Dunkler geht´s nicht

Hosea 13, 1 – 14, 1

 1 Wenn Ephraim redete, zitterte man; erhaben war er in Israel. Danach versündigte er sich durch Baal und starb. 2 Dennoch sündigen sie weiter: Aus ihrem Silber gießen sie Bilder, wie sie sich’s erdenken, Götzen, die allesamt doch nur Schmiedewerk sind. Ihnen, sagen sie, seien Menschen geopfert, Kälber küssen sie.

             Es gab einmal eine Zeit, in der hatte das Reden Ephraims Gewicht. Da gehört Ephraim zu den führenden Stämmen in Volk. Vielleicht spielt hier alte Erinnerung mit: So segnete er sie an jenem Tage und sprach: Wer in Israel jemanden segnen will, der sage: Gott mache dich wie Ephraim und Manasse! Und so setzte er Ephraim vor Manasse.“(1. Mose 48,20)  Diese Vorrangstellung hat Ephraim leichtfertig vertan, „sich verscherzt durch den Abfall zum Baal und ist in Folge davon zu einem sterbenden Volk geworden.“(A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 95) Daran ändert sich auch nichts durch ihre Aktivitäten, ihr Kunsthandwerk, die sie weiterhin pflegen. Sind sie doch samt und sonders Götzendienst.

 3 Darum werden sie sein wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht; ja, wie Spreu, die von der Tenne verweht wird, und wie Rauch aus der Luke.

           Das Ergebnis allen Tuns: Windhauch. Vergänglichkeit. Es klingt wie die Vorwegnahme des Predigers: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ (Prediger 1,2) Das Tragische: so müsste es nicht sein. Es ist das unaufhörliche Wirken, Machen, Tun Ephraims, das so das Vergehen schafft, zum Tode führt.

 4 Ich aber bin der HERR, dein Gott, von Ägyptenland her. Einen Gott neben mir kennst du nicht und keinen Heiland als allein mich. 5 Ich nahm mich ja deiner an in der Wüste, im dürren Lande.

           Noch einmal, wie schon in der Jakobs-Meditation zuvor, die Selbstvorstellung Gottes: Ich bin der HERR, dein Gott, von Ägyptenland her. Neben Gott ist kein Platz für andere Götter. Wenn Ephraim also sich anderen Göttern zuwendet, dann sucht es sich einen Platz im Niemandsland. Im Nirgendwo. Bei den Toten. Die Worte unterstreichen das Absurde im Verhalten Israels: Gehütet und bewahrt in der Wüste wendet es sich von seinem Hirten ab, von dem, der sich dort seiner angenommen hat.  

Bei dem über zweihundert Jahre späteren Hesekiel finden sich Worte an Jerusalem gerichtet, die hier anknüpfen: „Niemand sah mitleidig auf dich und erbarmte sich, dass er etwas von all dem an dir getan hätte, sondern du wurdest aufs Feld geworfen. So verachtet war dein Leben, als du geboren wurdest. Ich aber ging an dir vorüber und sah dich in deinem Blut strampeln und sprach zu dir, als du so in deinem Blut dalagst: Du sollst leben! Ja, zu dir sprach ich, als du so in deinem Blut dalagst: Du sollst leben.“ (Hesekiel 16, 5-6) Dort wie auch hier: Gottes Erbarmen  ist der Lebensgrund des Volkes. Wenn es sich von ihm abwendet, wendet es sich von dem Erbarmen ab.

6 Aber als sie geweidet wurden, dass sie satt wurden und genug hatten, erhob sich ihr Herz; darum vergaßen sie mich. 7 Da wurde ich für sie wie ein Löwe, wie ein Panther lauere ich am Weg. 8 Ich falle sie an wie eine Bärin, der die Jungen genommen sind, und zerreiße ihnen Brust und Herz und will sie dort wie ein Löwe fressen; die wilden Tiere sollen sie zerreißen.

             Wie soll man es fassen: Kaum sind sie satt, schon sind sie Gott satt. Sie werden gottvergessen. Es liegt nahe, aus diesem Vorgang eine Art Gesetzmäßigkeit zu erheben: „Wie in jedem kulturellen Aufschwung lag auch in Israels wachsendem Wohlstand die Verführung zur Selbstüberhebung des Menschengeistes, zu jener Hybris, die von Gott loszukommen meint, dadurch, dass sie in ihrer Saturiertheit von einer Abhängigkeit von ihm nichts mehr wissen will.“ (A. Weiser, aaO. S. 97) Im Volksmund heißt  diese Einsicht schlicht: „Es geht ihnen zu gut.“ Weil es so gut geht, glaubt man Gott überflüssig. Wir haben doch alles – wofür soll Gott da noch gut sein?

Es ist eine schreckliche Verwandlung. Aus dem fürsorglichen Hirten, dem Heiland wird ein Gott wie ein Löwe, ein Panther, eine Bärin. Gott ist nicht harmlos, kein Softie, der mit sich machen lässt. Es ist der Kontrast dieser wenigen Worte zu den früheren: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt.“(11,9) der den ganzen Ernst der Lage jetzt erkennen lässt. Das Nordreich ist drauf und dran, das Erbarmen Gottes zu vertun.

 9 Vernichtet hat dich, Israel, dass du gegen mich bist, gegen dein Heil. 10 Wo ist dein König, der dir helfen kann in allen deinen Städten, und deine Richter, von denen du sagtest: Gib mir einen König und Obere? 11 Ich gebe dir Könige in meinem Zorn und nehme sie dir in meinem Grimm. 12 Die Schuld Ephraims ist zusammengebunden, seine Sünde sicher verwahrt.

             Sollte es wirklich so weit kommen, dann gilt: Vernichtet hat dich, Israel, dass du gegen mich bist, gegen dein Heil. Sie haben sich das Gericht selbst gemacht. Sie haben sich selbst ins Unheil gestürzt.  Sie haben bei ihren Königen Rettung gesucht und es vergessen: außer Gott ist kein Retter, kein Heiland. Wie nebenbei wird Hosea grundsätzlich: das Königtum war von Anfang an eine Zornesgabe, „geht es doch auf Israels Verlangen und nicht auf Jahwes Plan zurück.“(J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 165) Das weiß jeder im Nordreich: In den letzten Jahren ist das Königtum eine Kette von Königs-Wahlen und Königs-Morden. Diese Schuld wird sicher verwahrt. Sie gerät nicht in Vergessenheit.

 13 Wehen kommen, dass er geboren werden soll, aber er ist ein unverständiges Kind: Wenn die Zeit gekommen ist, so will er den Mutterschoß nicht durchbrechen. 14 Sollte ich sie aus der Hölle erlösen und vom Tod erretten? Tod, wo ist deine Seuche; Hölle, wo ist deine Pest? Meine Augen kennen kein Mitleid.

         Das Bild wechselt. Erschreckend. Eine verweigerte Geburt – verweigert nicht von der Mutter, nicht vom Vater. Das Kind im Mutterleib weigert sich, zur Welt zu kommen, das Licht der Welt zu erblicken. Es will den Mutterschoß nicht durchbrechen. Es verweigert die Möglichkeit einer neuen Existenz. Es will nicht neu werden.

Diese Weigerung erinnert an die furchtbaren Sätze im sicherlich späteren Hiob-Buch: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag sei Finsternis, und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen! Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich! Jene Nacht – das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen! Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin!“(Hiob 3, 3-7)Wie verzweifelt tief muss die Not sein, wenn Menschen so die eigene Geburt verfluchen, sich weigern, die eigene Existenz anzunehmen.

Es ist ein früher Schritt, ein Anfangsschritt zum Glauben an ein Leben aus den Toten, wenn Gott fragt, wie er fragt:  Sollte ich sie aus der Hölle erlösen und vom Tod erretten? Tod, wo ist deine Seuche; Hölle, wo ist deine Pest? Kann Gott aus der Hölle holen? So hat Israel früher, in seinen Anfangszeiten gefragt, und im Tod die Grenze der Macht Gottes gesehen. Der prophetische Glaube schon eines Hosea hat sich damit nicht abfinden können, sondern es zu denken und sagen gewagt: „Auch Tod und Unterwelt unterstehen seiner Herrschaft. (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 245) Die Worte hier sagen: diese Grenze besteht nur, weil ihr nicht durch den Mutterschoß durchbrechen wollt. Gott bricht sie denen auf, die ihm vertrauen.

So hat wohl der Apostel Paulus den Propheten gelesen und darum aus dem Gerichtswort einen Triumphschrei geformt: Christus ist der Erstling geworden, der aus dem Mutterschoß der Erde aufgestanden ist. Ihm folgen die anderen, die ihm vertrauen.  „Dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« (1. Korinther 15, 54-55)

Über denen aber, die so die eigene Geburt verweigern, steht der furchtbare Satz: Meine Augen kennen kein Mitleid. Das ist der Widerruf der Worte, an denen nicht nur Israel seinen Trost und sein Halt gesucht und oft gefunden hat: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 24 -26) Kein Segen Aarons mehr, keine Augen voll Erbarmen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.

15 Denn mag Ephraim auch zwischen seinen Brüdern gedeihen, so wird doch ein Ostwind kommen, der Sturm des HERRN aus der Wüste herauffahren, dass sein Brunnen vertrocknet und seine Quelle versiegt; der wird rauben seinen Schatz, alles kostbare Gerät. 14,1 Samaria muss büßen, dass es sich aufgelehnt hat gegen seinen Gott. Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden.

            Ich stimme zu: „Eine Steigerung des unerbittlichen Wortes V. 14 ist nicht mehr möglich.“ (J. Jeremias, aaO. S. 167) Diese beiden Sätze hier illustrieren nur noch, sie liefern das schreckliche Bildmaterial – ähnlich wie Ausstellungen zu den KZ-Gräueln ja nicht mehr Steigerungen des Schreckens sind, sondern „nur“ Bildmaterial, das sich unsere Seele einprägen will, damit wir uns mahnen lassen. Mitleidlos endet im Jahr 720 die dreijährige Belagerung Samarias. hingemordet werden die Hilflosen. Verschleppt die Güter und die wenigen Überlebenden. Das alles, weil  Samaria sich aufgelehnt hat gegen seinen Gott. Sie haben – in schrecklichem, todbringendem Irrglauben – das Erbarmen Gottes ausgeschlagen.

Es ist schon schlimm, was hier geschildert wird. Aber noch schlimmer: diese Vernichtung, diese Schlächterei ist nicht einfach nur Werk unglaublich brutaler Soldaten, die nach dreijähriger Belagerung ihrer Wut freien Lauf lassen. Hinter dem Geschehen steht Gott.  „Die entsetzlichen Gräueltaten, die gerade zur Zeit der Assyrer auch an der „Zivilbevölkerung vollzogen werden, sollen nicht an Israel vorübergehen, sondern es voll treffen. Diese brutalen Gewaltakte als handeln Gottes zu begreifen, als Strafen, die mit dem Gott Israels zu tun haben, ja sogar von ihm herkommen, bedeutet ein Vordringen in einen theologischen Grenzbereich. Darf man so von Gott denken?“(M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 84) Was für eine Zumutung an den Glauben, was für eine Anfrage an unser oft so unbedachtes Reden vom lieben Gott. Und doch hält Hosea an ihm fest, weiß er keinen anderen Gott als ihn, von dem er glaubt, das Israels Geschichte ganz, im Guten und im Schweren,  in Heil und Unheil in seinen Händen liegt.

             Es ist wohl der düsterste Abschnitt im Buch dieses Propheten. Was fangen wir als Christen damit an? Wir könnten sagen: das geht uns nichts an. Das gilt nur für damals. Wir glauben an den Gott, dessen Gnade und Liebe bis zum Äußersten gehen. Es kann aber auch sein, dass wir uns warnen lassen müssen: „Das Schicksal Samarias unter dem sengenden Ostwind und gegenüber der wütenden Bärin, kann das Schicksal von Gliedern der Christenheit sein, wo der „Frevel gegen den Geist der Gnade Raum gewinnt.“(Hebräer 10,29) Diese andere Seite des biblischen Evangeliums kommt unter uns oft zu kurz: Aufruhr gegen den Retter führt in den Tod.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, s. 197) Es sind einsame Stimmen, die heute so etwas noch zu sagen wagen. Genauso einsam, wie es ein Hosea war. Die Wahrheit ist nicht immer mehrheitsfähig: Sie ist allerdings auch nicht, um Wahrheit zu sein, auf die Mehrheit angewiesen.

 

Mein Gott, so düster scheint die Welt. So verdunkelt sind die Tage, dass man sich manchmal ein Ende aller Schrecken wünscht. Aber doch nicht so ein Ende. Auch nicht, dass Du es herbeiführst.

Das ist doch der Trost im Dunkel der Welt, dass Du Licht bist, dass Dein Licht ins Dunkel leuchtet, dass Du für uns einen Weg auch im Todeschatten hast. Darum beten wir doch, sprechen es nach: Und ob sich schon wanderte im finsteren Tal…

Wie sollen wir leben, wenn das Dunkel der Welt von Dir kommt, wenn Du es um uns herum finster werden lässt, weglos und ausweglos.

Ich flüchte dann vor Dir – zu Dir. Mehr weiß ich nicht. Amen