Vielleicht-Glauben

Johannes 4, 27 – 42

27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du?, oder: Was redest du mit ihr?

            Die Geschichte geht weiter. Die Jünger kommen aus der Stadt zurück und wundern sich. Ihr Wundern macht noch einmal das doppelt Ungewöhnliche, vielleicht auch Ungehörige im Verhalten Jesu sichtbar. Er redet mit einer fremden Frau, obendrein dazu noch mit einer Samaritanerin. Aber sie sprechen ihre Irritation nicht aus. Dieses Schweigen und Nicht-Fragen hat Schule gemacht, bis heute: Wir sind es nicht gewöhnt, Jesus, Gott, mit unseren Irritationen zu kommen. Wir glauben allzu oft, dass er nur unsere Zustimmung sucht. Dabei sucht er doch uns!

28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

         Die Jünger kommen, die Frau geht. Sie ist so aufgewühlt von diesem Gespräch, dass sie ihren Krug stehen lässt. Dabei ist sie – nach den Erzählungen der Evangelien in guter Gesellschaft. Bartimäus wirft seinen Mantel weg (Markus 10,50), Petrus&Co lassen ihre Boote zurück (Lukas 5, 11), Levi verlässt sein Zollhaus (Markus 2, 14).  Immer wieder führt die Begegnung mit Jesus dazu, dass Menschen ihre seitherigen Sicherheiten preisgeben, alles zurücklassen, weil sie erfüllt sind, neu ins Fragen gekommen, einen neuen Weg vor sich sehen.

Es hört sich viel vorsichtiger an als bei Andreas. Der sagte: Wir haben den Messias gefunden: Bei ihr ist es verhaltener: Seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Fest steht ihr: Er hat mein Leben durchschaut, mich bis in den Grund meiner Seele. Ein Prophet – das hätte sie sofort unterschrieben. Sagt sie auch selbst. Aber der Christus? Da ist sie eine Fragende. Sie darf es auch sein. Aber immerhin: „Schon diesen „Vielleicht-Glauben“ gibt sie als missionarisches Zeugnis mit der typischen Einladung „Kommt, seht!“ weiter.(J. Heer, Das größere Leben, Bibelauslegung für die Praxis, Stuttgart 1988, S. 50) Wobei die Einschätzung „missionarisch“ die des Exegeten ist. Ich glaube nicht, dass die Frau sich so missionarisch unterwegs sieht.  

Ich höre keine Kritik des Evangelisten an ihrer so vorsichtigen Formulierung. „Ganz knapp meldet sie das Erlebte den Mitbewohnern der Stadt. Sie zwingt ihnen keine fertige Glaubenserkenntnis auf! Sie müssen selbst ihre Erfahrung mit Jesus machen“.(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 75) Diese feine Zurückhaltung wünschte ich mir  heute häufiger bei missionarisch bewegten Christinnen und Christen.

31 Inzwischen mahnten ihn die Jünger und sprachen: Rabbi, iss! 32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisst. 33 Da sprachen die Jünger untereinander: Hat ihm jemand zu essen gebracht?

            Die Jünger sind handfeste Leute. Für eine Reise braucht es Stärkung. Offensichtlich ist Jesus ihnen nicht so ins Überirdische entrückt, dass sie ihn nicht mahnen würden: Iss! Es wird ihnen gut tun, dem Rabbi so raten zu können. Aber er irritiert sie gewaltig. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“(Matthäus 4,4) Ganz nahe bei diesem Wort ist Jesus hier mit seiner Antwort. Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisst. Dass die Jünger das nicht verstehen, ist nur zu verständlich.  Es könnte tröstlich sein – so wie die Frau nichts verstanden hat, als es um das lebendige Wasser ging, so verstehen die Jünger nicht, wenn Jesus hier so von Speise redet, wo doch für sie nichts Essbares zu sehen ist.

34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.

            Es ist gut: Jesus hilft den Begriffs-Stutzigen weiter.  Er lebt für den Willen Gottes, mehr noch, vom Willen Gottes, vom Tun dieses Willens. Das ist kein fremder Willen, sondern der Willen des Vaters, mit dem der Sohn eins ist. Und so ist dieser Wille und sein Tun, sagt Jesus, meine Speise. Davon, dafür lebt er. Das ist die Wahrheit Jesu, die weit über die Situation am Brunnen bei Sychar hinausgeht. Es ist zugleich Wahrheit über Jesus: „In allem, was Jesus tut und sagt, vollführt er als Gesandter des Vaters dessen Willen und Werk.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S. 87) Das wird im Fortgang des Evangeliums immer wieder betont unterstrichen. Jesu Tun ist eins mit dem Willen des Vaters.

35 Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht auf die Felder, denn sie sind reif zur Ernte. 36 Wer erntet, empfängt schon seinen Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit sich miteinander freuen, der da sät und der da erntet. 37 Denn hier ist der Spruch wahr: Der eine sät, der andere erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wo ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und euch ist ihre Arbeit zugute gekommen.

            Obwohl es – erzählerisch – eine Anrede an die Jünger ist: Was jetzt folgt, sprengt die Situation und auch den Anlass. Es ist wie so oft im Johannes-Evangelium. Es gibt einen plastisch geschilderten Anfang, aber der geht irgendwie unter den Worten Jesu verloren. Die Situation weitet sich und es wird grundsätzlich. Jesus wird grundsätzlich.

Ein neues Thema. Jetzt ist Erntezeit. Nicht erst in vier Monaten. „Wo Gottes Wort ergeht und Menschen ergreift, da ist schon Erntezeit.“(G. Voigt, ebda.) Oder anders gesagt: „Für den Dienst am Offenbarungsgeschehen gibt es immer nur entscheidende Gegenwart, sie gehört nie erst in ein Dann, sondern immer ins Jetzt.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Kritisch-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1957, S. 145) Heute ist die Zeit Gottes!

Es ist lohnende Arbeit. Und eine Arbeit, die nicht von der Mühe, sondern von der Freude bestimmt ist. Die Arbeit in der Ernte hat ihren Lohn schon in sich selbst. Der Lohn: Frucht zum ewigen Leben. Säemann und Erntearbeiter – beide freuen sich miteinander. Sie haben Anteil an der Freude Gottes.

Es gibt die Auslegung: mit dem  Erntearbeiter spricht Jesus von sich selbst. Der Säemann ist Gott. Dann würde mit diesen Sätzen gesagt: „Die Erntefreude darüber, dass Menschen das ewige Leben empfangen, ist dem Vater und dem Sohn gemeinsam.“ (U. Wilkens, aaO. S. 87) So könnte es sein.

Mir liegt eine andere Leseweise näher, wie sie sich von v. 37 an nahelegt,  eine die auf die das Evangelium lesende Gemeinde hinzielt. Der eine sät, der andere erntet. Wie nebenbei zeigt der Evangelist seinen Leuten in der Gemeinde einen Weg des Miteinanders. Ihr lebt, Jede und Jeder, alle von der Arbeit des Anderen – und alle von der Arbeit Gottes. Die einen sind eher einem Säenden ähnlich. Sie erzählen, sie handeln, sie sind selbstvergessen immer präsent. Andere sind anders unterwegs. Sie holen die in die Gemeinde, die von den Säe-Leuten angesprochen und angerührt worden sind. Sie helfen ihnen, den Zugang zur Gemeinde nicht nur zu sehen, sondern auch zu nutzen.  Es gibt keinen Grund, sich gegenseitig übertreffen zu wollen.

Es ist, als hätte Johannes Paulus gelesen. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.“(1. Korinther 3, 6-8) Nicht nur gelesen, sondern auch noch gut gefunden. Weil er weiß: Manchmal braucht die Gemeinde diese Erinnerung.

39 Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen, die bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.

Der Blick wird jetzt auf die Leute aus Sychar gerichtet, auf die Samariter. Sie hatten die Frage gestellt bekommen, zu sehen, ob dieser Jesus  nicht der Christus sei. Sie haben sich von dem Reden der Frau herausfordern lassen. Ob aus Neugier oder aus einer Suchbewegung, aus dem Warten auf den Messias heraus – das alles ist nicht Thema. „Ihr persönliches Zeugnis hat sie überzeugt.“(U. Wilkens, aaO. s. 88) Sie haben ihn nicht gesehen, sie haben sich kein Bild von dem Mann am Brunnen gemacht. Sie haben nur die Worte der Frau gehört. Daraus ist geworden:  Sie glaubten an ihn. πστευσαν. Mehr und Größeres vom Glauben kann nicht gesagt werden: Es ist für das Evangelium die vollständige Beschreibung des Glaubens. Keine Spur von Skepsis, was das denn wohl für ein Glaube sein wird. Es ist fast, als würden die Leute von Sychar vorwegnehmen, was der auferstandene Jesus zu Thomas sagen wird: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“( 20,29)

Es mag ein winziger Hinweis sein, dass der Evangelist formuliert: sie bezeugte. Μαρτυρούσης steht da, das gleiche Wort, mit dem das Zeugnis des Täufers ausgedrückt wird. Die Frau hat nicht nur einfach etwas gesagt, sondern sie ist wie der Täufer ( 1,19; 1,32) zur Zeugin Jesu geworden.

Die unbenannte Frau, deren Namen wir nicht kennen und der Täufer – beide sind Vorbilder für Christ*innen. Das ist eine der Aufgaben, die Christen haben: Sie sollen Zeugen  Jesu werden. Hinweisen auf ihn. Sagen, was sie mit ihm erfahren haben, was er ihnen gesagt hat. Sagen, was sie an ihm gesehen haben. Nicht aufdringlich, aber so, dass sie einladen, dass andere sich ihr Bild machen können.

40 Als nun die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb zwei Tage da.

            Die erste Folge dieses Redens ist eine Einladung an Jesus. Die Einladung zu bleiben. Und er lässt sich einladen. Es mag schrecklich fromm klingen: Aber wo Jesus eingeladen wird zu kommen und zu bleiben, da lässt er sich das nicht zweimal sagen. „Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.“(Lukas 24,29) So wird ja auch andernorts in den anderen Evangelien erzählt: Jesus lässt sich gerne zu Gast laden und bleibt. Und tritt in das Gespräch ein.

Darum ist es nicht nur eine nette religiöse Übung zu singen:

 Komm, o mein Heiland Jesu Christ,                                          mein’s Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;                                                        dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit                                                den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,                                                                   sei ewig Preis und Ehr.               G. Weissel 1642, EG 1

Und zu beten, immer wieder:

Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast                                              und segne, was du uns bescheret hast. Amen

Das Risiko solchen Singens und Betens ist: Er könnte kommen, auch heute. Vielleicht inkognito. Aber er könnte kommen. Darauf dürfen wir auch heute trauen, dass er bei uns bleibt, das Leben mit uns teilt, uns seine Nähe schenkt, sein Zuhören und sei Wort. Uns erlaut, dass wir unser Herz bei ihm ausschütten, unsere Ängste ihm hinhalten, aber auch das Glück unseres Lebens vor ihm nicht verschweigen.

Er bleibt. Zwei Tage lang. Was in diesen Tagen passiert, darüber schweigt der Evangelist. es liegt nahe: Jesus ist kein stummer Gast. Das legt schon der nachfolgende Satz nahe, der davon redet, dass sie jetzt ihren Glauben auf sein Wort stützen. Aber was er gesagt hat, das bleibt das Geheimnis der Leute von Sychar.

41 Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen 42 und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.

Sein Dasein und Bleiben hat Folgen. Sie glaubten um seines Wortes willen. Er schließt ihnen das Leben und den Glauben auf – hier steht wieder einmal λόγος. Die Logik der Welt, die Logik des Glaubens, die nicht von dieser Welt ist.

Dieser Glauben, der da entsteht, ist Glauben aus erster Hand. Er macht es aber nicht überflüssig, dass zuvor die Frau geredet hat. „Gelallt“ hat, könnte man auch sagen. Weil da für ihr Reden das griechische Wort λαλιά steht, das lautmalerisch genau unserem Lallen entspricht.

Es ist ein spannendes Ineinander. Es braucht dieses Wort der Frau, ihr Zeugnis. Das ist unverzichtbar. Aber es ist nicht das End-Ziel, dass man dieses Zeugnis glaubt. Das Ziel des christlichen Zeugnisses ist nie Glauben aus zweiter Hand. Sondern es soll zu einem Glauben kommen, der sich an Jesus und sein Wort bindet. „Es entsteht also die eigentümliche Paradoxie, dass die unentbehrliche Verkündigung, die den Hörer zu Jesus führt, doch gleichgültig wird, indem der Hörer im glaubenden Wissen selbstständig und damit auch zum Kritiker an der Verkündigung wird, die ihn zum Glauben führte.“ (R. Bultmann, aaO.;, S. 149)

Das ist die Bewegung, die nicht nur in Sychar stattfindet, sondern immer wieder, ein Übergang vom gelernten zum eigenen Glauben, der sagt: Ich glaube… Aus dem Glauben, den mir andere vorgesprochen und – hoffentlich – auch vorgelebt haben, wird ein eigener, selbst verantworteter Glaube. Dabei geschieht aber etwas: Manche Sätze kann ich nicht mehr ohne weiteres mitsprechen. Manche übernommenen Sätze werden für mich frag-würdig. Manche Erfahrungen müssen neu durchdacht werden.

Das aber ist das Ziel: Wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland. Verkündigung, die nicht auf diese Selbstständigkeit der Hörerinnen und Hörer hofft, greift zu kurz. Wer als Prediger Menschen an sich binden will – und welcher Prediger ist von dieser Versuchung schon ganz frei? – steht ihrem Glauben im Weg. Wo  es zu diesem Wir haben gehört und erkannt kommt, da ist große Freude. Da ist Freiheit. Es steht einer Kirche gut an, diese Freiheit des eigenen Glaubens nach Kräften zu fördern,den Weg zu  einem eigenen, persönlich gefärbtem Vertrauen auf Jesus nicht zu verstellen durch Beharren ihren dogmatischen Traditionen, sondern ihn weit zu öffnen. Alles zu tun, dass Menschen von ihrem Glauben „Ich glaube“ sagen lernen können. Sie dabei selbst an Stärke und Strahlkraft gewinnen.

Unermüdlich wiederholen Christen seitdem dieses Zeugnis der Leute aus Sychar: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland. Mehr haben wir auch heute nicht zu sagen. Aber weniger auch nicht. Der Retter der Welt: Jesus. An ihn zu glauben macht resistent gegenüber allen anderen Versuchen, uns Welt-Retter und Weltrettungs-Programme anzudienen. In dieser Ideologie-Skepsis zeigt sich etwas von der Freiheit des Glaubens.

 

Ich lebe nicht aus zweiter Hand mit meinem Glauben. Ich habe gehört, was andere mir vorgesprochen haben. Ich habe gelernt, was andere mir beigebracht haben. Ich stehe in einer Kette, die das Evangelium bewahrt, tradiert und bis zu mir heute weitergetragen hat.

Ich war nicht mit unterwegs, damals in Galiläa und Jerusalem. Und doch lebt mein Glaube nicht aus zweiter Hand.

Du hast mich berührt, mein Herr, durch die Worte der Brüder und Schwestern, durch die Liebe, durch ihre Geduld, durch ihr Handeln an mir.

Dafür danke ich Dir, Du auferstandener und gegenwärtiger Gott. Amen