Hunger – nach dem Wort?

Amos 8, 11 – 14

 11 Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören; 12 dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden.

             Wechselt der Ton? Wird es versöhnlicher? Oder wird nicht alles nur noch schlimmer? Es kommt die Zeit – eine Zeit, von Gott gesandt und gewollt. Auch Amos weiß nicht, wann diese Zeit sein wird. Er verknüpft ihr Kommen auch nicht mit dem eigenen Geschick, der Ausweisung aus Bethel, der Unwilligkeit, auf ihn zu hören. Es ist Gottes Zeit – er allein weiß sie. „Eigentlich müsste man aufatmen, weil es nun endlich so weit zu sein scheint, dass ein ganzes Volk zu verstehen beginnt, wo die wirkliche Lebensspeise zu finden ist: weil ein ganzes Volk verschmachtet und verhungert nach dem Jahwewort unterwegs ist.(S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 77) Auf der Suche. Das ist es doch: Wir alle sind Suchende, immer Suchende. Wir mögen die auch nicht, die sagen, sie hätten schon gefunden.

Wie anders jedoch hier. „Gott kündigt in einem Drohwort Hunger und Durst an.“(M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 206) Nach Worten des HERRN. Drohwort deshalb, weil dieser Hunger und dieser Durst nicht gestillt werden können. Sie werden durchs Land laufen, von einem Ort zum anderen und nichts finden. Nichts hören. Weil Gott sich in Schweigen hüllt. „Gott muss nicht immer zu uns sprechen.“ (M. Holland, ebda.) Es gibt keine Redepflicht für Gott. Es gibt keine Pflicht für ihn, sich zu zeigen, sich zu Wort zu melden. Er kann sich ins Schweigen verbergen.

Es ist die Steigerung, die das Drohpotential enthüllt. Ist der Hunger nach Brot, der Durst nach Wasser schon schlimm – wie viel schlimmer aber der Hunger und Durst nach dem Wort Gottes? Wenn er sich verweigert, sich ins Schweigen zurückzieht. Israel hat es ja gelernt; überliefert von Generation zu Generation: Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kundtäte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“(5. Mose 8,3) So denkt unsere Zeit nicht mehr, für die das Wort Gottes ein netter religiöser Nachtisch zu sein scheint, aber keine Hauptspeise. Und wenn wir von einem kommenden Hunger nach dem Wort Gottes reden, dann klingt das eher wie die Hoffnung des Verkäufers, der nicht mehr auf seinen Ladenhütern sitzen bleiben will als wie das Drohwort, das sagt: Vergebliche Suche.  „Alles Suchen geht ins Leere, alles Beten bleibt ohne Antwort, jeder Weg bleibt ohne Ziel, jeder neue Tag ohne göttliche Führung und Leitung.“ (S. Wagner/ H. Flender, aaO. S. 78)

Es ist ein Urteil, das die Mehrzahl der Zeitgenossen heute wohl nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, wenn sie es denn überhaupt für relevant hält: „Gottes Wort und seine Kundwerdung ist die Grundlage allen Lebens. Wo die Verbindung mit dieser Lebensquelle abgebrochen ist, sei es, dass Gott schweigt, oder der Mensch die Fähigkeit verloren hat, sein Worte zu hören und zu verstehen, da ist der Tod.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 198) Was für eine Entfernung zwischen diesen Worten und dem Lebensgefühl von heute! Zwischen Amos und uns.

Es ist ein unheimlicher Gedanke: Das Wort Gottes – so verborgen, verschüttet unter den vielen Worten, dass es nicht mehr zu finden ist. Nicht mehr erkennbar in der Flut der Worte, die kirchlich produziert werden. Sonntag für Sonntag von Kanzeln, in der Woche durch Verlautbarungen- Kirche ist in ihren Worten fast omnipräsent. Nur, was ist,  wenn wir durch unsere vielen Worte das eine Wort abgenützt haben, unbrauchbar gemacht haben, ununterscheidbar vom Gerede. Noch einmal erschreckender; Was, wenn Gott unsere Wort-Flut nützt, um sein Wort darin zu verbergen, so dass es unauffindbar ist. Wenn er uns reden und reden ließe, aber den Schlüssel zum Verstehen, zum Erkennen, zum Finden verweigerte – seinen Geist. Was, wenn das Gottes Gerichtsplan ist, dass über dem ganzen kirchlichen Betrieb „Leerlauf“ steht. Amos muss es so ähnlich sagen: Alles Suchen – Leerlauf. Vergeblich.

  13 Zu der Zeit werden die schönen Jungfrauen und die Jünglinge verschmachten vor Durst, 14 die jetzt schwören bei dem Abgott Samarias und sprechen: »So wahr dein Gott lebt, Dan!«, und: »So wahr der Weg nach Beerscheba lebt!« Sie sollen so fallen, dass sie nicht wieder aufstehen können.

          Quer durch die gesamte junge Generation hindurch geht eine regelrechte Vernichtung. Die jetzt noch frohgemut unterwegs sind, sich ewige Jugend schwören, die sich den Göttern ihrer Orte weihen, einer Aschima, einem Dod, die Wallfahrtswege auf sich nehmen nach Beerscheba – sie alle werden sterben. „Wer die Jungend hat, hat die Zukunft.“ So lehrt die Volksweisheit. Amos muss anderes ansagen: ein Fallen ohne aufstehen. Tod. „Die Jugend des Volkes und damit das ganze Volk ist dem Tod geweiht. (A. Weiser, aaO. S. 199) Diese Zeit ist schon im Kommen.

Es ist schwer, diese Worte, diese dunklen Drohungen auszuhalten. Es ist schwer, ihnen nicht zu widersprechen. Sie liegen so völlig quer zu dem, was wir allsonntäglich zu sagen versuchen. Zu dem Zuspruch des Evangeliums, zu den tröstenden Worten von der Gnade, die keinen aufgibt, keinen wegstößt, die auch den verlorenen Sohn – unddie verlorene Tochter – wieder aufnimmt.

Nur, damit die Gnade nicht billig, nicht zum Allerweltswort und zur Ramschware wird, braucht es die Erinnerung: Gott ist nicht zur Gnade verpflichtet. Aber er ist seinem Recht und seiner Gerechtigkeit verpflichtet. „Schonungslos redet Amos. … Hat die Kirche es nicht längst sorgfältig aus ihrem Bewusstsein verdrängt, dass es Stunden gibt, in denen das Wort Gottes in dieser verletzenden, empörenden Sprache verkündigt werden muss?“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 66) Nicht um zu provozieren. Nicht um zu schockieren. Aber um Wachzurütteln. Aus dem Schlaf der Sicherheit. Damit es nicht zu unserem Schicksal wird: „Wer Gott nicht gesucht hat in der Zeit, da er sich finden ließ, der darf sich nicht wundern, wenn sich Gott dann nicht finden lässt, wenn es dem Menschen genehm ist.“(M. Holland, aaO. S. 208)

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“(Matthäus 6, 7-8) Das ist keine Allerweltseinladung, keine jederzeit gültige Lebensweisheit. Es ist die Einladung, den Augenblick heute nicht zu versäumen, um die offene Tür zu Gott zu durchschreiten. Heute, solange noch Zeit ist. Solange er sich noch finden lässt.

 

Mein Gott, daran leide ich, dass ich keinen Hunger nach Deinem Wort sehe. Unsere Kirchen sind leer. Dein Wort wird unbekannt, nur noch ein Feiertags-Relikt.

Mein Gott, daran leide ich, dass so viele Dich vergessen haben, Dich nicht mehr für ihr Leben nötig brauchen, Dein Wort nicht mehr suchen, wenn sie Orientierung suchen.

Daran leide ich, dass wir Dein Wort billig gemacht haben, harmlos, nur ein stumpfes Getöse.

Gib Du doch, dass wir neu hungern nach Deinem Wort, unsere Leere Dir hinhalten, unsere Sehnsucht nicht zukleistern, unsere Armut nicht verschweigen.

Wecke Du in uns neu die Sehnsucht nach Dir. Fange mit solchem Wecken bei mir an. Amen