Worauf setzen wir?

Hosea 2, 4 – 15

 4 Rechtet mit eurer Mutter, rechtet – sie ist ja nicht meine Frau und ich bin nicht ihr Mann! –, sie soll die Zeichen ihrer Hurerei von ihrem Angesicht wegtun und die Zeichen ihrer Ehebrecherei zwischen ihren Brüsten, 5 damit ich sie nicht nackt ausziehe und hinstelle, wie sie war, als sie geboren wurde, und ich sie nicht mache wie die Wüste und sie zurichte wie dürres Land und sie nicht sterben lasse vor Durst!

             So fängt eine Prozess-Rede an. Aufgerufen sind als Ankläger – oder nur als Zeugen? – „die Söhne Israels gegen die Mutter Israel.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 32) Man kann fragen, ob in diesen Worten ein letzter Rettungsversuch vor einer Gerichtsverhandlung unternommen wird. Eine Art Sühne-Termin. Die Angeredete soll die Zeichen ihrer Hurerei ablegen. Übertragen: aufhören mit Festen, die den Baal feiern, die Fruchtbarkeit des Landes vergöttern.

Die Aufforderung an die Söhne, so ernsthaft ihrer Mutter ins Gewissen zu reden, ihre Umkehr zu suchen, „hat nur Sinn, wenn Jahwe voraus setzt, dass eben nicht alle Söhne Israels, die ja zugleich seine eigenen Söhne sind, mit dem Treiben ihrer Mutter, d.h. des Volksganzen; einverstanden  sind; diese guten Kräfte im Volk sollen mobilisiert werden.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 64f.) Insgesamt klingt das für mich mehr nach: “Ich gebe dir noch eine Chance” als nach: “Das wirst du büßen.”

 6 Auch ihrer Kinder will ich mich nicht erbarmen; denn Hurenkinder sind sie. 7 Denn Hurerei trieb ihre Mutter, schändlich führte sich auf, die sie getragen hat, sprach sie doch: Ich will meinen Liebhabern nachlaufen, die mir Brot geben und Wasser, Wolle und Flachs, Öl und Trank.

In diesen Prozess, der bevorsteht, werden auch die Kinder einbezogen werden. „Kinder, die sich nicht dem Geist der treulosen Mutter widersetzen, verfallen mit ihr dem Gericht Gottes.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 37)Es ist die Gefahr der Kinder, dass sie Verhaltensmuster der Mutter übernehmen. Genau wie sie den Realien nachlaufen, Brot, Wasser, Wolle und Flachs, Öl und Trank. Es leuchtet mir ein: Hier wird im Bild des Ehebruchs beschrieben, was Gott von Israel erleidet. „Das war es, dass Israel es sich in der Landeskultur wohl sein ließ, dass es aber glaubte, deren Segnungen den Baalen zu verdanken.“(G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes,. Bd. II, München 1965,  S. 148) Ob und wie hier eigene Ehe-Erfahrungen des Hosea mitschwingen, muss – für mich – offen bleiben.

 8 Darum siehe, ich versperre ihren Weg mit Dornen und ziehe eine Mauer, dass sie ihre Pfade nicht findet. 9 Wird sie dann ihren Liebhabern nachlaufen und sie nicht einholen, nach ihnen suchen und sie nicht finden, so wird sie sagen: Ich will wieder zurückkehren zu meinem ersten Mann; denn damals ging es mir besser als jetzt.

Es ist das Verhalten eines Mannes, der seiner Frau die Auswege versperrt. Der sie einsperrt. Der ihr das Verfügungsrecht über sich selbst entzieht. Für uns heute ist das Freiheitsberaubung. Vielleicht verständlich, aber nicht rechtens. Auch dann nicht, wenn es bei der so Eingesperrten zu einem Gesinnungswandel führt. Es bleibt eine Verzweiflungstat: „Die versperrten Wege braucht Gott, um sein Volk zu erneuern zur ersten Liebe.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 39) Ob so ein Verhalten „funktionieren“ wird, fragt die Verzweiflung nicht, auch die Verzweiflung Gottes nicht.

 10 Aber sie weiß nicht, dass ich es war, der ihr Korn, Wein und Öl gab und sie überhäufte mit Silber und Gold; das haben sie für den Baal gebraucht. 11 Darum nehme ich mein Korn wieder zurück zu seiner Zeit und meinen Wein zu seiner Frist und entreiße ihr meine Wolle und meinen Flachs, womit sie ihre Blöße bedeckt. 12 Nun aber decke ich ihre Scham auf vor den Augen ihrer Liebhaber, und niemand wird sie aus meiner Hand erretten.

 Ein wenig salopp formuliert: Die Frau „verehrte den Falschen, buchte die Zeichen der Liebe auf das falsche Konto.“(M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen, lieben, umkehren.  Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 57) Darum gilt jetzt ein neues Verfahren: der so Verschmähte will seine Geschenke zurück.

Wobei es dann zu gewalttätiger Vergeltung kommt: „Der betrogene Ehemann hat Verfügungsgewalt über das ehebrecherische Weib und bestraft sie, indem er sie öffentlich nackt auszieht.“(M. Oehming/ R. Micheel, ebda.) Bloß stellt. Was wir heute als unzulässige Gewalt empfinden und einigermaßen empört ablehnen, ist für damalige Verhältnisse noch ausgesprochen moderat: der Ehemann hätte auch den Tod fordern können!

Es ist viel mehr als eine sorgfältig vorgetragene Anklage vor Gericht. Es ist eine Wutrede, mehr noch ein einziger Wutschrei. So kann man nur sprechen, wenn man zutiefst verletzt ist, gekränkt in dem, was man für seine Ehre hält. Dann vergisst man sich selbst in seinem Zorn und sagt Worte, die man bei klarem Verstand nicht einmal denken würd und die zu sagen man sich schämen würde. Kann es sein, dass Gott über das Verhalten seines Volkes so in Zorn und Wut gerät, dass er sich selbst vergisst, dass er maßlos alle inneren Grenzen überschreitet?

Noch einmal: Wie tief muss einer verletzt sein, dass er so Bilder von ungezügelter Gewalt in sich aufsteigen lässt? Was hier gesagt wird, zeigt ein Frauenbild, wie es heute nur noch in ultra-orthodoxen Kreisen vorstellbar ist. Die Frau als Besitz des Mannes. „Frauen sind nur das ergänzende Gegenstück zum Mann und die Männerstehen über den Frauen, weil Allah die einen über die anderen erhob und weil Männer für sie Mittel aus ihrem Vermögen aufwenden“, so der Koran Sure 2, Vers 228. Unter anderem deshalb betrachten in archaisch-orthodox-islamischen Gesellschaften oftmals Männer Frauen als ihren Besitz.“ (N. Kelek, Das tödlichen Unverständnis, in: Kreisanzeiger 223. 6. 18, S. 2) Wenn die Frau den Mann durch ihre Untreue entehrt, dann darf er seine Ehre wieder herstellen, in dem er sie bloß stellt, entblößt und im Extremfall tötet. Jedenfalls dem sozialen Tod preisgibt.

 13 Ich will ein Ende machen mit allen ihren Freuden, Festen, Neumonden, Sabbaten und mit allen ihren Feiertagen. 14 Ich will ihre Weinstöcke und Feigenbäume verwüsten, von denen sie sagte: »Das ist mein Lohn, den mir meine Liebhaber gegeben haben.« Ich will eine Wildnis aus ihnen machen, dass die Tiere des Feldes sie fressen. 15 Ich will an ihr heimsuchen die Tage der Baale, an denen sie Räucheropfer darbrachte und sich mit Stirnreifen und Halsbändern schmückte und ihren Liebhabern nachlief, mich aber vergaß, spricht der HERR.

Schluss mit Lustig.” (P. Hahne) Die Spaßgesellschaft kommt an ihr Ende. Härter, auch religiös härter: Gott sagt das Ende der Feste Israels an – Laubhüttenfest, Passah und Wochenfest. Alles Feste, von denen es ausdrücklich als Anweisung Gottes heißt: „Und sollst fröhlich sein vor dem HERRN, deinem Gott, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd und der Levit, der in deiner Stadt lebt, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte sind, an der Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name da wohne.“(5. Mose 16,11) Dieser Freude wird das Ende angesagt. Weil Israel hinter den Gaben nicht mehr den Geber Jahwe sieht, die Feste nicht mehr seinem Gott feiert. „Israel hat Feste für die falschen Götter ausgerichtet.“ M. Oehming/ R. Micheel, ebda.)

Wieder ist es so: Der Zorn Gottes wird begründet mit der Untreue Israels. Gott ist wie ein betrogener Ehemann, der seine Ehre dadurch wieder herstellen will, dass er die Betrügerin entehrt und entehren lässt. Sie an andere preisgibt, die über sie herfallen. Das alles ist als Bild für Gott erschreckend, weil es so brutal ist. So stellen wir uns Gott nicht vor.

Es ist auch sonst als Bild weit weg. Götzendienst – die Verehrung der falschen Götter – das trifft unsere Zeit doch nicht. Wir sind nicht mehr gottgläubig. Wirklich nicht? „Uns alle fällt in diesen Zeiten mächtig die Versuchung an, es sei  nicht genug, von dem zu leben, der für uns starb und auferstand. Wir sind drauf und dran, die Klugheit der Sterblichen und ihre  Lebensmethode brauchbarer zu finden.“ (H. W. Wolff, Die aaO. S. 39) Wir setzen auf Wissenschaft, Digitalisierung, Erfolgsorientierung, auf Durchsetzungskraft und Analyse-Fähigkeit. Keine Götter?

 

Mein Gott, es erschreckt mich. Wie oft schreibe ich mir gut, was ich doch empfangen habe. Wie oft vergesse ich, dass meine Erfolge nicht von mir sind, dass Du Gelingen schenkst, Leben bewahrst, Unglück abwehrst. Wie oft feiere ich die falschen Götter unserer Zeit, laufe der Anerkennung nach, glaube an die Wissenschaft, setze auf Stärke und Beziehungen.

Nur auf Dich setze ich nicht, allen Sonntagsgottesdiensten zum Trotz. Herr, erbarme Dich. Hilf Du mir zu neuer Treue. Amen