Neue Namen – neuer Anfang

Hosea  2, 1 – 3

 “Eine Besonderheit des Hoseabuches zieht die theologische Reflexion magisch an. Das direkte und unmittelbare Nebeneinander von Zorn Gottes und Liebe Gottes, von Gnade und Gericht… Man muss einsehen und vollziehen, dass Hosea von Spannungen in Gott weiß.“(M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen, lieben, umkehren.  Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003 , S. 56) So also folgt auf das Gericht, das sich in den schrecklichen Namen der Kinder anbahnt, die so völlig andere Botschaft, die wie eine Zurücknahmen dieser Namen wirken kann.

 1 Einst aber wird die Zahl der Israeliten sein wie der Sand am Meer, den man weder messen noch zählen kann.

     Statt Vernichtung – Mehrung. Unfassbar – zahlreich wie der Sand am Meer. Wie von selbst stellt sich die Erinnerung an die Abrahams-Verheißungen ein: „Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“(1. Mose 15, 5) Noch näher am Wortlaut das Versprechen Gottes nach der Verschonung Isaaks:  „Ich will dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres.“(1. Mose 22,17) Statt Untergang Wachstum, in nicht zählbarer und messbarer Fülle.

Auf die Frage: Wann ist das soweit, erfolgt die Antwort: Einst aber. Man könnte auch übersetzen: Dennoch. Es geht nicht um eine Zeitbestimmung. Es geht um das Gegenüber zu den Unheilsworten. Den Unheilsworten des Buch-Anfanges  wird hier „ein Heilszustand in Entstehen“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 34) entgegen gestellt. Weil das Unheil bei Gott und von Gott her nie das letzte Wort behalten wird.  

 Und es soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt ist: »Ihr seid nicht mein Volk«, wird zu ihnen gesagt werden: »Kinder des lebendigen Gottes!«

           Keine freischwebende Botschaft, sondern ortsgebunden. Man wird sagen dürfen: es geht auch um das Land. Konkret wohl zunächst um Jesreel, den Ort der „Blutschuld“ (1,4)Wie der Ort der Schuld zum Ort der Strafe wird, so wird der Ort der Strafe zum Ort der Gnade, an dem der Umschwung verkündigt wird.“(W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 56) An diesem Ort wird dann auch der zweite Name „revidiert.“ Jetzt gilt der Widerruf des Bundes nicht mehr.

Darf man über den Hosea-Text hinaus lesen: das ist Gottes Art. Er handelt nicht im luftleeren Raum, nicht in zeitloser Ewigkeit. Sein Handeln ist immer verortet. Sein Heil ist nie freischwebend. Es ist in Raum und Zeit, geht ein in die Geschichte. Am Schilfmeer, am Sinai, auf Golgatha. Und – so die Erwartung des Hosea: in der Ebene Jesreel.

Jetzt gilt ein neuer, unbelasteter Name: Kinder des lebendigen Gottes! Nicht mehr Hurenkinder. Darum können sie neu leben, weil Gott sich an ihnen als der lebendige Gott erweist. Und darum können sie sich auch von den toten Götzen abkehren. „Im Alten Testament ist die „Lebendigkeit“ Gottes sonst ein Begriff der Psalmensprache, besonders der Klage- und Danklieder, die mit ihm Hoffnung auf Wendung der Not bzw. Dank für diese Wendung verbinden, weil der Lebendige Leben zu schenken vermag.“ (J. Jeremias, aaO. S. 35)

2 Dann werden die Judäer und die Israeliten zusammenkommen und sich ein gemeinsames Haupt geben und aus dem Lande heraufziehen; denn der Tag Jesreels wird ein großer Tag sein. 3 Nennt eure Brüder: »Mein Volk«, und eure Schwestern: »Erbarmen«.

        Darauf läuft der Satz hinaus: Dort, in der Ebene Jesreel wird es zur Wiedervereinigung der beiden getrennten Reiche kommen. Dort wird es ein Ende haben mit den Rivalitäten zwischen Nordreich Israel und Südreich Juda. Eine Wiedervereinigung unter einem gemeinsamen Haupt. Es könnte durchaus zutreffen: „Der Königstitel wird in Blick auf Hoseas Kritik am Königtum bewusst vermieden.“ (J. Jeremias, aaO. S. 35) Das lässt Fragen offen: Vielleicht denkt der Prophet an einen charismatischen Führer wie er der vorköniglichen Zeit entsprach.“(W. Rudolph, aaO. S. 57) Vielleicht aber denkt er doch auch – entgegen der Überzeugung der meisten Kommentare – an eine Rückkehr in die Zeit, als Jahwe selbst sein Volk führte, in der Wüste, auf dem Weg der Verheißung.

Mir scheint es vernünftig, die Frage einfach stehen zu lassen. Das schließt ein, auch die nachfolgende Deutung zwar für möglich, aber nicht für zwingend und allein möglich zu halten: „Wahrscheinlich ist, dass Gott hier einen Hinweis auf den Messias, auf Jesus Christus gegeben hat.“ (M. Holland, Der Prophet Hosea, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 37) Wir tun gut daran, nicht mehr wissen und erklären zu wollen als im Text wirklich zu lesen ist.

Was allerdings im Tex steht: Die Namensgebung der Kinder des Hosea wird korrigiert, nicht für diese Kinder – die müssen wohl ein Leben lang mit ihren unmöglichen Namen herumlaufen. Wohl aber für Israel, für Juda. Es gibt für sie einen neuen Anfang, geschlechtergerecht für Brüder und Schwestern: »Mein Volk«, »Erbarmen«.

 Die neuen Namen sind das Versprechen einer neuen Zeit.  „Dem Volk Gottes gehört die Zukunft.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, S. 22) Und „Was trennt, behält nicht die Oberhand.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 27) So darf man, predigend in eigener Verantwortung, die Wortes des Hosea weitersprechen, in unser Zeit hinein. Es ist das Risiko des Glaubens, sich an diese Worte anzuhängen und ihnen für heute zu glauben.

Manchmal kann man, wenn man diese Nacheinander von Gericht und Widerruf des Gerichtes liest, den Eindruck haben: Gott hält es nicht aus mit seinen Drohungen, Ansagen des Gerichts. Er hält es nicht aus, den Bund zu kündigen, die Geschichte mit seinem Volk ins Leere laufen zu lassen. Seine Liebe zu seinem Volk lässt ihn inkonsequent werden. Gott gebärdet sich wie einer, der ko-abhängig ist.

Kein Vorwurf, sondern im Gegenteil: die Welt lebt von dieser seltsamen Inkonsequenz Gottes. Sie lebt davon, dass Gott wider besseres Wissen zäh an seiner Treue ihr gegenüber festhält. sich nicht beirren lässt durch Bosheit, Unglauben und Treuebruch. Es ist Schlüsselwort über die Art, wie Gott mit der Welt umgeht: „Und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1. Mose 8,21) Gott entlässt sich nicht aus der Bundestreue zu seinem Volk. Er hält an ihr fest.

Das wird Jahrhunderte später noch weiter durchexerziert.  Gott behaftet sich selbst bei seiner Liebe zu seinem Volk und zu seiner Welt. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“(Johannes 3, 16) Es ist gut, diese Treue Gottes glauben zu dürfen in einer Welt, in der Treue ein so angefochtenes Gut geworden ist. Ich glaube an die Treue Gottes uns gegenüber – Gestalt geworden in Jesus.

 

Wie gut, unser Gott, dass Du nicht müde wirst, neue Anfänge zu suchen, nicht müde wirst, auf die Kraft Deiner Güte zu setzen, nicht müde wirst, unsere Umkehr hin zu Dir zu erhoffen.

Ich bin mir nicht mehr so sicher, wie es um unsere Bereitschaft zur Umkehr steht, ob wir nicht doch immer lieber „Weiter so“ wollen.

Du aber willst Umkehr. Darum kehrst Du um, weg von Deinem Zorn hin zu neuer Gnade, ohne alle Angst, dass wir Deine Gnade missbrauchen könnten. Amen