Ein-Blick in Gottes Herz

Hosea  11, 1 – 11

 „Hosea 11 kann als das alttestamentliche  „Hohelied der Liebe Gottes“ angesehen werden. Obgleich es ein absoluter Spitzentext des Alten Testamentes ist, ja der gesamten Bibel, gehört er dennoch nicht zu den regelmäßig vorgeschlagenen Predigttexten der Perikopenordnung. Er dürfte daher der Gemeinde weitgehend unbekannt sein. Leider!“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 38) So emotional reden Professoren ausgesprochen selten. Wer den Text gelesen hat, wird verstehen, warum Manfred Oehming recht hat.

 1 Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten. 2 Wie ich sie auch rief, liefen sie weg von mir. Den Baalen opferten sie, und den Bildern räucherten sie 3 Ich aber hatte Ephraim laufen gelehrt und sie auf meine Arme genommen. Aber sie merkten nicht, dass ich sie heilte. 4 Mit menschlichen Seilen zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Ich half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen. Ich neigte mich zu ihm und gab ihm zu essen.

             Wieder wechselt der Ton im Vergleich zum vorigen Abschnitt. Wichtiger noch – es wechselt der Sprecher. „Das sprechende Ich in diesem Kapitel ist JHWH.“ (M. Oehming/ R. Micheel, ebda.)Und er beginnt sein Reden mit dem Eingeständnis seiner Liebe.  Es ist von Anfang an Liebe, die ihn bestimmt. Wenn man so will: Liebe auf den ersten Blick. Israel sehen und es lieb gewinnen und rufen ist eins. Meinen Sohn nennt er das Volk.  Es ist die Anrede, die Israel für den König kennt:

„Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN.                                    Er hat zu mir gesagt: »Du bist mein Sohn,                                          heute habe ich dich gezeugt.“           Psalm 2, 7

Hier aber ist nicht von der Adoption des Königs die Rede, sondern von der Adoption des ganzen Volkes. Das Volk Israel wird zum Sohn – ein Volk, noch jung, unselbstständig und hilflos, bei dem noch nicht heraus ist, was aus ihm werden wird. „Es ist die Zeit der ägyptischen Knechtschaft, wo Israel nichts weniger als „attraktiv“ war, um ihm seine Liebe zu schenken und aus dem Sklaven anderer seinen eigenen Sohn zu machen.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 214) So viel liegt Gott an diesem Volk in der Knechtschaft, dass er es zu seinem Sohn macht. So eng ist seine Beziehung.

Da ist nichts von Abstand, nichts von Distanz. Nur Nähe, nur Ruf in die Freiheit. Das erste, was Gott an Israel tut, ist sein Herausführen in die Freiheit. Noch vor dem Gebot. Hier sieht Hosea den Einsatz, den Anfang der Gottesgeschichte mit Israel. Kundige Bibelleser*innen mögen die Anfänge der Vätergeschichten vermissen. Für Hosea ist der Anfang Gottes so gekennzeichnet: Nachdem die Familie, die Sippe aus Abraham zum Volk geworden ist, fängt Gott mit ihr seine Geschichte an.  

Eine Geschichte, wie sie widersprüchlicher nicht sein kann. Gott ruft, aber Ephraim rennt weg.  Er lehrt sie laufen, aber sie nutzen die neue Fähigkeit nur, um wegzurennen. „Will alleine“ sagt das Kind, das auf den eigenen Beinen gerade wackelnd gehen lernt. „Will alleine“ sagt Ephraim und rennt zu den Baalen. Gott jedoch nimmt ihn zärtlich auf den Arm,  legt ihm fürsorglich das Geschirr an, in dem ein laufen lernendes Kind vor dem Fallen geschützt wird. Das macht dieser Vater: Dass ich sie heilte kann man auch wiedergeben: „dass ich sie heil bewahrte.“(W. Rudolph, aaO. S. 215) Eine „Lauflernhilfe“, damit sich das Kind nicht verletzt, nicht wehtut. Sorgsam geht er mit ihm um, immer bemüht, nur ja nicht zu überfordern. „Die Zuwendung des Vaters JHWH zu seinem Kind Israel fällt völlig aus den gesellschaftlichen Konventionen Altisraels heraus. JHWH realisiert hier ein nahezu modernes Ideal eines sanft liebenden „Softie“. Er verhält sich als Vater völlig mütterlich.“ (M. Oehming/ R. Micheel, aaO. S. 39)

Wenn man so will: sie treten in Ephraim die Zuwendung Gottes mit Füßen, in dem sie nicht den Weg zu ihm, sondern den Weg zum Baal unter ihre Füße nehmen. Wie ich sie auch rief, liefen sie weg von mir. Das ist in der Folge wirklich hart: die zärtliche, väterliche Fürsorge wird nicht nur nicht bemerkt. Sie wird auch noch dem falschen Konto gutgeschrieben. Alles tut Gott, aber es kommt nicht an. Umso unverständlicher das Verhalten Israels, „wie das Weglaufen des Kranken vor dem Arzt.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 142 )

Sind wir so, dass wir die Liebe Gottes irgendwie nicht bemerken? Dass wir uns so an sie gewöhnt haben, dass wir glauben, sie sei selbstverständlich? Dass wir die Mühe, die sich Gott gibt, uns zu gewinnen, die Fürsorge, sein Werben um unsere Zuneigung gar nicht mehr wirklich wahrnehmen? Oder glauben wir gar: er ist sie uns schuldig! Wir singen das wohl:

„Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget.
Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget.
Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd.
Alles anbetet und schweiget.“           G. Tersteegen 1731, EG 41

 Genauso rasch wie Weihnachten vorbei ist, der Weihnachtsbaum abgeschmückt ist, ist diese Liebe Gottes, die sich so nach unten neigt, vergessen. Nebensächlich. Alltäglich. Nichts mehr, was das Leben von Grund auf verwandelt.

 5 Er muss zurück nach Ägyptenland, und Assur wird sein König sein; denn sie haben sich geweigert umzukehren. 6 Das Schwert wird in seinen Städten tanzen und seine Wahrsager vertilgen und sie fressen um ihrer Pläne willen. 7 Mein Volk verharrt in der Abkehr von mir. Sie rufen zu Baal, dem Hohen, doch der richtet sie nicht auf.

Es fehlt ein “Darum”. Weil die Liebesbezeugungen Gottes ins Leere gelaufen sind, kommt es zu einer Umkehr: „Sie kehren nach Ägypten um statt zu ihrem Gott. Sie fallen tief hinter die Befreiungstat Gottes zurück. Nur dass jetzt die Großmacht Assur das alte Ägypten als Vormacht abgelöst hat.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 177)  Eingeleitet ist dieser Weg durch Verweigerung, begleitet vom Tanzen des Schwertes – was für ein Ausdruck für die Blutbäder, die die Kriege angerichtet haben. Aber sie sind hartnäckig in ihrer Abkehr. Kann es sein, sie rufen zu Baal, weil sie es leid sind, nach Gott zu rufen, weil sie ihn als Helfer abgeschrieben haben?

Und wir? Kehren wir denn um? Oder sind wir wie das Volk? Wir nehmen Gottes Fürsorge für selbstverständlich und unterwerfen uns den Spielregeln der Welt. Wir tanzen nach der Pfeife derer, die Meinung machen. Wir glauben die Sätze, die man uns Tag um Tag vorsagt. Dass Jeder und jede sich selbst der oder die Nächste ist. Dass wir nur sind, was wir aus uns machen. Dass es um das Überleben geht und die Schnellsten, Härtesten, Fittesten die Sieger sein werden. Darf man das so sagen: wir sind Darwinisten geworden – weil wir seine Botschaft glauben: Überleben der Fittesten. Survival of the Fittest“(C. Darwin, Die Entstehung der Arten,  1869) Überleben derer, die am besten angepasst sind. In so einem Denken ist Gott nur so etwas wie der „Personal Coach“, der uns zu unterstützen hat.

Die Anbetung Baals, die durchgehalten wird, bleibt erfolglos. Ihr Ende sind ausgebrannte Leute, müde geworden, leer gelaufen. Baal richtet keinen auf. Allen Fitness-Studios zum Trotz, allen Coaching-Kursen zum Hohn – die Zahl der Ausgebrannten, Erschöpften, Demotivierten steigt. Weil wir dem falschen Gott trauen?

 8 Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt. 9 Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.

             Es ist ein Blick in das Herz Gottes. Die Hörer*innen des Hosea, die Leser*innen heute werden Zeugen eines Selbstgespräches. Es ist ein Kampf Gottes mit sich selbst. Er ringt mit sich, sein Zorn mit seinem Erbarmen, seinem Mitleid. Er fällt sich selbst in den Arm. Angesagt wäre, den grimmigen Zorn zu vollstrecken, Ephraim preiszugeben, Israel auszuliefern. Diese Doppelung zeigt etwas von der realen Gefahr dieses Zorns. Und die Worte zeigen, dass Gott weiß, seinem Zorn freien Lauf zu lassen wäre das Ende für Ephraim. Sein Verderben.

Er kann es nicht. Er kriegt es nicht hin. Er hat vor Augen, was sein Zorn ausrichten würde: „all ihr Land hat er mit Schwefel und Salz verbrannt, dass es weder besät werden kann noch etwas wächst noch Kraut darin aufgeht, gleichwie Sodom und Gomorra, Adma und Zebojim zerstört sind, die der HERR in seinem Zorn und Grimm zerstört hat.“(5. Mose 29,22)   Weil er das für sein Volk nicht will, kehrt er sich um. Sein Herz macht kehrt.

Es ist großartig: Kein Wort darüber, dass eine Umkehr Israels den Umschwung in Gott bewirkt. Gott kehrt um, voraussetzungslos, bedingungslos. „Während Menschen ihren Gefühlen ausgeliefert sind und dazu neigen, berechtigte Strafansprüche durchzusetzen, kann Gott verzeihen. Er muss nicht Böses mit Bösen vergelten. .. Er lässt sich nicht von Menschen das Muster für sein Verhalten vorgeben.“ (M. Oehming/ R. Micheel, aaO. S. 41) Gott ist so frei zu vergeben. Weil er Gott ist. Nicht ein Mensch. Auch nicht ein Mann. Auch das ist eine mögliche Übersetzung. So ist Gott: Vorrang für das Erbarmen. Vorrang für die Liebe. Vorrang für die Geduld, die es nicht müde wird zu hoffen, weiterzumachen. Neue Anfänge selbst zu suchen und so auch die Chance zu neuen Anfängen zu gewähren.

Was für eine Korrektur eines geradezu irrwitzigen Gottesbildes! Der Gott des Alten Testamentes – grausam- blutrünstig, zornig. So haben es Generationen gelernt und als Vorurteil weiter gegeben. Hosea weiß es anders. Gott selbst bezeugt es in seinen Worten anders: Gerade weil er der Heilige ist, der Erhabene, kann er anders, handelt er anders. „Hosea sieht in der Heiligkeit Gottes auch die Liebesseite seines Wesens.“ (W. Rudolph, aaO. S. 218) Gerade in ihr! Dass Gott der Heilige ist, zeigt sich darin, dass er anders ist, frei, nicht wie ein Mensch gebunden an das Echo-Verhalten. So setzt Gott mit seinem Tun Maßstäbe. „Die zornige Liebe zeigt sich als leidende Liebe.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 179) Gott bewahrheitet, bewährt seine Freiheit in der sich selbst schenkenden Liebe, dem durchgehaltenen Erbarmen.Es ist ein kurzer Weg von diesen Worten her hin zu dem, was Jesus lebt und lehrt.

10 Alsdann werden sie dem HERRN nachfolgen. Wie ein Löwe wird er brüllen, und wenn er brüllt, werden zitternd herbeikommen seine Kinder von Westen her. 11 Sie kommen zitternd wie Vögel aus Ägypten und wie Tauben aus dem Land Assur; und ich will sie wieder wohnen lassen in ihren Häusern, spricht der HERR.

Diese vergebende Liebe ist nicht saft- und kraftlos. Nicht weich. „Das Bild vom brüllenden Löwen zeigt, dass die verkündigte Liebe eine Machthandlung Gottes ist, der sich keiner auf die Dauer widersetzen kann.“ (H. W. Wolff, aaO. s. 181) Es ist kein Vergeben aus Schwäche – dieses Vergeben resultiert aus der Stärke. So wie er, der ohnmächtig geworden ist bis zum Tod am Kreuz von sich sagen kann: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28.19) Es ist die Stärke Gottes, aus der sein Vergeben schöpft. Kein Wunder, dass dieses Vergeben Zittern auslöst und nicht leichtfertigen Überschwang.

Am Ende: Heimkehr. In ihre verlorenen Häuser. In die verlorene Heimat. Ich weite den Blick über Hoseas Worte hinaus: In das verlorene Vaterhaus, das uns versperrt war aus eigener Schuld. Jetzt ist der Weg dorthin wieder frei – und der Vater läuft den zitternd heimkehrenden Söhnen und Töchtern entgegen. „Der Friede des Vaterhaues ist größer als der, den sie je in ihren hiesigen Wohnungen finden konnten.“ (H. W. Wolff, ebda.)

Es ist das große Versprechen Jesu, das hier schon sein wundersames Vorspiel hat: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin.“(Johannes 14, 2-3) Diesem Ziel, das uns die Liebe Gottes zeigt, leben wir entgegen.

 

Ich staune über Deine Geduld, mein Gott. Ich staune über Deine Fürsorge, die nicht locker lässt, nicht aufgibt, die sich nicht abweisen lässt.

Ich staune darüber, wie Du uns Dir ins Herz schauen lässt, uns den inneren Kampf zeigst, den Du mit Dir selbst austrägst, uns zugute.

Davon leben wir – alle – dass Du Deinem Zorn selbst in den Arm fällst, dass Du Deine Gerichte, zu denen Du alles Recht hättest, nicht durchhältst.

Gnade statt Recht, Liebe statt Gericht – so bist Du. Dir sei Lob und Preis, Ehre und Anbetung. Amen