Ehre dem Vater, Ehre dem Sohn

Johannes 5, 19 – 23   

19 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn. 20 Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut, und wird ihm noch größere Werke zeigen, sodass ihr euch verwundern werdet.

            Wieder heißt es: Da antwortete Jesus. Aber was jetzt folgt, ist keine Antwort, sondern eine Rede. So ist es oft im Johannes-Evangelium. Aus einer knappen Antwort wird eine große Rede. Eine, der große Bedeutung zukommt. Das unterstreicht schon das doppelte Ἀμὴν ἀμὴν, (= Amen, Amen) das die Luther-Übersetzung mit Wahrlich, wahrlich wiedergibt. In dieser Rede geht es nicht mehr um das Wunder und den Sabbat, sondern nur noch um das Verhältnis von Jesus zum Vater. Sie ist, steil und streng gesprochen, Offenbarungswort. In dem Jesus offenbart, wer er ist. Jesus tut, was er den Vater tun sieht.

In diesem Tun Jesu geht es nicht um ein Nachmachen, sondern um Übereinstimmung. Was der Vater tut, ist durch den Sohn getan. Was der Sohn tut, durch den Vater. Vor allem aber: der Vater hat den Sohn lieb.  Wir überlesen solche Sätze allzu leicht. Weil wir irgendwie diese Liebe nicht als das sehen, was sie ist: das Geschenk des Vaters an die Welt. Liest man das mit, haben die Worte größtes Gewicht. „Das ist der eigentliche Grund aller Legitimation Jesu.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 116)

Es ist eine Übereinstimmung des Wollens, die aus der Wesenseinheit kommt. „Jesus ist der Sohn und er handelt als der Sohn.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 112) Wieder einmal steht im Hintergrund, was der Evangelist ganz am Anfang, sozusagen als Leseanweisung, seinen Lesern mitteilt: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.(1,14) Darum also geht es: „Vater und Sohn können nicht als zwei getrennte Personen betrachtet werden, deren Tun einander ergänzt…Sondern das Wirken von Vater und Sohn ist identisch.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 188 )

Hängen bleibe ich an der Wendung größere Werke. Später im Evangelium wird Jesus von den Jüngern sagen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“ (14,12) Hier aber ist die Wendung auf das spätere Handeln Jesu bezogen.

Was sind die größeren Werke, die er ankündigt? Die  die Sehenden zum Wundern, Staunen bringen werden? Mit  θαυμζητε – ihr werdet staunen- steht hier ein Wort, das oft die Reaktion derer beschreibt, die eines der Wunder Jesu miterlebt haben. Eine Antwort könnte in dem liegen, was Jesus im Folgenden sagt. Es geht um mehr als um die Zeichen und Wunder, die er jetzt tut. Es geht nicht nur darum, dass Brot sich wunderbar vermehrt, ein Blinder geheilt wird, ein Toter aus einem Grab tritt.

21 Denn wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will. 22 Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, 23 damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.

Größeres ist ja nicht denkbar. „Das ist das erste dieser „größeren Werke“, die Teilhabe des Sohnes an dem Auferweckungshandeln des Vaters.“ (U. Wilkens, aaO. S. 117) Jesus ist der, der wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht. Der die Gabe des Lebens gibt. Der will, dass wir leben. Leben auch durch das Gericht hindurch. Jesus tut, was Gott kennzeichnet: Gott ist der, „der die Toten lebendig macht und ruft das, was nicht ist, dass es sei.“ (Römer 4,17)

             Jesus ist der, dem der Vater alles Gericht übergeben hat. Es sind Wendungen wie diese, die zum Bekenntnis geführt haben, das wir allsonntäglich zu sprechen: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“(Apostolisches Glaubensbekenntnis, EG 804) Gedanklich wird das in unseren Gemeinden oft übersprungen. Wir glauben Jesus nicht nur als den Heiland, als den Erlöser, wir glauben ihn auch als den Richter am Ende der Welt.

Noch einmal: der Vater richtet niemand. Der Vater, Gott, hat das Gericht an der Welt aus den Händen gegeben. Er hat es dem Sohn anvertraut, der in seiner grundlosen Liebe bis zum Äußersten gehen wird, bis in den Tod. Weil das Gericht in seinen Händen ist, steht über allem Gericht das unauslöschliche Vorzeichen: Erbarmen. Darin liegt unser Heil, dass der Richter kein anderer sein wird als der, dem das Gericht gegeben ist, übertragen ist. Die große Scheidung, so wörtlich κρσις, liegt in seinen Händen.

Es gibt eine große Distanz bei uns, wenn es um das letzte Gericht geht. Aber man muss sich fragen: Was wird aus der Geschichte, wenn das Gericht ausfällt? Es gibt doch einen Anspruch der Opfer, das noch einmal zur Sprache kommt, was ihnen angetan worden ist. Das ihr Schmerz und ihre Angst, ihr Leiden nicht einfach für gleichgültig erklärt werden. Und genauso muss es doch einen Anspruch der Täter geben, dass ihr Tun „gewürdigt“ wird, dass ihre Untaten nicht einfach für gleichgültig erklärt werden, weggewischt, so als hätten sie nie etwas gemacht. Die Würde der Opfer und die Würde der Täter – beides verlangt nach dem Gericht, dem Urteil, der Unterscheidung.

Mir scheint es zu kurz gedacht, wenn wir, weil Gott doch der liebe Gott ist, der alles verzeiht und vergibt, das Jüngste Gericht nicht mehr wahr haben wollen. Gerade wer an die Liebe Gottes glaubt, wird darauf bestehen müssen: ein kollektives „Schwamm drüber“ verträgt sich nicht mit der Liebe. Die ist immer persönlich, auf den einzelnen ausgerichtet und keine Absolvierung der ganzen Welt durch einen pauschalen Gerichtsausfall. Es geht zur letzten, ewigen Liebe nur durch das Gericht hindurch.

Allerdings: Ich frage mich seit Jahren, ob ich auf dem Weg bin, zum Lehrer und Prediger von so etwas wie „Allversöhnung“ zu werden. Ich bin mir selbst da nicht so sicher, frage aber auch: was wäre daran schlimm? Eine Überlegung ist es wert, sie aufzuschreiben: Wenn es wahr ist, dass mit dem Sterben Jesu das Gericht über alle Sünde der Welt gesprochen und vollzogen ist, dann ist kein Raum mehr für ein anderes, zweites Gericht. Dann hat das Jüngste Gericht schon mitten in der Zeit auf Golgatha stattgefunden – und wir sind für immer frei. Das freilich bindet umso mehr, den Sohn zu ehren und im Sohn den Vater. aus dem Gericht, das schon vollzogen ist, einen Freibrief zu machen für alles und jedes, heißt, sich dieser Liebe, die sich im Gericht über den Sohn vollendet hat, zu verweigern. Abzustürzen in eine ewige Einsamkeit.

Und, unüberhörbar: an der Stellung zum Sohn entscheidet sich, wie der Vater sich verhält. Wer den Sohn ehrt, den ehrt auch der Vater. Im Umkehrschluss: Wer dem Sohn die ehre verweigert, der verweigert sie dem, der ihn gesandt hat.  Mit meinen Worten: es gibt keinen Frieden mit Gott an dem Sohn vorbei. Kein Ehren Gottes an dem fleischgewordenen Jesus vorbei.

 

Präge es mir tief ein, mein Herr Jesus, dass Du der geliebte Sohn ist, der den Weg durch die Tiefe des Todes geht, der die Schmerzen trägt, das Leid und die Schuld der ganzen Welt.

Präge es mir tief ein, dass ich einmal vor Dir stehen werde und mein ganzes Leben vor Dir sichtbar wird – im Guten und im Bösen, im Glück und im Schmerz, im Unglauben und im Glauben.

Präge es mir ein, dass das letzte Urteil über mein Leben bei Dir liegen wird, damit ich frei werde von all den Urteilen, die andere heutzutage über mich fällen. Amen