Nur noch ein Strohhalm

Hosea 10, 1 – 15

 1 Israel war ein üppiger Weinstock, der seine Frucht trägt. Je mehr Früchte er hatte, desto mehr Altäre machten sie. Je besser sein Land, desto prächtiger die Steinmale. 2 Ihr Herz ist falsch; nun müssen sie ihre Schuld büßen. Er selbst zerbricht ihre Altäre, zerstört ihre Steinmale.

             Es fällt beim unbefangenen Lesen auf: Keine Anrede. Hier sind keine Hörer vorausgesetzt. Hier gibt es auch keinen göttlichen Auftrag zu reden. Es wirkt wie ein Selbstgespräch des Propheten, der seine Beobachtungen reflektiert, vor sich hin sagt.  Es sind viele Beobachtungen, die wie an der Schnur aufgereiht erscheinen, verbunden durch die Gedanken des Propheten.

Es stand einmal gut um Israel, um das Nordreich. Es war ein üppiger Weinstock. Ein Gewächs der Freude. Das hat sich niedergeschlagen in einer merkwürdigen Weise: „Mit der Steigerung seines Wohlstandes wuchs auch die Prachtentfaltung seines Kultes, die sich in der Vermehrung der Altäre ebenso äußerte wie in der Errichtung kunstvoll gearbeiteter Mazzeben, den von den kanaanäischen Heiligtümern übernommenen Steinsäulen.(A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S 78) Sie sind nicht gedankenlos nur auf Profit aus im Nordreich: Man stiftet großzügig, man errichtet Heiligtümer – an Frömmigkeitssignalen fehlt es nicht. Aufschwung auf allen Seiten, wirtschaftlich, religiös, kulturell. Es geht ihnen gut im Nordreich.

Nur: Für Hosea ist das ein trügerisches Bild. Ihr Herz ist falsch. Das muss  kein Urteil über Heimtücke und Hinterlist sein. Es ist vielmehr die schmerzliche Feststellung: Sie machen sich selbst etwas vor. Sie merken es wohl selbst gar nicht, wie gespalten ihr Herz ist, wie ihr Eifer und ihre Freigiebigkeit gar nicht wirklich Gott gelten, Jahwe meinen, sondern dem eigenen Wohlergehen. Religion ist ihnen Mittel zum Zweck, zur Selbstberuhigung. Zur Stabilisierung des eigenen Ichs und des eigene Wohlstandes.  „Sie sagen Gott und meinen sich selbst. Damit aber haben sie eine schlechthin tödliche Wahl getroffen.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 163)

Der Zusammenbruch ist vorprogrammiert. Das Herz, das sich an sich selbst festmacht, wird nicht durchhalten. Die Altäre, die dem Konsum entwachsen sind und den Wohlstand feiern, werden zerbrechen. Die Stärke, die auf sich selbst vertraut, ist rasch am Ende. Weil Israel sich nicht an Gott festmacht, wird es vor einem Trümmerhaufen stehen. Die Altäre, die Steinmale – nur noch ein Rest, nostalgische Erinnerung an andere Zeiten. so wie manche Kirchen heutzutage.

 3 Schon müssen sie sagen: Wir haben keinen König, denn wir fürchteten den HERRN nicht. Und ein König, was könnte der uns schon helfen? 4 Viele Worte machen, Meineide schwören, Bündnisse schließen: So grünt das Recht wie giftiges Kraut in allen Furchen im Felde.

             Es geht vorwärts in Richtung Abgrund: Kein König mehr. Wir sind führungslos. Die Könige, die wir hatten, waren keine Richtpunkte. Sie haben nicht zur Orientierung getaugt, nicht in ihren Worten, nicht in ihrem Tun, nicht in ihrem Entscheiden.  Sondern im Gegenteil: Was sie machen, sind leere Worte, Versprechungen ohne Substanz, Meineide und eine Bündnispolitik, die auf falschen Annahmen fußt. „Das alles, ihr eigener Mangel an Gottesfurcht, und das verkehrte Verhalten des Königs, wirkt sich wie ein Giftstoff im menschlichen Körper aus, der das Leben zerstört.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 194)

             Wie geht es einem, der so auf sein Volk sieht? Es sind Worte, die analysieren, die versuchen, nüchtern zu sein. Aber dahinter ist der Schmerz zu spüren – über ein Volk, das sich verrannt hat, das wie besoffen von seinem Wohlstand ist, das Gottvergessen lebt. Schmerz über eine Führung, die aktiv vor sich hin wirbelt, aber nicht führt, die macht und tut, aber nichts ausrichtet. Es ist der Lauf im Hamsterrad, den er beim Volk sieht und der Leerlauf, den er in den Führungsetagen sieht. Darum: wir haben keinen König, keine Führung. Und wie eine ferne Ahnung, wie eine vage Erinnerung. Das alles liegt daran: wir fürchteten den HERRN nicht. Was für ein Schmerz. „Hosea kennt das verspätete Gebet, wenn die Altäre zerbrochen sind, dann werden sie sagen: Wir fürchteten den Herrn nicht. Was kann uns ein König helfen?“ (H. W. Wolff, aaO. S. 166)

In viel späteren Schriften Israels heißt es Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.“(Sprüche 1,7) Wo es mit der Gottesfurcht und dem Gottesvertrauen vorbei ist, bleibt nur noch das Nachlaufen hinter der öffentlichen Meinung.  Mit anderen Worten: Orientierungslosigkeit.

Beispiel gefällig?  Oliver Welke: Warum diskutieren wir ständig über Religion? Das verletzt meine unreligiösen Gefühle”, sagte er…. Immerhin sei der Osterhase doch “die zentrale Figur der christlichen Mythologie”, stellte Welke  ironisch fest und machte aus Jesus letztem Abendmahl mal eben das “letzte Hasenmahl”. (Stern- lt. Internet 24.4.18) Soll ich darüber lachen? Mir ist Weinen näher.

 5 Die Einwohner von Samaria suchen Schutz beim Kalb von Bet-Awen. Sein Volk trauert darum, aber seine Pfaffen jubeln über seine Herrlichkeit; doch sie wird ihm genommen. 6 Ja, das Kalb wird nach Assyrien gebracht als Geschenk für den Großkönig. Ephraim trägt Schande davon, und Israel wird zuschanden an seinem Plan.

             „In Samaria sorgt man sich um das Stierbild von Bethel. Eine groteske Situation! Sonst ist doch ein Gott dafür da, seinen Verehrern zu helfen und ihnen ihre Sorge zu nehmen, hier aber müssen die Verehrer um ihren Gott bangen.“(W. Rudolph, aaO. S. 196) Hinter diesen Worten steht die andere Übersetzungs-Möglichkeit für Schutz suchen bei dem Kalb: „sich ängstigen um das Kalb.  Es ist beißender Spott – Kalbszeug und statt Bethel Bet-Awen -„Haus der Bosheit“. Aus dem Ort, an dem Gott sich finden lässt, wird ein Ort, von dem die Bosheit ausgeht. Und das bejubelte Stier-Mal wird verschleppt – es wird zum Tribut für den Großkönig in Assur. So fruchtlos ist dieser Kult dort.

 7 Dahin ist Samaria; sein König gleicht einem Zweig auf dem Wasser. 8 Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns!

Eine Flutwelle reißt den König mit – er wird zu Treibholz. Und alles, was einmal ordentlich angelegt war, verwildert und wird verwüstet. Die Kulthöhen sind nur noch Trümmerfelder.  Sie veröden und was dort noch wächst, ist Gestrüpp, Dornen und Disteln. Es ist die pure Verzweiflung, wenn die, die dort Gottesdienste gefeiert haben, sich den Tod wünschen durch das Einstürzen der Berge, durch Begrabenwerden unter den Gebirgsmassen. Es ist immer noch, bis hierher nüchterne Überlegung des Hosea: Das alles sieht er kommen. Ob er es weitergegeben hat „als eine reflektierende Lehrrede im kleinsten Kreis“(M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 142)kann man vermuten, auch wenn wir es nicht sicher wissen. Jedenfalls kann man sich so erklären, wie diese Passage in das Prophetenbuch gelangt. ist.

„Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns!  Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden?“(Lukas 23, 29-31) Worte, die von Jesus auf dem Weg nach Golgatha überliefert werden und die offensichtlich hier anknüpfen.  Die Prophetie des Hosea ist nicht mit demFall von Samaria im Jahr 732 gegenstandslos geworden. Sie reicht weiter.

Ich lese diese Worte am Tag nach dem vermeintlichen Durchbruch in dem unsäglichen Streit innerhalb der Regierung um die Asylpolitik. In meiner älteren Lutherübersetzung von 1964 heißt der Satz noch: Der König  von Samaria ist dahin wie Schaum auf dem Wasser. Was für ein Bild für einen Menschen, der hin und her getrieben ist, nicht mehr weiß, was er tut und tun soll. Die nächste Welle wird diese Schaumkrone verschlingen. Das ganze System der Sicherheiten ein Trümmerhaufen, wie aufgestapelt, um verbrannt zu werden. Es ist wohl so: Wenn Menschen sich nicht mehr elementar vom Vertrauen auf Gott leiten lassen, werden sie Getriebene ihrer Angst. Vorwärts. rückwärts. Wie Schaumkronen auf den Wellen.   

 9 Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. Wird darum nicht in Gibea der Krieg über sie kommen wegen der bösen Leute? 10 Ich werde sie züchtigen nach meinem Willen; Völker sollen gegen sie versammelt werden, denn sie sind verstrickt in ihre doppelte Schuld.

             Jetzt wendet sich der Prophet wieder direkt an Hörer, an das Nordreich. Mit einer Anspielung auf die Bluttat in Gibea, die im Richterbuch (19 – 21) ausführlich und erschreckend erzählt wird. Damals stand der Stamm Benjamin vor der Ausrottung. Wird das jetzt nachgeholt werden, weil sich seitdem nichts geändert hat – es ist dabei geblieben: böse Leute. Weil die Schuldgeschichte in Gibea nie „aufgearbeitet“ worden ist, hat sich die Schuld verdoppelt und fällt jetzt umso härter auf sie zurück. Es ist, als sagte Hosea: Merke! Schuld veraltet nicht und sie löst sich nicht im Lauf der Zeit in Nichts auf.  Eine Mahnung bis zu uns heute. Wie gehen wir mit alter Schuld um? Verschweigen, unter den Teppich kehren, auf die Vergesslichkeit der Menschen und Gottes hoffend? Schuld – so Hosea – holt ein.

 11 Ephraim war eine junge Kuh, daran gewöhnt, gern zu dreschen. Als ich an ihrem kräftigen Nacken vorüberging, spannte ich Ephraim ein; Juda sollte pflügen, Jakob eggen. 12 Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!

             Dabei hatte alles doch einmal gut angefangen. Mitten in den düsteren Worten eine helle, strahlende Erinnerung. Wie gutwillig, wie bereitwillig hat sich Ephraim für Gott „einspannen“ lassen!  Es war ihm eine Freude, Gottes Wege zu gehen, Gottes Arbeit zu tun, an Gottes Ernte mitzuwirken, Damals waren Ephraim und Juda einig. Nahe beieinander. Leicht war es für Ephraim wie für Juda, so dem Willen Gottes zu entsprechen. Und wie hoffnungsvoll hat Gott darauf geschaut: Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Gute Saat. Neuland. Es sind Worte voll Erwartung, die hier laut werden. Gott hat sein Volk nicht skeptisch angeschaut. Er hat ihm vertraut. Allen alten Erfahrungen zum Trotz.

Und hinter der Erwartung an das Volk das große Versprechen einer wunderbaren Zukunft: Gott selbst kommt und lässt Gerechtigkeit über euch regnen.  Das ist die Zeit, der Israel entgegen gehen soll, die alle seine Träume erfüllen werden. Mit solchen Versprechen Darum beten sie damals:

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen,                                                        die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne;                    dass Güte und Treue einander begegnen,                              Gerechtigkeit und Friede sich küssen;                                                       dass Treue auf der Erde wachse                                                                   und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;                                                    dass uns auch der HERR Gutes tue                                                             und unser Land seine Frucht gebe;                                                       dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe                                                          und seinen Schritten folge.                Psalm 85, 10 – 14

Kann es wirklich sein, dass solches Beten nur Mundwerk war, ohne Beteiligung der Herzens, und dass es deshalb ins Leere gegangen ist?

 13 Ihr aber habt Frevel gepflügt, Übel geerntet und Lügenfrüchte gegessen. Weil du dich auf deine Wagen verlässt und auf die Menge deiner Helden, 14 darum soll sich ein Getümmel erheben in deinem Volk, dass alle deine Festungen zerstört werden, gleichwie Schalman am Tage der Schlacht Bet-Arbeel zerstörte, als die Mutter zerschmettert wurde samt den Kindern. 15 So soll’s euch zu Bethel auch ergehen um eurer großen Bosheit willen. Beim Morgengrauen ist völlig vernichtet der König Israels.

             Es ist eine ernüchternde Bilanz, die der Prophet ziehen muss. Aus dem Anfang ist nichts geworden. Das Saatgut ist unter ihren Händen verkommen. Statt Gerechtigkeit zu säen und Liebe zu ernten haben sie  Frevel gepflügt, Übel geerntet und Lügenfrüchte gegessen. Darum steht das Nordreich vor dem Bankrott, geistlich, seelisch, menschlich, sozial, politisch. Nichts von den großen Plänen wird bleiben, nichts von den Bauwerken. Was bleibt, ist eine große Zerstörung. Von einem Tag zum anderen ist alles vorbei. „Kein Kampf, kein Widerstand, sondern Verschwinden im Nu.“(W. Rudolph, aaO. S. 207) Alles, weil Israel statt auf Gott zu vertrauen, auf die Kampfkraft des Heeres und die Qualität der Streitwagen vertraut hat – statt sich an Gott zu halten, ihm zu vertrauen.

Zweimal das gleiche Wort – a, vertrauen auf.  Entgegen dem Satz, den nicht nur Fußballer so gerne als allgemeine Weisheit sagen: „Glauben kann Berge versetzen“, kommt es nach Hosea entscheidend darauf an, wem man vertraut, auf was man sein Vertrauen setzt- ob es das Vertrauen auf sich selbst ist, auf die eigenen Ressourcen, auf die eigenen Machtmittel oder das Vertrauen auf den unsichtbaren und scheinbar ohnmächtigen Gott.

 

Es ist schwer auszuhalten, mein Gott. Unheil über Unheil, ein Schuldspruch nach dem anderen. Am liebsten würde ich die Augen schließen. Aber es hilft ja nicht. Wegsehen hilft nicht, weghören hilft nicht, weggehen hilft nicht.

Was noch tragen und halten kann, wenn der Untergang kommt, ist allein Deine Hand. Gib Du, dass wir sie ergreifen, auch wenn es wie der verzweifelte Griff nach einem letzten Rettungsring ist, der Griff nach dem Strohhalm.

Danke, dass Du Deine Hand dennoch hinhältst und nach uns greifst. Amen