Sucht das Gute

Amos 5, 1 – 17

1 Hört dies Wort, ein Klagelied, das ich über euch anstimme, Haus Israel:

             Ein Klagelied. Eine Totenklage. „Quina“ – hebräisch qynh. Es ist Amos, der diese Totenklage anstimmt. Er legt sie nicht Gott in den Mund, sondern sie wird ihm in den Mund gelegt. Aus diesen Worten spricht „das tiefe Mitleid des Propheten, der mit blutendem Herzen seinem Volke den Untergang künden muss.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, s. 157)  Propheten sind nicht unberührt, nicht gleichgültig dem gegenüber, was sie sagen. Sie sprechen ja zu ihrem Volk, zu Brüdern und Schwestern. Sie ringen um einen anderen Weg – auch in solchen schockierenden Worten.

Es wird wohl so sein, sollen und müssen: schon dieser Auftakt löst Irritationen aus. „Was ist denn nur los, Leichenklage „über uns“? Eine solche Klage wurde erst angestimmt, wenn beim Beklagenswerten der Tod wirklich eingetreten war.“(S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 26)  Sieht also Amos Israel schon leblos auf dem Totenbett?

 2 Die Jungfrau Israel ist gefallen, dass sie nicht wieder aufstehen wird; sie ist zu Boden gestoßen und niemand ist da, der ihr aufhelfe.

Die Totenklage folgt einem strengen Form-Gesetz – dem des Kontrastes zwischen einst und jetzt. So auch hier: Die Jungfrau Israel – einst strahlend schön. Geliebt. Und jetzt ist sie vor der Zeit hingesteckt. Aus dem Land, das aufblühen sollte wird ein Land des Zusammenbruchs.  Wer würde nicht erschüttert sei, wenn er ein junges Mädchen so hinsinken sieht, in den Tod. Keiner da, der aufhebt. der sie auferwecken wird. So könnte das Wort aufhelfen auch übersetzt werden. 

 3 Ja, so spricht Gott der HERR: Die Stadt, aus der tausend zum Kampf ausziehen, soll nur hundert übrig behalten, und aus der hundert ausziehen, die soll nur zehn übrig behalten – dies für das Haus Israel.

Wie kommt Amos zu seinen Worten, mit denen er gewiss Widerspruch auslöst, das festliche Treiben stört. Vielleicht sogar Gottesdienste stört? Ein Gottesdienststörer ist dieser Prophet, sollte man ihn nicht wegsperren? Es ist nicht die Weitsicht des scharfsinnigen Analytikers Amos, die ihn so schreien lässt. Er sieht nicht, weil er weiter vorausdenkt als andere, was in 20, 30 Jahren sein wird. Es ist das Wort, das er gehört hat –  so spricht Gott der HERR. Ko amar jahwe. Gott aber sagt keine blühende Zukunft an. Keinen Frühling für sein Volk. 10 Prozent werden übrig bleiben. Von tausend Kämpfern hundert, von hundert zehn. Entleerte Städte, menschenleer. Ohne Zukunft.

Aus diesem erschreckenden Prophetenwort ist erschreckende Predigt geworden, im Geist des Propheten: „Nun ist die Volkskirche in Deutschland umzingelt von Tod, viel dichter als 1919, ungleich gefährlicher als 1934 und 1939. Dafür will Amos an diesem Totensonntag die Augen aufreißen. Mögen unsere Landeskirchen in ihrer jetzigen Verfassung noch so jungfräulich oder altjungfernhaft herausgeputzt sein, noch so finanzstark und öffentlich einflussreich, mag ihr Siechtum noch zehn, zwanzig, dreißig Jahre dauern. Jetzt gilt unserer Volkskirche: Gefallen ist, nicht mehr steht auf die Jungfrau Israel… Kein noch so kräftige Glockengeläut kann darüber hinwegtäuschen, wie klein und schwach die christliche Gemeinde in Wahrheit ist.“(H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, s. 159) Gespenstisch diese Worte  einer Predigt am 26.11.1967, am Totensonntag.

Weiter geht die wilde Jagd: „Jeder wache Christ, jeder werdende Theologe, jeder Kirchenmanager muss sehen, was die Stunde geschlagen hat. Die Wahrheit wird uns frei machen. Dieses Schiff sinkt. Wir sollen nicht mehr – nach Bert Brecht – Malern gleichen, die die Wände untergehender Schiffe mit Stilleben bedecken.“(H. W. Wolff, ebda, S. 160)  Die Zeit ist seitdem, seit 1967 nicht stehen geblieben. Die Gestalt, in der Kirche über Jahrhunderte hin lebte, löst sich auf.

4 Ja, so spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben. 5 Suchet nicht Bethel und kommt nicht nach Gilgal und geht nicht nach Beerscheba; denn Gilgal wird gefangen weggeführt werden, und Bethel wird zunichtewerden. 6 Suchet den HERRN, so werdet ihr leben, dass er nicht daherfahre über das Haus Josef wie ein verzehrendes Feuer, das niemand löschen kann – dies für Bethel –, 7 die ihr das Recht in Wermut verwandelt und die Gerechtigkeit zu Boden gestoßen habt.

            Und doch ist die Totenklage nicht das letzte Wort. Ist der Leichengeruch noch nicht so stark, dass er den Duft des Lebens ersticken dürfte. Der gleiche Prophet, der so den Tod besingt, ruft zum Leben, ruft zu Gott. Suchet mich, so werdet ihr leben. Es gilt ein neues Suchen zu üben.

Die alten Kultstätten hatten ihre Zeit.  Ja – sie waren Orte der Gottesgegenwart, der Gotteserfahrungen. Über lange Zeiten hinweg. In Bethel stand Jakob der Himmel offen und er sah Gott oben auf der Himmelsleiter. Aber Gott ist nicht gebunden an die alten Orte seiner Gegenwart, nicht an Bethel, nicht an Gilgal, nicht an den Dornbusch, nicht an die Kirchen in unseren Städten und Dörfern. Er will neu gesucht werden. Von uns.

Es ist ein Suchen, das eingefahrene Wege verlassen muss. Ein Suchen, das neu nach Recht und Gerechtigkeit fragt. Ohne dass wir schon wüssten, wie es gehen soll.

  8 Der das Siebengestirn und den Orion gemacht hat, der Finsternis in Morgen verwandelt und Tag in Nacht verfinstert hat, der das Wasser des Meeres gerufen und auf dem Erdboden ausgegossen hat – er heißt »HERR« –, 9 der über den Starken Verderben kommen lässt und bringt Verderben über die feste Stadt.

             Mitten in diesem Gerichtswort wieder eine Doxologie. „Später eingedrungen in den Text.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967 ) Ist das so? Oder ist sie doch ursprünglich, weil Amos etwas zerschlagen muss – die Sicherheit zu wissen, wer und wie Gott ist. Dieser Lobpreis ist ein einziger Hinweis auf die alles übersteigende Größe Gottes, auf seine Unbegreiflichkeit. Ganz so, wie es auch der Psalmbeter spürt:

„Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!                  Wie ist ihre Summe so groß!                                                               Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:               Wenn ich aufwache, bin ich noch immer bei dir.“                                         Psalm 139, 17-18

             Wir haben es mit einen Gott zu tun, der sich unserem Zugriff entzieht, an dem unsere Gedanken scheitern, der in Gericht und Gnade größer ist als unser Denken und Begreifen. Umso wichtiger ist es, seine Spur zu suchen. Die Spur, die er uns gelassen hat in seinem Wort, seinem Gebot. Seiner Weisung. Thora.

  10 Sie hassen den, der im Tor Recht spricht, und verabscheuen den, der die Wahrheit sagt. 11 Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. 12 Denn ich kenne eure Frevel, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt. 13 Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit.

             Die Anklage wird konkret: Zum Schweigen gebracht werden sollen die, die im Tor Recht sprechen, die die Wahrheit sagen. Das ist ein Einstehen für das Recht, das den Armen schützt und nicht nur dem Reichen nützt.  Einstehen für die Wahrheit, die schmerzt, weil sie Unrecht Unrecht nennt und nicht schweigt zu dem, was im Gang ist. Die so für das Recht stehen bringen dunkle Machenschaften ans Licht. Das ist mehr als Pressefreiheit, aber auch Pressefreiheit. Beliebt wird man mit solchem Einstehen für Recht und Wahrheit nicht. Schon gar nicht bei denen, die die Interessen derer vertreten, die die Macht haben, ich eigen nennen. Das erfährt Amos am eigenen Leib.

Konkret: das soziale Unrecht. Ausbeutung. Unterdrückung. Im Reich Jerobeams II. werden die Reichen immer reicher und die Armen immer elender. Neben den Palästen stehen die Hütten. So steht es um die normalen Leute: „Man presst aus ihnen heraus, was herauszuholen ist, indem man auf ihnen herumtrampelt.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 28) Dem muss alles dienen, alle Mittel sind recht, auch Korruption.

Wo es so zugeht, bleibt manchmal nur noch die innere Emigration. Das Schweigen. Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit. Einmal mehr: ist das nur eine spätere Glosse, eine Randbemerkung. Wo einer sich und anderen sagen: Besser die Klappe halten. Es ist so naheliegend zu schweigen in Zeiten des wachsenden Unrechts. In Zeiten der Lautsprecher, der Vereinfacher. Der Welterklärer, die Macht haben und sie per Twitter und öffentlicher Meinung kräftig nützen.

Oder ist es der nachdenkliche Satz, der sich in einem wie Amos festsetzen will und ihn schweigen lassen will, um seiner selbst willen? Dann hätten wir mit diesem Satz das Zeugnis einer inneren Auseinandersetzung des Propheten. Er hält sich den Satz vor und – vweil er on Gott beschlagnahmt ist – hält er sich nicht daran, wider alle Vernunft.

Vielleicht ist das die Sorte Tapferkeit, die auch heute wieder gefragt ist – sich dem schleichenden Prozess entgegenzustellen, der die Ordnungen unseres Miteinander auszuhöhlen beginnt, der statt  einer humanen Gesinnung das Recht des Stärkeren fordert, statt Offenheit Abschottung, statt Barmherzigkeit dem gesunden Volksempfinden und der Abwehr alles Fremden das Wort redet. Vielleicht müssen wir neu lernen, mutig die Errungenschaften einer offenen Gesellschaft zu verteidigen gegen die, die eine uniformierte Bevölkerung für das einzig Wahre erklären.

 14 Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet und der HERR, der Gott Zebaoth, mit euch sei, wie ihr rühmt. 15 Hasst das Böse und liebt das Gute, richtet das Recht auf im Tor, vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, gnädig sein dem Rest Josefs.

             Gott suchen – das ist das Gute suchen. Man wird wohl von anderen Texten der hebräischen Bibel her lesen müssen: „So sollst du nun den HERRN, deinen Gott, lieben und sein Gesetz, seine Ordnungen, seine Rechte und seine Gebote halten allezeit.“(5. Mose 11, 1) Gott suchen ist nichts anderes als Gott lieben und Gott lieben ist das Leben in seinem Gebot. Das hält sich ja bemerkenswert durch bis in das Evangelium:Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.“(Johannes 14, 21) Es gibt kein Suchen Gottes,  das nicht ins Suchen nach dem Tun des Gerechten führt.        

 16 Darum, so spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Herr: Es wird in allen Gassen Wehklagen sein, und auf allen Straßen wird man sagen: »Weh! Weh!« Und man wird den Ackermann zum Trauern rufen und zum Wehklagen, wer die Totenklage erheben kann. 17 In allen Weinbergen wird Wehklagen sein; denn ich will unter euch dreinfahren, spricht der HERR.

          Es wird betont feierlich. Der Herrdonaj  – nimmt das Wort. Nicht mehr Amos. Weil es dazu nicht kommt, weil und wenn das Volk sich diesem Ruf zur Umkehr weiter verweigert, darum wird es zur Wehklage kommen. Das Totenlied des Amos wird zur Wehklage aller werden. Was den Hörern des Amos jetzt noch wie die verwirrte Stimme eines einzelnen erscheint, das wird die Klage der vielen werden. „Wenn die Bauern um die Totenklage gebeten und Unkundige gesucht werden, also nicht die Klagefrauen, sondern wer immer aushelfen kann, dann sind so viele Tote zu beklagen und so viele von den Klagefrauen gestorben, dass die Totenklage nicht mehr ordentlich durchgeführt werden kann.“ (M. Holland, Der Prophet Amos, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1980, S. 158)

             Das alles, weil Gott nicht mehr stillhält. „Weil Jahwe strafend durch die Mitte schreitet.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 29) Weil der Tag da ist, an dem es für Israel gilt: bereite dich, Israel, deinem Gott zu begegnen!“(4,12)

 

Ich weiß nicht, mein Gott, ob ich bereit bin, Dir zu begegnen, Dich zu sehen, vor Dir zu vergehen, weil es ja das Leben kosten wird, Dich zu sehen.

Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, mich so radikal an Dich auszuliefern, dass ich nichts zurückhalte, dass ich nichts mehr selbst will, weil ich mein Leben ganz in Deine Hände gebe.

Ich weiß nur, dass ich ohne Dich nicht leben kann, ohne Dein Wort orientierungslos bin, ohne Deine Zukunft gefangen in mir selbst, ohne Deine Erbarmen ohne Hoffnung.

Gib Dich mir, nimm mich Dir, damit ich lebe. Amen