Nicht umgekehrt

Amos 4, 1 – 13

1 Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen! 2 Gott der HERR hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken. 3 Und ihr werdet zu den Mauerlücken hinausmüssen, eine jede vor sich hin, und zum Hermon Weggeschleppt werden, spricht der HERR.

           Hört dies Wort, ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias. „So etwas schreibt man nicht, es wird ausgerufen.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 124) Wenn das so ist, dann haben wir es hier mit mündlicher Überlieferung von Amos-Worten zu tun.

Daraus wird eine Szenario: Amos steht Frauen gegenüber, Damen, die vom Verhalten der Männer profitieren. „Das ist eine Szene des Wirtschaftswunders unter Jerobeam II. Man hat schätzungsweise drei Jahrzehnte Friedenszeit hinter sich.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 130)  Man/frau feiert sich und lässt feiern. Es sind Frauen, die ihre Männer regelrecht anstacheln durch ihre Konsumforderungen. Die Feste feste feiern wollen: Bringt her, lasst uns saufen! Die das Leben in vollen Zügen genießen wollen. Keine Kinder von Traurigkeit. Aber: „Das Mondäne ihres Lebens und ihrer Lebenshaltung hängt aufs engste mit sozialer Ungerechtigkeit zusammen. An ihrem Schmuck und ihren Roben hängt Blutgeld.“(W. Steinle, Amos. Prophet in der Stunde der Krise, Stuttgart 1979, S. 54) Darf man so denken: Hinter jedem brutalen Mann steht eine fordernde Frau?

Die so ihren Willen erfüllt bekommen von den willigen Helfern, ihren Männern, werden wider Willen hinausmüssen.  Der Verlust der Genusshöhlen wird ihnen angesagt. Das Bild wechselt: Aus den stolzen Kühen werden hilflose Fische. Wie Fische an der Angelschnur zappeln, so werden sie an die Angelschnur genommen. Erschreckend: Sie haben zwar zusammen gefeiert, sich gegenseitig besucht. Aber jetzt, auf dem Weg ins Elend, ins Exil ist keine Gemeinsamkeit mehr – eine jede vor sich hin. „Amos lehrt uns, auch des innergeschichtlichen Gerichts des kommenden Gottes gewärtig zu sein. Denn er spricht hier von innergeschichtlichen Ereignissen.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 134)

4 Ja, kommt her nach Bethel und sündigt, nach Gilgal und sündigt noch mehr! Bringt eure Schlachtopfer am Morgen und eure Zehnten am dritten Tage, 5 räuchert Sauerteig zum Dankopfer und ruft freiwillige Opfer aus und verkündet sie; denn so habt ihr’s gern, ihr Israeliten, spricht Gott der HERR!

      Der religiöse Betrieb läuft. Tag um Tag. Es gibt viel zu tun. Mehr noch als nur Pflichtprogramm. Und: Das Spendenaufkommen steigt. Der religiöse Betrieb läuft wie geschmiert geschäftig, aber er läuft leer. Er ist ein selbstgefälliges Geschäft. Zur Selbstberuhigung. Man könnte auch sagen: Selbstbeweihräucherung. Religiöse Inszenierung als Vergewisserung: wir sind gut. Es ist ein schneidend hartes Urteil: „Das alles ist nur euer Hobby.“ (H. W. Wolff, aaO. S. 135)Es verpflichtet zu nichts. Es hat keinen Tiefgang und keine Folgen im Leben.

6 So habe ich euch auch in allen euren Städten müßige Zähne gegeben und Mangel an Brot in allen euren Orten; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. 7 So habe ich euch auch den Regen vorenthalten, als noch drei Monate waren bis zur Ernte, und ich ließ regnen über eine Stadt, und auf die andere Stadt ließ ich nicht regnen, ein Acker wurde beregnet, und der andere Acker, der nicht beregnet wurde, verdorrte. 8 Und es zogen zwei, drei Städte zu einer Stadt, um Wasser zu trinken, und konnten nicht genug finden; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. 9 Ich plagte euch mit dürrer Zeit und mit Getreidebrand; auch fraßen die Heuschrecken alles, was in euren Gärten und Weinbergen, auf euren Feigenbäumen und Ölbäumen wuchs; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. 10 Ich schickte unter euch die Pest wie in Ägypten; ich tötete eure junge Mannschaft durchs Schwert und ließ eure Pferde gefangen wegführen, ich ließ den Gestank eures Heerlagers in eure Nasen steigen; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. 11 Ich richtete unter euch Zerstörung an, wie Gott Sodom und Gomorra zerstörte, dass ihr wart wie ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerissen wird; dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR.

    Das ganze Arsenal der Maßnahmen Gottes wird aufgeführt. Er hat Israel Mangel erfahren lassen. Not. Weil der Satz doch heißt: Not lehrt beten. Hungersnot, Dürreperioden, Wassernotstände, Getreidebrand, Heuschrecken. Schließlich sogar die Pest. Wie hat Gott sich um Israel gemüht. Der Liste der Heilstaten, der großen Taten Gottes – Herausführung, Rettung am Schilfmeer, Bundesschluss am Horeb, Landgabe – die in Israel gerne zitiert wird, stellt Amos „als Kehrseite eine Liste der Heimsuchungen“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 154)  gegenüber. Sie hätten dazu führen sollen, dass Israel seinen Gott neu sucht. Bei ihm seine Zuflucht sucht und findet. sich umkehrt.

Das Resultat der Bemühungen Gottes ist ernüchternd: dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR. Gleich fünfmal. Es liest sich wie ein Kehrvers, wie der Satz in einer Klagelitanei. Aber es ist keine Klagelitanei des Volkes, es ist eine Anklage Gottes: Ihr habt nicht gewollt. Da entsteht kein Fragen nach Gott aus den Katastrophen des Lebens. Da ist nicht das ängstliche, aber auch hoffnungsvolle Suchen, „ob hinter dem Unglück sich nicht eine Wirklichkeit auftut, deren man nicht auf dem Weg der Sühnepraxis mit ihrer ethischen Rationalität Herr werden kann.“ (A. Weiser, aaO. S. 155) Es ist so beschlossen – in der Priesterschaft, am Tempel und im Volk: Gott darf nicht erschrecken, nicht verunsichern. Amos aber will genau das – herausreißen aus einer Sicherheit vor Gott, die sich ihm neu – ohne Wenn und Aber – anvertraut.

Es ist eine tiefe Ernüchterung, die sich in diesen Worten Gottes zeigt. Es wirkt, als würde Gott aus einer Selbst-Täuschung aufwachen. aus der Täuschung, dass Unglücksfälle der Anlass zu Verhaltensänderungen werden könnten. Das ist wohl auch die große Täuschung, der wir als Kirchen leicht unterliegen. Nach dem 9. September, nach dem Tsunami, nach dem Anschlag am Breitscheid-Platz sind Kirchenleute gefragt – in Talk-Shows und im kleinen Kreis. Aber solches Aufflackern von Betroffenheit führt nicht zu langfristiger Umkehr. Das muss Gott einsehen, das müssen wir einsehen.

Es trifft und macht zugleich betroffen: „Mein finnischer alttestamentlicher Kollege Prof. Lauha in Helsinki erzählte mir von einer Diskussion im finnischen Rundfunk zwischen sechs Gelehrten über das Problem der Existenz Gottes. Eine Stunde lang haben sie am runden Tisch diskutiert. Am folgenden Tag brachte die größte finnische Tageszeitung eine Karikatur. Da saßen sechs Männlein um einen großen Tisch und der große Tisch mit den sechs um die Existenz Gottes diskutierenden Männlein stand auf einer riesigen Hand, die alle hielt und alle trug. Wenn wir anders diskutieren  als in solcher Gewissheit, immer schon von dem, der der Grund unseres Lebens ist, getragen zu sein, und von dem, der sich zur Sprache gebracht hat in Jesus und seinen Zeugen, dann werden wir von vornherein die Sache verfehlen.“(H. W. Wolff, aaO. S. 140) Darauf käme es an, die vermeintlichen Sicherheiten fahren zu lassen und sich zu bergen in einer Gewissheit, die es nicht anders gibt als mit Zittern und Zagen.

12 Darum will ich so an dir tun, Israel! Weil ich dir dies tun will, bereite dich, Israel, deinem Gott zu begegnen! 13 Denn siehe: Der die Berge gemacht und den Wind geschaffen hat, der dem Menschen sagt, was er im Sinne hat, der die Morgenröte zur Finsternis macht und der auf den Höhen der Erde einherschreitet – er heißt »HERR, Gott Zebaoth«.

             Weil Israel die Umkehr schuldig bleibt, bereite dich, Israel, deinem Gott zu begegnen! Das also wird auf Israel zukommen: eine neue Begegnung mit Gott. Man tut gut daran sich an die Worte Gottes zu Mose zu erinnern: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2. Mose 33,20) Was Mose sich als Erfüllung gewünscht hat, das wird hier zur Drohung des Gerichtes: „Gericht heißt, als Gottloser der Begegnung mit dem Lebendigen nicht mehr ausweichen können… dem unvergleichlich Wirksamen nicht mehr ausweichen können(H.W. Wolff, aaO. S. 142)

Wer sich vor Gott wiederfindet, dem vergeht sein Stolz, seine  Selbstsicherheit, der verstummt. „Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe… Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“(Hiob 42, 1 -3. 5-6) Mir scheint, Amos ist ein Wegbereiter für die viel späteren Einsichten der Weisheit Israels.

Die neue Begegnung mit Gott wird dazu führen, dass Israels Art vergeht, dass an die Stelle der unbußfertigen, verstockten Herzen eine andere Haltung tritt. „Im Christenleben gibt es nur einen Fortschritt und das ist der Fortschritt in der Erkenntnis der Schuld.“(D. Bonhoeffer) Wenn sie das in Israel eingestehen lernen, wird sich ein neuer Weg in die Zukunft öffnen. Das steckt zuletzt hinter dem Lobpreis: er heißt »HERR, Gott Zebaoth«.

 Ob diese „hymnische Doxologie ein späterer liturgischer Zusatz ist(A. Weiser, aaO, S. 156), vermag ich nicht zu entscheiden. Mir leuchten die Worte an dieser Stelle ein, weil sie ein Anfang sind, sich diesem übermächtigen und auch unheimlichen Gott demütig hinzuhalten. Ganz gewiss aber ist es so, dass dieser Lobpreis nicht der Ersatz für eine Umkehr sein kann, die im Leben und im Handeln des Alltags Gott ehrt und gehorcht. Der Lobpreis ist nur ein erster Schritt zur Umkehr. Viele andere Schritte müssen folgen.

 

Du heiliger Gott, wie oft rufen wir nach Dir, sehnen uns nach Dir, fordern, dass Du Dich zeigst. Als ob wir etwas zu fordern hätten.

 Wissen wir, was wir da tun in solchen Rufen, im Sehnen nach Dir? Unser Ende sehnen wir herbei, den neuen Anfang, den wir nicht machen können, der durchs tiefe Erschrecken hindurch geht, durchs Sterben. So haben es frühere Zeiten gewusst.

Mache Du uns demütig in unserem Rufen, Bitten, im Warten auf Dich. Lass uns Dich schauen und leben. Amen