Ganz anders

Hebräer 12, 18 – 24

18 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter 19 und nicht zum Schall der Posaune und zum Ertönen der Worte, bei denen die Hörer baten, dass ihnen keine Worte mehr gesagt würden; 20 denn sie konnten’s nicht ertragen, was da gesagt wurde (2.Mose 19,13): »Und auch wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.« 21 Und so schrecklich war die Erscheinung, dass Mose sprach (5 .Mose 9,19): »Ich bin erschrocken und zittere.«

Es folgt wieder die schon bekannte Denk-Figur, die dem Kleineren das Größere gegenüber stellt, dem Alten das Neue, dem Unvollkommenen das Vollkommene. Israel wurde an den Gottesberg geführt und erlebte dabei den Schrecken vor Gott. Feuer, Dunkelheit, Finsternis, Ungewitter, Schall der Posaune  – „In solchen Erscheinungen offenbart Sich Gott nach dem Erzähler ebenso wie er Sich durch sie verhüllt.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 314) Israel erfuhr am Gottesberg, dass der heilige Gott und das unheilige Volk nicht zusammen passen. “Weh mir, ich vergehe!”(Jesaja 6,5) ruft der Prophet, als er im Tempel die Gottesgegenwart erfährt. Wir passen nicht zusammen – der heilige Gott und wir Sünder. Das ist eine Grunderfahrung des Menschen schlechthin. Und doch: Es ist nur eine vorläufige Erfahrung.

22 Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung 23 und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten 24 und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.

Wie stellst du dir den Himmel vor, frage ich mich oft selbst? Und zucke zurück, weil ich ahne, dass alle meine Vorstellung zu kurz greifen.  Ich kenne die Warnung,  die in einer mittelalterlichen Erzählung fast sprichwörtlich geworden ist. „Zwei Mönchen, die sich das Paradies in ihrer Phantasie in den glühendsten Farben ausmalten, versprachen sich  gegenseitig, dass der, welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm nur ein einziges Wort sagen solle. Entweder „taliter“ – es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ – es ist anders, als wir es uns vorgestellt haben. Nachdem der erste gestorben war, erschien er dem anderen im Traum, aber er sagt sogar zwei Worte: „Totaliter aliter!“ – Es ist vollkommen anders als in unserer Vorstellung!“ Meine Vorstellungen sind nicht sehr tragfähig. Weil ich ja noch nicht jenseits der Grenze war. Da ist Zurückhaltung geboten.

          Ich teile aber auch nicht die glaubenslose Skepsis eines Stephan Hawkins, der gesagt hat: „Man kann nicht beweisen, dass  Gott nicht existiert. Aber die Wissenschaft macht gott überflüssig.“(zit. nach Kreisanzeiger 15. 3. 18, S. 3) Ich teile sie deshalb nicht, weil es in mein Leben hinein Gotteserfahrungen gibt. Schmerzliche und schöne, erschreckende und tröstende.

            Darauf kommt es dem Verfasser des Hebräerbriefes an: Die Christ*innen haben die Gottesgegenwart erfahren – in Christus. Sie aber haben sie, im Unterschied zu Israel, erfahren als Ruf zum Leben, als das Geschenk der Gemeinschaft. Πανήγυρις ist nicht einfach eine Versammlung, sondern eine Fest- und Freuden-Versammlung. Das ist das Ziel, das jetzt schon für die Christen vor Augen ist. Sie haben ihre Versammlung erfahren als die Eröffnung einer Zukunft, die den Himmel aufschließt, die den Weg in die Freude Gottes öffnet. Steht der Gottesberg noch halb verhüllt und drohend da, so wird der Blick auf das himmlische Jerusalem gerichtet als auf den Ort niemals endender Freude. Diese Freude fängt schon hier an, weil es schon hier den Zugang zur Nähe Gottes gibt – in der Gegenwart.

προσεληλθατε ihr seid hinzugekommen. Von προσέρχεσθαι. Das Wort „umschreibt die Teilnahme am Gottesdienst der Gemeinde: im Bekenntnis, im Gebet, in der Taufe und Eucharistie naht man sich Gott.“(O. Michel, aaO. S. 313)Es ist ein kühner Gedanke, der hier aufleuchtet: Im Gottesdienst,  wie armselig er sich auch äußerlich anfühlen mag, realisiert sich die Wirklichkeit des Himmels. Schon jetzt, in irdischen Verhältnissen.

Dieser Ausblick, diese Zukunft ist Geschenk. Sie ist Gabe des Mittlers des neuen Bundes, Jesus. Alle Mühe des Lebens, alle Anstrengung lohnt sich, weil sie die  große Verheißung hat: Wer so lebt, dass er diesen Weg auf sich nimmt, die Jagd nach dem Frieden, die Solidarität mit den Mitchristen, die Treue im Bekenntnis, der wird den Herrn sehen. Letztlich wird so der Blick auf ihn gerichtet. Jesus ist die Zukunft der Christen. Ihm geht es entgegen.

 

Herr Jesus, hilf mir heraus aus den großen Worten. Hilf mir hinein in das Leben, alltäglich, mit seltsamen Leuten, mit schwierigen Nachbarn, herausfordernden Freunden. Hilf mir, aus dem Glauben Taten werden zu lassen, Taten der Liebe, der Versöhnung, der Geduld. Taten, die den Weg zu Dir öffnen. Amen