Tiefe Eingriffe ins Privat-Leben

Hosea 1, 1 – 9

1 Dies ist das Wort des HERRN, das geschehen ist zu Hosea, dem Sohn Beeris, zur Zeit des Usija, Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda, und zur Zeit Jerobeams, des Sohnes des Joasch, des Königs von Israel.

Damit fängt alles an: Dies ist das Wort des HERRN, das geschehen ist. Ein Wort an einen bestimmten Menschen, an Hosea, dem Sohn Beeris, setzt Geschichte in Gang. Von dem Vater Beeri wissen wir nichts. Vielleicht ist sein Name bedeutungsvoll: „mein Brunnen“ im Sinn von „meine Erquickung.“ (J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 23) Der Name scheint eine gute Lebensverbindung zu signalisieren zwischen Vater und Sohn.  Sonst ist nichts.

 Es folgt die zeitliche Einordnung. Hosea empfängt diese Worte zur Zeit einiger Könige. Genannt ist mit Jerobeam nur ein  König des Nordreichs, mit den Königen Usija, Jotam, Ahas und Hiskia aber sind gleich vier Könige aus Juda aufgeführt. Das führt zu der im Wesentlichen unbestrittenen Überzeugung: Der Verfasser dieser Zeitangabe „gibt sich damit als Judäer zu erkenne, der nach dem Untergang des Nordreiches die Sorge für das Erbe Hoseas übernahm und ihn durch die Aufzählung der Könige als Zeitgenossen Jesajas kennzeichnen wollte.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 36) Wichtig daran ist: Das Wirken Hoseas ist nicht auf das Nordreich eingegrenzt, auch wenn Israel der Hauptzielpunkt seiner Worte sein wird.

 2 Als der HERR anfing zu reden durch Hosea, sprach er zu ihm: Geh hin und nimm eine hurende Frau und Hurenkinder; denn das Land läuft vom HERRN weg der Hurerei nach.

Vor dem Reden des HERRN durch Hosea ein Auftrag an Hosea – überliefert durch einen Erzähler, nicht durch Hosea selbst. Kein Ich-Bericht, sondern „ein Fremdbericht.“ (W. Rudolph, aaO. S. 39)  Hosea soll Hochzeit halten. Aber nicht mit einer unbescholtenen Frau. Seine zukünftige Frau ist kein unbeschriebenes Blatt. Sie hat einen üblen Ruf.  „Hosea soll ein Frauenzimmer heiraten, das die Standesehre eines Propheten – wenn es so etwas gegeben haben sollte – nicht gerade zu heben in der Lage war.“ (H. W. Wolff, Die Hochzeit der Hure, München 1979, s. 13) Eine hurende Frau – und er soll mit ihr Hurenkinder zeugen. Schockierender kann ein Auftrag kaum sein.  

Bevor die Phantasie, beflügelt durch ungezählte einschlägige Krimi-Einblicke in das Nachtleben-Milieu abhebt, gilt es zu verlangsamen. Es muss nicht um eine Frau mit verwildertem Sexualleben, häufig wechselndem Geschlechtsverkehr gehen, nicht um eine Prostituierte. Es geht ja darum, durch diese Ehe Verhalten Israels abzubilden – und Israel war kein grenzenloses Bordell. Das blieb Konstanz zur Zeit des Konzils, auf dem Hus als Ketzer verbrannt wurde (1406 n. Chr.), vorbehalten.

Hinter diesen schroffen Worten kann eine uralte Vorstellung aus kanaanäischer Mythologie stehen: „Hier ist das Land, das der Bauer beackert, wahrscheinlich als Schoß der Muttergöttin vorgestellt, der in der Regenzeit den Samen des Fruchtbarkeitsgottes Baal empfängt…Der normale israelitische Bauer war automatisch in diesem uralten mythologischen Verständnis des Ackerbodens groß geworden.“(J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 28) Für diese Deutung spricht, dass es eine starke Linie in den Schriften gibt, Israels Fremdgehen mit anderen Göttern als Hurerei zu bezeichnen.

Gegen diese Deutung sprechen die Hurenkinder und die Fortsetzung, die diese Ehegeschichte in Kapitel 3 erfährt. Und: sie wirken wie der Versuch, den Skandal dieser Ehe zu mildern. Schwer vorstellbar bis heute, dass ein Mann Gottes, ein Prophet, eine Hure heiratet. Noch schwerer vorstellbar, dass das eine Zeichenhandlung sein soll – für seine Zeit. Es liegt nahe, sich die Reaktion seiner Umwelt so vorzustellen: „Also dass du mit einem liederlichen Frauenzimmer das Lager teilst, geschieht nur zu unserer religiösen Belehrung? Lieber Hosea, spare deine Sprüche und halte uns nicht für dumm! Wir wissen Bescheid: dich hat es eben auch gepackt, und nun verbrämst du deine Sinnenlust mit einem Gottesbefehl.“ (W. Rudolph, Hosea, KAT XIII/1, Gütersloh 1966, S. 46) Das Ärgernis dieser Ehe bleibt – nicht auszudenken, wie Hosea in ihr belastet war. Diese Last teilt er mit Gott, der sich seinem untreuen Volk verbunden hat.

3 Und er ging hin und nahm Gomer, die Tochter Diblajims, zur Frau; die ward schwanger und gebar ihm einen Sohn. 4 Und der HERR sprach zu ihm: Nenne ihn Jesreel; denn es ist nur noch eine kurze Zeit, dann will ich die Blutschuld von Jesreel heimsuchen am Hause Jehu und will mit dem Königtum des Hauses Israel ein Ende machen. 5 Zur selben Zeit will ich den Bogen Israels zerbrechen in der Ebene Jesreel.

             Hosea gehorcht, heiratet Gomer, die Tochter Diblajims. Manche „wollen das bat diblajim mit „Zweifeigenkuchen-Mädchen“ übersetzen und glauben dies als sprichwörtliche Redensart  verstehen zu sollen für eine feile Dirne, die um zwei Feigenkuchen zu haben ist.“ (A. Weiser, Hosea, ATD 24, Göttingen 1967, S. 18) Sozusagen ein billiges Schnäppchen. Das aber ist nur ein Nebenschauplatz.

Wichtiger ist die Geburt des Sohnes der Gomer und die Namengebung an ihn. Namen sind Botschaften. dieser Name auch: Jesreel. Er erinnert an die Bluttat, die mit einem Gemetzel des Jehu an der Königsfamilie einherging. Er erinnert an das Schlachtfeld in der Ebene, das „wie keine andere Gegend in Palästina traditioneller Kriegsschauplatz war…Der Besitz der Ebene Jesreel entschied über die Herrschaft des Landes.“(J. Jeremias, Der Prophet Hosea, ATD 24,1. Berlin 1986, S. 30) So klingt der Name wie die Ankündigung blutiger kriegerischer Auseinandersetzungen zu einer Zeit, in der alle sich in tiefem Frieden wähnen.

  6 Und sie ward abermals schwanger und gebar eine Tochter. Und er sprach zu ihm: Nenne sie Lo-Ruhama; denn ich will mich nicht mehr über das Haus Israel erbarmen noch ihnen vergeben.

 Es folgt die Geburt einer Tochter. Auch sie wird gezeichnet mit einem schrecklichen Namen. Lo-Ruhama – Ohne Erbarmen. Verweigert wird, was doch der Lebensgrund schlechthin ist. Hinter dem Namen steht das hebräische raamîn, das sich vom Mutterschoß ableitet. Von dort kommt die lebenspendende Zuneigung, die in diesem Namen aufgekündigt ist.   

Wieder richtet sich der Name, als ein Unheilspruch gegen das Nordreich. Gegen Israel. Das also deutet sich schon hier an: Hosea steht als Prophet dem Nordreich mahnend, warnend, drohend und zur Umkehr rufend gegenüber.

 

7 Doch will ich mich erbarmen über das Haus Juda und will ihnen helfen durch den HERRN, ihren Gott; ich will ihnen aber nicht helfen durch Bogen, Schwert und Krieg, durch Ross und Reiter.

             Es ist geradezu ein Kontrastprogramm. Eine Ausnahmeregelung für Juda. Der Unheilsname der Tochter soll keine Gültigkeit für Juda  haben. Der Süden wird anders behandelt werden als Israel. Den einen wird das Erbarmen entzogen, die anderen bleiben unter diesem Schutzschild. Warum? Es gibt keine Begründung. Nur das „dass“. Und das „wie“ wird geklärt: Die Hilfe für Juda liegt nicht in der militärischen Stärke.

Es gibt Ausleger, die dieses Juda-freundliche Wort für eine spätere Zufügung halten, „bei der Leser aus dem Südreich den Gerichtshorizont einengen und ausdrücklich festhalten, nur der Norden wird untergehen, aber der Süden wird weiter bestehen und alle Anfechtungen unbeschadet überleben.“

(M. Oehming/ R. Micheel, Erkennen, lieben, umkehren.  Sieben Texte aus dem Buch Hosea, Texte zur Bibel 19, Neukirchen 2003, S. 50) Wenn das zutreffend sein sollte, muss die Zufügung deutlich vor den Jahren erfolgt sein, die auch den Süden den Untergang brachten, also vor 597.

  8 Und als sie Lo-Ruhama entwöhnt hatte, ward sie wieder schwanger und gebar einen Sohn. 9 Und er sprach: Nenne ihn Lo-Ammi; denn ihr seid nicht mein Volk, so will ich auch nicht der Eure sein.  

Eine dritte Schwangerschaft, eine dritte Geburt. Und ein dritter Schreckensname. Lo-Ammi. Nicht mein Volk. Das ist nicht weniger als die Aufkündigung des Bundes. Es ist der strenge Widerruf der Bundesformel: „Ich bin euer Gott, ihr sollt mein Volk sein.“ .“ Hier wird der Bund als die Existenzgrundlage Israels schlechthin aufgehoben und Gott sagt mit diesem Namen: Ich bin nicht mehr für euch da. Unerreichbar geworden. Es ist die Konsequenz, die sich aus der faktischen Untreue Israels ergibt: so wie sie freiwillig gelebt haben, so müssen sie jetzt leben – ohne die Gegenwart Gottes. 

             Es liegt dem Text fern zu fragen, was solche Namen für die Kinder bedeuten, die sie tragen müssen. Die Zumutung dieser Namen für die Kinder interessiert nicht. Wir können nur angesichts solcher Namen erschrocken fragen: „Wer unter uns würde sein Kind „Sachsenhausen“, „Dachau“ oder nach einem anderen Konzentrationslager benennen, etwa Buchenwald? oder Auschwitz? Wer unter uns würde sein Kind „Friedelos“ oder „Unhold“ nennen!“ (H. W. Wolff, aaO. S. 14) Die ganze Zumutung der Namen seiner Kinder für Hosea wird in solchen Frage anschaulich, so geht Gott mit seinem Propheten um? So hart?

Erschrocken merke ich: nicht nur solche Negativ-Namen, auch die positiven Namen können eine schwere Last sein: Gottlieb, Gottfried, Dorothea, Friedbert, Christin und Chritian, und… . Mit Namen verbinden sich Botschaften, Hoffnungen, Erwartungen und die Namensträger müssen sie tragen, ob sie wollen oder nicht.

Hier wird eine Selbstverständlichkeit unserer Zeit massiv in Frage gestellt. Wir gehen von der klaren Unterscheidung aus – hier berufliche, öffentliche Rolle, da private Existenz. Es gibt in der Pfarrer*innenschaft eine Bewegung, aus dem öffentlichen Pfarrhaus den privaten Wohnsitz zu machen, also diese Trennung zu vollziehen, die längst in anderen Berufen selbstverständlich geworden ist. Privat ist privat.

Auf diesem Hintergrund gelesen sind die Namensaufträge Gottes an Hosea ein Skandal. Gott gesteht dem Propheten keine private Existenz zu. Er akzeptiert die Unterscheidung nicht, die wir selbstredend für gültig halten. Bevor wir Gott als gefühllos betrachten – was, wenn hinter der Wahl dieser Namen der Schmerz Gottes steht? Dann sagen diese Namen, dass Gott es dem Propheten in seine Existenz hinein zumutet, seinen Schmerz zu teilen. Gott will in seinem Schmerz nicht vereinsamen.

Es kann sein, das ist eine Sichtweise, die es neu zu lernen gilt: Nicht nur, dass Gott meinen, unseren Schmerz am Leben, an der Welt, wie sie ist, teilt. Sondern auch umgekehrt, dass wir gerufen sind, den Schmerz Gottes am Leben, an seiner Welt zu teilen. Mit unserer Existenz mitzutragen, was Gott zutiefst belastet.

Das sind Gedanken, die die Namenslast nicht mindern können oder schönreden wollen. Aber sie zeichnen sie in einen anderen Zusammenhang als den der Herrschaft oder gar der Willkür ein.

 

Mein Gott, wie greifst Du in das Leben von Menschen hinein. Was mutest Du nicht alles Menschen zu. Es ist zum Erschrecken, was Hosea abverlangt wird. Es relativiert fast alles, worüber ich manchmal klage.

Lass es mich in meiner Sicherheit nicht vergessen, dass Du frei bist mit den Boten Deines Wortes Deine Wege zu gehen, auch Wege, die ins Zwielicht führen, sie zum Gespött machen, die nicht in die gute Gesellschaft passen.

Nur das eine lass uns wichtig sein, dass wir auf Deinem Weg bleiben, Deinem Wort folgen. Amen