Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten

Amos 9, 11 – 15

 11 Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist, 12 damit sie in Besitz nehmen, was übrig ist von Edom, und alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der HERR, der solches tut.

             Was für ein Abschluss für ein Buch voller Drohungen, voller Gerichtsansagen, voller Unheilsprophetien. Ganz am Ende: Wiederherstellung. Wiederaufbau. Also: Ende gut, alles gut? Hat es Amos, hat es der „Herausgeber“ dieser Worte nicht ausgehalten, so düster zu enden und darum ein paar Heilsworte regelrecht aus dem Hut gezaubert?   „Es handelt sich um Heilsankündigungen, wie sie sonst bei Amos kaum anzutreffen sind. (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 87) Ausnahme: Suchet den HERRN, so werdet ihr leben.(5,6) Diese Ausnahme steht an ihrem Ort auch noch unter erheblichem Vorbehalt: Vielleicht. Überspitzt könnte man sagen: die normale Botschaft des Amos ist Gericht. Untergang.

Umso überraschender, fast befremdend dann diese Ansage. Zur selben Zeit – wann wird das sein? Eine Datierung fällt schwer. Es ist eine Zeitangabe, die in die Ferne weist, in die letzten Tage. In eine Ferne, die hinter dem Gerichtstag Gottes doch noch einen Tag des neuen Anfangs zu glauben vermag. Aber vorausgesetzt ist in dem Wort, dass die Hütte Davids zerfallen, abgebrochen ist, rissig geworden. Das deutet auf ein Wort  und die Zeit nach 722 hin, nach dem Fall Samarias und der Wegführung der Führungseliten

Es ist im Zuspruch doch zugleich ein hartes Urteil. Was vom Haus Davids noch übrig ist, ist eine Hütte, noch dazu eine zerfallene. Ein Trümmerhaufen. nichts mehr ist es mit dem stolzen Königshaus. Der Dynastie, die sich der Beistandszusagen Gottes sicher sein konnte. 

Es ist nicht wirklich erstaunlich, dass diese Worte von Auslegern auf die Zeit des Exils gedeutet werden. Nicht nur auf die Zeit des Untergangs des Nordreiches. Wenn man so liest, wird aus diesen Worten meistens ein späterer Nachtrag konstruiert, fast zweihundert Jahre nach der Zeit des Redens des Amos. In diese Zeit soll es passen, dass der ursprüngliche Glanz der Davids-Dynastie wieder hergestellt wird, dass die Machtverhältnisse gegen Edom und alle Heiden wieder zurecht gerückt werden.

Ich vermag dieser Argumentation nicht zu folgen. Weil die historische Wirklichkeit nach dem Rückweg aus dem Exil ungleich bescheidener ist. Es sind geradezu deprimierende Verhältnisse, in die Israeliten nach 530 zurückkehren. Und von einer Wiederherstellung der Davids-Dynastie ist weit und breit nichts zu sehen. Das führt mich dazu, hier wirklich Worte des Amos zu hören. Ich schließe mich darum gerne an: „Stammen die Worte unseres Abschnittes von Amos oder von einem Ergänzer, das, was sie enthalten, ist echte prophetische Botschaft.“ (E. Jacob/H. Ochsenbein, Gott ist unser Schicksal, Metzingen 1964, S. 84)

Ist es so schwer vorstellbar, dass einer wie Amos, beheimatet in den alten Erzählungen Israels noch einmal anders über die Gerichte Gottes denkt? In der Sintflut bleibt ein Rest, die Sippe des Noah, am Leben. Von der Wüstengeneration, die nach vierzig Jahren ausstirbt, bleiben Josua, Kaleb und die unmündigen Kinder. Und es ist doch die Botschaft des ersten Jesaja, der zeitlich nicht allzuweit vom Amos entfernt ist:  „Hätte uns der HERR Zebaoth nicht einen geringen Rest übrig gelassen, so wären wir wie Sodom und gleich wie Gomorra.“(Jesaja 1,9) Und der gleiche Jesaja weiß: „Ein Rest wird umkehren, ja, der Rest Jakobs, zu Gott, dem Helden.“(Jesaja 10, 21)

Vielleicht sogar noch näher an den Worten des Amos, inhaltlich jedenfalls lässt sich Ähnlichkeit nicht überlesen: „In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich!“(Micha 4, 1 – 5)  Micha ist Zeitgenosse, sowohl des ersten Jesaja als auch des Amos. Es könnte doch demnach durchaus sein, dass dieser Gedanke an eine Wende eben nicht erst nach dem Exil aufkommt, sondern schon vorher im Volk verankert wird und nie in Vergessenheit gerät.

Mir jedenfalls will es nicht unmöglich erscheinen, dass ein Gerichtsprophet wie Amos am Ende seines Weges noch einmal ein neues Wort empfängt. Ein Wort, das den geradlinigen Weg zum Gericht nicht aufhebt, aber ihm doch noch ein anderes Ende entgegenstellt. Das festhält an dem Gott, der nicht den totalen Untergang will, sondern durch alle Untergänge hindurch den Neuanfang.

Das allerdings wird man auch lesen müssen: Keine neue Vormachtstellung für Israel. Kein Groß-Israel. Keine neue Dynastie aus dem Hause Davids. Wohl aber ein neuer Anfang aus der Gerechtigkeit gottes, daraus, dass sie alle aus allen Völkern die Weisungen Gottes hören und zu Herzen nehmen.

13 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass man zugleich ackern und ernten, zugleich keltern und säen wird. Und die Berge werden von Most triefen, und alle Hügel werden fruchtbar sein.

             Es ist die Formulierung, die auf die Zukunft Gottes verweist, die er bringt, nicht auf die Zukunft, die Menschen schaffen: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR. Das ist nicht die Zeit der Futurologen.Nnicht die Zeit der Sterngucker. Nicht die Zeit der Astrologen.  Wohl wahr: „Dem Spruch fehlen alle historischen Anknüpfungen.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 89) Vielleicht ist er jedoch gerade deshalb geeignet, Hoffnung zu entfachen. Hoffnung, die mehr sucht als ein paar gute Ernten mit Überschuss, denen dann wieder sieben magere Jahre folgen. Die auf Leben in Fülle hofft.

Wieder geht mir die Nähe zu Worten des Jesaja durch den Sinn: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.“(Jesaja 25, 6 – 8) Da höre ich viel gemeinsames Hoffnungsgut.

 14 Ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten anlegen und Früchte daraus essen. 15 Ich will sie in ihr Land pflanzen, dass sie nicht mehr aus ihrem Lande ausgerottet werden, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott.

             Das ist der Höhepunkt, auf den alles zuläuft: Die Wende im Geschick Israels. „Wir Mensxchen wären üerfordert, vor allem, wenn es um diese Wende (schebuth) geht.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 227) Hier ist nur noch Gott am Werk. Es ist sein Werk, das den Weg für neues Handeln der Menschen frei macht, für aufbauen, wohnen, Weinberge pflanzen. Früchte essen. Es ist sein Werk, dass das Arbeiten der Menschen nicht mehr vergeblich sein lässt, nicht mehr nur Mühe ohne Ende. Es ist sein Werk, dass sie im Land der Väter wieder neu eingepflanzt werden. Die Landgabe an Israel wird wiederholt.

„Ist das eine Verheißung, die auch dem heutigen Israel gilt?“ Für den Staat heute, der Tag um Tag, durch die Umstände und Feindseligkeiten gezwungen, auch Wunden in das Leben von Palästinensern schlägt? Der in den harten Konflikten der Zeit auf militärische Stärke und Macht setzt? Das weiß ich: so wird die Verheißung Gottes nicht umgesetzt, nicht durchgesetzt.

Ich glaube, dass es seit dem Kommen Jesu, seit Tod und Auferstehung keine Verheißung mehr für einen Nationalstaat gibt. Nicht für Israel, nicht für Deutschland, nicht für Russland, nicht für die USA. Es gibt das Treueversprechen Gottes für die Welt.  „So sehr  hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“(Johannes 3, 16 -17)Worte, die einem Staatsgebilde oder eine Staatsform Verheißungen zusprechen finde ich im Neuen Testament nicht. Es gibt die Verheißung, die Herzen und Glauben gewinnen will – bei Juden und bei Heiden, Menschen aus Israel und aus den Völkern. Am Ende werden wir staunen, weil Gottes Heilswille stärker und weiter ist als unser enges Denken.

Es sind paradiesische Zeiten, auf die das Wort des Amos am Schluss des Buches vorausblickt. Dass das der Schluss eines Buches ist, das mit dem realistisch-nüchternen Blick auf die Gerichtes Gottes seinen Hauptakzent hat; gibt dem ganzen Buch noch einmal einen anderen Anstrich: Es ist der eine Gott, der die gerechten Gerichte ansagt, der am Ende doch das Heil in seiner ganzen Fülle heraufführen wird. Kein anderer Gott. Immer nur Er.

 

Hinter dem Dunkel der Nacht, hinter den Schrecken – ein neuer Tag. Hinter dem Gericht das helle Licht, Deine Gnade.

Heiliger Gott, es wird wohl nicht anders gehen. Der Weg ins Paradies, in die große Zukunft, führt durch das Ende der Welt, in der Unrecht und Gewalt regieren.

Wenn Deine Stadt kommt, Dein Reich kommt, ist es vorbei mit den Reichen und Städten der Welt, mit den Mächten und Gewalten, die auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit bauen, auf Stärke und Unterwerfung.

Dein Reich der Liebe, der Vergebung, des Erbarmens wird zur großen Krise der Welt, wie wir sie kennen.

Halte Du unsere Herzen bei Dir, stark und fest, damit wir den Weg zu Dir nicht verlieren. Amen

 

 

 

3 Gedanken zu „Eine andere Zeit – jenseits der Zeiten“

    1. „Ist das eine Verheißung, die auch dem heutigen Israel gilt?“ Für den Staat heute, der Tag um Tag, durch die Umstände und Feindseligkeiten gezwungen, auch Wunden in das Leben von Palästinensern schlägt? Der in den harten Konflikten der Zeit auf militärische Stärke und Macht setzt? Das weiß ich: so wird die Verheißung Gottes nicht umgesetzt, nicht durchgesetzt.

      Ich glaube, dass es seit dem Kommen Jesu, seit Tod und Auferstehung keine Verheißung mehr für einen Nationalstaat gibt. Nicht für Israel, nicht für Deutschland, nicht für Russland, nicht für die USA. Es gibt das Treueversprechen Gottes für die Welt. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“(Johannes 3, 16 -17)Worte, die einem Staatsgebilde oder eine Staatsform Verheißungen zusprechen finde ich im Neuen Testament nicht. Es gibt die Verheißung, die Herzen und Glauben gewinnen will – bei Juden und bei Heiden, Menschen aus Israel und aus den Völkern. Am Ende werden wir staunen, weil Gottes Heilswille stärker und weiter ist als unser enges Denken.

  1. Welch eine harte Botschaft bei diesem Propheten. Mit so vielen Verlorenen und Verlusten- und diese wunderbare Aussicht am Ende! Lass uns nicht bei denen sein, die durch den Rost fallen. Danke für die Auslegung!!

Kommentare sind geschlossen.