Trügerische Ruhe

Amos 6, 1 – 14

1 Weh! Die ihr sorglos seid zu Zion und die ihr voll Zuversicht seid auf dem Berge Samarias, ihr Vornehmen des Erstlings unter den Völkern, zu denen das Haus Israel kommt, 2 geht hin nach Kalne und schaut und von da nach Hamat, der großen Stadt, und zieht hinab nach Gat der Philister! Seid ihr besser als diese Königreiche?

             Es ist eine trügerische Sicherheit, die Amos attackiert. Sorglos sind sie zu Zion und zuversichtlich in Samaria. Es geht doch gut. „Leben in ungestörtem Glück.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 172) Wir sind Spitze. Erstling unter den Völkern. Vielleicht ist das die Staats-Parole, jedenfalls die der wohlhabenden, führenden Kreise: Wir stehen gut da. Auch in schwieriger Zeit ist uns der Erfolg treu. „Man fühlt sich sicher im Schutz einer starken Wehr und nach den Kriegserfolgen im Süden gegen Juda und im Osten gegen Aram.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 175)

Amos lässt sich von solchen Gedanken nicht anstecken. Er sieht dunkle Schatten heraufziehen und verweist auf Kalne, Hamat und Gat. Alles Städte, jenseits der Grenzen im Nachbarland, die unter der Bedrohung durch Assur schon zu leiden haben. Von Sicherheit keine Spur. Amos sieht nicht Sicherheit, sondern Verblendung.

Oder ist ihr Gebiet größer als das eure, 3 die ihr meint, vom bösen Tag weit ab zu sein, und trachtet immer nach Frevelregiment, 4 die ihr schlaft auf elfenbeingeschmückten Lagern und euch streckt auf euren Ruhebetten? Ihr esst die Lämmer aus der Herde und die gemästeten Kälber 5 und spielt auf der Harfe und erdichtet euch Lieder wie David 6 und trinkt Wein aus Schalen und salbt euch mit dem besten Öl, aber bekümmert euch nicht um den Schaden Josefs.

             Was er sieht, ist ein Weg, der ins Verderben führt. Frevelregiment. Staatsunrecht oder Unrechts-Staat würden wir sagen. Vielleicht sogar Staats-Terrorismus. „Die oben“ haben aus dem Staat einen Selbstbedienungsladen gemacht.  Wohlleben in jeder erdenklichen Weise – was die Küche zu bieten hat – vom Feinsten.  Betten, die Luxusliegen sind- die legendären goldenen Betten der Entwicklungshilfe aus den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts lassen grüßen. Kultur pur – die Stars der Szene treten an.  „Wein aus Kannen; dazu muss das kostbarste Mastvieh herangeschafft werden. Kleine Nebenzüge vervollständigen das Bild dieser Wohlstandsprominenz: Die grölen zum Klang der Laute, sie erfinden sich neue Musikgeräte, und gebrauchen die feinsten Parfümerien.(H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 64) Sie schwelgen in Luxus – man gönnt sich ja sonst nichts.

 7 Darum sollen sie nun vorangehen unter denen, die gefangen weggeführt werden, und soll das Schlemmen der Übermütigen aufhören.

             Welche bittere Ironie. Die sich so an die Spitze der Genuss-Gesellschaft, der feinen Leute gesetzt haben, die werden zur Spitze werden auf dem Weg ins Exil. Die sich immer und überall den Vortritt erzwungen haben, die müssen nun voran gehen. Auf diesem Weg ist „Schluss mit lustig.“(P. Hahne) Oder, in anderen Worten: „Fertig ist das Fest der Fläzenden“ (H. W. Wolff, ebda.) Es bleibt nichts vom Wohlleben.

8 Denn Gott der HERR hat geschworen bei sich: Mich verdrießt der Stolz Jakobs, spricht der HERR, der Gott Zebaoth, und ich hasse seine Paläste. Darum will ich die Stadt übergeben mit allem, was darin ist.

Das alles, weil Gott nicht mehr mitmacht. Weil er dieses Treibens überdrüssig geworden ist. Weil ihn der Stolz Jakobs anödet und er die Paläste nicht mehr sehen will. Sie sind Orte des Hochmuts, einer Anmaßung, die im Stolzgaʼon – sich Gottgleichheit vorgaukelt und darüber fallen muss. Hochmut kommt vor dem Fall. Die feierliche Einleitung Gott der HERR hat geschworen bei sich verdeutlicht den tödlichen Ernst der Worte. Was Gott bei sich geschworen hat, ist nicht mehr aufzuhalten.

9 Und wenn auch zehn Männer in einem Hause übrig bleiben, sollen sie doch sterben. 10 Und nimmt dann einen sein Verwandter, der ihn bestatten und seine Gebeine aus dem Hause tragen will, so sagt er zu dem, der drin im Hause ist: Sind ihrer noch mehr da? Und der wird antworten: Sie sind alle dahin! Und er wird sagen: Still! Denn man darf des HERRN Namen nicht nennen.

Es sind Bilder, die gut nach vorne passen würden, in das vorige Kapitel (5, 18-20), zu den vergeblichen Fluchtversuchen vor dem Tag des HERRN. Aber nun stehen sie hier. Ist hier die Rede vom Häuserkampf in einer belagerten Stadt? Oder vom vergeblichen Versuch, sich vor einer Seuche zu schützen dadurch, dass man sich ins eigene Haus verbarrikadiert? Es ist schwer zu sagen. Was sich in den Worten zeigt, ist eine regelrechte Totenstarre über der Stadt. „Wegen der Menge der Leichen können sie nicht begraben, nur verbrannt werden. In Israel war das ganz unüblich.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 176) Und eben darin ein Zeichen für die Größe der Not.

So schlimm steht es, dass keiner mehr den Namen Gottes anrufen wird. Weil es verboten ist? Oder „weil die Angst vor dem göttlichen Vernichtungswillen so groß sein wird, dass es niemand mehr in den Sinn kommt, Jahwe anzurufen, um nicht noch weiteres Unheil durch sein Kommen herauf zu beschwören.“ (A. Weiser, aaO. S. 171) Es gibt ja volkstümlich dieses Wissen, dass man mit dem Nennen des Namens die Wirklichkeit, die hinter diesem Namen steht, aufruft. Das hat dazu geführt, dass in früheren Zeiten statt vom „Krebs“ von „langer, schwerer Krankheit“ die Rede war – bis heute unverändert in den Todesanzeigen. Darum auch diese Scheu, den Namen Gottes zu nennen, erst recht, wenn man ahnt: er ist auch der Richtende, der das Unrecht sieht und es nicht mehr durchgehen lässt.

Es ist wohl so: die Predigt vom Zorn Gottes, vom Gericht Gottes ist uns fremd geworden. Wir hören lieber von der Liebe Gottes. Wir haben es uns wohnlich gemacht in den Worten von der Gnade. Darum schrillen diese Worte des Amos in unseren Ohren. Sie rufen inneren Widerstand hervor: so kann Gott doch nicht sein. Es mag uns eine Warnung sein, dass für die Hörer des Amos um die Jahre 760 v. Chr. herum diese Worte auch schrill waren. Schier unerträglich. Das sie sie nicht hören wollten. Zu ihrem eigenen Unheil.

 11 Denn siehe, der HERR hat geboten, dass man die großen Häuser in Trümmer schlagen soll und die kleinen Häuser in Stücke.

             Die Drohung des Amos gilt zuerst den Palästen. Aber es bleibt nicht bei der Zerstörung der Prachtbauten. Wenn sie fallen, wird es auch die kleinen Häuser treffen. Es ist die Lüge der Kriegsführung bis heute: Die Zivilsten, Kinder, Frauen, Greise werden mitgetroffen, selbst dann, wenn die Angriffe vorgeblich nur dem Militär gelten. „Krieg den Palästen, Frieden den Hütten“ – der Realist Amos weiß: so wird es nicht sein.

 12 Wer kann auf Felsen mit Rossen rennen oder mit Rindern das Meer pflügen? Doch ihr wandelt das Recht in Gift und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut, 13 die ihr euch freut über Lo-Dabar und sprecht: Haben wir nicht durch unsere Kraft Karnajim genommen?

                Es hört sich an wie eine Zwischenfrage. Eine Frage, die an die Hörer des Amos appelliert: Was lehrt euch die Lebenserfahrung? ? Kann einer den Wettlauf mit einen Pferd gewinnen, das Meer mit Rindern pflügen? Unmöglich  – ist die richtige Antwort auf sein Fragen. Unmöglich verhalten sich die Leute, die das Recht verdrehen, die Unrecht Recht nennen und Böses gut. „Amos ist kein Freund von Begriffen. Umso wichtiger muss ihm dieses mehrfach verwendete Wortpaar Recht und Gerechtigkeit sein.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 55) Es läuft auf eine Anklage hinaus: ihr tretet mit Füßen, was doch das Fundament des Lebens miteinander ist. Es sind vergiftete Siege, die sie feiern. Sich freuen über kleinste Erfolge in Grenzscharmützeln und übersehen, was im Kommen ist – das ist Blindheit. 

 14 Darum siehe, ich will gegen euch, ihr vom Hause Israel, ein Volk aufstehen lassen, spricht der HERR, der Gott Zebaoth, das soll euch bedrängen von da an, wo man nach Hamat geht, bis an den Bach in der Wüste.

           Diesem Vertrauen auf die eigene Stärke setzt Gott seinen Weg entgehen. Er wird ein Volk aufstehen lassen gegen das Haus Israel. Es ist – lange vor Jesajas Worten von Kyrus als dem Knecht Gottes – ein Wort, dass Jahwe als den bezeugt, der die Völker ruft, auch zum Gericht über Israel ruft. Israel mag sich als Herr der Lage fühlen – Gott ist der Herr der Geschichte.

 

So geht es, dass wir aus allen Träumen gerissen werden, alle vermeintliche Sicherheit dahin ist. Dich, Gott, haben wir nicht auf der Rechnung, aber Du präsentierst uns die Rechnung für Unrecht, Stolz, Hochmut. Wir leben auf dünnem Eis, Rand an Rand mit dem Unheil.

Hilf Du uns zur Umkehr, zur Demut, die Dich sucht, die sich an Dir festmacht, damit wir fest stehen in Zeiten, in denen uns der Boden ins Wanken gerät. Amen