Keine Fluchtmöglichkeiten mehr

Amos 9, 1 – 10

 1 Ich sah den Herrn über dem Altar stehen, und er sprach: Schlage an den Knauf, dass die Pfosten beben und die Trümmer ihnen allen auf den Kopf fallen; und was noch übrig bleibt von ihnen, will ich mit dem Schwert töten, dass keiner von ihnen entfliehen noch irgendeiner entkommen soll! 2 Und wenn sie sich auch unten bei den Toten vergrüben, soll sie doch meine Hand von dort holen, und wenn sie zum Himmel hinaufstiegen, will ich sie doch herunterstoßen. 3 Und wenn sie sich auch versteckten oben auf dem Berge Karmel, will ich sie doch suchen und von dort herabholen; und wenn sie sich vor meinen Augen verbärgen im Grunde des Meeres, so will ich doch der Schlange befehlen, sie dort zu beißen. 4 Und wenn sie vor ihren Feinden gefangen einhergingen, so will ich doch dem Schwert befehlen, sie dort zu töten.

 Amos – in den Tempel geführt. Entrückt? Dort, wo immer das ist, sieht er den Herrn über dem Altar stehen. Ist die Frage nach dem Ort, an dem der Altar steht, nebensächlich? Zweitrangig? Es legt sich nahe: „Vermutlich ist es ein Heiligtum in der Heimat des Amos, in Judäa, möglicherweise der Tempel in Jerusalem.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 188) Diese Vision ist anders als alle vorhergehenden Visionen. Da sieht Amos Heuschrecken, einen Feuerregen, einen mit dem Bleilot, einen Obstkorb. Jetzt sieht er den Herrn. Es ist eine deutliche Steigerung: „Bisher zeigte Gott, was er vorhat, jetzt zeigt sich Gott selbst.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 210) Und Amos hört, was Gott sagt, ansagt.

    Gericht. Ohne Erbarmen. Alle Flucht ist sinnlos. Es gibt keine Zuflucht mehr vor dem kommenden Gericht, das heraufzieht, in den Worten Gottes anbricht. Nicht bei den Toten, nicht im Himmel, nicht auf den Karmel, nicht auf dem Grund des Meeres.

Die Worte lesen sich wie eine Negativ-Version von Psalm 139! Was im Psalm eine Vertrauensaussage ist, die durch mancherlei Ängste und Fluchtreflexe hindurch erkämpft sein mag, das wird hier radikal durchkreuzt. als sinnloser Fluchtversuch enttarnt.

„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                            und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                              Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                   bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.              Nähme ich Flügel der Morgenröte                                                             und bliebe am äußersten Meer,                                                                so würde auch dort deine Hand mich führen                                      und deine Rechte mich halten.                                                            Spräche ich: Finsternis möge mich decken                                           und Nacht statt Licht um mich sein –,                                                      so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,                                      und die Nacht leuchtete wie der Tag.                                                 Finsternis ist wie das Licht.“                       Psalm 139, 7 – 12

Es ist das Wissen der ganzen Schrift, das sich hier noch einmal verdichtet: Vor Gott fliehen zu wollen ist Un-Sinn. Unsinnig, widersinnig, zum Scheitern verurteilt. Die Sehnsucht des Beters nach der bergenden Gegenwart Gottes ist in der Vision des Amos in ein Schreckensgebilde ohne jede Trostmöglichkeit verwandelt.

Es gibt in V. 1 – so die Vermutung desAuslegers – einen Schreibfehler in der Ursprache und ihrer Übersetzung: „Die Septuaginta verwechselt das Wort hakkaphthōr (Knauf) mit dem doppelt so häufig vorkommenden hakkaporæth (Heiligtum)“ (M. Holland, aaO. S. 209) Noch genauer: Gnadenstuhl. Dad ist die Deckplatte auf der Lade, der Ort der Gottesgegenwart. Bedeutsam bis ins Neue Testament hinein: Da ist von Christus die Rede als dem Gnadenstuhl, als dem Ort der Sühne: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit.“(Römer 3,25) Im Griechischen steht da λαστριον das Wort, das im Hebräischen verwechselt worden ist: hakkaporæth. Vielleicht aber ist die Wortverwechselung in Wahrheit ja keine Verwechselung, sondern eine Deutung der Übersetzer: Gott will, dass der Zufluchtsort schlechthin, der Gnadenstuhl zerschlagen wird.

Denn ich will meine Augen auf sie richten zum Bösen und nicht zum Guten.

Jeder, der in Israel lebt, mit Israel lebt, kennt die Worte des Segens: „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 25-26) Unter diesem Segen ist Leben. Unter dem Angesicht Gottes ist Leben. Umso schrecklicher, furchterregend: „Der auf das Volk gerichtete Blick Gottes – seine Gegenwart – führt zum Unheil und nicht zum Heil.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 189) Was der Segen verspricht – das Angesicht Gottes als Zuflucht, als Halt, das wird ins Gegenteil verkehrt.

Ich glaube nicht, dass wir es uns so einfach machen können zu sagen: das gilt ja alles nur damals – um 760 v. Chr.. Nur für das Nordreich Israel., nur für die Juden. Wir als Christen sind auf der sicheren Seite. Wir haben Christus für uns – egal, was ist, egal, wie wir leben.  Die Gegenwart Gottes wird zum Angriff, wo das Leben sich ihm verschlossen hat, wo wir seine Wegweisung für nett, gut gemeint, aber irrelevant für unsere Zeit und unser Leben erklärt haben. Ich fürchte, dass wir die Rede von den Gerichten Gottes allzulange für erledigt gehalten haben. Erledigt durch das Kreuz. Dass wir uns allzulange geweigert haben, das Kreuz als das Gericht über unser Leben anzunehmen und ohne diese Beugung unter das Kreuz sehen wir auch die Gnade nicht.

5 Und Gott, der HERR Zebaoth, ist es, der die Erde anrührt, dass sie bebt und alle ihre Bewohner trauern müssen und dass sie sich hebt wie die Wasser des Nils und sich senkt wie der Strom Ägyptens; 6 er ist es, der seinen Saal in den Himmel gebaut und seinen Palast über der Erde gegründet hat, der das Wasser im Meer herbeirief und auf das Erdreich schüttete. Er heißt HERR!

             Angesagt ist ein Jahwe-Hymnus. Erdbeben, weil Gott es schickt. Weil er die Erde anrührt. Es sind Worte, die von der Größe Gottes zeugen, Gottes-Prädikationen – aber nicht zur Freude, nicht zum Jubel. Es ist die Allmacht Gottes, die Schöpfermacht, die sich jetzt gegen Israel richtet. Die das Gericht heraufführt.

Eine gedankliche Parallele zu diesen,  Worten findet sich im Töpfer-Gleichnis. „Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: »Was machst du? Dein Tun ist ungeschickt!« (Jesaja 45.9)Auch da geht es um die Freiheit Gottes, zu erwählen und zu verwerfen. Der Schöpfer kann auch seine Schöpfung widerrufen. Es ist eines der großen Themen der Propheten: Gott ist in seinem Handeln frei.

 7 Seid ihr Israeliten mir nicht gleichwie die Kuschiter?, spricht der HERR. Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir? 8 Siehe, die Augen Gottes des HERRN sehen auf das sündige Königreich, dass ich’s vom Erdboden vertilge, wiewohl ich das Haus Jakob nicht ganz vertilgen will, spricht der HERR.

             Für die Hörer des Amos ein Schock: Wie kann einer Israel mit Kusch vergleichen? Mit den Philistern? Philister und Aramäer sind die Erzfeinde Israels. Und wenn man in Israel eines zu wissen glaubte, dann die eigene Bevorzugung vor allen anderen Völkern ringsum. Israel ist allein erwählt aus allen Völkern. Das hat doch Amos selbst gesagt: „Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt.“(3,2) Den Nachsatz hatten sie in Israel nur zu gern vergessen: „darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde.“

             Hier aber: Kein Vorzug. Israel ist nicht anders, besser als die anderen Völker. „Die Wege dieser beiden Völker in die palästinensisch-syrische Welt sind genauso von Jahwe gebahnt und durchgeführt wie der Weg Israels aus Ägypten. Wenn Amos der grundlegenden Heilstat Gottes an Israel die Geschichte der Feindvölkern gleichwertig zuordnete, versetzte er jedem Vorzugsbewusstsein einen Schlag ins Gesicht.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 198, S. 42) Das hat Amos seinen Zeitgenossen voraus: er glaubt an Gott als den Herrn der Geschichte und nicht an Gott als den, der sich ein Vorzugsvolk erwählt und den Rest der Völker sich selbst überlässt.

Ein winziger Hoffnungsschimmer. Wiewohl ich das Haus Jakob nicht ganz vertilgen will. Ein Rest soll übrig bleiben. Es ist, als würde Gott sich selbst zur Mäßigung mahnen in seinem Zorn, seinem gerechten Richten.

9 Denn siehe, ich will befehlen und das Haus Israel unter allen Heiden schütteln lassen, gleichwie man mit einem Sieb schüttelt und kein Stein zur Erde fällt. 10 Alle Sünder in meinem Volk sollen durchs Schwert sterben, die da sagen: Es wird das Unglück nicht so nahe sein noch uns begegnen.

Wenn aber Erwählung, dann eine, die sich auch in der Strenge des Gerichtes erweist: Ganz Israel wird durchgeschüttelt werden. Gesiebt werden. Es wird besonders die treffen, die sich in Sicherheit wähnen. Vielleicht sind hier Leute im Blick des Propheten, die nach der Erdbebenkatastrophe von sich gesagt haben: wir sind davon gekommen, wir sind die Guten. Dem hält der Prophet seine Warnung entgegen: „Es gibt keine Möglichkeit, aus dem Bereich des göttlichen Vorhabens heraus zu kommen; und nur sündhafte Leichtfertigkeit kann von einem Zufall reden, in der irrigen Meinung, der Arm Gottes könne ihn nicht erreichen.“ (A. Weiser, aaO. S. 202) Amos ist von einem erschreckenden, heiligen Ernst. Es ist anstrengend, sich dem zu stellen, aber im Ernstnehmen der Botschaft unumgänglich – und eine Korrektur gegen alle Verharmlosungen Gottes.   

Zuweilen kommt mir auf dem Weg ein mordlustig aussehender Hund entgegen. Während ich angstvoll dem Unheil ins Auge sehe, ruft die Stimme eines (dem Hund nicht selten ähnlichen sehenden) „Herrchen“: „Der ist lieb.“ Und zuverlässig folgt als weiterer Satz: „Der tut nichts.“ Die vertraute Wortwahl  erlaubt verblüffende Rückschlüsse auf die Rede vom „lieben Gott“: „Der ist lieb – der tut nichts.“  Lieb sein heißt: Nichts tun. „Willst du wohl liebsein?!“ sagt man dem Kind und meint in den meisten Fällen, dass es etwas unterlassen soll. In dieser Logik zeigt nicht nur eine bestimmte Pädagogik ihr Gesicht, sondern auch eine bestimmte Frömmigkeit. Würde – mit Verlaub – Hund, Kind oder Gott „etwas tun“ so wäre es aus mit dem Lieb-Sein. Der „liebe Gott“ ist „lieb“, nicht nur solange er nichts, sondern weil er nichts tut. Vor dem „lieben Gott“ muss man keine Angst haben. Er tut nichts.“(Hrsg; J. Ebach u. a.; Gretchenfrage. Von Gott reden – aber wie? Gütersloh 2002, S. 110) So einer Sicht tritt Amos entgegen.

 

Heiliger Gott, wir haben Dich verharmlost, zum lieben Gott gemacht, zum guten Gott, zu dem, der fürs Wohlergehen zuständig ist, fürs Vergeben.

Wir erschrecken nicht mehr vor Dir, vor Deiner Heiligkeit. Wir fürchten uns nicht mehr in Deiner Gegenwart. Wir rechnen nicht mehr mit Deinem Tun.

Heiliger Gott, komme Du neu in unser Leben, unsere Welt, unsere so sicheren Kirchen, damit wir  aufgeschreckt werden aus dem Schlaf der Sicherheit.

Wenn es nicht anders geht, nimm ums unsere Sicherheit, damit wir endlich wieder anfangen zu suchen, nach der Bergung in Dir. Amen