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Hebräer 12, 25 – 29

 25 Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.

             Heute hat der Schreiber früher gemahnt (3,13). Heute ist die Zeit, in der es zu hören gilt, in der es den Glauben zu bewähren gilt. Das greift er hier wieder auf. Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet.  Damit ist das Wort gemeint, das zum Glauben ruft, zum Durchhalten, zum Vertrauen. Es ist nicht sein Wort, sondern das Wort dessen, der zur Rechten Gottes ist. Wer den Ruf der Gnade versäumt, der versäumt das Leben.

Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wie viel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet. 26 Seine Stimme hat zu jener Zeit die Erde erschüttert, jetzt aber verheißt er und spricht (Haggai 2,6): »Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel.«

             Wieder stellt er die früheren Zeit und die Zeit jetzt einander gegenüber. Es gibt, meiner Einsicht  nach, zwei Möglichkeiten, dieses “früher – jetzt” zu verstehen. Man kann in dem früheren Reden die Offenbarung am Sinai hören, das Gebot, die Weisungen Gottes. Er hat επί γη̃ς, auf Erden geredet. Jetzt aber kommen seine Worte in anderer Weise, aus dem Himmel, von dem, der aus den Himmeln, απ̀ ουρανω̃ν, auf die Erde gekommen ist, Jesus. Das wäre der „klassische“ Gegensatz zwischen altem und neuen Bund, Mose und Christus. Und Christus überbietet Mose.

Aber ich sehe noch eine andere Möglichkeit zu verstehen. Früher hat Jesus geredet als der, der auf Erden ist, einer wie wir, verwechselbar auch seine Worte mit allen anderen Worten von Menschen. Ihn in diesem Reden nicht hören war schon: seinen Ruf nicht hören, alleine unterwegs bleiben, sich nicht sammeln lassen in die Schar derer, die bei ihm Ruhe für ihre Seelen finden (Matthäus 11, 29). Jetzt aber redet er aus der Wirklichkeit des Himmels. Erhöht in die Herrlichkeit Gottes, die er denen öffnen will, die ihn hören und ihm folgen. Jetzt ist sein Wort der Ruf  ins Heil und Nicht-Hören ist Heillosigkeit.

27 Dieses »Noch einmal« aber zeigt an, dass das, was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, verwandelt werden soll, damit allein das bleibe, was nicht erschüttert werden kann. 28 Darum, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns dankbar sein und so Gott dienen mit Scheu und Furcht, wie es ihm gefällt; 29 denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Wie auch immer – beide Male geht es um das Hören auf das Wort. Im Wort bietet Gott uns Heil an, schenkt er sich selbst. „Gott wird in dieser Welt nicht gefühlt und geschaut, sondern in seinem Wort gehört. Eben dadurch ist er gegenwärtig.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 241) Und der Schreiber kehrt gewissermaßen zurück  zu seinen Anfangsworten: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ (1,1-2) Es ist der eine Gott, der spricht, der uns ruft, uns sucht, uns will.

             Noch einmal. Ἔτι ἅπαξ. Sein Ruf ist dringlich. Er eröffnet Zukunft, ein unerschütterliches Reich in einer vergänglichen und vergehenden Welt. Das ist nicht eine verbesserte Version, sondern es ist  Neuanfang, Neuschöpfung. Dem Vergehen, das diese unsere Welt kennzeichnet, wird das Bleiben gegenüber gestellt. Der Zeit die Ewigkeit. Auch wenn wir Ewigkeit gar nicht wirklich denken können. Es reicht: Sie ist die Gabe Gottes, die es zu empfangen gilt. „Am „Ende aller Dinge“ steht kein abstraktes göttliches Sein, sondern die Herrschaft Gottes als lebenerfülltes Reich.“(A.Strobel, aaO. S. 242) 

             Ich lese: “Es gibt in unserer Gesellschaft und vermutlich nicht nur in ihr drei Werte, die von überragender Bedeutung sind. An erster Stelle steht die Suche nach Sicherheit. Die Band „Silbermond“ singt in ihrem Nummer1-Hit „Irgendwas bleibt“: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nicht sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt.“ Postmodere ist extrem unübersichtlich. Nichts ist mehr sicher. Nichts gilt für alle und auf Dauer. Nichts wird in dieser Zeit des weggewischten Horizontes, der vollständigen Orientierungslosigkeit wichtiger, nichts ist seltener als ein kleines bisschen Sicherheit.“(H. Hempelmann, Was ist schon die Wahrheit in der Postmoderne, in: Brennpunkt Gemeinde 1 – 2018, S. 8) Kann es sein, dass sich Lebensgefühle über die Jahrtausende hinweg wiederholen? Sich womöglich gar nicht verändert haben?

Der Verfasser des Hebräer-Schreibens stellt der Welt voller Erschütterungen das ewig bleibende Reich gegenüber, das unerschütterliche Reich. „Ein unbewegliches Reich“ – so hieß es in der älteren Luther-Übersetzung. „Die Welt der unerschütterlichen Dinge (τ μ σαλευμενα) wird gleichgesetzt der Herrschaft des Menschensohnes und der Heiligen des Höchsten.“(O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949 S. 326) In einer Welt, in der so vieles in Wanken, ins Rutschen gerät, wächst die Sehnsucht nach dem festen Halt. Nach dem Ort, der nicht von der allgemeinen Verunsicherung erfasst werden kann.

             Ich glaube nicht, dass  diese Sehnsucht neu ist, eine Erfindung unserer Zeit. Sondern sie wird nur in einer Zeit bewusster wahrgenommen, die den ständigen Wandel der Dinge fordert und diesen Wandel oft genug als Fortschritt erklärt. Hauptsache anders als bisher. Ich halte innerlich dagegen. Neulich habe ich meine Lebens-Situation positiv(!) als „Ereignislosigkeit“ beschrieben. Es muss nicht dauernd etwas los sein, etwas abgehen, geboten werden. Es darf einfach einmal Zeit sein, in der nichts auffällig ist. In der Bibel steht dafür das Wort „Ruhe“. Wo keine Ruhe Raum hat, gibt es auch keinen wirklichen Aufbruch. Sondern nur hektische Unruhe. Der Hebräer-Brief weiß, dass wir diesen Ruhepunkt bitter nötig haben, damit wir uns nicht selbst verloren gehen. Und nicht nur uns, sondern auch Gott. Der Ruhepunkt Gottes: das unerschütterliche Reich – βασιλεα σλευτον.

„Ich bin durch die Welt gegangen,                                                           und die Welt ist schön und groß,
und doch ziehet mein Verlangen                                                           mich weit von der Erde los.

Ich habe die Menschen gesehen,                                                           und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen,                                                         und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

Sie suchen, was sie nicht finden, in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden und unbefriedigt zurück.

Es ist eine Ruh vorhanden für das arme müde Herz;
sagt es laut in allen Landen :Hier ist gestillet der Schmerz.“.                         E.
Fürstin von Reuß 1867 EG ayern/Thüringen 621

Dieses bleibende Reich wird empfangen. Und für den Hebräer ist klar: es kann nur dankbar empfangen werden. Dankbar, weil die Gabe so überwältigend groß ist. Dankbar auch weil der Geber heilig ist. Eine Dankbarkeit, die sich paart mit Scheu und Furcht. „Auch in der Dankbarkeit darf der Mensch nicht vergessen, dass er es mit Gott zu tun hat.“(O. Michel, DaaO.  S. 327) Dieses Gefühl dankbarer Ehrfurcht, ehrfürchtiger Dankbarkeit wird im Hebräer-Brief so nebenbei wieder und wieder nahe gebracht.  

Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer. Ist das am Ende dann doch Drohung, mit dem schrecklichen Gott, mit dem Zorn? Manchmal klingt es ja so im Hebräerbrief. „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“(4, 12-13)  Und später wie eine Schlussfolgerung aus diesen Worten: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“(10, 31) Ist das so, dass es die Kirche im Gefolge des Hebräer-Briefes unternimmt, mit der Angst vor Gott zu disziplinieren, die Schäfchen in die eigenen Hürden zu treiben?

Statt einer eigenen Antwort leihe ich mir Worte:

„Glaubst du an ein letztes Gericht? – Ich hoffe darauf. Wir haben ein Recht darauf, einmal unverhüllt vor dem Antlitz Gottes zu stehen, wo und wie auch immer – das weiß nur Gott. Es ist eine Gnade zu erkennen, wer wir sind und was wir waren. Es ist nicht nur Pein, wenn wir uns selbst schutzlos sehen und wenn wir gesehen werden, wie wir sind. ….Vielleicht ist es das Schönste, was man sich denken kann, dass einer, der uns liebt, uns in unseren Schwächen erkennt, ohne dass uns diese Erkenntnis vernichtet. Dass er „unseres Herzen Grund“ kennt, besser als wir ihn kennen, ist keine Drohung. Es ist der ganze Lebenstrost. Wer hungert nicht danach, endlich erkannt zu werden. Das Gericht Gottes als Akt der Liebe!“ (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S. 5)

 

Herr Jesus, ich habe Deinen Ruf gehört, Worte von Menschen, die mein Herz berührt haben. Ich habe Deinen Ruf gehört, in dem Du mein Vertrauen suchst, meinen Gehorsam, meine Hingabe an Dich und an die Menschen, mit denen ich lebe.

Ich danke Dir, dass Du mich gerufen hast. Gib mir, dass Dein Wort in meinem Herzen Wurzeln schlägt, dass mein Leben Antwort wird auf Deine Liebe, Dein Vergeben, Dein Erbarmen, Deine Fülle. Antwort, die Anderen gut tut und den Weg zu Dir offen hält. Amen