Nicht schweigen können – rufen müssen

Amos 1, 1 – 3. 3, 3 – 8

1 Dies ist’s, was Amos, der unter den Schafzüchtern von Tekoa war, gesehen hat über Israel zur Zeit Usijas, des Königs von Juda, und Jerobeams, des Sohnes des Joasch, des Königs von Israel, zwei Jahre vor dem Erdbeben. 2 Und er sprach: Der HERR wird aus Zion brüllen und seine Stimme aus Jerusalem hören lassen, dass die Auen der Hirten vertrocknen werden und der Karmel oben verdorren wird.

             „Wer einen Propheten kennen lernen will, muss Amos lesen.“(H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 7) Mit diesem steilen Satz eröffnet Hans Walter Wolff sein Amos-Buch. Weil er überzeugt ist, dass sich in diesem Buch eines kleinen Propheten das Wesen des Propheten und des prophetischen Redens zeigt. Wie unter einem Brennglas verdichtet.

Der Anfangssatz des Amos-Buches lässt ahnen, dass er nicht aus der Feder des Propheten stammt. So redet kein Prophet von sich selbst. Es ist der Satz eines Späteren. Eines Amos-Hörers? Eines Amos-Schülers? Aber die Art des Amos spricht dagegen, dass er eine „Schule“ ausgebildet hat, dass er gewissermaßen prägend geworden ist für die, die ihn hörten.  Ein Schafzüchter aus Tekoa, einem Ort an Rande der Wüste Juda, südlich von Bethlehem. Wahrscheinlich hat es in Tekoa eine Befestigungsanlage gegeben. „ Rehabeam aber wohnte in Jerusalem und baute Städte in Juda zu Festungen aus, nämlich: Bethlehem, Etam, Tekoa, Bet-Zur, Socho, Adullam, Gat, Marescha, Sif, Adorajim, Lachisch, Aseka, Zora, Ajalon und Hebron. Das waren die festen Städte in Juda und Benjamin. Und er machte die Festungen stark und setzte Hauptleute über sie und legte Vorrat von Speise, Öl und Wein sowie Schilde und Spieße in alle Städte; so machte er sie sehr stark.“(2. Chronik 11, 5 – 12) In der Aufzählung ist Tekoa eine unter vielen Städten, nichts Besonderes. Jemand, der aus so einem Ort kommt, bildet keine “Schule”.             Wichtig ist die zeitliche Einordung. Amos, sieht, was er über Israel sagt, zur Zeit  der Könige Usija in Juda, und Jerobeam, König von Israel. Das führt in die Jahre zwischen 787 und 747 v. Chr. „In eine für Israel und Juda relative ruhige Phase.“ (S. Wagner/ H. Flender, Höret des Herrn Wort. Amos, Gladbeck 1981, S. 7) Das einschneidende Ereignis dieser Zeit, im Buch mehrfach erwähnt, ist  ein großes Erdbeben. Ausgrabungen und die Kenntnis einer Sonnenfinsternis, die in 8,9 vorausgesetzt wird – Zur selben Zeit, spricht Gott der HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen. –  und die aufgrund astronomischer Berechnung 763 v. Chr. angesetzt wird, engt den Zeitraum weiter ein. Vermutlich tritt Amos in den Jahren nach 760 auf. „Er ist damit der älteste Schrift-Prophet des Alten Testamentes“ (S. Wagner/ H. Flender, ebda.) Auch wenn er vermutlich kein Wort seines Buches selbst geschrieben hat.

3, 3 Können etwa zwei miteinander wandern, sie hätten sich denn getroffen? 4 Brüllt etwa ein Löwe im Walde, wenn er keinen Raub hat? Schreit etwa ein junger Löwe aus seiner Höhle, er habe denn etwas gefangen? 5 Fällt etwa ein Vogel zur Erde, wenn kein Fangnetz da ist? Oder springt eine Falle auf von der Erde, sie habe denn etwas gefangen? 6 Bläst man etwa das Horn in einer Stadt, und das Volk entsetzt sich nicht? Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht getan? –

Es sind Sätze, die beim Hörer Zustimmung suchen: So ist es. Sie „bewegen sich auf dem Boden des Erkenntnismäßigen, bestimmt, den Hörer zu eigenem Nachdenken zu zwingen, dass sie sich selbst die vom Propheten ins Auge gefasste Antwort geben.“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 144) Es sind Sätze, die der Alltags- und Erfahrungswelt der Hörer entstammen. Sie alle zeichnen zwangsläufige Zusammenhänge. Darauf kommt es Amos wohl vor allem an: “Es ist ein rätselhafter Zwang, der von Jahwe ausgeht. Jeder Widerstand ist zwecklos.“ (W. Steinle, Amos. Prophet in der Stunde der Krise, Stuttgart 1979, S. 19) Und: „Freiwillig kommt der Mensch nicht zu diesem Dienst.“(ebda.)Dass Amos Prophet ist, prophetisch redet, ist keine eigene Wahl. Es liegt als ein Muss auf ihm. Er ist darin nicht frei, auch nicht frei sich zu verweigern. Man wird es auch so sagen können, dass diese Zwangsläufigkeit genaugenommen auch besagt, dass an der Stelle des Amos genauso jeder andere so hätte von Gott beschlagnahmt werden können.

Im Hintergrund mag stehen, dass Amos erfahren hat, dass ihm diese Aufgabe bestritten worden ist. Ihm von Regierungsseite und von Seiten der Priesterschaft seine Berufung zum Propheten abgesprochen worden ist. Sein „Recht, als Prophet Jahwes aufzutreten und seine Gerichtdrohungen als Wort Gottes zu verkündigen,“ (A. Weiser, Amos, ATD 24, Göttingen 1967, S. 145) wurden massiv in Frage gestellt. Nicht zuletzt, weil sich im Volksglauben eine Vorstellung festgesetzt hat, die Gott nur noch Heil ansagen ließ und Prophetie nur noch als Heilsweissagung gelten lassen wollte.

Das löst bei ihm den scharfen Widerspruch aus, der bis heute irritiert: Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, und der HERR hat es nicht getan? Das ist, auch im Ganzen der Hebräischen Bibel ein Spitzensatz. Herausforderung an das Denken, Herausforderung auch für den Glauben. Widerspruch gegen ein verharmlosendes Gottesbild. „Gott nimmt die volle Verantwortung auf sich für alles, was im Lauf der Geschichte geschieht. Das ist eine unheimliche Wahrheit“(E. Jacob/H. Ochsenbein, Gott ist unser Schicksal, Metzingen 1964, S. 20) Mit Amos ist es nicht zu machen, dass Gott immer nur gut ist, immer nur Gutes tut. Er steht vor der unheimlichen Erfahrung, auch ins eigene Leben hinein, dass Gott überwältigt, dass er zwingt, dass er beschlagnahmt, von einem Augenblick zum anderen. Der „gute Gott“ unserer liturgischen Wendungen, um nicht zu sagen: Phrasen, und der „liebe Gott“ unserer Tradition ist Amos jedenfalls fremd.

 7 Gott der HERR tut nichts, er offenbarte denn seinen Ratschluss seinen Knechten, den Propheten. – 8 Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?

             Was für eine Aussage: „Wenn Gott etwas tut, dann sagt er es zuvor durch seine Knechte, die Propheten an; sonst tut er nichts.“ (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 90) Es gibt also so etwas wie einen „Vorlauf“ des Handelns Gottes in den Ansagen der Propheten! Es ist der Auftrag des Propheten zu reden – damit vielleicht der enge Raum zur Umkehr noch genützt werden kann.

Es ist sein Auftrag auch deshalb, damit deutlich wird: Hier handelt wirklich Gott, der HERR, dem Israel sein Dasein verdankt und nicht irgendein stummes, blindes Schicksal. Der weit spätere zweite Jesaja wird darin regelrecht den Erweis Gottes sehen, dass er angesagt hat, was geschehen wird. Ein Beispiel für mehrere: „Ich bin der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen; der die Zeichen der Wahrsager zunichtemacht und die Weissager zu Narren; der die Weisen zurücktreibt und ihre Kunst zur Torheit macht; der das Wort seines Knechts wahr macht und den Rat seiner Boten vollführt.“(Jesaja 44, 24 – 26)

„Es gibt Situationen, in denen Schweigepflicht besteht … Aber es gibt Situationen, in denen der Gläubige unbedingte Redepflicht hat.“ (E. Jacob/H. Ochsenbein, aaO. S.21) In so einer Situation ist Amos durch seinen Auftrag als Prophet. Dass es nicht „einfach“ ist, so unter Redepflicht zu stehen, erweist sich aus dem Löwenwort. Das Wort weist noch einmal zurück auf die Worte zuvor – vom Löwen, dem Vogelfänger, der Falle, der Posaune. Immer in der gleichen Intention: Amos kann nicht anders. Er muss reden. In Furcht und Zittern. „So wie einer zittern muss, wenn der Löwe brüllt, so muss ich reden, wenn der Herr es will.“( (H. W. Wolff, Die Stunde des Amos, München 1981, S. 91)

Von der gleichen Notwendigkeit zu reden, das Wort zu nehmen, weil Gott es so will, spricht auch der Christuszeuge Paulus. „Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Tue ich’s freiwillig, so wird’s mir gelohnt. Tue ich’s aber unfreiwillig, so ist mir das Amt doch anvertraut.“(1. Korinther 9, 16 -17) Das mag Hinweis genug sein: Die Berufung des Propheten ist ein Sonderfall. Aber die Pflicht, den Mund  aufzumachen für Gott ist nicht gebunden an die Berufung zum Propheten oder zum Apostel. Sie ist Teil der Berufung eines jeden Christenmenschen.

 

Manchmal drängen sich uns Worte auf, mein Gott, legen sich wie von selbst uns in den Mund. Nicht weil wir es wollen, sondern weil die Situation danach schreit. Weil wir nicht mehr schweigen können zu dem, was im Gang ist.

Manchmal legst Du uns Worte in den Mund, mein Gott, damit wir Deine Zeugen werden, Deinen Willen ausrufen, in eine Welt hinein, die sich in ihrem Eigenwillen verfangen hat. Du sendest uns zu Menschen, die sich verrannt haben.

Und wir fürchten uns vor ihnen und vor den Worten, die wir sagen sollen. Gib uns, dass wir dennoch reden, zögernd, zweifelnd, voller Fragen und Furcht. Aber reden, weil Du es willst und reden, was Du willst. Amen