Ort, um nach dem Leben zu suchen. Ja, es ist richtig, mit ihr so umzugehen, sie zu befragen, in ihr zu wohnen.

Es liegt eine so hohe Wertschätzung für die Schrift und für den suchenden, betenden Umgang mit ihr in diesen Worten. Genährt aus dem Umgang mit ihr. Denn mit allen Juden zusammen kann Jesus beten:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                   noch tritt auf den Weg der Sünder                                                  noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                                                  sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                          und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!                             Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,             der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,                                            und seine Blätter verwelken nicht.                                                  Und was er macht, das gerät wohl.         Psalm 1, 1 – 3

So kann Jesus auch sagen. So betet er auch. Und lässt dann doch sein „aber“ folgen. Nicht gegen die Schrift. „Die Verschlossenheit der Welt gegen Gott gründet in ihrer vermeintlichen Sicherheit, und diese hat ihre höchste und verführerischste Gestalt in der Religion, für die Juden also in ihrer durch die Schrift bestimmten Lebenshaltung.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 201) Es gibt – so  die ernste Warnung dieser Worte – Religiosität, die blind ist für den Sohn und damit das Leben versäumt.

            Das ist das „aber“ Jesu: Gegen ein Lesen, das schon zu wissen glaubt und nicht mehr hören muss  auf die Stimme des Gesandten, ein Lesen ohne Schlüssel, ohne das Wissen um die Mitte der Schrift. Sie ist’s, die von mir zeugt. Das ist die Mitte der Schrift: Sie weist auf Christus hin, weil sie den Weg zum Vater weisen will. Sie macht den Sohn herrlich, weil sie die Herrlichkeit des Vaters will.

Darum also geht es, die Schrift zu lesen als das Zeugnis von Jesus Christus. Ja, es gibt kein besseres Lehrbuch darüber, wie wir Menschen sind. Es gibt kein realistischeres Buch darüber, wie es in der Welt zugeht. Es gibt kein Buch mit besserem Rat, wie ein gedeihlicher, friedlicher Umgang unter uns Menschen aussehen kann. Es gibt kein Buch, das mehr Ermutigung zu neuen Schritten und neuen Anfängen enthält.  

   Und doch: Das alles ist nur „Beifang“ und nicht die Mitte der Schrift. „Die Mitte der Schrift ist, was Christum treibet.“ (M. Luther) Darum also muss es im Lesen der  Schrift und im Hören auf sie gehen,  dass ich ihn, diese Mitte, suchen will, dass ich mich bittend nach ihm ausstrecke. Das kann ich wollen. Von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft meines Gemütes.

          Es ist ein bitter-ernster Vorwurf: Ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. Ihr seht die Tür offen zum Vaterherzen Gottes, aber ihr wollt einen anderen Zugang und rennt euch an der Mauer die Köpfe ein. Ein Vorwurf, in dem ich den Schmerz dessen höre, der das Leben will. Unser Leben. Aller Leben.

41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

Der Angriff Jesu geht weiter. Es ist eine Attacke – gegen die Juden. Worte, die gut passen für die Auseinandersetzung mit erbitterten Gegnern. So wie es wohl zur Zeit der Abfassung des Evangeliums war zwischen der Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium schreibt und den Juden, der Synagoge. Und es taucht ein Stichwort auf, dass für die johanneischen Schriften insgesamt wichtig ist: die Liebe Gottes.

Damit wird ein Gegensatz erkennbar. Die Wahl ist zwischen der Ehre von Menschen und der Liebe Gottes. Es ist die Wahl, vor der die Gemeinde damals wohl steht. Wer sich die Zuwendung seiner Umwelt sichern will, der muss sich von der Gemeinde, in der die Liebe Gottes gelebt wird, distanzieren. Die Ehre von Menschen, auch von Juden, wird so gewonnen, dass man sich ihnen anschließt, ihren Weg teilt, ihre Überzeugungen übernimmt, ihre identity marker wie Beschneidung, Sabbat, Gesetzesfrömmigkeit achtet und ins eigene Leben zieht.

“Die Situation der johanneischen Gemeinde als einer vom orthodoxen Judentum bedrängten Minderheit sollte man immer vor Augen haben, wenn man die antijüdischen Aussagen des Johannesevangeliums … beurteilt.” (K. Wengst, Bedrängte Gemeinde und verherrlichter Christus, Der historische Ort des Johannesevangeliums als Schlüssel zu seiner Interpretation, Neukirchen 1981, S. 60) Diese Auseinandersetzung scheint mir in diesen Worten Jesu vor-formuliert.

Ich kenne euch – das begegnet mehrfach im Evangelium. Jesus weiß, wie die Menschen – die Juden stehen hier für alle Menschen – sind. Das meint nicht Seelenkenntnis, wie sie die Psychologie vermittelt, auch nicht ein übernatürliches Bescheid-Wissen über Menschen. Darauf könnte ja die Begebenheit mit Nathanael hindeuten. „Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!“ (1,47-49) Sondern es geht darum, dass er weiß, wie wir Menschen von Natur aus sind: Gott-verschlossen und ehrbegierig. Gott gegenüber zu und deshalb umso mehr begierig, von Menschen geachtet zu werden.

43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Es ist wie ein Rückgriff auf den Anfang des Evangeliums: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Weil dieses Aufnehmen ja bedeuten würde: Zu ihm gehören. Sich mitnehmen lassen auf seinen Weg. Die Ablehnung teilen, die er erfährt. Die Fremdheit der eigenen Existenz tragen. „Die Menschen können gar nicht an den Christus glauben, weil sie nicht alle weltlichen Bindungen fahren lassen wollen.“(S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 96)

Stattdessen sind sie Leute, die Ehre voneinander nehmen – das ist das Selbstgespräch der Welt mit sich selbst. Ich bin o.k. Du bist o. k.  In solchem sich die Ehre geben “redet nur die Welt zu sich selbst, ist sie sich selbst verfallen.” (R. Bultmann, aaO. S. 203) Es ist die ewig gleiche Leier, in der sich Leute ihre eigene Bedeutung und Wichtigkeit bestätigen, in der Nebensächlichkeiten zu Weltereignissen werden und das, was das Leben tief machen könnte, was ihm Ewigkeit geben könnte, irgendwie weltfremd wird. Seltsam unpassend.

Man wird es zugestehen müssen: „Es ist wahr, dass der Mensch ein Recht auf Ehre hat. Er hat es aber nur deshalb, weil er in Christus von Gott geliebt ist, nicht weil er ein „Daimonion“ in sich trüge, das respektiert sein will.“ (T. Jänicke, aaO. S. 82) Unser Grundgesetzt hält fest. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“(GG, Artikel 1) Das Spannende an diesem Satz ist: er wird von nirgendwo abgeleitet. Nicht begründet. Er ist aller Begründung voraus. Christ*innen sehen hinter diesem Satz die Sicht Gottes: Gott will, das wir leben.         

Fast glaube ich, dass jetzt bei Johannes gar nicht mehr die Juden die Adressaten sind, die er mit diesen Worten anspricht. Es ist seine Gemeinde, es sind Christen, denen er zeigt und vorhält, was es sie kosten wird, den Weg Christi zu gehen. Einen Weg, der von der Umwelt entfremdet.

Anpassen oder Standhalten. Den Weg Christi wählen mit aller Konsequenz oder ihn verlieren. Es ist die Gefahr, in der nicht nur Juden stehen. Nicht nur die Menschen damals. Wir alle sind auf Anerkennung angewiesen. Und wenn wir diese Anerkennung nicht in der Liebe Gottes erfahren und ergreifen, werden wir sie umso mehr suchen in dem, dass wir uns nach der Anerkennung von Menschen ausstrecken. Tun, was sie wollen. Reden, was sie gerne hören. Uns anpassen – manchmal bis zur Selbstaufgabe. Eine Gefahr, vor der die Kirche zu allen Zeiten steht. Wenn sie ihre Mitte verliert. Die Liebe Gottes.

So betrachtet, geht es zwar auf den ersten Blick um Anklagen gegen die Juden, auf den zweiten und genaueren Blick aber wohl um Warnungen und Mahnungen an die christliche Gemeinde. Zu allen Zeiten.

45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

            Jesus ist nicht der, der sie deshalb verklagen wird. Die Rolle des Verklägers vor dem Vater ist ja auch schon längst vergeben. (Hiob 1, 6 – 9) Aber auch schon ausgespielt. Wie ein Wort Jesu, das mir besonders am Herzen liegt, es zeigt: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“(Lukas 10,18) Im Himmel ist weder Zeit noch Raum für solche Anklagen. Im Himmel ist nur noch Raum für den, der sein gutes Wort für uns einlegt:  „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt.“(Römer 8, 34)

Anklagen, verklagen kann nur, was auf Erden ist, die irdische Wirklichkeit, auf die – wir und die Juden – uns berufen. Mose. Das Gesetz. So sieht es auch Paulus: Das Gesetz als Anklage gegen uns, die wir den Weg Gottes verfehlen. Das Gesetz wird nicht aufgehoben, weggeschoben. Aber es erhält einen Kontra-Punkt, der seine Rolle beschneidet. Es ist vorläufig, Wort für die Zeit, im Vorletzten. Im Letzten bleibt allen das Andere: Die Verkündigung des gnädigen Erbarmens Gottes, wie es auch in den Schriften des Alten Bundes schon zu hören ist. „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ (2. Mose 33, 19)

Und, aus anderem Munde:

Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind,             seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,                                    sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.                                                                        Klagelieder 3,23

Wer in den Schriften forscht, der sieht, dass sie von der Liebe reden, die in Jesus Hand und Fuß bekommt, ein menschliches Angesicht. Und ahnt: Er ist immer schon mit auf dem Plan. Nichts anderes meinen ja all die Worte, die von seiner Präexistenz reden. Es ist immer schon seine Liebe, die im Spiel ist in der Liebe des Vaters.

 

 

Mein Herr Jesus, bei Dir will ich stehen. Zu Dir will ich gehören. Deine Ehre will ich mehren. Aus Deiner Liebe will ich Kraft gewinnen. Und erschrecke doch, wenn ich sehe, wie sehr ich mich nach Anerkennung durch Menschen sehne, auf ihre Zustimmung achte, ihre Ablehnung fürchte.

Gib Du mir Vertrauen genug, dass ich mich zu Dir halte, auch im Gegenwind, mit all meiner Schwachheit, in allen Ängsten. Auch dann, wenn es mich anderen seltsam erscheinen lässt. Bewahre meinen armen, angefochtenen Glauben. Amen