Und mit unsrer kleinen Kraft

Hebräer 12, 12 -24

 12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie 13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.

Einmal mehr: Darum. Weiter geht es mit den Folgerungen, dem Aufzeigen von Konsequenzen. Es geht um Achtsamkeit, aber nicht nur für sich selbst. Achtsamkeit als Ermutigung für die, die erschöpft sind, müde geworden, von tiefer Resignation bedroht. Nicht: “Feuert euch selbst an”, sondern: Ermutigt euch gegenseitig. Imperative, die nicht befehlen, sondern befreien, aufmuntern, den Rücken stärken. Helft einander, „einen geraden Gang anzustreben und somit nicht zu schwanken.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 235) 

                Es kommt mir wie ein dichtendes Nachsprechen der Worte des Hebräer-Briefes vor:  

Kommt, Kinder, lasst uns gehen,                                                                 der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen                                                                                       in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,                                                                            zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern;                                                                            es ist das Ende gut.

Sollt wo ein Schwacher fallen,                                                                     so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen,                                                                      man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an;                                                                               ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste                                                                 auf unsrer Liebesbahn.         G. Tersteegen 1738, EG 393

Darum gibt es Gemeinde, dass Eine*r der/dem Anderen den Rücken stärkt, dass wir gute Worte füreinander finden, dass wir uns helfen, dass wir gemeinsam weitermachen, dass wir einander den Blick nach vorne öffnen, auf das Ziel gerichtet unterwegs bleiben helfen. “Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben wie man Brot teilt in kargen Zeiten….Es entsteht eine neue Sehnsucht: sich einzufügen in den Gesang aller – der anwesenden Geschwister, der Engel und der Toten” (F. Steffensky, in: Andere Zeiten, 3/2013, S.5)   

14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, 15 und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume;

Es versteht sich nicht von selbst, dass bedrängte Leute am Frieden festhalten. Sie können innerlich auf Kriegs-Modus schalten, sich mit der ganzen Welt in schier ohnmächtigem Kampf sehen. Es ist stark, dass der Brief hier gegensteuert: Jagt dem Frieden nach„Der Rat lässt sich zum Teil aus der Situation der Leser erklären,  die der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt sind.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 80)

             Jedermann – das sind auch die, die einem das Leben schwer machen können.  Das sind Menschen, die sich feindselig gebärden können, von oben herab schauen auf diese merkwürdigen Christen, aus ihrer Ablehnung keinen Hehl machen. Ihnen gegenüber auf Frieden aus sein? Nicht klein beigeben, sondern im Gegenteil – ein großes Herz bewahren, großmütig sein, nicht Böses mit Bösem vergelten (Römer 12,17), nicht zurückschlagen, nicht verfluchen.

Es ist die Fußspur Jesu, in die hier gerufen wird: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 44-45) Es ist ein Verhalten, das in vielen Texten des Neuen Testaments als grundlegendes Verhaltensmuster allen Christen ans Herz gelegt wird. So auch hier.

Wir dagegen haben uns mit dem großen Wort „Feindesliebe“ ein bisschen davon dispensiert. Das kann doch nicht ernsthaft von uns erwartet werden. Jesus mag ja so gelebt haben und auch so gestorben sein. Aber wir können so nicht leben und wollen so auch nicht sterben. Die Aufgabe aber, die der Hebräer-Brief sieht, ist die Umsetzung der Feindesliebe in beharrliches Alltagsverhalten. Der unbequeme und wunderliche Nachbar, die sonderbare Chefin, unfreundliche Kollegen, unverständliche Ehepartner*innen sind gemeint. Mit ihnen gilt es auszukommen.

Gleichwertig steht neben der Jagd nach dem Frieden: Jagt der Heiligung nach. Es ist eine merkwürdige Formulierung. Wie kann ich etwas anstreben wollen, ihm nachjagen, das „kein zu erstrebendes sittliches Ziel“ (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/III; Neukirchen 1997; S. 287), sondern eine Gabe ist? Eine Gabe kann ich nur empfangen. Dafür braucht es leere Hände. Wenn unsere Heiligung ist, dass wir Christus gehören – dann braucht es dazu die Bereitschaft, mir das gefallen zu lassen. Und es braucht die Bereitschaft, aus dieser Zugehörigkeit heraus zu handeln, zu leben.

Ich glaube: Auch Heiligung zielt auf Alltagsverhalten. Das schließt Frömmigkeit nicht aus. Heiligung ist sicherlich auch Beten lernen, Gottvertrauen einüben, sich im Gottesdienst der Gnade Jesu versichern, achten auf das eigene sittliche Verhalten. Aber es wird zur Engführung, wenn wir nur das mit diesem Wort hören. Heiligung ist vor allem ein Sozialverhalten, das anderen eine Brücke zum Glauben baut, das sie einlädt und nicht abschreckt, das sie trägt und nicht abstößt, das sie ermutigt und nicht klein macht. Heiligung gibt sich nicht mit Frieden als Abwesenheit von Krieg zufrieden. Sie  will mehr. „Alle in der Gemeinde haben hier eine Aufgabe in der Art gemeinsamer, fürsorgender Mitverantwortung.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 235) Die Zugehörigkeit zu Jesus wird im Zusammengehören mit den Brüdern und Schwestern gelebt. Das meint Heiligung.  

Wenn ich es ganz einfach sage: Wir kommen nicht allein in den Himmel, sondern nur zusammen mit denen, die Gott uns als – manchmal auch wunderliche und anstrengende – Weggefährt*innen mit auf den Weg unseres Lebens gestellt hat. Und wir tragen Verantwortung dafür, dass sie Gottes Gnade nicht versäumen. In meiner Sprache: Dass sie durch mein Tun und meine Worte entdecken können, dass Gott ihnen gut sein will.

dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden; 16 dass nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte. 17 Ihr wisst ja, dass er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.

 Es geht nicht um gegenseitige Kontrolle. Es geht nicht darum, aus der Gemeinde eine Überwachungsanstalt gegen moralische Verfehlungen zu machen. Aber es liegt dem Brief viel daran, dass die Christen einander helfen, nicht ausgeliefert zu werden an die Begierden, an  Triebe, an die Angst, das Leben zu verpassen. Esau ist für die Leser*innen damals ein abschreckendes Beispiel, weil er um der Augenblicks-Befriedigung willen seine Erstgeburt verkaufte. Sein leichtfertiger Verzicht ist nicht mehr gutzumachen, nicht mehr zu widerrufen. Darauf zielt das Argument: Seid Leute, die sich nicht an den Augenblick verlieren und darüber ihre ewige Zukunft bei Gott preisgeben. Seid auch Leute, an denen andere es sehen können, dass es mehr gibt als Essen und Trinken, als Erfolg und Karriere.

 

Herr Jesus, hinter Dir hergehen kostet Mühe. Den Weg des Friedens gehen, kostet Mut. Sich nicht anpassen, nicht mitlaufen, nicht treiben lassen, kostet Anstrengung . Unsere eigene Kraft.

Weil Du weißt, wie rasch es mit unweren Kräften vorbei ist, willst Du uns stärken, ermutigen, zum Durchhalten helfen. Gib es uns, dass wir uns mit unserer kleinen Kraft an Dich anschließen. Amen