Unter Zeugnis-Zwang

Amos 7, 10 – 17

 10 Da sandte Amazja, der Priester in Bethel, zu Jerobeam, dem König von Israel, und ließ ihm sagen: Der Amos macht einen Aufruhr gegen dich im Hause Israel; das Land kann seine Worte nicht ertragen. 11 Denn so spricht Amos: Jerobeam wird durchs Schwert sterben, und Israel wird aus seinem Lande gefangen weggeführt werden.

             Diese Szene legt es nahe, die zuvor gesprochenen Visionen im Tempel, vermutlich in Bethel ausgesprochen zu vermuten. Es ist  dem für die ordentliche Religionsausübung Zuständigen, Amazja, der Priester in Bethel, zu Ohren gekommen, was dieser Amos so alles von sich gibt.  Dass er die öffentliche Ordnung stört. Dass er Unruhe ins Volk bringt,  dass er Aufruhr macht gegen das Königshaus. „Es ist durchaus begreiflich, dass die düsteren Gerichtsdrohungen des Propheten besonders den davon betroffenen führenden Schichten des Volkes untragbar erscheinen mussten.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 190)  Unerträglich. Weil sie die Stimmung im Volk nach unten ziehen. Das Vertrauen auf Sicherheit erschüttern. Das Königshaus nicht nur in Frage stellen, sondern dem König sein Ende ansagen. Das ist subversiv.

Diese Meldung an den König ist eine deutliche Aufforderung zum Handeln. Jerobeam muss etwas tun. So kann es mit diesem Amos nicht weitergehen. Die positive Deutung: Amazja nimmt Amos ernst. Das ist kein harmloser Spinner. „Man muss sich mit ihm  beschäftigen.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 64)  Ein Fall für den Sicherheitsdienst.  

 12 Und Amazja sprach zu Amos: Du Seher, geh weg und flieh ins Land Juda und iss dort dein Brot und weissage daselbst. 13 Aber weissage nicht mehr in Bethel; denn es ist des Königs Heiligtum und der Tempel des Königreichs.

             Amazja belässt es nicht bei der Meldung an die staatlichen Stellen. Er sucht das Gespräch mit Amos. Er will ihn weghaben. Du Seher, geh weg und flieh ins Land Juda. Ist das Fürsorge? Oder ist es nur der einfache Versuch, diesen unbequemen Menschen loszuwerden. Zurück nach Juda. Dort gehört Amos ja hin. Hier, im Nordreich ist er fehl am Platz.

Es ist eine seltsame Unterstellung: Amos sage alle seine Sätze nur, weil es sein „Broterwerb“ ist. Hält Amazja also diesen Menschen, der so unbequem ist, für einen Berufs-Propheten? „In der Meinung, er habe einen von jenen Berufspropheten vor sich, die durch ihre Weissagungen ihren Lebensunterhalt verdiene, rät er dem Amos zur Flucht in seine Heimat Judäa, wo er seinem Prophetenberuf nachgehen könne.“ (A. Weiser, aaO. S. 191) Für diese Deutung spricht der zweite Teil der Worte des Amazja:  iss dort dein Brot und weissage daselbst.

In diesen Worten wird erkennbar, wie wenig Amazja von Amos weiß, auch wie wenig er von ihm hält. Seher chozæh – nennt er ihn und weissagennabijʼ – was Amos treibt. Aber er sieht nicht hinter diesem seltsamen Mann den Auftraggeber. Er sieht nur einen, der seinen Broterwerb ausübt. Der macht´s ja nur für  Geld. Zugleich: es ist auch kein wirkliches Interesse an Amos spürbar. Amazja als Ober-Priester in Bethel „erfüllt lediglich seine Pflicht ohne Rücksicht auf persönliche Empfindungen.“ (S. Wagner/ H. Flender, aaO. S. 65)

Es ist bis heute die Schutzbehauptung so mancher, die sich von der Verkündigung der Kirche distanzieren wollen. Denen geht es ja nur um Geld. Die müssen ja so reden. Das ist nur ihr Geschäft. „Berufs-Christen“ lautet das Schlagwort und ist zugleich ein Schimpfwort, weil es jede echte Motivation, gar jede Berufung leugnet.

 14 Amos antwortete und sprach zu Amazja: Ich bin kein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein Rinderhirt, der Maulbeerfeigen ritzt. 15 Aber der HERR nahm mich von der Herde und sprach zu mir: Geh hin und weissage meinem Volk Israel!

             Die Antwort des Amos ist eindeutig.  Ich bin kein Prophet. Kein nabijʼ. Ich gehöre nicht zu irgendeiner Schule, in der man so reden lernt. Salopp: ich habe einen anständigen Beruf, einen, der mich ernährt. Ich bin ein Rinderhirt, der Maulbeerfeigen ritzt. Das betont Amos: es geht nicht um Geld. Ich bin finanziell unabhängig. „Es bleibt schon beachtenswert, wie der erste klassische und kanonische Prophet betont, dass er Laie ist.“(H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 15)

             Was hinter Amos steht, ist kein Eigeninteresse, sondern Gottes Tun. Amos handelt unter dem Zugriff Gottes. Weggenommen hat ihn Gott von seinen Herden. Weggenommen klingt noch einigermaßen harmlos. „Entrafft“ (W. Steinle, Amos. Prophet in der Stunde der Krise, Stuttgart 1979, S. 19, S. 21) hat ihn der HERR. Weggerissen könnte man auch sagen. „Ihn treibt weder eine eigene Leidenschaft noch die einer Gruppe.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 16) Er kann nicht anders – Gott hat ihn gestellt. Gott hat ihm gesagt:  Geh hin und weissage meinem Volk Israel. Es ist der Zugriff Gottes, der ihn nicht schweigen lässt. Ihn, den Laien Amos.

 16 So höre nun des HERRN Wort! Du sprichst: Weissage nicht wider Israel und eifere nicht wider das Haus Isaak!

             Darum, weil er so unter Zwang steht, unter Gottes Zwang, kann er sich auch nicht auf die Brücke begeben, die ihm der Priester bauen will: der will ihm ein Verfahren wegen Hochverrat oder subversiver Tätigkeit ersparen. Er will ihn zum Schweigen bringen. Nicht weissagen, nicht eifern. Sich nicht weiter engagieren. Und mit dem Schweigen allen Beteiligten Schwierigkeiten ersparen.

 17 Darum spricht der HERR: Deine Frau wird in der Stadt zur Hure werden, und deine Söhne und Töchter sollen durchs Schwert fallen, und dein Acker soll mit der Messschnur ausgeteilt werden. Du aber sollst in einem unreinen Lande sterben, und Israel soll aus seinem Lande vertrieben werden.

             Dieses Angebot trifft bei Amos auf taube Ohren. Im Gegenteil. Er kündigt dem, der seinem Reden in Bethel ein Ende machen will, sein Ende an. Seine Existenz wird zerstört werden. Seine ganze Familie wird in diesen Fall mit hineingezogen. Seine Frau wird sich suchen, wer sie aushalten kann. „Mit huren (zanah) wird jede sexuelle Tätigkeit außerhalb der Ehe beschrieben.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 194) Seine Sippe stirbt aus. Sein Land wird verteilt. Es bleibt nichts von dem Ober-Priester am schönen Tempel in Bethel. Und er, der so auf die Reinheit des Tempels bedacht ist, ihn von unerwünschten Worten rein halten will, wird im unreinen Land sterben. „Das ganze Volk, für dessen Sicherheit einzutreten Amazja sich berufen fühlt, wird in die Verbannung müssen.“(A. Weiser, aaO: S. 193)  So endet seine Intervention Amos gegenüber darin, dass ihm das große Desaster angesagt wird. Was dann geschehen ist, wird nicht erzählt. „Es bleibt offen, wieder Auftritt geendet hat.(S. Wagner/ H. Flender, aaO. S. 68)  Das Amos-Buch ist am Schicksal des Propheten Amos nicht sonderlich interessiert.

 

Wir können ja nicht schweigen, mein Gott, wenn Du geredet hast, uns Dein Wort gegeben hast. Wir können ja nicht schweigen von Deinen großen Taten, die wir erfahren haben. Wir können ja nicht schweigen von Dir.

Wir gerne würde ich das von mir sagen, mein Gott, von uns als Deiner Kirche. Aber wir reden zu oft, da, qo wir besser schweigen würden und wir schweigen zu oft da, wo wir Dich bekennen müssten.

Lehre Du uns zu unterscheiden, Zeiten des Schweigens zu wahren, und Zeiten des Redens nicht zu versäumen.

Mache Du uns jederzeit zu Deinen Zeugen. Amen