Was Gott es sich kosten lässt

Hosea 3, 1 – 5

 Und der HERR sprach zu mir:

Es geht uns als Leser*innen oft so: wir wüssten gerne, wie das ausgesehen hat, sich angehört hat, dieses Sprechen des HERRN. Für Hosea ist eindeutig, dass er mit seinem nachfolgend geschilderten Tun einen Befehl Gottes befolgt. Es ist ein Kennzeichen der Propheten, nicht nur des Hosea: Sie tun, was sie hören und sie sagen, was sie gehört haben. Sie sind nicht die Leute, die ständig Eigeninitiative zeigen. Sie sind abhängig vom vorausgehenden Empfang eines Wortes.

Geh noch einmal hin und liebe eine Frau, die Geliebte eines anderen und eine Ehebrecherin ist, wie auch der HERR die Israeliten liebt, obgleich sie sich andern Göttern zuwenden und Traubenkuchen lieben.

             Noch einmal – das klingt, als hätte Hosea sich aus dem Sinn geschlagen, noch einmal eine Frau zu lieben. Als würde er aufgefordert, nach einer abgrundtiefen Enttäuschung einen neuen Anfang zu suchen. Geht es also um Rückkehr zu Gomer, der Ehefrau, von der die Kinder mit den schrecklichen Namen stammen?

Dann aber müsste eigentlich da stehen: „Geh und liebe deine Frau.“ Das steht aber nicht da und deshalb liegt es nahe: „Hier geht es um eine zweite Ehe mit einer anderen Frau.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 88) Wobei aus der nachfolgenden Näherbestimmung dieser Frau erkennbar wird: Auch diese Ehe ist eine einzige Zumutung. Sie ist alles andere als unbescholten und Hosea soll sie durchaus nicht gutgläubig ehelichen. Die Geliebte eines anderen und eine Ehebrecherin. Diese Frau soll Hosea lieben. Er weiß, auf was, auf wen er sich da einlasssen soll. Es ist ein gewichtiger Einwand: „Kann man denn Liebe gebieten?“(M. Buber, Der Glaube der Propheten, 1950, S. 162) Nein, ist die Antwort – man kann nicht – aber Gott macht es. Trotzdem.

Weil – so wird sofort das Tun des Propheten gedeutet – Hosea in dieser zweiten Ehe abbildet, wie es Gott mit Israel ergeht. Auch er liebt die Israeliten, die sich gleichwohl nicht scheuen, hinter anderen Göttern herzulaufen. Weil es bei diesen Göttern zu essen gibt. Weil sie Traubenkuchen lieben. „Es geht um lustvolles Begehren,… um einen Kult der die Wohlstandsvermehrung und den politischen Erfolg zum Ziel hat, weil man sich bei ihm die Produktion der Landesgaben verdienen kann; daher spielt die Häufigkeit der Feiern und die Sexualität eine wesentliche Rolle.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 54) Was für eine Perversion der Liebe – sie ist nur noch Genuss, nur noch auf das eigene Ich aus, da ist nichts mehr von Hingabe zu finden.

 2 Da kaufte ich sie mir für fünfzehn Silberstücke und fünfzehn Scheffel Gerste 3 und sprach zu ihr: Lange Zeit wirst du bei mir bleiben, ohne zu huren und ohne einem Mann anzugehören, und auch ich werde nicht zu dir eingehen.

             Hosea zahlt – den Kaufpreis. Den Braut-Preis? Kauft er sie frei? Von Wem? „Kauft er sie von ihrem jetzigen Liebhaber oder aus ihrem Elternhaus, wohin sie zurückging, oder erwirbt er sie als Sklavin von ihrem Besitzer, wie es der Preis vermuten lässt oder von einem Heiligtum, dessen Tempeldirne sie geworden war?“ (M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 70) Die Fülle der Fragen zeigt nur eines: wir wissen es nicht. Man tut gut, an dieser Stelle nicht einen Frauenhandel zu finden, der einem Krimi im Fernsehen als Vorlage dienen könnte.

Auch darin wird man sich vor allzu sicheren Urteilen hüten müssen:  „Es handelt sich um eine Frau, die früher verheiratet gewesen war, ihrem Mann die Treue gebrochen hatte und nachdem sie von ihm, der offensichtlich auf die Bestrafung des Ehebruchs verzichtete, geschieden oder getrennt war, ein Luderleben führte.“(W. Rudolph, aaO. S. 90) Fest steht vom Text her nur:  Hosea kauft sie für sich. Und zieht sie, die  a common streetwalker(Zit. Pfeiffer, Introduction to the Old Testament, nach: W. Rudolph, ebda.) war, aus dem Verkehr.  Stellt sie ruhig.  Er mutet ihr Enthaltsamkeit zu. Es wirkt wie blanke Ironie: „Sie fiel aus allen Wolken, als er ( Hosea ) fortfuhr, auch er selbst werde sich nicht mit ihr einlassen. Wozu hatte er sich dann für sie in Unkosten gestürzt? Was war das für ein sonderbarer Heiliger?“ (W. Rudolph, aaO. S. 91)

4 Denn lange Zeit werden die Israeliten ohne König und ohne Obere bleiben, ohne Opfer, ohne Steinmal, ohne Efod und ohne Hausgott.

      Hosea ist nicht sonderbar. Er ist einer, der am eigenen Leib und in der eigenen Ehe  deutet, wie es Gott ergeht und er ist einer, der in seinem Verhalten der Frau gegenüber deutet, was auf Israel als seine Zukunft zukommt. IEnthaltsamkeit wird ihr auferlegt. Liebesentzug. Sperren aller „Annehmlichkeiten“. So deutet das Geschehen in der Zweit-Ehe, wie es Israel ergehen wird. Gezwungenermaßen wird Israel auf alles zu verzichten haben, worauf es vorher gesetzt hat: : König, Obere, Steinmal, Efod, Hausgott. „Viele Tage wird es die staatlich-politische Organisation des König- und Beamtentums und ebenso seine kultischen Gewohnheiten des Landes Kanaan entbehren müssen.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 38) Es ist wie ein erzwungener Rückfall in vorstaatliche Zeiten ohne Struktur und Führungsschicht, ohne Halt in kultischer Ordnung. Das alles umfasst die Ankündigung eines Exils, wie es die Führungsschicht des Nordreiches nach dem Fall Samarias getroffen hat.

Man muss es kaum extra betonen: gleichgültig, wie der Hintergrund dieser Verbindung zu sehen ist – sie ist eine einzige Zumutung für den Mann Hosea. Und seine Botschaft, die er daraus abzuleiten hat, ist so von persönlicher Erfahrung und Schmerz durchtränkt, dass es kaum eine emotional tiefer gehende Identifikation mit den Erfahrungen Gottes geben kann. Hosea erleidet in der eigenen Existenz, was Gott erleidet. Das macht ihn zu einem Zeugen der Liebe Gottes, wie er wohl kaum sonst zu finden ist.

 5 Danach werden die Israeliten umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen, und werden mit Zittern zu dem HERRN und seiner Gnade kommen in letzter Zeit.

 Was für eine Hoffnung! Das ist das Ziel des Vorgehens Gottes. Dieses Elend wird den Weg zur Einsicht und zur Umkehr bereiten. „Er zerschlägt den Staat, zerschlägt die Gottesdienststätten, zerschlägt die Möglichkeiten der Seelsorge. Er macht Israel arm, ehrlos und machtlos unter den Völkern. Hausarrest als Genesungskur. Notzeit als Rettungsmaßnahme.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 73) Muss es immer erst so weit kommen? Es scheint so. Mit allen Sicherungen und allen eigenen Möglichkeiten der Rettung am Ende werden die Israeliten umkehren. Erst wenn sie merken, dass alle eigenen Wege Sackgassen sind und alle eigene Stärke nicht greift, werden sie sich besinnen. Das ist die Gnade des Nullpunktes. Eine harte Gnade.   

             Es gehört zur Nüchternheit des Propheten: eine solche Umkehr ist nicht einfach, nicht leicht. Sie geht nicht gut von der Hand. Sie werden mit Zittern zu dem HERRN und seiner Gnade kommen. Sich zitternd nahen, sich zu Gott heranzittern. Ob Jesus solche Worte mit im Sinn tat, wenn er seine Geschichte erzählt? „Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.“(Lukas 15, 17-20) Nicht auszudenken, wie schwer die letzten Schritte auf diesem Weg fallen.

 

Was hast Du es dich kosten lassen, dass wir zu Dir gehören. Alles hast Du gegeben, um uns zu gewinnen. Mit Gold und Silber ist es nichtgetan. Alle Reichtümer der Welt reichen nicht aus. Darum gibst Du Dich selbst, gehst in Deiner Liebe bis zum Äußersten, bis ins Dunkel des Todes, damit Du uns herausholst aus den Abgründen, in die wir uns verrannt haben, aus dem Tod, der uns im Griff hatte.

Ich danke Dir für Deine Hingabe, für das Kreuz, Zeichen der Liebe, in dem Du uns gewinnst, für die Liebe, die fest steht für Zeit und Ewigkeit. Amen