Nur ein jüdischer Mann?

Johannes 4, 15 – 26

15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Das ist die tiefste Sehnsucht: Wasser, das den Durst für immer stillt. Den Lebensdurst. Die Frau spricht mir aus dem Herzen. Und es ist ja nicht oberflächlich: Ich möchte die Mühe des täglichen Brunnenganges los werden. Nein, sie möchte den tieferen Durst stillen können, für den der tägliche Gang zum Brunnen nur ein Bild ist. Wenn die Sehnsucht nach Leben, die Sehnsucht des Lebens, gestillt ist, muss man keine Angst mehr haben, ein Opfer seiner Sucht, seines so oft vergeblichen Suchens zu werden.

16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! 17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. 18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

            Das ist keine Passage zur moralischen Bloßstellung der Frau. Es geht auch nicht um gescheiterte Beziehungen oder gar um Beziehungs-Unfähigkeit. Mit keiner Silbe wird angedeutet, welches Lebens-Drama sich hinter dieser Männerfolge verbergen mag. Wie viel Erniedrigung und Schmerz. Durch keine Andeutung im Text ist das schroffe Urteil gerechtfertigt: „Sie hat sich über alles hinweg gesetzt und ist zur Dirne geworden.“ (T. Jänicke, Die Herrlichkeit des Gottessohnes, Gelnhausen 1961, S. 63) So moralisch denkt das Evangelium offenkundig nicht!

            Es geht vielmehr um die Sehnsucht des Lebens. Bei der Suche, die Sehnsucht des eigenen Lebens zu stillen, spielt die Suche nach Beziehungen eine herausragende Rolle. Einen Menschen zu haben, dem man sich vertrauen kann. Mit dem man sich freuen kann. Bei dem man sich ausweinen kann. Dieser Durst bleibt ihr ungestillt. Diese Wahrheit ihres Lebens wird von Jesus aufgedeckt: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. Mit leeren Händen und einem leeren Herzen steht sie da.     

Ich kenne eine Deutung der fünf Männer auf die verschiedenen religiösen Angebote. Dann wäre im Bild der Beziehungssuche die Rede von der Suche nach der wahren Religion, die bei der Frau unerfüllt bleibt. Das ist für mich nicht unbedingt überzeugend, weil ich mehr daran glaube, dass es um die realen Lebensverhältnisse geht. Überall symbolische Rede zu vermuten wird dem Johannes-Evangelium meines Erachtens auch nicht gerecht.

19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.

So mit der eigenen Lebenswirklichkeit konfrontiert, wechselt die Gesprächspartnerin Jesu das Thema. Oder ist es in Wahrheit eine Anerkennung? Du bist ein Prophet. Einer, der mich kennt, der den Weg Gottes weiß. Einer, der die Wahrheit sagt, aber nicht durch die Wahrheit vernichtet. Eine Autorität. Das ist ihr durch den Gesprächsgang unstreitig aufgegangen.

            Darum ist es in ihren Augen sinnvoll, Jesus danach zu fragen, wo das Leben Grund und Halt findet. Sie, die in ihren Lebensvollzügen so ohne Erfüllung geblieben ist, sie fragt jetzt in der Suche nach der Erfüllung der Sehnsucht nach Gott. Ist der Weg unserer Väter oder der Weg der Juden der richtige Weg. Unausgesprochen könnte die Frage auch heißen: Wohin soll ich denn gehen, ich, mit meinem Suchen und Sehnen?

21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

Jesus ist kein bequemer Gesprächspartner. Auch keiner, der Leuten nach dem Mund redet oder Luftbrücken baut. Er führt seine Gesprächspartnerin über den Gegensatz Samaritaner-Juden hinaus. „Es wird eine Stunde kommen, da dieser Gegensatz zwischen den beiden Orten der Anbetung aufgehoben wird.“ (U. Wilkens, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen, Göttingen 1998, S, 84) Gegenstandslos geworden ist. Aber zugleich lässt er keinen Zweifel: Auch wenn Jerusalem nicht der eine Ort bleiben wird, an dem Gott zu suchen und zu finden ist: Das Heil kommt von den Juden. Jesus ist nicht irgendwo Mensch geworden. Er ist als Jude geboren. Fleisch geworden  als Sohn einer jüdischen Mutter.

Für mich gibt es keinen inhaltlich vernünftigen Grund, diesen V. 22 für eine spätere Glosse zu halten, für einen Zusatz, der mehr verunklart als er klärt. Nein, der von oben her kommt, kommt in die Welt als Jude. Das ist das Geschehen, das als ein scheinbar zufälliges Ereignis Ewigkeitswirkung hat, die Wahrheit Gottes enthüllt. Und weil es Gottes Weg seit altersher ist, durch dieses Volk hindurch das Heil der Welt zu suchen – was sonst sagt der Abrahams-Segen „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3), was sonst sagt das große Wort von der Völkerwallfahrt zum Zion „Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“(Micha 4,2) – darum wird Jesus Jude, darum geht er seinen Weg in Israel, darum steht das Kreuz in Jerusalem.

23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

            Aber – dieses Wort signalisiert einen neuen Ansatz. Was folgt geht über das hinaus, was bisher gesagt ist. Es kommt eine neue Zeit. Es kommt ein neuer Ort der Anbetung. Nicht mehr der Tempel, hier oder dort. Sondern anbeten im Geist und in der Wahrheit. Die beiden Worte legen sich gegenseitig aus. Und sie wollen ausgelegt werden von dem Wort her, das im Evangelium später folgen wird: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (14,6) In Jesus wird die Wirklichkeit Gottes präsent, sichtbar. Wer ihm glaubt, an ihn glaubt, der wird in die Wahrheit Gottes gestellt und wird erkennen, dass Jesus ihm Gottes Wirklichkeit jetzt und hier offenbart. „Diese zukünftige Wirklichkeit ist in Jesus bereits da und wirksam. Wer jetzt Jesus im Glauben als den sieht, der er ist, sieht in ihm zugleich den, der über das zukünftige Endheil entscheidet.“ (U. Wilkens, aaO. S. 85)

            Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten – das ist kein anti-liturgischer Satz, auch kein Satz gegen das Bekenntnis. Es ist vielmehr „vor diesem Wunder stehen, dass Gott uns in Christus den schenkt, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.“ Gott ist zu uns gekommen in Christus.“ (T. Jänicke, aaO. , S. 66) Darum geht es ein Leben lang – auf dieses Wunder zu antworten. Es wird so sein: wir sind  als Kirche und als Einzelne eine Weltzeit lang auf der Übungsspur. Wortlos beten. Über alle Worte hinaus. Im Schweigen. Aber genauso im jubelnden Lobgesang und mit vollen Chören. Im Vertrauen auf den Sohn. Und nicht zuletzt: Im Tun des Gerechten.

 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet.

Irgendwie ist das alles schon zu viel für die Frau. Aber sie erinnert sich der Hoffnung, die im Volk ist, in ihrem und in dem der Juden. Es kommt einer, der alles klärt, diese Welt zu Recht bringt und die Rätsel des Lebens entschlüsselt. Der uns Gott zeigt.

Und jetzt wird es ganz schlicht in den Worten Jesu: Ich bin’s, der mit dir redet. Sie sieht einen jüdischen Mann. Vom Durst und den Strapazen der Reise gezeichnet. Einen, der aussieht wie viele andere. Einen ohne Heiligenschein. Und er fordert sie heraus, ihren Glauben, ihr Vertrauen. Der auf den du wartest, steht vor dir. Εγώ ειμι. Ich bin es.

In den heiligen Schriften – auch der Samaritaner – wird es erzählt. Da brennt ein Dornbusch in der Wüste. Und aus dem Dornbusch eine Anrede an Mose. Und ein Name: γ εμιIch bin der Gott Deiner Väter.“ (2. Mose 3,6) Und nach dem Auszug, am Gottesberg – eine Stimme vom Berg, Gottes Stimme – und wieder eine Selbstvorstellung: γ εμι κριος θες σου. „Ich bin der Herr, dein Gott.( 2. Mose 20,2)

Und so sollen wir es wohl lesen und hören. Vor dieser Frau steht der Jude Jesus und in ihm – verkleidet, eingehüllt in die Menschengestalt, Fleisch geworden, der ewige Gott. Und gibt sich selbst zu erkennen mit diesen schlichten Worten: Ich bin es. Da ist nichts mehr zu erklären.

„Wenn ich dies Wunder fassen will,
so steht mein Geist vor Ehrfurcht still;
er betet an und er ermisst,
dass Gottes Lieb unendlich ist.“       C. F.  Gellert 1757 , EG 42

Unser Verstehen und Begreifen wird an seine Grenzen geführt. Was bleibt, ist Staunen und Anbetung und  – hoffentlich – Glauben.

 

Herr, öffne mir die Augen, dass ich Dich sehe, in Dir den Vater, den suchenden Gott, der uns liebevoll entgegen kommt.

Öffne mir die Augen, dass ich Dich sehe, Mensch unter Menschen, einer wie wir und es glauben kann: Ich sehe den, der vor aller Zeit war, in dem alle Zukunft geborgen ist -und darf mich bergen in Dir. Amen