Wenn Gott sich verbirgt

Hosea 5, 8 – 15

Es ist ein krasser Themenwechsel. Nicht mehr Gottesdienst, sondern Krieg. Nach einer wahren Mord-Orgie im Norden – König um König fällt dem zum Opfer, kommt es zum Kampf der beiden Teil-Reiche in Israel. Was hier im Folgenden verhandelt wird, hat mit den Kriegen der Zeit zu tun. Dem syrisch-ephraimitischen Krieg um das Jahr 733.

 8 Stoßt ins Horn zu Gibea, in die Trompete zu Rama! Erhebt das Kriegsgeschrei zu Bet-Awen: Dir nach, Benjamin!

             Bruderkrieg. Zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda. “Widderhorn und Metalltrompete rufen die ahnungslose Bevölkerung zu den Waffen.“(J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, s. 80) Die Orte, die genannt werden, liegen alle auf der Heerstraße, von Jerusalem nach Samaria.

9 Ephraim soll zur Wüste werden am Tag, da ich sie strafen werde. Den Stämmen Israels habe ich kundgetan, was fest beschlossen ist. 10 Die Oberen von Juda sind denen gleich, die die Grenze verrücken; darum will ich meinen Zorn über sie ausschütten wie Wasser.

In den Worten Hoseas steht Ephraim für Israel. „Ephraim bezeichnet das Nordreich, das Hosea nie Israel nennt, weil dieser heilige Name dem ganzen Volk Israel als heilsgeschichtlicher Größe vorbehalten bleiben soll.“(M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 108) Das Erschreckende dieses Krieges: sie tun sich gegenseitig Gewalt an. Juda hat die Gunst der Stunde zu nützen gesucht, um sein Gebiet zu erweitern, Grenzen zu verrücken. Aber es wird nicht damit durchkommen, genauso wenig wie Ephraim mit seinen Plänen durchkommen wird.  Gott steht über den Parteien und sein Prophet sagt beiden Seiten das Gericht an. Ihre Pläne werden scheitern.

 11 Ephraim leidet Gewalt, zertreten ist das Recht; denn es gefiel ihm, dem Nichtigen nachzulaufen. 12 Ich aber war für Ephraim wie Eiter und wie Knochenfraß für das Haus Juda. 13 Als Ephraim seine Krankheit sah und Juda sein Geschwür, zog Ephraim hin nach Assur und schickte zum Großkönig. Aber der kann euch nicht heilen noch euer Geschwür entfernen.

             Dieses Scheitern ist nicht einfach nur Folge der Machtkonstellationen. Es ist Gericht Gottes. Es sind anstößige Bilder, die hier gebraucht werden. Gott – wie Eiter, wie Knochenfraß. Es ist Gott, der hier zur inneren Zersetzung wird, der die Kraft beider Reiche von innen her aushöhlt.  H. W. Wolff übersetzt wie die ältere Luther-Übersetzung die entsprechenden Worte anders: Motte und Made. Also: Schädlinge. Selbst wenn die Übersetzung nicht haltbar sein sollte – worum es geht ist klar: Gott wird zum Schädling, der zerstört.

Die Reaktion: Ephraim sucht sich gegen seine eigene Schwäche durch Bündnis-Partner zu sichern. Sie suchen Zuflucht beim Großkönig aus Assur. So bewahrheitet sich das harte Urteil: sie laufen dem Nichtigen nach. In der Perspektive Gottes ist auch Tiglat-Pileser nichtig.

14 Denn ich bin für Ephraim wie ein Löwe und für das Haus Juda wie ein junger Löwe. Ich, ich reiße sie und gehe davon; ich schleppe sie weg, und niemand kann sie retten.

   Es sind vergebliche Versuche – ob im Norden oder im Süden. Die Koalitions-Versuche sind alle zum Scheitern verurteilt. Weil sie an Gott vorbei Rettung suchen. „Sowohl im Norden wie im Süden wendet sich die Prophetie gegen die Hoffnung auf assyrische Hilfe, nicht aus politischen Erwägungen, sondern aus der Glaubensüberzeugung, dass keine menschliche Macht hier Gott in den Arm fallen, ihn von der Durchführung seiner Entschlüsse abhalten kann.“(A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 56)Es ist erneut ein erschreckendes Bild: Gott ist für Norden und Süden wie ein Löwe, der seine Beute reißt. Ihm gegenüber sind die hochgerüstetes Truppen Tiglat-Pilesers – Nichtse.

Aus dem Vertrauen auf dieses Nichts wird es nur ein furchtbares Erwachen geben. Und wir heute? Lesen das und beruhigen uns selbst: wir sind stark. Wir sind durch unsere Bündnis-Partner, die NATO geschützt. Wir haben hoch wirksame Waffen-Systeme. Wir sind geachtet. Unsere Wirtschaft boomt. Und alle Welt braucht uns, so wie wir alle Welt brauchen. Das System der wechselseitigen Abhängigkeit sichert unsere Sicherheit. Ist das alles wahr, tragfähig? „Wir sind alle in der Gefahr, dem Nichtigen zu folgen in falschen Bündnissen, denen, die nicht helfen können, Reverenz zu erweisen, wo wir uns den Machtblöcken unterwerfen. Wenn wir nicht den wahren Herren in den geschichtlichen Nöten und Aufgaben suchen, werden uns die Verwicklungen zum Unheil.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 111) Bleibende Mahnung bis heute.

Es ist eine harte Wahrheit: Im Krieg gibt es nur Verlierer. Keine Sieger, auch wenn sich manche als Sieger feiern möchten. Im Krieg wird Leben zerstört. Nicht nur mit den Toten, auch in den Überlebenden.

Als junger Mann war das für mich keine Thema meines Nachdenkens. Wohl aber jetzt im Alter. Mich beschäftigt, wie viele wunden an Leib und Seele mein Vater in den sechs Jahren von 1939 bis 1945 davon getragen hat. Blitzkrieg in Polen, Frankreich-Feldzug, Russland mit Stalingrad und Kopfschuss als Ende, Partisanenkämpfe in Italien. Er hat überlebt, aber in seinen Erfahrungen, Ängsten, Schmerzen „lebenslänglich“ bekommen. Das sind die eigentlichen Altlasten des Krieges – nicht ein paar Gebietsverluste, sondern die Verletzungen in den Seelen. Die werden auch nicht heil durch mächtige Bündnis-Partner.

15 Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld büßen und mein Angesicht suchen; wenn’s ihnen übel ergeht, so werden sie mich suchen.

Es wirkt wie eine vage Hoffnung Gottes: Er wird sich zurücknehmen, zurückziehen und das wird sie aufwecken und aufschrecken. Wenn er sich verweigert, werden sie es erkennen, dass er ihnen fehlt. Ein Rückzug Gottes – in den Himmel? Auf den Sinai? Damit er nicht wie ein Löwe wütet? Es könnte sein, das schwingt mit: Gott geht auf Abstand, damit er nicht seinem Zorn freien Lauf lassen muss. „Die Nähe Gottes wäre dem schuldigen Volk jetzt tödlich.“ (J. Jeremias, aaO. S. 83) Sein Rückzug eröffnet Raum zur Besinnung, womöglich auch zur Schulderkenntnis und zum Schuldgeständnis. Dann kann es zu einem neuen Aufbruch kommen: so werden sie mich suchen.  „Not lehrt beten.“ weiß der Volksmund. „Aufgrund von negativen Erfahrungen werden Menschen angeregt, sich auf ihre letzten Grundlagen zu besinnen und Gott zu suchen.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003; s. 68) Die Voraussetzung dafür ist, dass es eine Kirche gibt, die daran erinnert: Gott ist gegenwärtig. Gott hört, wenn wir nach ihm rufen. Gott entzieht sich nicht dem, der zu ihm umkehren will.

Es gibt eine Erzählung, die wohl auf diese Worte zurückgeht: Das Versteckspiel.

„Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: „So spricht Gott auch: ‘Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.’“ (M. Buber: Die Erzählungen der Chassidim, S. 191)

 

Heiliger Gott, wenn Du Dich verbirgst, werden wir Dich suchen? Oder klagen wir Dich nur weiter an? Sagen wir: Du musst Dich doch bemerkbar machen, eindeutig und unverwechselbar! Es ist Deine Schuld, dass wir Dir nicht vertrauen. Versuchen wir so, uns herauszureden und geraten nur immer tiefer in die Gottesferne?

Aber Du bist in unsere Welt gekommen in der Gestalt der Liebe, des Erbarmens, des Vergebens. Du hast ein menschliches Gesicht, Menschengestalt angenommen, damit wir Dir vertrauen, Deinem Sohn Jesus.

Heiliger Gott, rühre uns neu an mit Deinem Geist, Deinem Wort, dass wir Dich suchen. Du willst Dich ja doch finden lassen. Amen