Der falsche Schlaf der Sicherheit

Amos 5, 18 – 27

 18 Weh! Die ihr den Tag des HERRN herbeiwünscht, was soll er euch?

Das gibt es wohl in Israel damals als Hoffnung: Der Tag des HERRN wird der Tag des Sieges für Israel sein. „Nach dem Volksglauben erwartete man bei diesem Antritt der Königsherrschaft Jahwes einen entscheidenden Sieg Gottes über alle Feinde.“(A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 170) Solcher Volksglaube entsteht aber nicht wie von Zauberhand – er erwächst aus den Botschaften von Priestern, von Festen. Die jährlich im Kult gefeierte Thronbesteigung Jahwes wird solche Hoffnungen genährt haben.

„Der HERR ist König,                                                                               darum zittern die Völker;                                                                                er sitzt über den Cherubim,                                                                     darum bebt die Welt.                                                                                     Der HERR ist groß in Zion                                                                             und erhaben über alle Völker.                                                                Preisen sollen sie deinen großen und wunderbaren Namen;             denn er ist heilig.                                                                                            Die Stärke des Königs ist,                                                                            dass er das Recht liebt.                                                                                Du hast bestimmt, was richtig ist,                                                             du schaffest Recht und Gerechtigkeit in Jakob.                              Erhebet den HERRN, unsern Gott,                                                       betet an vor dem Schemel seiner Füße;                                                denn er ist heilig.“                           Psalm 99, 1 – 5

             Solche Feste zu feiern prägt. stärkt und erweckt Hoffnungen. Erst recht, wenn es “gut läuft“ im Land wie zu den Zeiten Jerobeams II.

Denn des HERRN Tag ist Finsternis und nicht Licht, 19 gleich als wenn jemand vor dem Löwen flieht und der Bär begegnet ihm, und er kommt ins Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, da beißt ihn die Schlange! 20 Ist nicht des HERRN Tag finster und nicht licht, dunkel und nicht hell?

             Was für ein schriller Misston solchen Erwartungen gegenüber sind diese Worte des Amos. Kein Freudentag, sondern ein Schreckenstag. Kein helles Licht, sondern erschreckende Finsternis. Der Tag „wird nicht Weltenmorgen sondern Weltennacht sein. Schrecken um Schrecken werden sich lösen und hereinstürzen. Löwengebrüll wird die Überraschten in die Flucht treiben. Bären werden die Fliehenden jagen. Und Schlangenbiss wird den treffen, der sich vielleicht erschöpft an eine Wand lehnt.“ (E. Jacob/H. Ochsenbein, Gott ist unser Schicksal, Metzingen 1964, S. 28)

 Es sind Bilder für apokalyptische Schreckenheute längst abgelöst von den Bilder, die wir täglich sehen: zerbombte Häuser, eingestürzt unter den Granatenhagel schwerer Geschütze, erschöpfte, ausgemergelte Frauen, ausgehungerte Kinder mit schreckensgroßen Augen. Aber das sind nicht die Tage des HERRN, das sind die Tage der Kriegsherren unserer Zeit, die vom sicheren Amtssitz aus mörderische Befehle erteilen. Die sich nie die Hände schmutzig machen und die, wie es scheint, ruhig und mit gutem Gewissen schlafen.

Amos kündigt die Erwartung an den Freudentag – er sieht nur Schrecken am Horizont aufziehen. Weil er das Gericht Gottes nahen sieht. Aus der „Gedankenflucht in die Zukunft (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 40), die Amos in der Erwartung des Tages spürt, wird in den Worten des Amos ein Flucht-Tag ohne jede Rettungsperspektive. Es ist mir gut vorstellbar, dass diese Worte des Amos eine störender Zwischenruf während einer Kultfeier sind.

Unvergessen für mich der Einspruch eines theologischen Lehrers – Olaf Hanssen: „Wer betet: Dein Reich komme, der betet um das Ende der Welt. Auch um das Gericht. Wisst ihr das? Wollt ihr das?“ Es ist ein Einspruch gegen die Harmlosigkeit, mit der auch in christlichen Kreisen Zukunftsbilder gemalt werden – die den Schrecken, der mit dem Ende inklusive ist, wenn auch nicht das allerletzte Wort, zu überspringen suchen.

 21 Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – 22 es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

            Nicht mehr der Jüngste Tag- Gegenwart. Mit beiden Beinen springt Amos ins Jetzt. Muss man sich auch diese Worte als Störfeuer im Gottesdienst vorstellen? Als Schreie, die Amos ausstößt und die alle, die sie hören, zusammenfahren lassen. Irritiert, Verärgert, Verunsichert. Wütend. Was maßt sich dieser Viehzüchter aus Tekoa an?

       „Dieses Gotteswort scheint an einem Fest am Heiligtum gesprochen zu sein.“ (A. Weiser, aaO. S. 172)   Ich ahne: eher geschrien. Herausgebrüllt. Es ist kein sachliches Wort, maßvoll abgewogen. Es sind stärkste Vokabeln: Geplärr, Narrenspiel – Harfen in den Händen von Narrennebalæika – von Weinsäufern. Da ist kein Maß in dieser Kultkritik. Da regieren der Zorn und die Abscheu.

Was als Lobpreis Gottes gedacht ist, führt dazu, dass Gott sich die Ohren zuhält. Was ihm ein Wohlgeruch sein soll, das führt dazu, dass er sich die Nase zuhält. Und wenn er die Opferaltäre triefend vom Fett sieht, so blickt er angeekelt weg. Härter kann eine Gottesdienst-Kritik nicht ausfallen. Alle Ästhetik ein Gräuel. Das „Gesamtkunstwerk Gottesdienst“ – nur zur Selbstbefriedigung der eigenen religiösen Gefühle. Es erreicht Gott nicht mehr. Es sind eure Feste und eure Versammlungen. Deutlicher kann die Distanzierung Gottes kaum ausfallen.

 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

             Das stellt Amos diesem Gottesdienstbetrieb, diesem liturgisch hochwertigen Leerlauf entgegen: „Euer Gottesdienst ist wertlos, solange euer Leben nicht mit eurem Glauben übereinstimmt.“ (E.Jacob/H. Ochsenbein, aaO. S. 29) Darauf dringt und drängt Amos im Auftrag Gottes: Recht und Gerechtigkeit. Ohne Wasser – das weiß jeder Israelit, ist das Leben zum Tod verurteilt. Wer Leben in Israel will, für Israel will, der muss dafür sorgen, dass Wasser da ist – dass das Recht nicht versiegt in der Wüste und die Gerechtigkeit nicht verdunstet. „Der nicht versiegende Bach, der auch in Dürrezeiten noch vorhandene und wasserführende Flusslauf  wird zum Bild für die lebensnotwendige Permanenz von Gerechtigkeit.“ (S. Wagner/ H. Flender, aaO. S. 41) Recht  – mischpat – und Gerechtigkeit – tsedaqah – dürfen nicht zur Zufälligkeit werden. Sie müssen beständig sein.

Ich stoße auf eine Übersetzungsvariante. Luther 2017 übersetzt als eine Mahnung: Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, nicht nur einmal, sondern als Dauerzustand. Dieser Variante folgen die meisten Übersetzungen. Nicht so aber der Kommentar: „Es wird sich einherwälzen wie Wasser das Gericht, und Gerechtigkeit wie ein gewaltiger Bach“(A. Weiser, aaO. S. 172) Es leuchtet ein: so zu lesen schließt gut an den Zornesausbruch Gottes über die Gottesdienste an. Es ist die Ansage, dass  dieser Leerlauf weggespült werden wird, weil das Recht und die Gerechtigkeit Gottes sich durchsetzen. Weil sie stärker sind. Es ist – in meinen Augen – ein starker Gedanke: Vor Gottes Recht kann das fromme Getue nicht bestehen. So  passt diese Übersetzung in den gesamten Gedankengang, der ein einziger Vorwurf und darin zugleich eine Drohung ist. Dennoch – die übergroße Mehrheit der Übersetzungen und Kommentierung entscheidet sich anders. Aber ich bin froh, dass ich auf diese Variante aufmerksam geworden bin.

Vielleicht schwingt auch das mit: „Gott hat Israel Recht und Gerechtigkeit als Quellen des Lebens zur Abwehr des Hinsiechens gespendet.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 56) Wenn es am Tag Jahwes neue Hoffnung geben soll, dann nur so, dass Gott, Gott und nicht Israel, erneut  diese Quellen zum Sprudeln bringt.

Die Attacke des Amos auf die liturgisch hochwertige Veranstaltung Gottesdienst lässt erschrecken. Wie ist es bei uns? Haben wir Gottesdienst auf Liturgie reduziert? Geben wir  – ich – uns zufrieden: Gott dient uns – wir dienen Gott und singen und Beten entsprechend? Was ist mit dem vernünftigen Gottesdienst des Alltags? Den fordert der Apostel Paulus und ist damit nahe bei Amos: „Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Römer 12, 1)

Wir verengen das Christsein, wenn wir es in unserem Denken und Tun auf den liturgischen Gottesdienst reduzieren lassen. Vielleicht gilt es ja, neu sehen zu lernen, dass es stillschweigend und unspektakulär viel mitmenschliche Qualität unter uns gibt, abgelöst von dem Christlichen Erbe, aber doch daraus erwachsen, Vielleicht ist ja die soziale Ausrichtung unseres Staates, auch die schwachen zu fördern und wenigstens zu versuchen, das keine*r abgehängt wird, mehr und wichtigeres christliches Erbe als die religiöse Eidesformel oder das aufgehängte Kreuz im Eingangs-Bereich einer Behörde. Vielleicht ist die Arbeitslosen-Versicherung ja wirklich wesentlicher als der glanzvolle Gottesdienst um Berliner Dom.

 25 Habt ihr vom Hause Israel mir in der Wüste die vierzig Jahre lang Schlachtopfer und Speisopfer geopfert? 26 Ihr trugt den Sakkut, euren König, und Kewan, den Stern eures Gottes, eure Bilder, welche ihr euch selbst gemacht habt; 27 so will ich euch wegführen lassen bis jenseits von Damaskus, spricht der HERR, der Gott Zebaoth heißt.

             Es geht im Anklagemodus weiter: Schon in der Wüste, mit Wolkensäule und Feuersäule als Zeichen der Gegenwart Gottes, hat Israel andere Götter mit sich geführt, sich mit ihnen abgeschleppt. Selbstgemachte Götter.  Es ist ein grotesker Gegensatz: in dieser Zeit in der Wüste gab es keine Opfer – nichts, was Gott von Israel kultisch gefordert hätte und was ihn jetzt mit Abscheu erfüllt. „Damals war allen klar, dass nur Gott helfen kann.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 167) Und ohne jede Vorleistung auf Seiten des Volkes auch hilft. Schon damals haben sie diesen Glauben preisgegeben an die Götter, die handgreiflicher waren, von denen man sich Bilder machen, Bilder schnitzen konnte.

Jetzt aber, wenn es ins Exil gehen wird, jenseits von Damaskus werden sie wieder diese selbstgemachten Bilder schleppen müssen. „Gott gibt sein Volk den Götzen, wir würden sagen, den Ideologien, preis. Wer nicht an Gott glauben will, der muss eben mit seinem Götzen, seiner Weltanschauung, mit seinen Ideologien sich zufrieden geben.“ (M. Holland, aaO. S. 168) Für Amos ist kein Zweifel: zufrieden wird so keiner werden, weil bei den Götzen kein Frieden zu finden ist.

 

Mein Gott, diese Worte erschrecken mich. Sind Dir unsere Gottesdienste auch zuwider? Magst Du nicht mehr hören, was wir singen und beten, was wir sagen von Dir? Ist das Dein Urteil über uns, dass wir Dir den Gehorsam schuldig bleiben, Dein Recht nicht tun, Deiner Gerechtigkeit im Weg stehen?

Haben wir es uns bequem gemacht, uns eingerichtet in der Gnade, uns eingerichtet in der Hoffnung auf einen Himmel, in dem alles gut werden wird, in dem unsere Trägheit vergessen ist, unsere Versäumnisse nicht zählen?

Herr wecke uns aus dem Schlaf der Sicherheit. Amen