Wie gut, einen Menschen zu haben

Johannes 5, 1 – 9a

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; 3-4 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.

Danach legt den Anschluss an die Heilung des Kranken nahe, wie sie zuvor erzählt worden ist. Es kann aber auch genauso gut der Anschluss an die Ereignisse sein, die in Kapitel 6 erzählen werden. Beide Male hält sich Jesus in Galiläa auf. Während das, was im Folgenden erzählt wird, sich in Jerusalem ereignet. Dann wäre, wenn man der Reihenfolge der Kapitel folgt, wie sie in unseren Bibeln steht, der Reiseweg Jesu ein ziemliches Hin und Her zwischen Galiläa und Jerusalem. Für heutige Verkehrsmittel nicht undenkbar. Für Fußreisende, wie Jesus einer ist, weniger wahrscheinlich. Für das Verständnis der Texte ist eine Entscheidung in der Frage der Reihenfolge der Kapitel 5 und 6 im Johannes-Evangelium nicht von entscheidender Bedeutung.

Der Ort wechselt. Nicht mehr Galiläa, auch nicht mehr Samaria. Jesus ist in Jerusalem. Gekommen zu einem Fest. Welches Fest es ist, bleibt unklar. Es liegt dem Evangelisten nicht so viel daran. Auch die Wendung ein Fest der Juden  klingt eher distanziert. Das Fest wird nur beiläufig zitiert. Genau benannt dagegen wird der Ort des nachfolgenden Geschehens. Beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. “Haus des Erbarmens.” Dort sind viele Hilfsbedürftige.

In späteren Handschriften des Johannes-Evangeliums hinzugefügt ist eine Erläuterung, die in den ältesten Handschriften fehlt: “Sie warteten darauf, dass sich Wellen auf dem Wasser zeigten. Von Zeit zu Zeit bewegte nämlich ein Engel Gottes das Wasser. Wer dann als Erster in den Teich kam, der wurde gesund; ganz gleich, welches Leiden er hatte.“ Eine Zufügung, die mir wichtig ist. Im Griechischen klingt es noch einmal anders: αγγελλος Κυριου κατα καιρον κατεβαινεν – „Ein Engel des Herrn stieg zu seiner Zeit herab.“ Das ist nicht mehr das nach Zufall klingende „von Zeit zu Zeit“. Es ist von Gott her reife Zeit, wenn der Engel kommt.  Zeit, die es anzunehmen gilt, zu ergreifen.

Das ist – von außen und äußerlich betrachtet – die Situation:  „Der Teich hatte eine intermittierende Heilquelle.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 71) Eine, die nicht immer sprudelte, sondern manchmal in sich selbst versiegte. „Möglicherweise wurden die Teiche zusätzlich von einer unterirdischen Quelle gespeist, die nur einige Male im Jahr Wasser gab, so dass dann eine aufwallende Bewegung in den Teichen entstand.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 114) Das ist die natürliche Erklärung für das Sprudeln.Der „fromme Zusatz“  sieht tiefer, wenn er  einen Engel am Werk glaubt. . So oder so: Wenn das Wasser sprudelt, gilt: Nur die Schnellsten werden von der Heilkraft des Wassers berührt.

Eine absurde Vorstellung: Da findet demnach immer wieder ein Wettlauf der Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten statt. Nur: So absurd auch wieder nicht, wenn ich überlege: Wer nicht privat versichert ist, muss Monate warten, bis er beim Facharzt seinen Termin kriegt. Andere sind da viel schneller dran.

5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.

Unter den vielen, die dort sind, liegt einer, der ist da seit achtunddreißig Jahren. Krank. Was seine Krankheit ist, wird nicht gesagt. Aber es reicht ja auch zu wissen:  Er liegt  dort achtunddreißig Jahre. Da wird einer seine Krankheit. Sie ist nicht mehr nur ein Teil von ihm, sein Missgeschick. Sie ist sein Schicksal. Und mag ihn oft genug fluchen, hadern, verzagen haben lassen. Und wenn einer so lange da liegt, wird er kaum noch wahrgenommen. Er ist wie ein Stück Inventar dieses “Hauses des Erbarmens” geworden. Irgendwie unmerklich und unbemerkt.

6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Jesus aber sieht unter den vielen diesen Einen. Und er wird, vom wem auch immer, informiert, wie es um ihn steht. “Er sieht” den elenden Menschen liegen, wo doch die anderen geflissentlich hinwegsehen…. Mit dem Sehen fängt die wirkliche Barmherzigkeit an, mit dem Anblicken die tätige Hilfe.” (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 107) Aber Jesus heilt nicht einfach. Er weiß nicht wie von selbst, was für den Kranken dran ist.

               Darum fragt er: Willst du gesund werden? Fast möchte man sagen: Was denn sonst? Darum ist er doch an diesem Ort. Das ist doch seine bis zu diesem Tag durch achtunddreißig Jahre hin nie gänzlich erloschene Hoffnung. Aber so verrückt ist die Frage Jesu nicht. “Es gibt Menschen, die – im übertragenen oder gar im wörtlichen Sinne – nicht “auf die Beine kommen”, weil sie vor den Herausforderungen ihres Lebens in die Krankheit flüchten.” (G. Voigt, aaO. S. 107) Es ist nicht immer ausgemacht, dass einer aus der Rolle des Hilfsbedürftigen heraus will, weil er dann ja auch die Verantwortung tragen muss für sein Leben.

Das andere Moment in der Frage Jesu. Er nimmt diesen Menschen als Subjekt seines Lebens ganz ernst. Er mutet ihm zu, zu sagen, was er will. Er erspart ihm nicht, sich über sich selbst klar zu werden. Und es mag so sein: Mit dieser Frage berührt Jesus die lange schon verschüttete Hoffnung, die aufgegebene und verloren gegangene Sehnsucht. Vielleicht hatte der “Langzeit-Kranke” sich den Wunsch nach Gesundwerden längst abgeschminkt. Aber jetzt wird er durch diese Frage noch einmal mit der vergessenen Hoffnung konfrontiert. Sie wird aus dem Vergessen geholt.

Die Antwort des Kranken ist etwas vom Bittersten, das für mich denkbar ist: Ich habe keinen Menschen. Und ich höre hier: Nicht nur keinen für den Krankentransport, für diesen absurden Wettlauf. Nein, ich habe keinen, der für mich da ist. Mich als Menschen wahrnimmt. Mich wert achtet. Mich sieht. So muss er sich vorkommen: eine Last für alle anderen, Ein Unbrauchbarer, auf den nur noch der Tod wartet. Wer will sich da wundern, dass er sich nicht traut zu sagen: Ich will gesund werden. Dass er sich nicht traut, um Hilfe zu bitten.

Es gehört nicht in die Auslegung, aber es ist meine persönliche Anmerkung: Ich bin zutiefst dankbar, dass ich einem Menschen habe, der mich wahrnimmt, trägt, erträgt. Liebevoll mit mir verbunden das Leben teilt.

Mit seiner Frage gibt Jesus ihm seine Würde. Die er womöglich selbst schon lange nicht mehr sieht. Er ist nicht nur Bittsteller. Er ist und soll wieder werden: Subjekt seines Lebens. Vielleicht ist es genau das, was diesen Man nach achtunddreißig verlegenen Jahren wieder auf die Beine bringen kann.

Es ist das so alltägliche Drama der Vergessenen und Übersehenen, derer, die nicht wahrgenommen werden. “Denn man sieht nur die im Lichte, die im Schatten sieht man nicht.” (B. Brecht, Dreigroschenoper) Vielleicht darf ich das so pathetisch sagen: Jesus ist Spezialist für die, die im Schatten stehen. Und darum hört er hinter der Klage die unausgesprochene Bitte. Und hilft.

8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Jesus spricht. Befiehlt. „Dreifach Unmögliches.“(U. Wilkens, ebda.) Und doch: Sein Wort wirkt. Wie das Wort des Vaters, des Schöpfers, von dem der Ewige sagt: „Es wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 11) Die Worte Jesu sind eine Zumutung an einen Menschen, der seit 38 Jahren nicht auf die Beine gekommen ist. Er traut es ihm zu – zu stehen, aufzustehen, nicht in seinem Elend liegen zu bleiben und sich abzufinden: Da kommt nichts mehr. Es ist nicht die Bestimmung des Menschen, in seinem Schmerz und Leid einfach sich aufzugeben. Jesu Wort glaubt eine andere Bestimmung über uns: Aufstehen, den aufrechten Gang neu erlernen.

Der Kranke kann tun und tut, was ihm gesagt wird. Er nimmt seine Matte und geht. Hin. Περιπτει steht da. Geh umher. Im Markus-Evangelium sagt Jesus zu dem Gelähmten, den er heilt: Geh heim. (Markus 2,11) Hier: Geh umher. Das ist für den Fortgang der Geschichte von Bedeutung

Was auffällt: Ob dieser Kranke glaubt oder nicht, scheint keine Rolle zu spielen. Jesus jedenfalls fragt nicht nach seinem Glauben. Und er deutet auch die geschehene Heilung nicht  mit den Worten „Dein Glaube hat dir geholfen.“(Markus 10,52) Es ist Hilfe, da, wo sie nötig ist, nach einer Leidenszeit von achtunddreißig Jahren. Mehr nicht. Auf diesem Wunder, Zeichen, liegt für den Evangelisten nicht die besondere Aufmerksamkeit. Er erzählt es. Punkt.

 

Mein Gott, wie gut, einen Menschen zu haben, der uns sieht, uns achtet. Wie gut, einen Menschen zu haben, der nach uns fragt, uns fragt, unser Klagen zulässt, vor unserem Schmerz nicht davon läuft.

Wie gut, diesen Menschen Jesus zu haben, Deinen Sohn, der uns sieht, auch wenn wir von allen übersehen werden. Amen