Wem viel gegeben ist…

Amos 3, 1 – 2. 9 – 15

1 Hört dieses Wort, das der HERR wider euch redet, ihr Israeliten, wider das ganze Geschlecht, das ich aus Ägyptenland geführt habe: 2 Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde.

Kein Wort für die Israeliten, eines gegen sie. Gegen sie, die doch die große Heilstat Gottes erfahren haben, die Herausführung aus Ägyptenland. Vielleicht ist es aus einer Diskussion entstanden. Es hat Gegenstimmen gegen die Botschaft des Amos gegeben, begründet mit dem Hinweis: Gott hat sich doch für uns entschieden, sich auf unsere Seite gestellt, uns zu seinem Volk gemacht. Darum muss er doch auch jetzt auf unserer Seite sein, bereit, auch Verfehlungen zu übersehen und zu vergeben.

Aber: was diesen Gegenstimmen Grund zur Sicherheit ist, das ist nach dem Wort, das Amos ausrichtet, Grund zum Gericht. Amos „sieht in der Erwählung Israels nicht einen Vorzug dieses Volkes vor anderen Völkern, hinter dem man seine Sünde verbergen und sich gegen das Gericht Gottes sichern könnte.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 196, S. 144)

Weil Gott Israel erwählt hat, unter allen Geschlechtern sie allein, darum wird er auch die Sünde Israels anders gewichten als die der Völker. Wenn er schon die Völker im Gericht nicht schont, wie viel weniger wird er es Israel durchgehen lassen, dass sie die Gnade, die ihnen zuteil geworden ist, so gering achten, dass sie die Konsequenz im Gehorsam gegen das Gebot vermissen lassen.

Das ist ein Gedanke, der sich nicht nur bei Amos findet. Die Weisheit Israels hat sein  Denken aufgegriffen in dem Wort: „Mein Sohn, verwirf die Zucht des HERRN nicht und sei nicht unwillig, wenn er dich zurechtweist; 12 denn wen der HERR liebt, den weist er zurecht, und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn.“(Sprüche 3, 11-12)Und genau in dieser Linie denkt auch der neutestamentliche Hebräerbrief, der dieses Wort aus den Sprüchen zitiert. Es ist gerade die Erwählung, die verpflichtet und die, wenn sie missachtet wird, das strenge Urteil nach sich zieht.      

9 Lasst hören über den Palästen von Aschdod und in den Palästen im Lande Ägypten und sprecht: Sammelt euch auf den Bergen um Samaria und seht, welch ein großes Zetergeschrei und Unrecht darin ist!

Es kommt zum Gerichtsverfahren. Dafür werden Zeugen gesucht, aufgerufen. Es muss jeden Israeliten, der das hört, schmerzen. Werden doch ausgerechnet die Völker zu Zeugen gerufen, die selbst auch nicht ohne Schuld sind.  Es sind die Großmächte Assur, dafür stehen die Paläste von Aschdod  und Ägypten, die aufgefordert werden, sich anzusehen, was da in Samaria vor sich geht. Das sind die Mächte, auf deren Anerkennung wohl die Führungsclique, „die selbstbewusste Großstadtkulturschicht“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 146)in Samaria hofft. „In der Residenz Samaria lebten die, die Verantwortung trugen für das, was in diesem Teilstaat des Volkes Gottes passierte.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 110) Sie werden durch Amos zur Verantwortung gefordert.

 10 Sie achten kein Recht, spricht der HERR; sie horten Gewalttat und Raub in ihren Palästen. 11 Darum, so spricht Gott der HERR: Man wird dies Land ringsumher bedrängen und deine Macht niederreißen und deine Paläste plündern.

 Es ist eine bittere Anklage: Was es in Samaria zu sehen gibt, ist die Missachtung des Rechts, Gewalttat und Raub. Sie häufen Besitz auf, aber dieser Besitz, „ihr Wohlstand ist auf Bedrückung und Unrecht aufgebaut.“(A. Weiser, ebda.) Das wird ihnen auf die Füße fallen. Es wiederholt sich im Gang der Geschichte: Abgehobene Führungsschichten, die sich gegenseitig in ihrem Verhalten bestätigen, internationaler Jetset, merken nicht, wie sie mit der Bodenhaftung auch ihre Zukunft verlieren. Dass es ein trügerischer Grund ist, auf dem sie bauen. Anders gesagt: „Selbstgefühl, Selbstbewusstsein, Selbstsucht und Eitelkeit trüben den Blick so, dass der Eitle, Selbstsüchtige, Selbstbewusste keinen Blick mehr hat für Gott und die Menschen.“ (W. Steinle, Amos. Prophet in der Stunde der Krise, Stuttgart 1979, S. 53) Darf man, muss man über die Analyse des prophetischen Buches hinaus daraus folgern: „Alles, was selbst etwas sein will ohne Gott oder neben ihm, ist dem Untergang verfallen.“ (A. Weiser, Amos, aaO. S. 147) So zu fragen kann einen bangen lassen im Blick auf die eigene Zeit.

 Weil das alles so zum Himmel schreit, folgen der Anklage der Schuldspruch und die Ansage des Gerichtes. Die Macht wird zerfallen. Die Paläste werden geschleift werden.

 12 So spricht der HERR: Gleichwie ein Hirte dem Löwen zwei Beine oder ein Ohrläppchen aus dem Maul reißt, so sollen die Israeliten herausgerissen werden, die zu Samaria sitzen an der Lehne des Ruhebettes und auf dem Lager von Damast.

 Die Durchführung des Gerichtes wird geschildert im Bild eines Überfall durch Raubtiere: von dem früher stattlichen Tier nur noch kümmerliche Überbleibsel: zwei Beine oder ein Ohrläppchen. Sie werden aus dem Maul des Angreifers herausgerissen. Was für eine Rettung! Es sind die Überreste, durch die der Hirte nachweisen kann: Meine Tiere sind höherer Gewalt zum Opfer gefallen. Nicht mehr lebensfähig. Nur noch Erinnerung: Das Tier gab es einmal.

Bilder von heute, die wir vor Augen haben: Aleppo. Ost-Ghuta. Palmyra. Wer früher einmal da war, trägt andere Bilder in sich als die, die jetzt in der Tageschau flimmern. Bilder vom pulsierenden Leben im Basar. Straßen-Cafés zum Verweilen. Stimmengewirr, Gerüche  und das Rufen der Händler. Und jetzt: Trümmerhaufen, deren Beseitigung Jahrzehnte dauern wird. Das Versprechen des Wiederaufbaus klingt wie Hohn. Wie soll aus diesen Trümmern neues Leben werden? Die Menschen, die hier gelebt haben: entwurzelt, auf der Flucht. Deportiert.  Amos 2018 – Amos im 8. Jahrhundert vor Christus.

Das alles sagt Amos – und hat im Blick einmal mehr auf die wohlsituierten Kreise. Die sich den Luxus leisten können. „Angeredet sind die reichen Laufleute, die in Samaria und Damaskus ihre Niederlassung und ihre prunkvoll ausgestatten Villen haben.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 148f.)  Man gönnt sich ja sonst nichts. Von einem Tag zum anderen wird es vorbei sein mit diesem Leben. Flucht, Umsiedeln in bessere, sicherere Wohnlagen, in die Residenzen außerhalb – auf die schönen Inseln – eine Illusion.

13 Hört und bezeugt es dem Hause Jakob, spricht Gott der HERR, der Gott Zebaoth: 14 Zur Zeit, da ich Israels Frevel an ihm heimsuchen werde, will ich die Altäre in Bethel heimsuchen und die Hörner des Altars abhauen, dass sie zu Boden fallen, 15 und will Winterhaus und Sommerhaus zerschlagen, und die Elfenbeinhäuser sollen zugrunde gehen und viele Häuser vernichtet werden, spricht der HERR.

       Da wird kein Zufluchtsort mehr sein. Wenn Gott die Hörner des Altars abhauen wird, gibt es keine Asylorte mehr. Das ist der Zufluchtsort, an den sich Adonija flüchtet (1. Könige 1,50), an den sich Joab flüchtet(1. Könige 2, 28) Kein Ort der Verschonung mehr. Das Heiligtum in Bethel wird zerstört werden. so trifft die große Zerstörung die Kultorte und die Wohnstätten.

Wieder wird es die treffen, die viel haben. Wer viel hat, der wird viel verlieren. Der normale Israelit hat nur ein Haus. Nur die Reichen haben die Zweitwohnung. Winterhaus und Sommerhaus. Edelherberge aus Elfenbein. Ist es ein Trost für die Armen, das Fußvolk, dass die Verluste der Reichen höher sein werden? Ich bin mir da nicht so sicher.

Ein Gedanke rückt mir auf die Pelle: Ich bin mir keiner persönlichen Schuld bewusst, weil ich niemand ausbeute. Keinen versklave. Was ich mein Eigentum nenne, ist nicht Frucht von krummen Geschäften. Aber ich weiß, dass ich ein Profiteur bin. Ich profitiere von der ungerechten Welt-Wirtschaft. Ich profitiere von den unfairen Preisen, die Im Welthandel von den reichen Ländern immer noch durchgesetzt werden. Wir bezahlen niedrige Preise für Rohstoffe und kassieren hohe Preise für Konsumgüter und Industrie-Produkte. Und alle Entwicklungshilfe ist nur ein Kaschieren des Unrechtes.

Was wird sein, wenn Gott Afrika und Asien, Südamerika und die anderen Armenhäuser der Welt zu Zeugen so wie Aschdod und Ägypten aufruft – gegen den reichen Westen, wenn der Untergang der westlichen Welt ansteht? Wenn die Verlogenheit der schönen Worte von den demokratischen Werten uns um die Ohren fliegt, weil am Ende doch nur das Dollar-Zeichen der eine gültige Wert ist? Mit welchem moralischen Recht wollen wir den Marsch auf die Festung Europa stoppen, solange wir nicht bereit sind, von unserem Überfluss wenigstens das Überflüssige abzugeben?

 

Mein Gott, Wohlstand auf dem Rücken derer, die die Arbeit tun. Wohlstand auf dem Rücken derer, die ausgebeutet werden.Das ist auch unser Wohlstand in dem reichen Land, in dem ich lebe.

Manchmal überfällt mich die Angst, dass es eines Tages zur großen Abrechnung kommen könnte, dass  es Schluss sein könnte, weil Du Schluss machst mit dem Unrecht, mit dem Stillhalten, mit der Einbahnstraße des Wohlstandes.

Gib Du uns, dass wir teilen lernen, rechtzeitig – vor dem Ende. Amen

 

Ein Gedanke zu „Wem viel gegeben ist…“

  1. Auch die “Kleinen Leute” trifft
    es hart, wenn sie das Wenige verlieren, das sie haben, wenn
    Gottes Gericht über die
    Reichen kommt. Welche Verantwortung!

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