Gott – hingerissen und enttäuscht

Hosea 9, 10 – 17

 10 Wie Trauben in der Wüste fand ich Israel, wie die ersten Feigen am Feigenbaum sah ich eure Väter.

             Es ist mit Händen zu greifen, wie sich diese Sätze abheben von der zuvor erzählten Attacke auf Hosea. Es ist wie ein Ausstieg aus dem Jetzt. Ein Rückblick auf frühere Zeiten. auf bessere Zeiten?  Man kann die Faszination Gottes spüren. Wo nicht damit zu rechnen war, fand er das Volk Israel, so wie keiner damit rechnet, dass er in der Wüste Trauben findet. Vielleicht darf man sagen: Gott fühlte sich regelrecht beschenkt durch dieses Volk, das er gefunden hat.

„Jene Wüstenzeit war die Zeit der ersten Liebe, wo nichts die Harmonie zwischen Jahwe und Israel störte und er deshalb seine helle Freude an ihm haben konnte.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 185) Von der Faszination Gottes zeugt auch das andere Bild: erste Feigen am Feigenbaum – „im Blick ist die seltene und besonders saftige Frühfeige, die noch am Trieb des vergangenen Jahres und damit um ca. 2 Monate vorzeitig reift.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 121) Die griechischen Übersetzung des AT treibt das Bild weiter: diese Frühfeige ist wie ein „Späher“, σκοπν, vorausgeschickt, um das Terrain zu erkunden. So hat sich Israel einmal an Gott herangetastet, Gott auch an Israel. So hat Gott es aufblühen sehen.

In der Wüste hat er sie gefunden und gesehen – beide Worte sind eine Umschreibung für das Erwählen Israels durch Gott. „Jahwe redet ganz menschlich wie ein Liebender, der von seiner erkorenen jungen Frau spricht.“ (W. Rudolph, ebda.)Zärtlich, immer noch hingerissen.

 Sie aber kamen zum Baal-Peor und weihten sich dem schändlichen Abgott. So wurden sie zum Gräuel wie ihr Liebhaber.

             Umso schockierender: Schon in der Wüste hat die Geschichte der Treulosigkeit Israels ihren Auftakt. „Das frühere Israel war nicht besser als das spätere, so dass etwa die Väter als Vorbild dienen könnten.“(J. Jeremias, aaO. S. 122)Sie sind nicht Vorbild, aber sie haben eine Spur gelegt, in der Israel sich wieder und wieder festgelaufen, verrannt hat. Am Berg Peor kommt es zum ersten Treuebruch. Dort, am Grenzheiligtum zwischen Moab und Israel weihen sie sich dem Abgott. Baal-Peor. Dem Schandgott. Das ist eine bewusst herabsetzende Bezeichnung. In der Hingabe an diesen Schandgott schändet Israel sich selbst, wird es zum Gräuel. Es ist wie so oft in der Hebräischen Bibel: in der Tat liegt schon das Gericht. Es wohnt ihr gewissermaßen inne.

Es ist der Erfahrung, die Gott mit uns Menschen verbindet, die ihn schmerzt, so wie sie uns schmerzt: Erkaltete Liebe, die kein Echo mehr findet. Keine Resonanz. Von dem gemeinsamen Haus des Bundes sind nur noch Trümmer übrig. Hinter diesen Worten voll Enttäuschung wird der Schmerz Gottes sichtbar. Was er mit Israel erlebt, verwundet ihn. Gott zeigt uns in seinen Worten seine Wunden, die ihm die erkaltete Liebe schlägt. So, wenn wir diese Wunden sehen, öffnet sich uns ein Raum des Vertrauens. Wer sich uns schwach, verletzlich zeigt, dem können wir vertrauen. So zeigt ja auch Jesus viel später einem Thomas seine Wundmale: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!(Johannes 20,27)“ Es gibt keine Neuanfänge an den Wunden vorbei und ohne sie – nur durch sie hindurch und mit ihnen.

11 Ephraim – wie ein Vogel fliegt davon seine Herrlichkeit, dass sie weder gebären noch tragen noch schwanger werden. 12 Und wenn sie ihre Kinder auch großzögen, will ich sie doch kinderlos machen, sodass kein Mensch mehr da ist. Ja, weh ihnen, wenn ich von ihnen weiche! 13 Als ich Ephraim sah, war es eine junge Palme, gepflanzt in einer Aue; aber Ephraim muss seine Söhne herausgeben dem Henker.

             Genug Rückblick – jetzt ist Gegenwart. Darum Ephraim und nicht mehr Israel. Es geht um das Nordreich und sein Verhalten. Flatterhaft wie ein Vogel sind sie – so wie es schon der Anfang war. Aber in diesem Flattern  verlieren sie alles – die Herrlichkeit, die zukünftigen Generationen, die Zukunft. Alles aus dem einen Grund: Weil Gott selbst sich zurückzieht – śûr von ihnen weicht – von Eltern, Kindern, ganz Israel. Weil er es sich selbst überlässt. Aus der Palme, die eingepflanzt worden ist ins  fruchtbare Auenland, kommt kein Leben mehr. Brennholz, der Axt der Henker preisgegeben.

 14 Gib ihnen, HERR, was immer du geben willst: Gib ihnen unfruchtbare Leiber und versiegende Brüste!

             Dem Propheten entringt sich ein angstvoller Aufschrei. In meinen Ohren: nur das nicht. Nur nicht Gräuel über Gräuel, Schmerz über Schmerz. „Hosea bittet nicht um den Vollzug des gerechten Gerichtes, sondern hin- und hergerissen zwischen Bejahung des Urteiles und Mitleid mit dem Volk, dass Gott ihm die geringste Strafe schicke: nicht Deportation, nicht Tod der Kinder, nicht Abwendung Gottes, sondern Kinderlosigkeit.“(M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980,  S. 139)

Man muss sich das vor Augen halten: In einem Volk, dass sich seiner Existenz auch darin gewiss ist, dass es Geschlechtsregister pflegt, das sich in solchen Registern der Treue seines Gottes versichert, bittet der Prophet um ein Ende der Geburten. als einen letzten „Gnadenerweis“! Selbst in den Mordstätten der KZs wurden Kinder geboren, in den Bombentrümmern von Aleppo und Ost-Ghuta, von Homs, in den Gefahren von Kabul und den Slums am Rande der Welt. Und hier: Mache eine Ende der Geburten für einen frühen Tod. Es scheint, dies sei die einzige Fürbitte, die Hosea noch offensteht!

Ob es weit, zu weit her geholt ist?  Wenn Jesus von der großen Bedrängnis am Ende der Zeiten spricht, dann tauchen ähnliche Bilder auf. „Wenn ihr aber sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen, wo er nicht soll – wer es liest, der merke auf! –, alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf die Berge.  Wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter und gehe nicht hinein, etwas aus seinem Hause zu holen. Und wer auf dem Feld ist, der wende sich nicht um, seinen Mantel zu holen. Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Bittet aber, dass es nicht im Winter geschehe. Denn in diesen Tagen wird eine solche Bedrängnis sein, wie sie nie gewesen ist bis jetzt vom Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, und auch nicht wieder werden wird. Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.“(Markus 13, 14 – 20) Es gibt so schreckliches Geschehen, dass man wünschen könnte, die Weitergabe des Lebens möge zu Ende gehen. Damals schon – heute noch?

15 All ihre Bosheit geschah zu Gilgal; dort bin ich ihnen feind geworden. So will ich sie um ihres bösen Tuns willen aus meinem Hause stoßen und ihnen keine Liebe mehr erweisen; alle ihre Oberen sind abtrünnig. 16 Ephraim ist geschlagen, seine Wurzel ist verdorrt, sodass sie keine Frucht mehr bringen können.

Der Aufschrei des Propheten verhallt. Das Gerichtswort Gottes wird ausgesprochen. Wir wissen nicht, was in Gilgal konkret geschehen war, ob die Worte des Propheten auf geschichtlich fassbare Ereignisse bezogen sind. Der Ort ist mit dem Anfang des Königtums in Israel verbunden. „Da ging das ganze Volk nach Gilgal, und sie machten Saul daselbst zum König vor dem HERRN in Gilgal und opferten Dankopfer vor dem HERRN. Saul aber und alle Männer Israels freuten sich dort gar sehr.“(1. Samuel 11,15) Aber nirgends sonst in der Hebräischen Bibel wird die Errichtung des Königtums zur Ursache der Gerichte Gottes. Darum ist das wohl auch hier nicht hauptsächlich angesprochen.

Nur so viel ist klar: Das Fass des Unrechts und Unglaubens ist zum Überlaufen voll. Gott ist ihnen feind geworden. Er stellt sich gegen sie, treibt sie aus Seinem Haus. Er verweigert ihnen die Liebe. Das aber wird das Ende für Ephraim sein, radikal, an die Wurzel gehend.

Selbst wenn sie gebären würden, will ich die ersehnte Frucht ihres Leibes töten. 17 Mein Gott wird sie verwerfen, weil sie nicht auf ihn hörten. So werden sie umherirren unter den Völkern.

Hinter diesen harten Worten steht das tiefe Wissen: „Ein Israel, das das Prophetenwort als belanglos von sich stößt, ist nicht mehr Gottes Volk, sondern wird – wie einstmals Kain – zum Flüchtling in der Völkerwelt, ohne Ziel und Ruhe.“ (J. Jeremias, ebda.)

Wenn Gott sich zurückzieht, Ephraim preisgibt, dann geht das Land, in dem Israel als Volk Gottes seine Identität empfangen  verloren. Es gibt keine Heimat für Israel mehr, wenn es sich von Gott löst – oder umgekehrt, wenn Gott sich von Israel löst. Dann droht als Folge der Verwerfung Gottes der Verlust der Identität des Volkes und damit seine Auflösung. Ein Volk, das keine Mitte mehr hat, kann nur noch umherirren unter den Völkern.

Das alles ist Folge eines scheinbar so harmlosen Verhaltens – weil sie nicht auf ihn hörten. Sie glauben, damals in Samaria, dass es nichts Neues mehr zu hören gibt. Vielleicht glauben sie auch, damals  in Samaria, es sei schon alles über Gott gesagt. Und sie wüssten doch längst Bescheid. Gott ist keine Frage mehr und auf Gott zu hören ist keine zukunftseröffnendes Tun mehr. „Hosea reißt uns die Augen auf: Wo es ohne das Wort des Herrn so vorzüglich zu funktionieren scheint, ist böser Trug und Schein im Spiel.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 158) Selbstbetrug und Selbsttäuschung. Trifft das womöglich auch auf uns zu – 2018, auf unser Land und unsere Kirchen, wo das Fragen nach Gott, das gemeinsame Hören auf sein Wort irgendwie wie von gestern zu sein scheint, nicht auf der Höhe der Zeit?

Wenn das Buch Hosea hier zu Ende wäre, wenn dieses Worte die letzten Worte des Propheten wären, dann bliebe nur noch Hoffnungslosigkeit, die Vorbereitung auf den Untergang.

 

Mein Gott, es ist zum Erschrecken, dass es so um uns steht, dass wir uns verrennen können, dass wir glauben, alles im Griff zu haben, in Wahrheit aber geht es ins Unheil, in den Untergang.

Es ist zum Erschrecken, dass Deine Leute taub sind für die Stimme, die in Deinem Auftrag warnt, die das Abgründige der Wege benennt, die beschwörend an Dich erinnert.

Aber alle Worte treffen nur taube Ohren und harte Herzen. Sie prallen ab, so wie der Regen von einem Schirm abprallt. Wir fühlen uns gut beschirmt. Wir ahnen nicht, welche Gefahren über uns hängen, Gefahren, die wir selbst heraufbeschwören.

Öffne Du uns die Augen zu sehen, was kommt; die Ohren zu hören, was Du sagst; die Herzen, Deiner Wegweisung zu folgen. Amen