Keine billige Gnade

Amos 7, 1 – 9

1 So ließ Gott der HERR mich schauen:

          Der schmale Satz ist der Auftakt zu einem Visionsbericht. Zu einer ersten Vision in einer nachfolgenden Reihe von Visionen. Ob diese Visionen zeitlich so eng aufeinander folgen, wie es die Niederschrift nahe legt, ob sie in einer eigenen Visionsschrift als „ursprüngliche literarische Einheit(A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 181)zusammengefasst waren, ist eine interessante Überlegung, trägt aber zum Verständnis der einzelnen Worte nicht sonderlich viel aus. Die Visionen stehen nacheinander und bedürfen dennoch zum Verständnis nicht eine die andere. Jede Vision steht für sich.

Der Herr lässt Amos schauen. Die Vision ist somit „nicht das Ergebnis einer besonderen Konzentration eines Ekstatikers, der von sich aus ein Gotteserlebnis anstrebt.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 50) Sie geht auf Gott zurück – Amos ist das Objekt und Gott das Subjekt dieses Sehens. Gott öffnet Amos die Augen. Oder anders: Gott lässt Amos zusehen.

  Und siehe, er schuf einen Schwarm Heuschrecken, als die Spätsaat aufging. – Die Spätsaat folgt auf die Mahd des Königs. –

             Wenn man so will: Amos sieht Gott bei der Arbeit. Er sieht ihn als den, der mit schaffen beschäftigt ist. barā. „Der verwendete Terminus ist aus dem Schöpfungsbericht bekannt. Amos ist gleichsam noch einmal in die Zeitlosigkeit wie vor allen Anfang versetzt und darf Jahwe beim schöpferischen Handeln zusehen. (S. Wagner/ H. Flender, ebda.) Die Schöpfung des Anfangs steht unter dem Urteil Gottes: Und siehe – sehr gut. Was Amos zu sehen bekommt ist, wie Gott Schädlinge schafft. Heuschrecken.  Heuschrecken zur Zeit der Spätsaat „bedeutet Vernichtung der kommenden Ernte und Hungersnot.“(A. Weiser, aaO. S. 182) Dieses Tun Gottes sehen und verstehen, was das für das Volk mit sich bringen wird, ist eins. Amos sieht Gerichts-Vorbereitungen Gottes.

  2 Als sie das Kraut im Lande abgefressen hatten, da sprach ich: Ach, Herr HERR, sei gnädig! Wie soll Jakob bestehen? Er ist ja so klein. 3 Da reute es den HERRN. Der HERR sprach: Es soll nicht geschehen!

        Weil er das Elend kommen sieht, interveniert der Prophet bei Gott. Er fällt gewissermaßen den verfressen Heuschrecken ins Werk mit seinem Hilferuf an Gott. Er erinnert Gott an seine Art, sich der Schwachen, der Kleinen zu erbarmen. Hat Gott doch Israel als das Kleinste unter den Völkern (5. Mose 7,7) erwählt. Sei gnädig! Vergib doch. Es geht Amos um ein Handeln, das so nur von Gott her möglich ist. Nur Gott kann diese Fresser stoppen, die er die Schuld des Volkes heimsuchen lässt. Wenn Gott sie nicht aufhält, ist es vorbei mit Israel.

Da reute es den HERRN. Wörtlich: „Jahwe atmete schwer“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 184) Vielleicht darf man so deuten: er ringt sich durch, seine Entscheidung zu widerrufen. Gott fällt sich selbst in den Arm. Gott ist sich nicht zu „fein“, Beschlüsse in ihrer Durchführung noch zu stoppen. Er ist sich nicht zu schade. Er ist nicht auf das Image: “Gott ist konsequent in seinem Handeln“ festgelegt. Er kann umkehren, sich sein Tun reuen lassen. Pläne stoppen.

 4 So ließ Gott der HERR mich schauen: Und siehe, Gott der HERR rief einen Feuerregen herbei. Der verzehrte die große Tiefe und fraß das Ackerland. 5 Da sprach ich: Ach, Herr HERR, halt ein! Wie soll Jakob bestehen? Er ist ja so klein. 6 Da reute es den HERRN. Gott der HERR sprach: Auch das soll nicht geschehen.

             Eine zweite Vision – wieder von Gott angestoßen und wieder in letzter Konsequenz auf eine Vernichtung Israels hinauslaufend. Ein Feuerregen. Es mutet ein bisschen harmlos an, sich rationalistisch vernünftelnd vorzustellen: „Amos schaut ein Feuer, wohl die in der Hitze flimmernde Luft, die einer im grellen Sonnenlicht züngelnden Flamme ähnlich ist.“(A. Weiser, aaO. S. 184) Das kommt mir eher wie die leicht überhitzte Phantasie eines Exegeten vor.

Was Amos sieht, ist weitaus schlimmer: Feuer, das die Tiefe verzehrt und den Ackerboden frisst. Die natürlichen Lebensbedingungen – Wasser und Erde werden zerstört. Da ist nichts mehr, was trägt. Nichts mehr, was auch nur noch bescheidenen Lebensraum gewährt. Es sind – so würden wir sagen –   apokalyptische Bilder, lange Zeit, bevor es die Literatur-Gattung der Apokalypsen in Israel gibt.

Und wieder weiß sich Amos keinen anderen Rat als Gott anzuflehen um Erbarmen, um Vergeben. Ach, Herr HERR, halt ein! Wieder begründet mit dem Hinweis: Jakob  ist ja so klein. Es ist ein wenig verquer: Während die Führungsspitzen des Volkes von Größe und Macht träumen, im Luxus schwelgen, sich mit den Großen der Zeit auf Augenhöhe wähnen, besteht die Rettung Israels darin, dass der Prophet Gott aufmerksam macht: klein. winzig, schwach ist dieses Volk.

7 So ließ er mich schauen: Und siehe, der Herr stand auf einer Mauer von Zinn, und er hatte Zinn in seiner Hand. 8 Und der HERR sprach zu mir: Was siehst du, Amos? Ich sprach: Zinn. Der Herr sprach: Siehe, ich bringe Zinn mitten unter mein Volk Israel. Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! 9 Und die Höhen Isaaks sollen verwüstet und die Heiligtümer Israels zerstört werden, und ich will mich mit dem Schwert über das Haus Jerobeam hermachen.

Eine dritte Vision folgt: auf einer Mauer von Zinn Jahwe.  Ein Bleilot in den Händen.  Oder doch ein Brecheisen? Das hebräische Wort ʼanak kann beides heißen. Dann ginge es entweder um Vermessungsarbeiten, die Gott selbst vornehmen will oder um Abriss-Arbeiten.

Die Deutung aus dem Mund Jahwes spricht für einen Vorgang, in dem an das vorhandene Bauwerk Maßstäbe angelegt werden, denen es nicht mehr entspricht und in der Konsequenz dieser Feststellung folgt der Abriss. Verwüstet sollen die Höhen werden, zerstört die Heiligtümer Israels. Gott selbst führt das Gericht. Gott will nicht mehr wegsehen, nicht mehr verschonend vorübergehen.

Ich will nicht mehr an ihm vorübergehen! Instinktiv höre ich den Anklang an die alte Erzählung, die Ursprungserzählung von der Verschonung Israels. Da ist Blut an die Türpfosten gestrichen – „Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren.“(2. Mose 12,13) Jetzt aber: Kein Vorübergehen mehr. Kein Verschonen.

Es ist nur konsequent; Zweimal ist der Prophet seinem Gott in den Arm gefallen Zweimal hat er sein Amt der Fürbitte ausgeübt. Jetzt schweigt er. „Der Last der aufgestauten Schuld Israels war seine Fürbitte doch nicht mehr gewachsen.“ (G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. II, München 1960, S. 138) Darum also keine Fürbitte des Amos mehr. „Gott hat das Gericht so entschieden angekündigt, dass Amos jetzt nicht mehr wagt, für sein und für Gottes Volk zu beten.“ (M. Holland, aaO. S. 187) Wenn aber die Fürbitte des Propheten ausfällt, dann steht die Existenz Israels endgültig auf dem Spiel.

Es ist gut sich daran zu erinnern: Wir als Christen glauben an eine Fürbitte, die keine Grenzen kennt und keine Grenze der Schuld anerkennt, an den Fürbittenden, der die Last der ganzen Welt trägt und dessen Fürbitte darum bis in die tiefsten Tiefen reicht. „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt.“(Römer 8, 34-35)

 

Heiliger Gott, darauf trauen wir, dass Du verschonst, Deinen Zorn vorübergehen lässt, ihn uns nicht treffen lässt. Darauf trauen wir, dass Dein Erbarmen Deinem Zorn in den Arm fällt.

Bewahre uns vor aller falschen Sicherheit, die es sich leicht macht mit der eigenen Schuld, dem eigenen Fehlverhalten, weil wir uns sagen: Er wird schon gnädig sein.

Bewahre uns davor, Deine Gnade billig zu machen, jederzeit verfügbar. Amen