Wenn der Himmel sich verdunkelt

Amos 8, 1 – 10

 1 So ließ Gott der HERR mich schauen:

Die  Intervention des Amazja wirkt im Text des Buches wie ein Zwischenruf. Sie hält die Visionenfolge nur auf, stoppt sie jedoch nicht. Weil Gott noch nicht am Ende ist mit dem, was er den Propheten schauen lassen will. „Diese Visionsfolge steht ziemlich isoliert in der prophetischen Literatur.“ (G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. II, München 1960, s. 138) Nicht zuletzt das ist bemerkenswert, dass es an keiner Stelle den ausdrücklichen Auftrag gibt, das Geschaute als Botschaft an das Volk weiter zu sagen. Es ist, als würde Amos mit Bildern regelrecht „abgefüllt“. Irgendwann werden sie dann aus ihm herausplatzen.

Und siehe, da stand ein Korb zur Ernte. 2 Und er sprach: Was siehst du, Amos? Ich aber antwortete: Einen Korb zur Ernte. Da sprach der HERR zu mir: Das Ende ist gekommen über mein Volk Israel. Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! 3 Und die Lieder im Tempel sollen in Heulen verkehrt werden zur selben Zeit, spricht Gott der HERR. Es werden an allen Orten viele Leichname liegen, die man hingeworfen hat. Still!

              „Jahwe zeigt Amos einen Korb mit geernteten Feigen, den Früchten des Spätsommers. Amos selbst muss auf die Frage Jahwes hin: Was siehst du? in Worte fassen, was er sieht: einen Erntekorb (kelūb qajitz) Im Wort Ernte(qajitz) klingt Ende (qetz) an.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S.27) Aus dem an und für sich völlig harmlosen, ja freundlichen erfreulichen Bild – ein Obstkorb. Erntefertig – das das Herz eines Bauern erfreuen muss, wird ein Drohbild. Israel ist reif zur Ernte. Das Ende ist da. „Der Satz sieht den drohenden Untergang als eine bereits vollzogene Tatsache.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 186) Er wird gewissermaßen im Wort Jahwes zum Vollzug. Darum auch: Keine Ankündigung mehr. Kein Umkehrruf mehr.

Und wieder: Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! Eine andere Übersetzungsmöglichkeit: „Nicht länger fahre ich fort, ihm zu vergeben.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 197) Die Zeit der Verschonung, der Vergebung ist vorbei. Es breitet sich Totenstille aus. Aus wohlklingenden  Liedern wird schreckliches Heulen. Berge von Leichen überall. Hingeworfen, nicht begraben. Für eine Gesellschaft, die weiß, dass Leichen verunreinigen, eine furchtbare Vorstellung.

             Still. Gilt das dem Propheten, dem damit jede Fürbitte untersagt wird? Jetzt ist nicht mehr die Zeit, um Vergebung zu bitten. Oder ist es so, dass Gott über das Land nicht nur Leichen, sondern auch Schweigen wirft? Eine lähmende, schreckliche Stille? Oder ist Schweigen deshalb ein Gebot der Klugheit, damit der Feind nicht herbei gerufen wird? Alles ist möglich.  

 4 Höret dies, die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet 5 und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn feilhalten können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen, 6 damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein Paar Schuhe in unsere Gewalt bringen und Spreu für Korn verkaufen?

 Jetzt keine Gesichte mehr, Keine Vision. Sondern nur noch Anklage in der direkten Anrede. An die, die sich wie Sieger fühlen, weil sie die Armen unterdrücken und die Elenden im Lande zugrunde richten. Weil sie in ihrem Geschäftemachen kein Maß und keine Pause mehr kennen. Der Sabbat – eine lästige Unterbrechung fürs Geschäftsleben. „Fürs Ausruhen, die Freude an unserer Hände Arbeit und das Gotteslob bleibt da keine Zeit mehr, wo der Gewinn alles Denken beherrscht.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 201) Das klingt wie Fremdsprache damals schon und auch heute, in einer Zeit, die allenfalls noch die After-Work-Party kennt, sonst jedoch weder Rast noch Ruh.

Wobei Amos keine Zweifel lässt: es geht nicht nur nicht fair zu bei diesen Geschäften. Sie sind durch und durch verderbt. Sie haben ihre Basis in Lug und Trug, gefälschten Gewichten, Maßeinheiten und übersteigerten Preisen. Und sie kennen ihre Opfer genau: die, die sich nicht wehren können, die jeden Schekel fürs tägliche Brot ausgeben müssen, die keine Reserven bilden können. Sie müssen ja bezahlen, was verlangt wird – oder verhungern und verelenden. So weit gehen sie, dass sie Menschen für sprichwörtlich „einen Apfel und ein Ei“ zum Verkauf anbieten, in die Sklaverei schicken – gegen alles Recht, das in Israel gilt und Israeliten vor der Sklaverei schützen soll.

 7 Der HERR hat bei sich, dem Stolz Jakobs, geschworen: Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen! 8 Sollte nicht um solcher Taten willen das Land erbeben müssen und alle Bewohner trauern? Ja, es soll sich heben wie die Wasser des Nils und sich senken wie der Strom Ägyptens.

             Sie sehen nicht mehr auf Gott. Sie sehen nur noch auf Ertragszahlen. Die sind ihr ganzer Stolz. Der Stolz Jakobs aber ist Gott selbst. Er wird nichts vergessen, nichts von ihren Taten, von dem, was sie ihren Schwestern und Brüdern antun. Gott ist kein Tattergreis, der nicht mehr mitbekommt, was im Gang ist. Das Land wird erbeben müssen. Eine Anspielung auf ein Erdbeben? Das so der inneren Gesetzmäßigkeit folgend kommen muss wie die Wellen des Nils steigen und wieder fallen. Dann wäre die Katastrophe, die für die alte Welt unableitbar ist, hier abgeleitet aus dem Verhalten der skrupellosen Geschäftemacher.

 9 Zur selben Zeit, spricht Gott der HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen.

             Das katastrophale Geschehen wird noch ausgeweitet. Die Sonne verschwindet am Mittag, Das Land gerät in eine totale Finsternis. Es mag sein, dahinter stehen reale Erfahrungen: „eine totale Sonnenfinsternis am 9. Februar 784, eine partielle in 763 v. Chr.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 203) Wichtiger ist die Deutung: was da geschieht, ist Gottes Werk, Gottes Antwort auf eine Welt, die sich ins Dunkel des Unrecht hinein verwickelt, immer tiefer verstrickt.

In dieser Sicht „äußert sich das dem modernen Menschen zumeist verloren gegangen Wissen um die letzte Einheit des Weltgeschehens und den großen unsichtbaren Zusammenhang zwischen Natur und Geschichte.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 196) Eine Ahnung dieser Zusammenhänge, wenn sie auch nicht mehr auf Gott zurückgeführt werden, meldet sich heute wieder. Darin, dass über den Zusammenhang einer Wirtschaftsentwicklung, die die Rohstoffe der Erde gnadenlos ausbeutet und den Dreck der Industrie in die Luft bläst und der Klimaentwicklung wenigstens nachgedacht wird. Wenn auch solche Zusammenhänge oft und gern geleugnet werden.

 10 Ich will eure Feiertage in Trauer und alle eure Lieder in Wehklagen verwandeln. Ich will über alle Lenden den Sack bringen und alle Köpfe kahl machen und will ein Trauern schaffen, wie man trauert über den einzigen Sohn, und es soll ein bitteres Ende nehmen.

             Hier dagegen ist es klar: Es ist Gott, das Gericht vorwärts treibt. Keine tröstlichen Feste mehr. Keine Freudenfeiern. Keine Erntefreuden. Nur noch Trauerriten und Klagegesänge. Nur noch Totenklage. „Trauerkleider aus grober Sackleinwand“ (A. Weiser, aaO. S. 197)So wie sie in Ninive als Antwort auf die Drohbotschaft Jonas vom bevorstehenden Untergang angezogen wird: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.“ (Jona 3,5) Hier ist es für solche Umkehr, solche Buße zu spät. Weil es keine Zukunft mehr gibt, wenn der einzige Sohn nicht mehr ist. Weil es nur noch Aussterben gibt.

Was ist diese Botschaft des Amos für eine Zumutung. Für Hörer*innen damals genauso wie für Leser*innen heute. „War Israel überhaupt zuzumuten, den Gott des Amos zu verstehen? Musste sich nicht ganz Israel fragen, was das für ein Gott sei, der es zu solchen Katastrophen kommen lassen kann? Kann es einen solchen „Katastrophengott“ überhaupt geben?“ (W. Steinle, Amos. Prophet in der Stunde der Krise, Stuttgart 1979, S. 79) Die Antwort ist damals wohl ähnlich wie heute: So einen Gott wollen wir nicht. An so einen Gott glauben wir nicht. Furcht vor so einem Gott – ja. Weglaufen vor so einem Gott – ja. Sich abwenden von so einem Gott – ja. Aber auf ihn vertrauen, zu ihm umkehren?

Ein Obstkorb – reif zur Ernte. Ein Land, das dabei ist, sich zu zerlegen. Eine Gesellschaft, durch die ein tiefer Riss geht. Da gibt es eine Haltung der Offenheit und Humanität, die ihre Schwäche genau darin hat – dass sie freundlich ist, offen, nicht mit klaren Versprechen und Programmen agieren kann, dass sie Erbarmen höher achtet als die Vollstreckung des Rechts. Und auf der anderen Seite die Haltung, die Recht und Ordnung einfordert, die vom erschütterten Vertrauen der Bevölkerung und dem Recht auf Sicherheit geleitet wird – und dabei ist, wirklich jedes Mitgefühl für den Einzelnen vermissen zu lassen. Ein Schiff mit Flüchtlingen ziellos auf dem Meer – aber bei uns faselt man von Grenzsicherung. Das ist Denken in Recht und Gerechtigkeit, das mich frieren lässt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. wohl aber das Ende einer Gesellschaft, die sich die mühsamen Prozesse einer respektvollen Konsensbildung nicht erspart. Der Obstkorb scheint reif zur Ernte.

 

 

Wie halten wir das aus, wenn der Himmel sich verdunkelt, wenn kein Licht mehr leuchtet, wenn alle Wege in den Abgrund führen? Wie halten wir das aus, wenn das Unrecht Triumphe feiert und die Wahrheit beliebig wird? Halten wir es überhaupt aus? Oder gehen wir daran kaputt – erst die Seele und dann der Leib.

Wie hältst Du das aus, mein Gott? Du wirst das Dunkel in Dein Dunkel wandeln, den Untergang in Dein Gericht. Damit am Ende die Wahrheit doch siegt. Deine Wahrheit, dass unser Leben allein in Dir Halt und Grund findet. Amen