Die Stimme Jesu hören

Johannes 5, 24 – 30

 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

            Wer Jesus hat, der hat das ewige Leben.  Das Leben, das bleibt durch allen Wandel der Zeiten hindurch. Durch den Tod hindurch. Wer zu ihm gehört, der gehört auf die Seite des Lebens. Der ist schon durch das Gericht hindurch, bewahrt. Später wird Jesus sagen: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (14,19) Die Gabe des Lebens ist unteilbar. Es gibt das Leben nur als Ganzes – hier und in Ewigkeit. Es gibt kein anderes Leben, zweites Leben, irgendwie später einmal. „Gott wird uns im Himmel nicht mehr lieben als auf Erden.“ (Thomas von Aquin) So ist es. Diese Liebe im Himmel, auf die wir zuleben, wird schon hier auf der Erde empfangen, fängt hier schon an in der Liebe Jesu. Und sie gilt allen, die an ihn glauben. Weil an ihn glauben ja ist, an den glauben, der ihn gesandt hat, an den Vater.

 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. 26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden 29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Das buchstabiert Jesus jetzt durch – mit uns – im Blick auf die Toten und die Auferstehung. Er ist es, der aus den Toten ruft. Davon erzählen die Geschichten, die die Evangelisten weitergeben. Er hat aus dem Tod gerufen, hat die Toten gerufen und sie sind seinem Rufen gefolgt: Der Jüngling von Nain, die Tochter des Jairus, Lazarus.  Wie sollten sie auch nicht aus ihrem Tod aufstehen, wenn sie seine Stimme hören.

Man darf sicherlich darüber nachdenken, ob diese Worte nicht aus dem Zeugnis des Propheten schöpfen: „Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! … Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer. (Hesekiel 37, 3 – 4. 9 – 10) Auch da: nur ein Mensch und doch wird auf sein Wort hin das Totenfeld mit Leben erfüllt. Was bei Hesekiel für Israel gilt, wird im Wort Jesu ausgeweitet auf alle, die in den Gräbern sind, Auferstehung ist nicht das Exklusiv-Recht der Frommen. Alle werden hören, alle werden auferstehen. Es ist noch nicht vorbei, wenn mit dem Tod alles aus ist.

Alles nur ein Vorspiel. Ein Vorgeschmack auf sein Rufen, seine Stimme, wenn der “liebe jüngste Tag” kommt. Der Tag, an dem das Leben sich erfüllt. Der Tag, an dem die Gräber leer stehen. Der Tag, an dem alle Fragen überholt sind. Der Tag, an dem wir Jesus sehen, wie er ist – und uns sehen, wie wir sind, geliebt ohne Ende, ohne Grenze, grenzenlos.

  Dann wird unsagbare Freude sein,
wird helles Lachen herrschen,
wird an reichen Tischen gegessen,
werden Menschen lallen vor Glück,
werden wir sein wie die Träumenden.                                                 J.
Hansen, Nach dem Abend kommt ein neuer Morgen

Es ist die Botschaft dieser Worte hier: Jesus ist der, der an diesem jüngsten Tag Gericht hält, zum Leben ruft, und die seine Stimme hören werden, die werden leben. Dieses Hören aber fängt hier und heute an. Und es wird keine andere Stimme sein als seine, Jesu Stimme, die an diesem kommenden Tag ruft.

Es gibt eine Debatte darüber, ob bei dem Evangelisten Johannes nicht die Zukunft ausfällt. Ob das Gericht, Himmel und Hölle nur uneigentliche Rede sind, lediglich Bilder für den Existenzwandel, um den es im Glauben geht. Ob alles, was da so erwartet wird als Zukunft, als Ende der Welt, von den anderen  Evangelisten und von Paulus, nur im Hier und Jetzt ist. Ich vermag das so nicht zu sehen. Wahr ist: „Es hat die enthusiastische Entwertung des Endgerichts im Urchristentum gegeben.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 119) Beispielhaft: „Hymenäus und Philetus, die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.“(2. Timotheus 2, 17-18) Wahrscheinlich keine Einzelstimmen. Wir sind mit Jesus auferstanden – da ist kein zukünftiger Tod mehr.

   Ich lese, dass Johannes vielmehr so sagt: Hier und Jetzt – aber das Hier und Jetzt drängt auf die Zukunft Gottes und erfüllt sich in ihr. Zu diesem Geschehen wird es durch die Stimme Jesu kommen. Die Stimme des Sohnes Gottes. Darauf vor allem kommt es dem Evangelisten an: Es wird kein anderer Gott sein, vor dem wir dann stehen, keine andere Stimme, die wir dann hören, kein anderes Gesicht, das auf uns gerichtet ist. Es geht Jesus entgegen. Dem, den wir hier kennen und der uns zu sich ziehen will durch das ganze Leben hindurch.  

30 Ich kann nichts von mir aus tun. Wie ich höre, so richte ich und mein Gericht ist gerecht; denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

„Jesus tut die gleichen Werke wie Gott. Er tut sie nicht wie ein zweiter Ebenbürtiger neben Gott.“(T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 78)In seinem Tun, in seinem Reden, in seinem Lieben, in seinem Retten ist Jesus ganz gebunden an den Willen dessen, der mich gesandt hat. Den Willen des Vaters. Er ist der, der den Willen des Vaters vollendet. Hier auf Erden und in Ewigkeit. Er, der uns beten lehrt:  „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ (Matthäus 6,10) So lehrt er uns, weil er selbst so lebt. Das bezeugt Johannes.

Es ist, wieder einmal, über den Text hinaus gelesen: Mich fasziniert die Klarheit Jesu. Die Sicherheit, die in seinen Worten liegt. Eine Sicherheit, die aus seiner unmittelbaren und unauflöslichen Verbindung zum Vater kommt. Da ist kein Raum für Zweifel, für das Fragen, das ich von mir nur zu gut kenne: Bin ich richtig unterwegs?  Es ist die Gewissheit Jesus: ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. die ihn so gewisse Schritte tun lässt. Bei Jesus ist alles hell und klar. Ich wünsche mir und allen Christ*innen so sehr etwas von dieser Klarheit. Etwas von dieser heiligen Einfalt, die ganz in Gott ruhen lässt. Etwas von der Gewissheit: der Weg vor mir, vor uns, ist der Weg, auf den der Vater uns sendet. Und er wird führen. Mich. Alle.

 

Mein Gott, darauf warte ich, dass Dein Wille unverstellt offenbar wird, die Tränen getrocknet, das Leid überwunden, der Krieg abgeschafft, der Tod verschwunden.

Darauf warte ich, dass der Tisch gedeckt wird im Vaterhaus, dass wir Dich sehen wie Du bist -voller Liebe und Erbarmen und kein Schatten mehr auf das Miteinander fällt von Dir,  mein Jesus, und uns, Gott und den Menschen. Amen