Wir wollen wieder zum Herrn

Hosea 6, 1 – 6

 1 »Kommt, wir wollen wieder zum HERRN; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.

 Was für ein Übergang – hier der löwenartige Gott, der sich verbirgt – und da das erschreckte Volk, zusammengezuckt vor dem Löwengebrüll. Es sind Worte wie aus dem Lehrbuch. Wie aus der Liturgie eines Buß-Gottesdienstes.  „Einige Forscher vermuten eine reale Bußtagsliturgie.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 84) Auch wenn gewohnte Elemente solcher Liturgie fehlen, scheint es doch so, dass Gott  mit seinem Verbergen schon sein Ziel erreicht hat. Bereitschaft zur Umkehr, zur Rückkehr, zu neuem Anfang.

Es ist eine Selbstaufforderung, ein Reden des Volkes mit sich selbst – und die Worte liefern die bußfertige Einsicht gleich mit.  „Die Begründung entspricht genau dem, was die göttliche Pädagogik erreichen wollte, nämlich der Einsicht: Er hat uns zerrissen.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 68)  Für mich liegt es nahe, die Worte in einem Gottesdienst verankert zu sehen: Israel sucht den Herrn, der sich verborgen hat. Sie sehen es: Ohne ihn läuft unser Leben leer.

Es ist stark: Da wird in einem Satz zusammen geschaut, was uns oft Mühe macht: Gericht und Gnade. Wir trennen so leicht, weil wir entweder nur den zornigen Gott sehen oder nur den gnädigen. Diese Worte sehen ineinander: die eigene Schuld, das strafende Handeln Gottes und  die Notwendigkeit der Umkehr. Ich lese so: Auch wenn es kein ausdrückliches Schuldbekenntnis gibt, so ist die Bereitschaft, der Wille zur Umkehr doch zugleich auch Schuldeingeständnis.  

Es sind Worte, die gut tun können, die einladen zum Nachsprechen: Wo ist es in meinem Leben so, dass Gott belastet hat, mir Lasten zugemutet hat und dass er zugleich der ist, der auch wieder entlasten muss. Wo ist das so, dass Gott uns Schmerz zugemutet hat und doch auch der sein wird, der uns in unseren Schmerzen hält. Weil es so Worte zum Nachsprechen sind, haben wir, ich auch, sie unzählige Mal an Gräbern gesprochen, ausgelegt. Und sie verbunden mit dem Gebet, das in ähnlicher Weise klingt:

 „Gelobt sei der Herr täglich.                                                                   Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.                            Wir haben einen Gott, der da hilft,                                                           und den HERRN, einen Herrn, der vom Tode errettet.“                                             Psalm 68,20

Worte voll gläubiger Zuversicht, die auf einen guten Ausgang hoffen, auf den Gott, der nichts lieber will als sich erbarmen. „Die Predigt des Propheten ist demnach nicht ohne Wirkung geblieben.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 57)

 2 Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben. 3 Lasst uns darauf achthaben und danach trachten, den HERRN zu erkennen; so gewiss wie die schöne Morgenröte bricht er hervor und kommt über uns wie der Regen, wie Spätregen, der das Land feuchtet.«

Mehr Glauben geht doch nicht: Er macht uns lebendig – das ist das Eingeständnis: wir sind tot. Er richtet uns auf – wir sind am Boden. So redet niemand, der sich im Vollbesitz seiner Kräfte fühlt, unangefochten nach vorne blickt. Der der Parole huldigt: Weiter so! Die Einsicht hinter diesen Worten: „tödliche Krankheit und akute Lebensgefahr.“ (J. Jeremias, aaO. S. 85) Es kann gut sein, dass hinter diesen Worten das Jahr 733 steht, der Angriff der Assyrer auf das Nordreich. Die Angst vor dem Untergang.

Artikuliert jedoch wird nicht Angst, sondern die verwegene Hoffnung: „Man rechnet in den dunklen Tagen der Not so sicher mit der Wendung zum Guten wie man in dunkler Nacht mit der schönen Morgenröte rechnen kann.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 117) Es ist kein Automatismus, der hier beschrieben wird, stattdessen eine Hoffnung, die sich an der Regelhaftigkeit des Tuns Gottes festzumachen sucht: auf sein Hervorbrechen ist Verlass – und wo er kommt, da blüht das Leben auf, so wie das dürre Land aufblüht, wenn der Regen fällt.

Es ist für mich bewegend: „Im Bußgebet fasst Israel die richtigen Vorsätze und bekennt, dass es darauf ankommt, JHWH zu erkennen. Es behaftet Gott bei seiner Gnade, die sich wie Leben spendender Regen in kurzer Zeit von Neuem auf das Land senken wird.“ (M. Oehming/ R. Micheel, ebda.) So viel Zuversicht. Wie viel haben wir als christliche Kirchen an diesem Bußgebet zu lernen – Auslieferung, Eingeständnis unserer Angewiesenheit, Bereitschaft zu neuen Suchen nach Gott. Nicht dieses müde: Ach Gott – das hatten wir doch alles schon. Kennen wir doch. Ich glaube, dass alle wirkliche Umkehr heute mit dem Eingeständnis anfangen muss: wir müssen Gott neu suchen,  danach trachten, den HERRN zu erkennen. Ohne diesen Hunger nach Gott bleibt es bei uns – alles beim Alten.

 4 Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Ist doch eure Liebe wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht!

 Es ist ein Schock. Eine geradezu unglaubliche harte Reaktion. Gott ist nicht überzeugt. Die Umkehr ist nicht bei ihm angekommen. Nicht von ihm angenommen. Ist es eine Antwort, die im Rahmen einer Bußliturgie laut wird? Die statt des Gnadenzuspruchs die Ratlosigkeit und das Ringen Gottes zur Sprache bringt?  Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Die so erhörungsgewiss beten, treffen auf einen ratlosen Gott, der noch mit sich selbst uneins ist, nicht weiß, wie er reagieren soll und will.

Es gibt die Neigung der Ausleger, aus den Worten Gottes heraus die Umkehr des Volkes für falsch, ungenügend, nicht echt zu erklären. Oberflächlich. Das ganze Bußgebet nur schöne Worte. Es bleibt demgegenüber festzuhalten: „Ihr Bußlied war in Ordnung.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 138) Es steht uns nicht zu, diese Worte nachträglich zu entwerten. Wir werden ja auch für unser eigenes Umkehren keine besseren Worte finden. Wir sollten uns vielmehr hüten, sie zu entwerten. Auch hier gilt, was im Blick auf die Bekenntnisse der Kirche gesagt ist: „Die alte Formel ist die Hüterin der Wahrheit von allen. Sie erinnert uns daran, dass es mehr gibt und mehr gegeben hat als unsere eigene Gegenwart und unsere eigene Sprache.“(F. Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, S. 59)

Woran also fehlt es, wenn das Gebet doch in Ordnung ist? Warum ist Gott nicht zufrieden?  Sein Urteil: Es fehlt der Umkehr an Substanz, am langen Atem. Sie ist so kurzfristig wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht. Es ist eine wetterwendige Umkehr, abhängig von den Witterungsbedingungen: bei schönem Wetter vergessen. Diese Liebe ist nicht beständig. Sie ist wie eine Liebe bei Gelegenheit. Sie erspart sich die harte Arbeit. „Umkehr ist eine schwere Arbeit. Die Abwendung von sich selbst, die Durchkreuzung der bisherigen Lebensattitüden, neues Denken zu lernen und sich neu zu komponieren, ist mit solchen Ängsten, Schmerzen und Zusammenbrüchen verbunden, dass man zunächst das neue Leben darin kaum wahrnehmen kann.“(F. Steffensky, Feier des Lebens, Stuttgart 1991, S. 121)

 Ich frage – mich: kann es sein, dass die vollen Kirchen nach dem 9. September, nach großen Unglücksfällen, nach schlimmen Erschütterungen, dass die Gespräche über Gott und seine Verborgenheit nach dem Tsunami und nach Fukushima, nach, nach, nach… nur solche wetterwendigen Erscheinungen sind? Augenblicke, denen der Tiefgang fehlt, denen die Beständigkeit fehlt?  Kann es sein, dass unser Gottsuchen unter diesem Urteil steht: nur oberflächlich.

Einmal mehr leihe ich mir Worte: „Als Gemeinde müssen wir uns fragen: Was sagt Gott zum Gebet der Christenheit? Was sagt er zu unserem Gebet um den Frieden, zu dem alle Kirchen aufgerufen sind? Tragen auch wir ihm etwa nur zuversichtlich unsere Wünsche vor? Oder lassen wir im Gebet unsere Taten an seinem Willen messen?“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 119) Ich füge hinzu: Nehmen wir es auf uns, treu zu werden, auch wenn Gott uns harte Wege nicht erspart?

Es wird nicht anders gehen, als diese Worte nicht nur an die anderen oder an die Kirche gerichtet zu lesen. Ich muss sie auch so lesen, dass sie mich in Frage stellen, nicht so sehr mein Denken, sondern mein Tun: Ist mein Glaube wie ein flüchtiges Wolkenspiel, wie der vergängliche Tau? Ich habe Zeiten in meiner Berufsarbeit vor Augen, in denen mich der Gedanke geplagt hat: Du fängst vieles an, aber du machst nichts fertig. Du bist nicht treu, wenn es um die Begleitung von Menschen geht. Du lässt sie nach der Beerdigung in ihrem Trauerprozess alleine. Du bist einer, der Verbindungen schleifen lässt. Es fehlt dir an Beständigkeit. Dein Tun ist wie der Tau – flüchtig.

Aus solchen Gedanken kann ich mich nicht durch selbst erteilten Freispruch herauslösen. Da ist viel Wahrheit drin. Was mir bleibt – als Antwort, ist, dass ich ihnen entgegen stelle, was ich zutiefst glaube. Die Treue Gottes ist nicht wieder Tau und die Liebe Gottes ist nicht wie eine Wolke, die am Himmel dahin treibt. Gott ist beständig in seiner Treue und diese Treue umgreift mich trotz all meiner Unbeständigkeiten.

  5 Darum schlug ich drein durch die Propheten und tötete sie durch die Worte meines Mundes, dass mein Recht wie das Licht hervorkomme. 6 Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.

             Weil es so mit dem Volk ist, wie es ist, braucht es die Propheten. Ihren Widerspruch, ihr Dreinschlagen mit Worten. Ihr Zerreißen der falschen Sicherheiten. Es geht nicht um „prophetische Gemetzel“ in der Spur eines Elia oder Elisha. Hier ist kein zweites Blutbad in der Art des Karmel (1. Könige 18) oder in der Art des Jehu (2. Könige 9) im Blick. Sondern: „Hosea sagt: dass Jahwe mit einer momentanen Aufwallung und mit einer Hinneigung zu ihm, die sich bald wieder auflöst, nicht zufrieden sein kann, erkennt ihr daran – und wisst ihr wohl – dass er für das Verhalten zu ihm dauernde und gültige Regeln aufgestellt hat, die deshalb, in Stein gehauen, von Mose verkündet und von den Propheten immer wieder in Erinnerung gebracht worden sind, so „dass meine Ordnung wie das Licht hervortritt.“ (W. Rudolph, aaO. S. 139) Begründet ist diese Sicht für den Exegeten durch seine Übersetzungsvariante zu V. 5: „Dabei habe ich`s in Stein gehauen durch den Propheten, vom Berg her sie unterwiesen durch die Worte meines Mundes, so dass meine Ordnung klar wie das Licht heraustritt.“ (W. Rudolph, aaO. S. 131)

       Daran schließt sich gut an, was als positive Wegweisung zu lesen ist: Liebe statt Opfer, Erkenntnis statt Brandopfer. Noch einmal: sie sind mit dem neuen Suchen des Herrn auf dem richtigen Weg.  Sie sollen sich von diesem Weg nicht abbringen lassen durch einen Gottesdienst, der in der Reichhaltigkeit der Brandopfer seine Sicherheit sucht. Der Gotteserkenntnis nachjagen – das hat Verheißung. Die Quantität der Opfer zu erhöhen nicht.

Mit diesem fast wie eine Formel klingenden Satz ist Hosea in unmittelbarer Nachbarschaft zu Amos: „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen –Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Amos 5, 21 – 23-24); – zu Micha: „Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,6.8); – zu Jeremia:  „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Tut eure Brandopfer zu euren Schlachtopfern und fresst Fleisch! Denn ich habe euren Vätern an dem Tage, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern; sondern dies Wort habe ich ihnen geboten: Gehorcht meiner Stimme, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein; wandelt ganz auf dem Wege, den ich euch gebiete, auf dass es euch wohlgehe.“(Jeremia 7, 21 – 23) Immer geht es darum, dass Gott sich nicht kultisch abspeisen lässt. Er will unsere Hingabe, unsere Treue, unser Leben in seiner Spur.

 

Mein Gott, wo sollen wir denn hin gehen wenn nicht zu Dir? Wer soll uns denn heilen wenn nicht Du? Bei wem finden wir denn Zuflucht, Trost und Geborgenheit, wenn Du Dich uns entziehst?

Es ist ein hartes Eingeständnis: Wir haben kein Recht darauf, dass Du uns hörst, dass Du zu uns sprichst, dass Du Dich unser annimmst.

Wir haben kein Recht, weil wir zu oft nur so vorbeigeschaut haben bei Dir , weil wir einfach weiter gemacht haben wie zuvor, allen Umkehrbeteuerungen zum Trotz.

Gib Du uns, dass unsere Umkehr zu Dir wahrhaftig wird, dass wir beständig werden darin, Dich zu suchen, dass wir an Dir, bei Dir bleiben – mit unserem Vertrauen und in Deiner Spur in unserem Handeln. Amen