Unterwegs zum Vaterhaus

Hebräer 13, 1 – 14

 1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Mit den Beinen auf der Erde. Es zeichnet diese Schrift aus, dass sie zwar viel von der Wirklichkeit des Himmels redet,  aber darüber nicht die Erde vergisst. Die Hoffnung auf die himmlische Ruhe setzt Verhalten frei, prägt es, formt es. Gerade die am Himmel orientierten Christen bleiben der Erde treu. Sie überfordern sie nicht in ihren Erwartungen. Sie müssen auch nicht – womöglich gewaltsam – aus ihr ein Paradies machen. Solche Versuche hat es gegeben und sie sind, nicht nur bei den Wiedertäufern in Münster und im Bauernaufstand in Blutvergießen geendet. Es reicht, die Verhältinsse, vor allem die sozialen Verhältnisse, so zu “verbessern”, dass sie dem Leben dienen.

Es ist eines der großen Anliegen des Briefes, dass die Gemeinschaft unter den Christen tragfähig bleibt. Keiner soll zurück gelassen werden, keine abgehängt, keine allein und sich selbst überlassen. Wenn es stimmt, und es legt sich durch viele Bemerkungen im Text ja nahe – So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch etwa zurückbleibe (4,1); Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken(10,23);Werft euer Vertrauen nicht weg(10,35; Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie (12,12)als kleine Auswahl –, dass die Adressaten des Briefes Christen in der Bedrängnis sind, unter Druck von außen, dann leuchtet sofort ein, dass die gegenseitige Unterstützung so überaus wichtig ist. Darum schlägt die Übersetzung Bleibt fest einen richtigen Ton an, auch wenn im Griechischen nur einfach μεντω – bleibt steht. Aber diese Wort kann auf „ausharren, standhalten im Kampf“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 494) bedeuten. Ein Hinweis darauf, dass es Kraft und Stehvermögen braucht, auch in der Brüderlichkeit. Wir heute würden sagen: in der Geschwisterlichkeit.

Φιλαδελφία, brüderliche Liebe ist geboten. Weil der Glauben in Beziehung stellt, zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern, deshalb ist es auch eine Frage der Bewährung des Glaubens, wie Christen liebevoll miteinander umgehen. Zuspruch, Aufmerksamkeit, Trost, Beistand in Nöten, gute Worte – alles das sind Zeichen der Liebe. Diese Liebe ist zentrales Thema in der Christenheit, nicht nur für den Hebräer-Brief. “Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.” (1. Johannes 4,11) heißt es in einer Meditation, die das Thema breit entfaltet.

Es ist konkretisierender Anschluss, wenn sofort der Hinweis auf die Gastfreundschaft folgt. Gastfrei zu sein vergesst nicht. Das ist nicht zuletzt deshalb in den Anfängen der Christenheit ein großes Thema, weil „wandernde Propheten und Lehrer von Gemeinde zu Gemeinde ziehen“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 85) und elementar darauf angewiesen sind, dass sie Aufnahme in den Häusern vor Ort finden. Das ist zugleich einer der Punkte, wo deutlich wird: die erste Gemeinde hat auch ethische Standards, die anschlußfähig an die Werte der Umwelt sind. Gastfreundschaft ist ein großes Thema im ganzen Orient – bis heute.

Wahrscheinlich ist das eines der großen Lernfelder für die mitteleuropäische Christenheit. Wie steht es um unsere Gastfreundschaft als Volk, als Kirche, angesichts von millionenfacher Flucht – aus Hunger, aus Verfolgung, aus Furcht  vor dem Krieg. Ich bin sehr dafür, dass Kirchen und Kirchengemeinden an dieser Stelle aktiv werden – und zwar nicht nur mit Appellen an politische Verantwortungsträger, sondern mit eigenen Initiativen. Es könnte sein, dass Gott uns Engel schickt und wir lassen sie draußen vor der Tür.

Reinhard Mey hat das besungen in seinem Lied „Der Bruder“ und auf seine Weise ein Jesus-Wort aufgegriffen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(Matthäus 25,40)  Er erzählt in seinem Lied davon, dass er in den USA einen schwarzen Anhalter stehen lässt. Sein Schlussvers ist es, der die Brücke zu den Worten des Hebräer-Briefes bildet.

Vielleicht war es der Messias,                                                                  der nach zweitausend Jahr‘n
Noch mal gekommen ist,                                                                          und du, du hast ihn nicht gefahr‘n,
Mit deinem chromblitzenden,                                                                air-condition-daunenweichen Thron.
Oh, das kriegst du nicht so einfach wieder gutgemacht,
Du hast den Bruder nicht nach Haus gebracht!
Und einem Vater nicht seinen verlorenen Sohn.                                        
  R. Mey, CD Flaschenpost

Manchmal reden uns Christen säkulare Musiker, die mit Kirche nicht so schrecklich viel im Sinn haben, doch eindringlich ins Gewissen.

4 Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen und das Ehebett unbefleckt; denn die Unzüchtigen und die Ehebrecher wird Gott richten.

Ehe ist nicht alles. Es gibt auch Ehelosigkeit. Aber wo Ehe ist, da steht sie unter dem Schutz des Wortes Gottes. “Das ist ganz die höchste Kunst im ehelichen Leben, zu wissen, dass man den Stand ansehen lerne nach der höchsten Ehre, nämlich dass er Gottes Stiftung ist und Gottes Wort hat…Ach, wollte Gott, dass ein jeder in einem solchen Sinn daherginge, dass er von Herzen sagen könnte: Dass ich mit meinem Ehegemahl hier sitze und lebe, dessen bin ich gewiss, dass es Gott so wohl gefalle, dass es Gott so gestiftet und geordnet hat, dass mich Gottes Wort solches heißt.”(Martin Luther in einer Hochzeitspredigt am 8. Januar 1531, zitiert nach: Luthers Epistelauslegung, Bd. 5, Göttingen 1983, S.429-430) So sieht es Luther, der an anderer Stelle durchaus auch sagen kann, die Ehe sei ein weltlich Ding.

Mit dem Neuen Testament ist die laxe Sexual-Moral unserer Zeit, die mancherorts hinter der Relativierung der Ehe als guter Lebensordnung steht, nicht zu rechtfertigen. Lax in dem Sinn, dass “erlaubt ist, was gefällt”, was der Triebstruktur entspricht. Lax auch in dem Sinn, dass sie verschweigt, wie viel Schmerz zerbrochene Beziehungen mit sich bringen, wie viel Verelendung innerlich und äußerlich. Lax auch darin, dass es nicht wirklich klar gesagt wird, dass Kinder einen zu hohen Preis für die “Freiheit” der Eltern bezahlen, sich zu trennen.

Mit diesen harten Worten übersehe ich nicht, dass es auch ein Scheitern in Ehen gibt trotz guten Willens, trotz harten Kämpfens um neue Anfänge. In der medialen Öffentlichkeit wird das nicht genügend dargestellt. Da geht es mir zu glatt ab – von wegen: Wir trennen uns und bleiben Freunde.

Paulus jedenfalls, als anderer Autor des Neuen Testaments, grenzt im Blick auf ethische Verantwortung und Freiheit ein: “Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“(1. Korinther 3,22-23) und wenig später noch einmal, deutlich im Zusammenhang mit unseren Trieben: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ (1. Korinther 6, 12)

Es mag sein, dass diese Worte, auch die des Hebräer-Briefes, in unserer Zeit altertümlich und altmodisch klingen, dass es auch wie aus der Zeit gefallen ist, eheliche Treue hoch einzuschätzen. Aber genau dies ist die Position der Worte des Schreibers. “Die Ehe ist mehr als nur legitimierte Geschlechtsgemeinschaft… Da an ihrem Bestand die Weitergabe des Lebens und die Grundordnungen der menschlichen Gesellschaft hängen, ist sie im Alten und im Neuen Testament Gegenstand des göttlichen Rechtes. Der Mensch, der sie als Grundordnung zerstört, wird vor Gott schuldig und untersteht seinem künftigen Gericht.” (A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 246) 

Es steht der Kirche, vor allem meiner lieben evangelischen Kirche, gut zu Gesicht, wenn sie bei aller Vielfalt der Lebensformen, denen sie Freiheit zuspricht und Respekt zollt, nicht vergisst, dass die Ehe zwischen Mann und Frau von einer besonderen Dignität ist. Das Gebot Gottes schafft einen Schutzraum um die Ehe und die, die in einer Ehe leben. Das soll und darf nicht in der berechtigten Suche nach Gerechtigkeit und Freiraum für andere Lebensformen untergehen und verschwiegen werden.

5 Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt (Josua 1,5): »Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.« 6 So können auch wir getrost sagen (Psalm 118,6): »Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?«

            Auch das ist wieder völlig neben der Zeit. Der Zeit heute. Aber so sind biblische Autoren. Sie fragen nicht nach den Meinungsumfragen unserer Tage. Sie glauben einfach nicht, dass Gier ein positiver Wert ist. Die Geldgier, die Machtgier, die Gier nach Einfluß und Anerkennung –   das alles wird in der Schrift eher unter dem Leitbegriff Sünde verhandelt. Es ist ein Ausdruck fehlenden Gottvertrauens, der die Gier nach dem Geld so zügellos ins Kraut schießen lässt: “Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt?” fragt Jesus seine Jünger. “Sie sprachen: Niemals.” (Lukas 22, 35)

Dass auch hier der Hebräerbrief nicht wie ein Fremdling in seiner Zeit und ethischen Grundsätzen seiner Umgebung steht, sei nebenbei angemerkt. Es gab immer ethische Entwürfe, die “Gier” eher für eine Entgleisung und die Genügsamkeit für eine Tugend gehalten haben. Wahr ist doch sehr schlicht: Mit einem genügsamen Menschen ist besser auszukommen als mit einem, der von seiner Gier beherrscht wird – was immer auch der Gegenstand seiner Gier sein mag.  Das alles aber wird nicht als eine wünschenswerte menschliche Tugend eingefordert. Es ist begründet in der Fürsorge Gottes. Wer an den fürsorglichen Gott glaubt, der kann frei werden von Furcht. Von der Furcht, am Ende mit leeren Händen dazustehen und von der Furcht vor Menschen.  Es mag sein, der Satz: was kann mir ein Mensch tun?« gewinnt noch einmal einen anderen Klang, weil er „Mut manchen will für den Fall neuerlicher Bedrückungen.“ (A. Strobel, aaO. S. 247) Solche Ermutigung ist nicht nur damals nötig, sondern auch heute, auch wenn Bedrückungen nicht mehr in offener Feindschaft und Verfolgung bestehen, sondern einfach aus dem Leiden an der Kirche, am gesellschaftlichen Relevanzverlust der Kirche, an der Verunsicherung des Glaubens erwachsen.

7 Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. 8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Gedenkt an eure Lehrer. Das lese ich und  habe Menschen vor Augen. Menschen, die mir den Glauben nahe gebracht haben. Das Evangelium lieb gemacht. Es sind große Namen darunter und solche, die kaum einer kennt. Theologische Lehrer und Lehrer des Lebens. γουμνοι„Wegweiser, Führer, Ratgeber.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957, S. 358) Der Vorschlag „Gemeindeleiter” ist mir zu eng. Es geht um Menschen, die zur Orientierung im Glauben geholfen haben – mit und ohne Amt. <Wir laufen zu oft in die Falle, von unserer kirchlichen Wirklichkeit aus Ämter zu sehen, die es zur Zeit der Abfassung der Schriften noch nicht wirklich gab.>

 Vor Augen habe ich  Vorbilder, an denen ich sehen konnte: So geht Christ-Sein. Menschen, an denen für mich sichtbar geworden ist: So handelt Christus in der Welt. Er bringt seine Leute an das Ziel. Und ein Gut-Teil meiner Frömmigkeit ist bis heute: Nachmachen, was sie mir vorgemacht haben – in Worten und Werken, im Verhalten und im Erleiden. Darum kann man ihren Glauben nachahmen – so wörtlich μιμεσθε.

Was sehe ich an solchen Menschen? Der Verfasser zählt weder Verhalten noch Eigenschaften auf.  Er greift auf eine „der mannigfachen Formeln des österlichen Festes“(A. Strobel, aaO. S, 248) zurück. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das ist Bekenntnis in Worten. Aber es ist auch Bekenntnis im Tun. Mir will es scheinen, als sagte der Hebräer-Brief: Das ist an ihnen ablesbar, dass Christus da ist, nah ist, die Vergangenheit trägt und die Ewigkeit öffnet. Das haben sie oft mit anderen zusammen gesagt und aus dieser Gewissheit haben sie gelebt. Glauben durchgehalten. Ich höre hier weniger einen Lehrsatz als mehr einen Jubelruf. Auf ihn, Jesus Christus, haben sich die Lehrer unseres Lebens verlassen, die Apostel, von denen wir das Evangelium empfangen haben. Auf ihn können auch wir uns verlassen.

9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.

Es ist immer neu gut, sich den Zusammenhang von Sätzen anzuschauen. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde. Das ist ein “goldener Satz”. Er gewinnt noch an Kontur, wenn man weiter liest. Es ist die Gnade, die Herzen fest, stabil, stark macht. Das ist Votum in einem Konflikt, den der Verfasser anzeigt: „Irrlehrer wollen irgendwelche neuen Forderungen einführen, die die Gnade Gottes als nicht mehr ausreichend erscheinen lassen.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 86) Es sind Forderungen, die tief in das Leben eingreifen, nicht nur in eine rituelle Praxis.   

Es braucht kein Achten auf irgendwelche Speiseregeln. Der Hebräer-Brief glaubt nicht, dass vegan statt fleischlich, oder vegetarisch oder nur bei Vollmondschein gepflanzter oder geernteter Salat oder, oder… christlich geboten sind. Hier sind offensichtlich Asketen im Blick, die durch strenge, umfassende Enthaltsamkeit, essensmäßig und auch sexuell in der Ehe, den Weg zum Himmel bahnen wollen. Das nennt der Hebräer-Brief fremde Lehren. Er könnte für seine eigene Position Paulus zitieren: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“(Römer 14,17)

Noch schärfer ist es an anderer Stelle im Neuen Testament zur Sprache gebracht.Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus.“(Kolosser 2,8)  Und auch da geht es um asketische Übungen, Mondkalender und was noch so an esoterischen Weisheiten im Raum ist. “So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats.” (Kolosser 2, 16)

Beides zeigt: Die junge Christenheit ist im Suchen ihres Weges nicht nur politischem Druck und gesellschaftlichem Misstrauen ausgesetzt. Sie muss sich auch mit Einflüssen auseinandersetzen, die eigensinnige Heilsvorstellungen in diesen jungen Aufbruch hinein tragen wollen. Und scharfsinnig erkennt der Hebräerbrief die Konfliktlinie – ich kleide das in eine Frage: Wird das Vertrauen auf die Gnade durch das Vertrauen auf die eigene, untadelige, asketische Lebensführung ausgehebelt?

Noch eines: Mit diesen biblischen Überlegungen kann man zwar Bevormundungen in Sachen vegetarisch Essen wunderbar aufspießen – Bibeltexte können unglaublich aktuell sein -, aber die ernsthafte Frage, ob unser Fleischkonsum anderswo auf der Welt Hungerfolgen hat, ist damit noch nicht vom Tisch. Das ist grundlegend eine Anfrage, der sich jede und jeder mit seinem Essverhalten stellen muss, nicht von oben, von Parteien, aus Regierungskreisen oder von Kirchenführern entschieden, aber im Gewissen berührt, und die Anfrage darf nicht billig parteipolitisch instrumentalisiert werden darf.

10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen. 11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.

Es ist ein weiteres Mal ein assoziativer Anschluss – ausgelöst von den Worten über das Essen. Es fällt aus dem sonstigen Rahmen der Argumentation:  Wir haben einen Altar. Die ganze Zeit hat sich der Schreiber bemüht zu zeigen, dass die Zeit der Opfer vorbei ist. Christus ist das eine Opfer. Rückt er davon jetzt doch noch ab? Ist hier – verborgen, aber doch vorsichtig hinweisend – vom Abendmahl die Rede als dem Opfermahl, das Christen feiern? Es liegt dem Hebräer-Brief fern, so zu denken. Das Abendmahl spielt insgesamt im Brief keine wirkliche Rolle, also auch hier nicht.

Es ist vielmehr so: Der Altar steht für Christus. Mich erinnert das an Paulus: Alle, die glauben werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. (Römer 3, 24-26)  Was heute mit “Sühne” übersetzt wird, heißt im Griechischen anders: ιλαστήριον. “Gnadenstuhl” wörtlich übersetzt. “Sühneort” kann man auch übersetzen. Und damit wird der Bezug zum Altar klar: Es geht um den Zufluchtsort, nicht um einen Kultort. Wer zum Altar kommt, kommt zu dem Ort, an dem er Zuwendung, Erlösung findet. Dafür braucht es keine Speise und deshalb auch kein Opfer mehr.

Allerdings sind die knappen Worte Abgrenzung:  die der Stiftshütte dienen haben kein Zugangsrecht zu diesem Altar. Die an dem „alten Kult“ festhalten, „bringen sich selbst um den Vorzug des neuen Bundes.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 249) Sie schließen sich selbst aus. Sie verspielen die Vollmacht, ξουσα,  die sie haben könnten.

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

                Jesus ist das Opfer draußen vor dem Tod, vor der Stadt. Er ist der, der Sünden hinausgetragen hat, auf den Schuttabladeplatz Golgatha. Er ist der, der nicht durch irgendein Opfertier, sondern durch sich selbst, sein Blut, das Volk geheiligt hat.

Es ist mit Händen zu greifen, dass der große Versöhnungstag, Yom Kippur, hier für die Vorstellungen Pate gestanden hat. Und wenn er die Entsühnung des Heiligtums vollbracht hat, der Stiftshütte und des Altars, so soll er den lebendigen Bock herzubringen. Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man lasse ihn in der Wüste.“(3. Mose 16, 20 – 22) So wird Jesus gesehen. Er wird zum Sündenbock für uns. Er trägt die Sünde der Welt.

 Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
Der Welt und ihrer Kinder;
Es geht und träget in Geduld
Die Sünden aller Sünder;
Es geht dahin, wird matt und krank,
Ergibt sich auf die Würgebank,
Verzeiht sich aller Freuden;
Es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
Und spricht: Ich will’s gern leiden.              P. Gerhardt 1647 EG 83

Wie geht das: aus dem Lager hinausgehen? Aus dem Lager gehen heißt: die eigenen Sicherheiten verlassen. Die eigenen Geborgenheit preisgeben. In die Wüsten der Welt eintreten. Für die ersten Leser*innen klingen hier vermutlich Verfolgungsszenarien an. Für uns? Wie geht das mit einem Eigenheim, das voll steht mit Büchern, CDs, Kunst, mit Möbeln, mit Kleinigkeiten, mit Erinnerungen und so vielem, an dem das Herz hängt? Es ist schon schwer genug, die Lager des eigenen Denkens nicht zu Wagenburgen werden zu lassen, aus denen man sich nicht heraustraut. Wie viel schwerer ist es, in der Wirklichkeit unterwegs zu bleiben.

Mag sein, es ist ein kleiner Hinweis auf diese Schwierigkeiten: Der Weg aus dem Lager ist der Weg hin zu dem Gekreuzigten. Ein Kreuzweg und kein Spaziergang. Er ist eine – auch – seelische Herausforderung, die durch Ängste hindurch führt. Ein Weg, auf dem Beifall spärlich ausfällt, weil er irgendwie irre ist. Und auf diesem Weg: Seine Schmach tragen. Mittragen daran, dass er aus der Welt gedrängt wird. Sich für weltfremd halten lassen und es auch “gerne” sein, weil es ja um das Andere geht, das viel wichtiger ist, Grund unseres Glaubens und Hoffnung unseres Lebens: Ihm, Jesus, nahekommen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 

Aus diesem Weg, hin draußen vor die Stadt, wird Deutung des Lebens der Christen. So wenig Jesus in Jerusalem seinen Platz für immer haben konnte, so wenig ist unser Platz für immer hier auf Erden. Wir können hier nicht bleiben. Wir sind unterwegs. Das sagt der Hebräerbrief nicht wehmütig, bedauernd. Da ist kein Raum für Todesangst und Furcht vor den Tod.

Es ist ein Satz, der seine Wahrheit weit über den ersten Sinn hinaus hat. Wer Leben nur so denken kann, dass alles bleiben muss, wie es ist, der denkt zu kurz. Leben ist nie anders zu haben als im Aufbruch.  Das wissen nicht nur biblische Autoren.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.                                                H. Hesse, Stufen

Dieses Wort gewinnt noch einmal einen herausfordernden Klang, wenn ich es  angesichts der großen Veränderungen, lese, die vor den Kirchen stehen, vor allem vor den „Volkskirchen“. Es ist am Tage: wer sich den Veränderungen verweigert, treibt eine museale Erstarrung der Kirchen voran. Da wird aus einer weltoffenen, einladenden Gemeinschaft das Ghetto einiger weniger Gleichgesinnter werden. Das wird nicht die missionarische Gemeinschaft sein können, die Jesus gewollt hat, die die Liebe Gottes ausstrahlt. Da regiert die Angst vor Veränderung und nicht das Vertrauen auf den mitgehenden Herrn. Wir werden es neu lernen müssen: wir sind unterwegs zu der zukünftigen Stadt und eben noch nicht am Ziel.

Der Hebräer-Brief redet hier ausschließlich hoffnungsvoll. Erfüllt mit Freude. Denn in der zukünftigen Stadt werden wir ja bei Jesus sein, der uns vorausgegangen ist als der Vorläufer. Nur ein paar Schritte voraus.

 

Du läufst mir entgegen mit weit ausgebreiteten Armen und sagst: Komm. Und mein Weg durch die Zeit ist der Heimweg zu Dir, mein Gott. Und mein Zuhause in der Zeit ist ein Zuhause auf Zeit. Du schenkst es mir und willst, dass ich mein Zuhause erlebe als das Versprechen des großen Zuhauses bei Dir. Amen