Was wir schuldig bleiben

Hosea 4, 1 – 14

 1 Höret, ihr Israeliten, des HERRN Wort! Der HERR rechtet mit denen, die im Lande wohnen; denn es gibt keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes im Lande, 2 sondern Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben überhandgenommen, und eine Blutschuld kommt nach der andern.

             Warum diese ausdrückliche Aufforderung: Höret, ihr Israeliten, des HERRN Wort! Es geht wohl darum, dass Hosea signalisiert: Ihr seht und hört nur einen Menschen. Aber dieser Mensch sagt nicht: Ich denk mal. Er sagt nicht seine Meinung. Er sagt des HERRN Wort. Die Adressaten: „Angeredet ist hier das Nordreich“ (M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 77)  – die Söhne Israels.

Es folgt der Befund. Gottes Befund: keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes Das Land ist am Boden – moralisch und geistlich. Statt eines funktionierenden Gemeinwesens herrscht Chaos. Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen. Weil das so ist, muss Gott mit allen, die im Land leben rechten. Sie zur Rechenschaft fordern.  Weil das Volk nicht in seinem Leben dem entspricht, was das Wesen Gottes ist -Treue und Liebe. Die Forderung von  ʼemet  =Wahrhaftigkeit, Treue, Zuverlässigkeit und esed = Liebe. innere Verpflichtung zur Gemeinschaft als der beiden Grundpfeiler menschlichen Zusammenlebens hat ihre sowohl Gott als auch den Menschen zugewandte Seite.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 41) Vereinfacht: Weil es nicht gut steht um die Beziehung Israels zu Gott, steht es auch nicht gut um das Miteinander. Und Umgekehrt: Weil das Miteinander gestört ist, ist auch die Gottes-Beziehung gestört.  

 Darum wird die Erde dürre stehen, und alle ihre Bewohner werden dahinwelken; auch die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer werden weggerafft.

           Das hört sich ausgesprochen modern an: Die Zerstörung der menschlichen Ordnung wirkt sich unmittelbar auf die Umwelt aus. Die Verschmutzung der Seelen findet ihre Fortsetzung in der Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt. Alles wird in den Abstieg mitgerissen. „Der Mensch, der aus Gottes Liebe herausfällt, zieht die ganze Erde, ja alle Kreatur mit in den Strudel der Vernichtung.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 82) So gesehen ist also alles, was wir als Klimakatastrophe und Artensterben erleben ein Indiz dafür, dass die Beziehung der Menschheit zu Gott nachhaltig gestört, zerstört ist. Und wir als Kirchen haben daher nicht nur Analyse zu treiben, sondern vor allem: Zurückzurufen in das Leben mit Gott, in den Gehorsam, in die Treue und Liebe.   

 4 Doch soll man niemand verklagen noch zurechtweisen, sondern allein dich, Priester, klage ich an. 5 Straucheln sollst du bei Tage, straucheln soll auch der Prophet mit dir des Nachts; auch deine Mutter richte ich zugrunde. 6 Zugrunde geht mein Volk, weil es ohne Erkenntnis Gottes ist. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, will ich dich auch verwerfen, dass du nicht mehr mein Priester sein sollst. Weil du die Weisung deines Gottes vergessen hast, will ich auch deine Kinder vergessen.

            Die Hauptlast der Schuld: Priesterversagen. Sie sind die, die das Volk so haben verkommen lassen. Das macht Gott so zornig: Zugrunde geht mein Volk, weil es ohne Erkenntnis Gottes ist. Man muss wohl darauf schließen: Die Priester haben ihre Aufgabe „auf die Handhabung der kultischen Technik (Opfer usw.)“ (A. Weiser, aaO. S. 45) reduziert. Sie haben nicht ihre eigentliche Aufgabe wahrgenommen, das Volk in eine innere Lebensbeziehung zu Gott zu rufen.

Es ist ein hartes Urteil über die historischen Zusammenhänge hinaus: „Die Organisation des religiösen Lebens ist hier wie so oft der Tod der lebendigen Religion geworden.“ (A. Weiser, ebda.) Es ist wohl so, dass man – selbst Pfarrer, Theologe, zum Lehren gerufen – diese Worte nicht lesen kann, ohne abgrundtief zu erschrecken. wie sehr sind wir damit befasst, alles Mögliche zu organisieren, zu diskutieren, zu kommentieren. Pfarrer*in sein heißt heute Manger*in sein. Unterhaltungskünstler*in. Es ist ein harter Einwurf, der trifft: „Auch unsere Generation wird von Gott nicht nach ihren eigenen Ideen und nach der Breite ihrer Unternehmungen gefragt werden, sondern einzig danach, wie wir uns zu der anvertrauten Botschaft von Jesus verhalten haben. Mehr schulden wir der Welt nicht. Aber das schulden wir ihr wirklich.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 87  )

Es gibt wenige Texte in den Propheten, die mich so unvermittelt treffen wie diese Worte. Weil es natürlich so ist, dass ich in diesen Worten gegen die Priesterschaft fast automatisch die Frage in mir selbst gestellt höre: und wie ist es mit uns, Pfarrerinnen und Pfarrern? Ich versuche mich davor zu hüten, über die Jahrtausende hinweg eins zu eins zu übertragen. Erst recht möchte ich keine Anklagen gegen die „Schwestern und Brüder im Amt“ ableiten. Aber ich lese diese Worte als die Anleitung, uns selbst kritisch und eindringlich zu befragen: Sind wir noch bei dem, was unser Auftrag ist? Sind wir noch „Kirche des Herrn“(J, Hendriks?

Es ist ja so: wir, auch ich als Ruheständler, sind Teil eines kirchlichen Betriebes, den ich manchmal wie Leerlauf empfinde. Und manchmal habe ich über all unseren kirchlichen Worten zur Zeit das Gefühl: Wir machen als Kirche viele Worte zur Zeit, aber wir bleiben der Zeit das eine Wort schuldig, das uns aufgetragen ist, den Ruf hin zu Gott. Ob als Rückruf oder als Ruf, der noch nie gehört worden ist.

7 Je mehr ihrer wurden, desto mehr sündigten sie gegen mich; ihre Ehre tauschten sie gegen Schande. 8 Sie nähren sich von den Sündopfern meines Volks und sind begierig nach seiner Schuld. 9 Darum soll es dem Priester gehen wie dem Volk; denn ich will an ihm heimsuchen seinen Wandel und ihm vergelten sein Tun: 10 Sie werden essen und nicht satt werden, Hurerei treiben und sich nicht mehren, weil sie den HERRN verlassen haben, um festzuhalten an 11 Hurerei. Wein und Most rauben den Verstand.

Es ist ein sich selbst verstärkender Leerlauf. Alle folgen der gleichen Logik. Alle suchen für ihr Verhalten die Bestätigung in der Anerkennung ihrer Ehre durch die anderen. Alle sind damit beschäftigt, Sündopfer zu bringen, weil sie sich davon nähren. Kann es sein, dass es ein ständiges Reden von Schuld und von der Notwendigkeit Schuld zu sühnen durch Opfer nur deshalb gibt, weil dadurch der eigene Status gesichert wird? Es ist dies ja ein Verdacht, der bis heute bei Religionskritikern nicht zum Schweigen kommt: Priester machen Leute eine schlechtes Gewissen, weil das schlechte Gewissen der Leute ihre Existenzberechtigung erweist.

Einer solchen Haltung muss Gott entgegentreten, denn sie sucht in Wahrheit ja nicht Gott und seine Ehre, sondern nur das eigene Auskommen. „Eine Priesterschaft, die dem Gottesvolk das einzig Lebensnotwendige vorenthält, muss Gott verwerfen.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 66) Es wird sich erweisen, dass man sich so zwar zu nähren suchen kann, womöglich auch sein Auskommen findet, aber es ist der Weg in eine innere Leere. Die Leere der Priester in ihrem Reden und tun findet ihre Spiegel-Bild in der Leere des Volkes. Was sich hier zeigt,  ist der Weg in eine tiefe Vergeblichkeit, eine Sinn-Krise, eine abgründige Frustration. „Sie bindet das Geschick von Priesterschaft und Volk aufs engste aneinander.“ (J. Jeremias, aaO. S. 67)Das alles wird gewertet mit dem harten Wort Hurerei. Sie irren ab von Gott und suchen sich andere Zufluchten. Irren umher wie die Betrunkenen. Suchen Halt im Rausch, der doch nur berauscht und benebelt, die klare Sicht verstellt.

 12 Mein Volk befragt sein Holz, und sein Stab soll ihm antworten. Ja, der Geist der Hurerei hat sie verführt, dass sie mit ihrer Hurerei ihrem Gott wegliefen. 13 Oben auf den Bergen opfern sie, und auf den Hügeln räuchern sie unter den Eichen, Terebinthen und Pappeln; denn ihr Schatten erquickt. Darum treiben eure Töchter Hurerei, und eure Schwiegertöchter brechen die Ehe. 14 Ich will’s nicht an euren Töchtern heimsuchen, dass sie Hurerei treiben, und an euren Schwiegertöchtern, dass sie die Ehe brechen. Ihr selbst geht ja mit den Huren beiseite und opfert mit den Tempeldirnen. So kommt das unverständige Volk zu Fall.

Jetzt ist nicht mehr von den Priestern die Rede, sondern nur noch vom Volk, immerhin von meinem Volk. „Wenn Gott es mein Volk nennt, so drückt sich darin sein Schmerz aus, dass er diese bittere Erfahrung gerade bei dem Volk machen muss, das ihn zum Gott hat und von dem deshalb etwas anderes zu erwarten wäre.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 110) Wie viel Enttäuschung schwingt in diesen Worten mit. Auch im Aufzählen der kanaanäischen Orakelpraktiken, die sie auf den Bergen und Hügeln ausüben. Sie haben sich dazu verlocken lassen – durch den Geist der Hurerei. Durch eine Religiosität, die die Sinnlichkeit mehr bedient als der Glaube an den unsichtbaren Gott, der sich allen Götterbildern und allen sinnlichen Feiern entzieht. Es mag die Abscheu vor der Tempelprostitution mitschwingen, die wohl ein Kennzeichen der Kulte rund um Israel war. Aber es geht um mehr als um sittlich-sittsame Entrüstung.

Der Schmerz aber hindert den Propheten nicht, auch Gott nicht, zu differenzieren! Die Schuld der Väter ist größer als die Schuld der Kinder. Es sind die Väter, die es der nachfolgenden Generation vormachen. Es sind die Eltern, die es den Kindern schuldig bleiben, ihnen vorzuleben, was es heißt: Gott vertrauen. Es sind die Vorfahren, die den Weg der Kinder ebnen, hin zu einer Religionspraxis, die Gott längst aus den Augen verloren hat.

 

Mein Gott, wie viel Enttäuschung haben wir Dir bereitet. Du hast uns gesucht. Du hast uns beschenkt mit Deiner Güte, mit Deiner Gnade, mit Deinem Erbarmen, mit Dir selbst.

Wir aber laufen hinter anderen Göttern her, buhlen um Anerkennung, suchen den Erfolg, setzen auf Reichtum und Sicherheit.

Wir bleiben denen, die nicht glauben und nicht mehr glauben, unser Zeugnis schuldig. Wir als Kirchen leben und handeln oft so, als wüssten wir nicht, dass bei Dir allein Zukunft ist, bei Dir allein Hilfe in den großen Nöten, bei Dir allein Wegweisung nach Hause.

Erbarme Dich über Deine Welt und über uns. Amen