Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Hosea 12, 1 – 11

 1 Mit Lüge hat mich Ephraim umzingelt, mit Betrug das Haus Israel. Aber Juda hält noch fest an Gott und ist dem Heiligen treu.

             „Kapitel 12 beginnt und endet, als stünde Kapitel 11 nicht im Hoseabuch.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 149) Es ist ein Kontrastprogramm: In 11 der Blick in das Herz Gottes, sein inneres Ringen, den Sieg des Erbarmens – und jetzt der Blick auf die Art Ephraims, garniert mit dem flüchtigen Seitenblick auf Juda. Man muss schon sagen: ein schriller Auftakt, der wie eine Anklage wirkt: Lüge und Betrug ist, was Gott von Ephraim erfährt. Sie gehen nicht ehrlich mit ihm um. Sie missbrauchen vielmehr sein Vertrauen, seine Güte, seine Langmut.

Der real-politische Hintergrund dieser Anklage wird sofort nachgeliefert nach der positiven Aussage über Juda. Es fällt schon auf: Juda wird die Haltung bescheinigt, die dem Nordreich fehlt: es hält fest an Gott, es ist treu. Weil das so unvermittelt hier steht, auch ein Stück unverbunden, halten Ausleger diese Bemerkung für eine Zufügung aus der Perspektive des Südens. Manche verändern auch inhaltlich, weil die Textüberlieferung hier „Übersetzungs- und Interpretationsspielräume“ lässt: „Und Juda ist immer noch schwankend gegenüber Gott und gegenüber dem Heiligen, der treu ist.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 76) Das klingt nicht mehr ganz so positiv. Meine Frage: Ist es unvorstellbar, dass ein Prophet, der das Nordreich Israel so scharf kritisiert wie Hosea, dennoch und deshalb auf den Süden, auf Juda ein wenig hoffnungsvoller blickt? Weil er da nicht die schlimmen Auswüchse des Nordens sieht?

 2 Ephraim weidet Wind, es läuft dem Ostwind nach. Täglich mehrt es Lüge und Gewalt. Sie schließen mit Assur einen Bund und bringen Öl nach Ägypten. 3 Darum rechtet der HERR mit Juda; er wird Jakob heimsuchen nach seinem Wandel und ihm vergelten nach seinem Tun. 4 Schon im Mutterleib hat er seinen Bruder gepackt und im Mannesalter mit Gott gekämpft. 5 Er kämpfte mit dem Engel und siegte, er weinte und flehte ihn an. In Bethel hat er ihn gefunden

             Jetzt wird die Anklage erläutert: Es geht um Ephraims Wesensart, die sich auch und nicht zuletzt in der Bündnispolitik des Nordens zeigt. Man rennt hinter Assur her. Man hofft auf Ägypten. Es ist ein doppelzüngiges Spiel, der Versuch, in Bündnissen, die sich ausschließen –  mit den beiden, rivalisierenden Mächten – die eigene Sicherheit herzustellen. „Israel versucht durch doppelbödige Außenpolitik seine Existenz zu retten und verspielt sie gerade dadurch.“ (M. Oehming/ R. Micheel,  ebda.)

             Darin zeigt sich die Art Ephraims- es ist Jakobs Wesen und Art. Damit wird das Thema angeschlagen, das dem ganzen Abschnitt sein Gepräge gibt: Ephraim erweist sich als das Jakobsvolk. Sie laufen in den Spuren, die der Stammvater vorgegeben hat. Das Bild von Jakob, das hier gemalt ist, ist tiefdunkel eingefärbt. Er ist ein Negativ-Vorbild. Aber eines, das seine Nachahmer in der gegenwärtigen Generation gefunden hat.

Aufgezählt werden Fakten, die alle im Volk kennen: Schon im Mutterleib hat es sich gezeigt, von welcher Art Jakob ist. „Sein Name zeigt ihn schon als Betrüger. Im Mutterleib überlistete er seinen Bruder. Das hebräische Wort āab soll den Namen deuten….Jakobs Leben ist von Anbeginn das Leben eines Betrügers.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 185) Nahtlos setzt sich alles fort im Kampf mit Gott am Jabbok. Aber dieser Kampf, der sonst als Sieg erzählt wird, hat hier den Anschein der Rebellion. Und sein Finden Gottes in Bethel bleibt seltsam blass. So als habe es keine Spuren hinterlassen in seinem Tun.

 und dort redet er mit uns, 6 der HERR, der Gott Zebaoth; HERR ist sein Name. 7 Du wirst mit deinem Gott zurückkehren. Halte fest an Liebe und Recht und hoffe stets auf deinen Gott!

             Worte, die wie ein Zwischenruf wirken. Vielleicht wirklich in Bethel ausgerufen. Worte, die vorwegnehmen, was das Ziel der ganzen Jakobs-Meditation ist: zur Umkehr zu mahnen, zum Abstand von den Wegen des Stammvaters, zum Festhalten an Liebe und Recht, zum Vertrauen auf Gott. Wenn das Nord-Reich eine Chance zum Überleben haben will, so liegt sie in der radikalen Umkehr von den bisherigen Wegen, in der Rückkehr zu dem einen, alleinigen Hoffnungsgrund. Zu deinem Gott.

 8 Ein Kanaanäer ist Ephraim: Er hat eine falsche Waage in der Hand und liebt den Betrug. 9 Denn Ephraim spricht: Wie reich bin ich doch geworden, ich habe genug! Alles meine Arbeit! Man wird keine Schuld an mir finden, die Sünde wäre.

Jetzt wird es durchbuchstabiert, wie Ephraim ist: falsch, betrügerisch, auf Reichtum aus, egal wie, auch wenn er durch Lug und Trug zustande kommt. Aber keine Gewissensbisse: Alles ist nur Erfolg der eigenen Arbeit. Es ist der selbstzufriedene Blick dessen, der durch seinen Reichtum blind geworden ist für die unlauteren Mittel, die er dabei verwendet hat. Ephraim führt sich auf wie ein Kanaanäer – meint hier: wie ein Händler, dem jedes Mittel Recht ist. „Die Kanaanäer galten als berüchtigte Händler.“ (M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 159) Skrupellos, aber erfolgreich. Das erklärt ihre Anziehungskraft.

Es hat sich bis heute nicht viel geändert: Wirtschaftlicher Erfolg zieht an, findet immer seine Nachahmer. Auch wenn der Erfolg auf anrüchigen Wegen eingefahren worden ist. Es ist das Programm, auf das gesetzt wird: Alles dein Erfolg. Du bist nur, was du aus dir machst. Du verdankst dich nur dir selbst. Das Qualitäts-Siegel auf diese Lebensform heißt: Ich-AG. Und der perfekte Propagandist dieser Lebensform sitzt derzeit im Weißen Haus in Washington.

Die Worte lassen keinen Zweifel zu: diese Sicht Ephraims auf sich selbst ist doppelt verlogen. Sie ist verlogen nach außen, was sich in der Bündnis-.Politik zeigt und sie ist verlogen sich selbst gegenüber. Sie sind gefangen in einer geradezu tödlichen Selbsttäuschung: wir sind die Guten. Stattdessen gilt: Nichts ist gut in Ephraim.

10 Ich aber bin der HERR, dein Gott von Ägyptenland her. Ich will dich wieder in Zelten wohnen lassen wie in der Wüstenzeit.

           Zum zweiten Mal ein Zwischenruf – diesmal eindeutig als Gottes Wort markiert. “Der HERR, dein Gott von Ägyptenland her ist die kürzeste Definition Jahwes im ganzen Alten Testament.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 155)Aber es ist eigentlich gar keine „Definition“ Gottes, sondern eine Selbstvorstellung. Gott ruft seinem Volk nur in Erinnerung, wie er ist, was er an ihnen getan hat. Um ihnen zu sagen: Ich hole euch jetzt weg von dieser Mentalität der Händler, der Erfolgssuche, des Setzen auf Reichtum. Ich führe euch zurück in die Armut des Zeltlebens in der Wüste.

Manchmal ist es heilsam, aus der Fülle in die Leere zu gehen, dem Überfluss den Rücken zuzukehren und die Kargheit neu zu suchen. Weil dann sichtbar werden wird, wie viel von dem Überfluss überflüssig ist, wie viel unnötiger Ballast ist, der das Leben nur belastet. Entlastung tut manchmal not. So kann diese Rückführung in die Wüste zu einem neuen Anfang werden.

 11 Immer wieder habe ich zu den Propheten geredet, ich war’s, der viele Gesichte gab, und durch die Propheten habe ich mich kundgetan. 12 War Gilead auch stark, so sind sie doch zunichtegeworden. In Gilgal opferten sie Stiere, doch auch ihre Altäre werden wie Steinhaufen sein an den Furchen des Feldes. 13 Jakob floh in die Gegend von Aram, und Israel diente um eine Frau; um einer Frau willen hütete er Schafe. 14 Aber durch einen Propheten führte der HERR Israel aus Ägypten, und durch einen Propheten ließ er sie hüten. 15 Nun aber hat ihn Ephraim bitter erzürnt; seine Blutschuld lässt er auf ihm lasten, und seine Schmähung vergilt ihm sein Herr.

Das ist der Konflikt, die Entscheidungsfrage, die vor Ephraim steht: Hören wir auf die Propheten oder folgen wir dem, was der Kult uns bietet. Setzen wir unser Vertrauen auf die Opferstätten wie Gilgal oder vertrauen wir uns den Worten der Propheten an, durch die Gott zu uns redet. Hier das sichtbare Schauspiel der Opferfeiern – dort das bloße Wort von einem, der sagt, Gott habe ihn gesandt, habe ihm Gesichte gezeigt.

Noch einmal wird die Argumentation an Jakob festgemacht, an seiner Flucht nach Aram und seinem Dienen um eine Frau. Er versklavt sich um einer Frau willen. Eine Anspielung auf den Dienst Jakobs, um Rahel als Frau zu erhalten. Auch hier wieder eher negativ gezeichnet. Kein Ruhmesblatt, sollen die Hörer*innen wohl spüren. Der Weg in die Unfreiheit. Dort landen ja auch Jakobs Nachfahren für 400 Jahre, ehe der Prophet Mose sie herausführt und sie – in der Wüste! –  hütet.

Es scheint eindeutig; Hosea fordert hier seine Hörer*innen auf, dem prophetischen Wort zu trauen und sich nicht auf die Versprechungen der Kultausübungen zu verlassen, zumal der Kult in Samaria tief in Baals-Anbetungen verrannt ist. Wenn sie also bei dieser Kult-Verfangenheit bleiben, wird sie ihre Schuld gefangen nehmen, belasten, überwältigen. Dann gibt es keinen Weg nach vorne, in eine gute Zukunft.

Es ist eine sehr düster gefärbte Sicht auf die Biographie des Jakob. Übrig bleibt eine Sünden- und Schandgeschichte und Jakob ist wie der Prototyp der gegenwärtigen Generation gezeichnet, die allen Segen Gottes zu verlieren droht. Und doch: genau mit diesem Jakob hat Gott Geschichte gemacht. V. 5 kann auch übersetzt werden: „Aber Gott erwies sich als Herr und siegte.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 189)

So steht es dicht nebeneinander: Jakob ist ein Betrüger, einer, der gegen Gott rebelliert, der krumme Wege geht, aber er ist und bleibt erwählt und Gott hält an ihm fest. „Gott lässt den Sünder nicht los, selbst wenn er vor ihm wegläuft und sich anderen Göttern zuwendet.“ (M. Oehming/ R. Micheel,  aaO. S. 79)

So erklärt sich diese merkwürdige Kapitelfolge von 11 zu 22. Man fragt sich ja nach der Fundamentalkritik an Ephraim: Und zur Liebe zu so einem Volk ringt Gott sich durch? Die Antwort ist: Es stimmt. Wohl wissend, was das für Leute sind, hat Gott sich Jakob zugewandt und wendet er sich auch den Jakobs-Nachfahren zu. Wendet er sich auch uns zu – mit unseren Tricksereien, Halbherzigkeit, unseren Lügen und Selbsttäuschungen. Gott  wendet sich – gewohnheitsmäßig, von Herzen – Sündern zu. Eine andere Hoffnung gibt es für uns, die wir uns doch auch so oft im Gestrüpp der Welt verrennen, auch nicht.

 

Davon leben wir, dass Du Dich nicht in Deiner Treue beirren lässt, dass Du den Bund durchhältst, der auf unserer Seite so oft gebrochen wird.

Davon leben wir, dass Deine Liebe zu uns nicht aufhört, dass Du uns immer wieder heimsuchst, nach uns rufst, damit wir den Weg zurück finden, den Weg zu Dir.

Du siehst, was aus uns geworden ist auf den Wegen, die wir uns selbst gesucht haben, auf den Wegen, die uns von Dir weggeführt haben. Du siehst die Spuren, die unser Eigensinn in uns eingegraben hat, den Schmerz und die Erschöpfung.

Du hältst an uns fest, so wie wir sind. Darüber preise ich Dich. Dir gehört mein Leben. Amen