Sabbat-Entweihung?

Johannes 5, 9 – 18

 Es war aber an dem Tag Sabbat. 10 Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.

            Es klingt fast wie ein Nachtrag: Sabbat. Ob es daran liegt, dass für die Gemeinde, für die Johannes schreibt, die Sabbat-Frage längst entschieden ist? Nur für die Juden, mit denen sie auskommen müssen, noch nicht. Darum sind es dann auch prompt die Juden, die ihn zur Rede stellen. „Am Sabbat-Tage ein Mensch mit einem Bett auf dem Rücken, das war etwas Unerhörtes. Jedermann musste das auffallen.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 73) Eine Matte, dein Bett, spazieren-tragen, das geht nicht. Und doch hat Jesus ihn genau das geheißen! “Das Tragen eines Gegenstandes, wie in diesem Fall des leeren Bettes, war nach den Bestimmungen der pharisäischen Synagoge streng untersagt.” (S. Schulz, Das Evangelium.  nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975, S. 84) Gesetzesverstoß: Unerlaubte Arbeit.

Mit ihrem Einspruch bewahren die Juden eine wichtige Erinnerung, durchaus nicht nur gesetzlich: “Der siebte Tag sollte… im Leben des Bundesvolkes den Raum für Gott freihalten und für die Freude der Menschen an ihrem Gott. Wir tun meist zu wenig, um der Hinwendung zu Gott in unserem betriebsamen Leben “Raum” zu geben. Fromme Praxis kann Gott nicht herbei zwingen, aber unser auch den Sonntag einbeziehendes Alltagsprogramm verdrängt ihn.” (G. Voigt, , Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 108) Das zu wissen gibt ihnen schon ein Recht, eindringlich zu fragen.

11 Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! 12 Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? 13 Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war.

            Der Geheilte verteidigt sich: Der mich gesund gemacht hat, der hat es mir gesagt. Erlaubt. Oder gar: befohlen. Die Schuld für sein „gesetzloses Verhalten trifft nicht ihn, sondern den Mann, der es ihm geboten hat.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985,  S. 127) Es ist das übliche Verschiebespiel: Die anderen sind schuld. Ich nicht. Uralt, seit Adam und Eva (1. Mose 3, 12-13). Nie geübt. Immer schon gekonnt. Wenn das so ist, wollen die Juden wissen, wer der Mensch ist, der so etwas befiehlt. Vielleicht müsste man für νθρωπος sagen: Wer ist der Kerl, der Typ? Der Geheilte weiß es nicht. Ihm ist nur seine Heilung wichtig, nicht der Heiler, seine Name und seine Identität.

Das also gibt es: Da wird einer geheilt und weiß nicht wie und von wem. Da kommt einer mit Jesus heilsam in Kontakt und kennt ihn nicht. Man muss nicht Jesus schon kennen, um von ihm heilsam berührt zu werden. Man muss nicht immer schon wissen, wer Jesus ist, damit er einem hilft und heilt. Man muss es nicht einmal nach erfolgter Heilung sagen können: Der Jesus, der war´s. Das ist eine ausgesprochen tröstliche Relativierung allen theologischen und christologischen Erkenntnisstandes. Es kommt nicht auf den Erkenntnis-Stand an. Auch Null-Wissen auf der Seite des Menschen, also unserer Seite, hindert Jesus nicht zu handeln.

 14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

Er macht sich folgerichtig auch nicht auf die Suche nach Jesus. Immerhin  – er ist im Tempel. Aus Dankbarkeit? Um sich als Geheilter von den Priestern bestätigen zu lassen? einmal mehr schweigt Johannes, wo wir gerne Motive geklärt sehen würden. Nur so viel ist zu erzählen: Er ist im Tempel. Und dort, wieder ungesucht von seiner Seite aus die erneute Begegnung. Jesus findet ihn, so wie er ihn schon am Teich gefunden hatte. Das Finden Jesu ist das Glück eines Menschen. Auch dessen, der ihn gar nicht gesucht hat.

Eine merkwürdige Mahnung spricht Jesus aus. In dieser Mahnung scheint „die alte Anschauung enthalten, dass alles Tun eine entsprechende Folge Wirkung im Geschick des Menschen hat: Gerechtes Handeln führt zum Leben, Sünde zum Tod.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998,  S.114) Jesus würde also deuten: Deine Krankheit war Folge einer Sünde. Pass auf, dass Du nicht wieder sündigst und es noch schlimmer mit dir wird. Später wird es im Evangelium sichtbar werden: so denkt Jesus nicht!

Aber gleichwohl. Schlimmer als achtunddreißig Jahre keinen Menschen – das geht doch gar nicht. Ich denke – doch: Schlimmer ist, das Geschenk der Freiheit zu vertun. Rückfällig zu werden. Befreit aus Festlegungen sich selbst wieder festzulegen. Und alles nur, weil man die geschenkte Freiheit des neuen Anfangs vergibt, sie nicht in kleinen Schritten verwirklicht. Sündigen – das ist eben auch: Sich vom eigenen Leben durch das eigene Tun entfremden. Mit Moral hat das relativ wenig zu tun.

15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. 16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Jetzt werden die Dinge klar. Der Mensch – warum sagt Johannes eigentlich nie: Der Geheilte?informiert die Juden über seinen neuen Wissensstand: Es ist Jesus. Er ist der, den ihr sucht. Und in der Tat, nun verfolgen sie ihn, Jesus. Als Sabbat-Schänder. Gesetzesbrecher. Dass ein Mensch nach 38 Jahren neu den Weg ins Leben gefunden hat, nicht mehr der Hilfe bedürftig ist, nicht mehr der Fürsorge zur Last fällt, das interessiert in keiner Weise.

17 Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch. 18 Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.

Das ist merkwürdig. Irgendwie muss es zum Gespräch gekommen sein – zwischen den Juden und Jesus. „Wie Jesus mit den Juden zusammentrifft, wird gar nicht erst berichtet.“ (U. Wilkens, aaO. S. 115) Dem Evangelisten ist das in seiner oft so reduzierten Erzählweise keine Erwähnung wert. Weil es gar kein wirkliches Gespräch ist? Weil die Position der Juden schon vor jedem Gespräch feststeht?

Jesus antwortet – aber wir haben gar keine Anklage aus dem Mund der Juden gehört. Seine Antwort aber, auf welche Anfragen auch immer, muss einen Aufschrei auslösen. Rückt er doch sein Tun mit dem Wirken Gottes zusammen und beansprucht, dass Gott sein Vater ist. Das sagt Israel allenfalls als Spitzensatz über das Leben des Volkes, aber doch nie als einen Satz, den der einzelne Jude für sich in Anspruch nimmt. „Die Juden verstehen richtig, dass Jesus sich durch dieses Wort mit Gott gleich macht, und es muss für ihre Ohren wahnwitziger Frevel sein.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957 S. 182) Eine schlimmere Gotteslästerung als der Bruch des Sabbats. Das könnte ja noch ein Irrtum sein. Aber so zu reden – das geht zu weit.

 

Mein Gott, ich erschrecke. Sind wir manchmal so, dass gar nicht zählt, dass einer auf die Beine gekommen ist? Dass gar nicht wichtig ist, dass jemand geholfen wurde?  Sind wir so, dass wir das Gesetz hochhalten, heilig halten und darüber vergessen, dass das Leben heilig ist, dass die Menschen heilig sind, weil sie Dir gehören? Alle. Auch die Fremden. Auch die Unbequemen.

Lehre Du mich und lass es mich tief ins Herz aufnehmen: Erbarmen geht vor Recht. Not kennt kein Gebot.  So gehst Du mit uns um. Lass mich  daran das Maß meines Handelns finden. Amen