Nicht aufgeben zu bitten

Johannes 4, 43 – 54

43 Aber nach zwei Tagen ging er von dort weiter nach Galiläa. 44 Denn er selber, Jesus, bezeugte, dass ein Prophet daheim nichts gilt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, die alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn sie waren auch zum Fest gekommen. 46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte.

Ein bisschen umständlich ist die ganze Schilderung. Jesus hat seinen Weg nach Galiläa nur kurz unterbrochen. Jetzt geht er weiter nach Galiläa. Er geht weiter, weil es sich bewahrheiten soll, was er selbst bezeugte, dass ein Prophet daheim nichts gilt. In diesem Wort stimmt Johannes mit den anderen Evangelisten überein. Ein wenig weiter ist nur der Bezugsrahmen – hier ist es Galiläa, bei den anderen Evangelisten Nazareth. Aber warum „denn“? Eine Möglichkeit: Es muss herauskommen, dass das so ist. Sichtbar werden. Zielt Johannes auch darauf, dass Jesu Wirken in Galiläa nicht so eine unangefochtene „Erfolgsgeschichte“ ist?

Ein wenig überrascht es aber dann doch: Die Galiläer nehmen ihn freundlich auf. Sie haben in Jerusalem seine “Aufräumaktion” im Tempel  mitbekommen, sie vielleicht sogar selbst beeindruckt miterlebt. Jetzt kommt er heim – einer von uns. Man sonnt sich gerne im Licht berühmter Söhne und Töchter der Stadt, auch und erst recht dann, wenn man sagen kann: Wir kennen ihn, sie, schon von kleinauf. Kocht auch nur mit Wasser.

Die folgende Szene spielt, so erzählt Johannes, in Kana. Da, wo Jesus Wasser zu Wein gemacht hatte, Trübsal in Freude verwandelt. Der Ort wird nicht ganz ohne Bedacht vom Evangelisten erneut als Ort der Handlung gewählt sein. Geht es doch wieder um die Wandlung von Trübsal in Freude. 

Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. 47 Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa gekommen war, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank.

Bis in den Beamten-Apparat des Königs sind wohl die Gerüchte um Jesus vorgedrungen. Es wird, darauf deutet die Bezeichnung βασιλικός hin, ein Beamter des Herodes sein, der sich gerne als König sieht, auch wenn er in Wahrheit nur ein Vierfürst, ein Viertelsfürst ist. Man hat sich von Jesus erzählt, von seinen Taten. Auch wenn bisher keine Heilungen bei Johannes erzählt werden – der Vater hört von Jesus und schöpft Hoffnung. Darum bittet er ihn um Hilfe.

Es ist gut, sich die Geographie vor Augen zu stellen. Kana liegt auf der Höhe, 230 m über dem Meer, Kapernaum liegt 206 m unter dem Meeresspiegel. Zwischen beiden Orten liegen rund 30 km. „Das „Komm herab“ ist also eine erstaunliche Bitte, die ein großes Vertrauen auf die Hilfsbereitschaft Jesu und auf seine Heilungskraft voraussetzt.“ (J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988 ,S. 58) Erstaunlich auch, weil zuvor im Evangelium nichts von einem Heilungswunder Jesu erzählt ist. Man dürfte also durchaus fragen: woher kommt dieser Vater auf seine Zuversicht?

48 Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

Jesus hört die Bitte und deutet sie. Attestiert er dem Vater so etwas wie Wundersucht? Oder steckt hinter dem „ihr“ ein Hinweis auf eine problematische Glaubenshaltung auch bei den Lesern des Johannes-Evangeliums? Es scheint, als sähe Jesus hinter diesem Vater andere: „Er weist ihn mit einem Vorwurf ab, der sich pauschal an die Galiläer richtet.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 90) Fast könnte man auf die Idee kommen, Jesus kennt die skeptische Anmerkung aus modernen Zeiten: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“(J.W. v. Goethe, Faust)

„Jesus antwortet hart, eher zurückstoßend als werbend.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 69) Aber dieser Satz Jesu macht zugleich deutlich: Es geht um den Glauben. Und er fragt nach dem Glauben hinter der Bitte des Vaters. Ist es ein Glauben, der nur Zeichen und Wunder sucht? Oder ist es doch ein Glauben, der sich Jesus anvertraut?

 49 Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! 50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. 51 Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.

Das ist die Antwort des Mannes auf das Wort Jesu. Eine erneute Bitte. Dringlich. Es ist keine Zeit mehr. Er will keine Zeit mit theologischen Debatten über wahren oder falschen Glauben, über Wundersucht oder so etwas verlieren. Er sucht Hilfe für seinen Sohn und traut diese Hilfe Jesus zu. Dem Mann, der da vor ihm steht in Kana. Er hat nichts anderes. Keinen anderen Helfer. Darum: Lass dich auf mich ein. Komm herab. Es geht dabei nicht nur um Geographie, obwohl Kana höher liegt als Kapernaum unten am See.

Komm herab! höre ich: In unsere Not, in unsere Angst, in unser Verzagen. Hilf uns. Es ist die Bitte an den, der von oben ist. Komm bis in die tiefsten Tiefen unserer Not. Das ist zugleich Deutung des Herunter-Kommens Jesu, seiner Kondeszendenz. Er bleibt nicht auf halben Weg stehen, in den oberen Etagen der Welt.

Jesus hört die Bitte des Vaters, hört in ihr  hartnäckige Dringlichkeit. Er sieht, dass dieser Vater nur sein Kind vor Augen hat, sonst nichts. Er sucht auch kein Wunder, sondern Hilfe. Geh hin, dein Sohn lebt! Die Abweisung durch Jesus erweist sich als eine Erprobung des Vertrauens dieses Mannes zu ihm.“ (U. Wilkens, ebda.)Jetzt steht erst recht die große Herausforderung an den königlichen Beamten: Reicht ihm dieses Wort?

Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Er hat kein Zeichen und kein Wunder gesehen. Er hat keine heilige Formel gehört. Er hat nicht den Himmel über diesem Mann Jesus offen gesehen. πστευσεν – er hört das Wort und glaubt. So soll es wohl sein: Hören – gehen – glauben – weitergehen. Johannes will keine Sensationen erzählen, sondern will den Weg des Glaubens für seine Leserinnen und Leser öffnen. Und dieser Weg öffnet sich so, dass einer hört und glaubt und geht, geht und glaubt. Darin wird der βασιλικός, der Mann das Königs, ein Vorbild für die Christen aller Zeiten.

            Unterwegs kommen ihm seine Leute entgegen. Sie bringen gute Nachrichten. Dein Sohn lebt. Kein Wort darüber, dass das mit seinem Weg nach Kana zu tun hat. Kein Wort: Ein Wunder! Einfach nur gute Nachricht.

52 Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

            Er aber will den Dingen nun auf den Grund gehen. Jetzt hat er, der vorher keine Zeit hatte, alle Zeit der Welt. Er erfragt die Zeit, die Stunde. Ὥρα steht da – und um die Stunde geht es. Wir erinnern uns: Es war in Kana, als Jesus sagte: Meine Stunde ist noch nicht gekommen. (2,4) Jetzt aber war die Stunde im Leben des Hofbeamten, im Leben des Sohnes,  auch im Leben Jesu.

Aus dieser Erfahrung, dieser Stunde wird ein neuer Schritt im Leben des Mannes:  Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Nicht das Wunder, sondern dieser Glaube ist das Ziel der Erzählung des Johannes. Aus dem Vertrauen auf das Wort wird ein Glauben, der das ganze Leben erfasst. Die Erfahrung des neuen Lebens, das seinem Sohn geschenkt ist, setzt sich fort in dem Glauben als neues Leben, der dem ganzen Haus dieses Königsbeamten geschenkt wird.

54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

Es  gibt Parallelen zu dieser Geschichte bei Matthäus, Markus und Lukas. Aber auch Unterschiede. Für mich ist kein Zweifel daran, dass Johannes mit seinem Evangelium wahrscheinlich auf gemeinsame Überlieferungen zurückgreift. Aber vielleicht noch einmal anders hinschaut und anderes betonen will in seinem Erzählen. Mir fällt die Nähe zum Weinwunder auf – nicht nur wegen Kana. Beide Male wird das Wunder regelrecht versteckt. Es kann von keinem wirklich wahrgenommen werden. Jeder in der Geschichte sieht nur normale Abläufe, Alltag. Erst in der Zusammenschau erschließt sich, dass da mehr ist. Das Handeln Gottes ist in dem Hintergrund verborgen. Mir scheint, Johannes will Befreiung von Wunder-Erwartung und von so etwas wie Wundergläubigkeit. Es gilt dem Wort zu glauben. Dem Herrn, der da so im Land unterwegs ist wie je irgendein Jude.

Es wird kein Wort darüber verloren, aber es ist vielleicht als Botschaft doch mit eingepackt in die Erzählung: nicht aufhören zu bitten. Sich nicht zurückziehen, sich nicht abweisen lassen, sich nicht durch schroffe Sätze hindern lassen, weiter zu bitten. Das Schweigen Gottes nicht als Nein und Ablehnung der eigenen Bitten nehmen, Es vielmehr nur als Weg zu neuem Bitten sehen. Und in solchen Bitten unabhängig werden vom „Erfolg“. Beten in dem Wissen, dass Gott sich nicht erpressen lässt, sich auch nichts abpressen lässt, dass er aber unser Beten hört. Es ist wahr: Gott ist in seinem willen ganz frei. Es ist genauso wahr, dass er auf unser Beten wartet und es hört. Dass Jesus ausdrücklich zum Beten ermutigt. Weil Beten ja nicht dies und das meint, sondern das Vaterherz Gottes zu suchen, sein mütterliches Erbarmen.

In Kommentaren stoße ich immer wieder auf die Formulierung „Fernheilung“. Jesus heilt von Kana aus in Kapernaum. Über eine Distanz von 30 km. Das soll das Wort Fernheilung ja wohl heißen. Beim Hauptmann von Kapernaum ist die Entfernung entschieden kürzer – vom Weg bis zum Haus. „Als er aber nicht mehr fern von dem Haus war, sandte der Hauptmann Freunde zu ihm und ließ ihm sagen: Ach Herr, bemühe dich nicht; ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst; darum habe ich auch mich selbst nicht für würdig geachtet, zu dir zu kommen; sondern sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund. (Lukas 7,6-7) Ist darum das Wunder kleiner?

            Mir gefällt, was G. Voigt dazu schreibt: „Man spricht gern von einer „Fernheilung“. Das Wort führt in die Irre. …. Jesu Taten sind Gottes Taten, und Gott hat es nach Kapernaum nicht weiter als nach Kana.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 78) Wenn überhaupt Wunder, dann geht es auf Gottes Rechnung. Das Johannes-Evangelium hat kein Interesse daran, Jesus zum Wundermann zu machen und den Glauben an die Erfahrung von Wundern zu binden. Ganz im Gegenteil. Das große Wunder, an das wir glauben sollen, ist schlicht: Dass Gott uns in diesem Menschen Jesus entgegen kommt und den Himmel öffnet. Das aber, dass wir das glauben können, ist wieder Wunder, Gabe des Geistes aus Gottes Ewigkeit.

 

Herr Jesus, auch wenn ich oft genug fern von Dir bin, nur aus der Ferne nach Dir schaue: Du bist ganz nah.

Du lässt Dich hineinrufen in meine Angst, in meine Sorgen, in mein Verzagen. Du lässt Dich berühren durch mein Bitten für andere, die mir lieb sind und um die ich mich sorge. Du lässt Dich bewegen und hilfst, wenn Deine Stunde da ist.

Stärke mir den Mut, nicht aufzugeben mit Bitten und Rufen, auch dann nicht, wenn Du Dich scheinbar verweigerst. Amen