Von Gottes Hoffnungen

Hosea 2, 16 – 25

 16 Darum siehe, ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden. 17 Dann will ich ihr dort ihre Weinberge geben und das Tal Achor zum Tor der Hoffnung machen. Und dort wird sie antworten wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie aus Ägyptenland heraufzog. 18 An jenem Tage geschieht’s, spricht der HERR, da wirst du mich nennen »Mein Mann« und nicht mehr »Mein Baal«.

Darum – ist das nicht unlogisch nach den vorangegangenen Sätzen, der Anklage. der Androhung des Endes der Freuden, der Feste? Mit „darum“ ist die Einheit und Folgerichtigkeit des göttlichen Handelns in Gericht und Heil angedeutet.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 30) Ist das so? Folgerichtig wäre doch die Trennung, die Abkehr, die Suche nach einer treuen Person, nach einem anderen Volk. Darum ist nur folgerichtig, weil Gott ist, wie er ist – zäh und unbeirrt in seiner Treue, seiner Zuwendung.

Sein Weg in die Zukunft mit seinem Volk wird ein Weg zurück sein – in den Zauber des Anfangs. Es ist zum Staunen, im Grunde unglaublich: „Er macht einen Strich unter die Vergangenheit, er bringt es fertig, die Eskapaden der ungetreuen Ehefrau aus dem Gedächtnis zu streichen, und umwirbt sie wie in den Zeiten der ersten Liebe.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 75) )

 Darauf setzt er, dass sein Durchhalten solche Gedanken auslöst:

“Take me back, take me back dear Lord                                                to the place where I first received you.
Take me back, take me back dear Lord                                             where I first believed.

I feel that I’m so far from you Lord,                                                       but still I hear you calling me
Those simple things that I once knew,                                              their memories keep drawing me.                                                                       
A. Crouch, CD Take me back 1975

Ist Gott ein romantischer Träumer? Wenn wir zurückkehren, dorthin, wo es nur ihn und uns gab, dann kann alles gut werden! So scheint er zu denken und sich dabei etwas vorzumachen: Schon in der Wüste gab es die ersten Risse in der Beziehung zwischen Gott und Israel. Schon dort hat er manchmal vor der Treulosigkeit des Volkes wie ein ratloser Gott gestanden.  

 Was für eine irre Hoffnung, möchte man sagen. Gott will es Israel an nichts fehlen lassen. „In der alttestamentlichen Überlieferung ist der Besitz von Weinbergen der Inbegriff des Heils. Wer unter dem Schatten seines Weinbaumes sitzen darf, lebt in der Fülle des Heils.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen, lieben, umkehren.  Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003 ) 

Bedingungslos will Gott geben. Nicht erst vorsichtig abwarten, wie und ob sein Locken ankommen wird. Er setzt alles auf die eine Karte: wenn sie das sieht, seine Zuwendung, wird sie die anderen vergessen. Dann gilt nur noch:  »Mein Mann«. Isch und nicht mehr baʽal. Es scheint die Frage gar nicht zu geben: wie stehe ich da, wenn sie mich stehen lässt?

 19 Dann will ich die Namen der Baale aus ihrem Munde wegtun, dass man ihrer Namen nicht mehr gedenken wird.

             Es sind harte Fragen, persönlich, direkt: „Wer ist dein Baal, auf den du dich verlassen möchtest? Die angeborene Klugheit? Die disziplinierte Leistung? Die triumphale Selbstbehauptung? Die Degradierung des Nächsten? Die materielle Sicherheit und Bequemlichkeit? Die gute menschliche Beziehung? Die opferbereite Frömmigkeit? Es gehört zum Wesen der Baalim, dass sie viel sind. Den besten Erfolg versprechen sie, wenn sie sich paaren.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 46) Es ist gut, solchen Fragen nicht auszuweichen, sondern sie – an sich selbst gestellt – auszuhalten.

             So weit geht Gottes Hoffnung: Wie ausgelöscht wird die Vergangenheit sein. Nicht einmal die Namen sind mehr präsent. Sie werden – das legt die Wendung ihrer Namen nicht mehr gedenken nahe, nicht mehr im Gottesdienst angerufen werden.  War früher Jahwe vergessen – jetzt werden es die anderen Götter sein.

 20 An jenem Tage will ich einen Bund für sie schließen mit den Tieren auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens und will Bogen, Schwert und Rüstung im Lande zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen.

             Es ist ein umfassender Neuanfang – nicht nur mit dem Volk. In diesen neuen Bund wird die ganze Schöpfung einbezogen. Mehr noch – neben den Tierfrieden tritt auch ein Frieden unter den Menschen. Abrüstung – wenn man so will. „Gott will durch Vernichtung aller Waffen Frieden schaffen.“ (M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen und lieben, Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 61

21 Ich will dich mir verloben auf ewig, ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit. 22 Ich will dich mir verloben in Treue, und du wirst den HERRN erkennen.

Darauf läuft es hinaus: Eine erneute Verlobung. Gleich dreimal Ich will dich mir verloben. So stürmisch verliebt ist Gott – so weit weg von dem unbewegten Beweger der philosophischen Gottesvorstellungen,  von der Erst-Ursache der Welt. Gott im Liebesrausch. Wage ich, so etwas überhaupt zu denken, geschweige denn zu glauben: so ist der Gott, an den ich glaube! Aber Gott vergisst im Rausch der Gefühle nicht, was auch nötig ist: Gerechtigkeit –zedek und Recht – mischpat, Gnade – chæsæd und Barmherzigkeit – rachamim, Treue – ėmunah. Wo das Leitwerte sind, kann die Liebe beständig werden.

  23 An jenem Tage will ich antworten, spricht der HERR, ich antworte dem Himmel, und der Himmel antwortet der Erde, 24 und die Erde antwortet mit Korn, Wein und Öl, und diese antworten Jesreel.

             Jetzt funktioniert der Zusammenklang von Himmel und Erde wieder. Jetzt geht Gottes Rufen nicht ins Leere und sein Reden wird Antworten. In Jesreel – Gott sät – kommt es zu neuer Saat und neuer Fruchtbarkeit. Dort, wo die Blutschuld das Land verseucht hatte.  Es mag sein, „die eigenartige Form des Kettenspruchs geht vielleicht auf ursprüngliche Zauberformel zurück.“ W. Rudoph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 82)Aber hier wird aus der Zauberformel ein Versprechen Gottes. Kein fauler Zauber mehr.

 25 Dann will ich mir Israel in das Land einsäen und mich erbarmen über Lo-Ruhama, und ich will sagen zu Lo-Ammi: »Du bist mein Volk«, und Israel wird sagen: »Du bist mein Gott«.

Noch einmal: dann werden auch die Namen geändert, die bis hierher wie ein Unheils-Pendel über Israel schweben. Es ist mit Händen zu greifen, wie diese Namen nicht nur uns heutigen Leser*innen schwer zu schaffen machen. Schon das Hosea-Buch müht sich mit ihnen ab. Und es ist wie ein Aufatmen, dass sie nicht mehr gelten sollen, dass Gott diesen Namen neue Worte entgegensetzt, neues Tun – sein Erbarmen und sein Sagen Du bist mein Volk. Wenn es so weit ist, kann das Volk auch neu – und wahrhaftig antworten: »Du bist mein Gott«.

             Hinter diesen neuen Namen mag historisch konkrete Erwartung stehen: „Wahrscheinlich denkt Hosea an die Heimkehr der von Tiglat-Pileser im Jahr 733 deportierten Bevölkerung. die vertriebenen Bauern kommen heim und werden in die alten Ackerbesitzrechte eingesetzt…Unser Wort zeigt uns also, dass Gott sich nicht bzr erbarmt, sondern dass sein Erbarmen auch Konsequenzen hat.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 66)  Gott ist kein Papiertiger und nicht nur eine Chiffre für das Unfassbare. Er ist lebendig und macht und tut.

Zum Ganze: Wie zäh hält Gott seine Hoffnung fest. Wie hartnäckig bis hin zur Sturheit hält er daran fest, dass alles gut werden kann. Es ist der gleiche Gott, Dr. zuvor in seiner Wutrede jedes Maß verloren hat, ein Gefangener seineR wut. Und jetzt: ein Gehaltener in seiner Treue. Was bedeutet das?

Eine Möglichkeit: Gott kämpft in sich  die gleichen inneren Kämpfe wie wir in uns. Dass er mit sich ringt, dass er mit sich zurechtkommen muss – zwischen Wut und Treue. Mag sein, es ist menschlich von Gott gedacht. Nur; dieser Gott mit seinen inneren Kämpfen, seinem Ringen um die eigene Treue ist mir näher als der unbewegte Beweger, als die Erste Ursache. Näher auch als der große Gott über dem Sternenzelt. Weil dieser Gott sich zur Liebe durchringt. Sie fällt ihm nicht von selbst in den Schoß- Sie ist die Frucht seiner Mühe, seiner Schmerzen, vielleicht sogar seiner Verlustangst. So von Gott zu denken steht in keinen Lehrbuch der Dogmatik Aber so zu denken – dazu ermutigt mich das Wort des Propheten. Dieses Wort lässt etwas ahnen von dem, was in Gott vorgeht, weil es einfach nur sagt, was der Prophet zuvor gehört hat.

 

Mein Gott, Du hältst an Deiner Liebe fest gegen alle Untreue, allen Unglauben, allen Zweifel. Du hältst daran fest, dass Du Dich uns versprochen hast und wartest darauf, dass wir uns in Dein Versprechen hinein bergen.

Du willst uns locken, dass wir den Weg zurück finden zu den Erfahrungen, die uns Dir  haben glauben lassen, zu den Anfangsschritten, dass unsere Liebe erneuert wird, weil wir Deine Liebe sehen, weil wir Dir vertrauen.

Du erinnerst uns an die Schritte unseres Anfangs zu Dir hin, mit Dir, damit wir heute umkehren. Amen