Nicht nur strahlende Sieger

Hebräer 11, 32 – 40

 32 Und was soll ich noch mehr sagen? Die Zeit würde mir zu kurz, wenn ich erzählen sollte von Gideon und Barak und Simson und Jeftah und David und Samuel und den Propheten. 33 Diese haben durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, 34 des Feuers Kraft ausgelöscht, sind der Schärfe des Schwerts entronnen, aus der Schwachheit zu Kräften gekommen, sind stark geworden im Kampf und haben fremde Heere in die Flucht geschlagen.

τ τι λγω; Was soll ich noch mehr sagen? „Die Beschränkung erwächst aus der Kürze der Zeit.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 278)Das könnte ein Hinweis auf einen mündlichen Vortrag dieser Passagen sein. Nicht, weil es an Beispielen fehlen würde. Es ist eine bunte Schar, die uns der Schreiber hier vor Augen stellt – jeder Einzelne und jede Einzelne für sich genommen ein Zeuge des Glaubens. Vielfältig – manche Kämpfer, manche Sieger in blutigen Schlachten, manche Opfer. Starke und Schwache. Es sind nicht alles Heldengeschichten, die sich mit diesen Namen verbinden.

35 Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. Andere aber sind gemartert worden und haben die Freilassung nicht angenommen, damit sie die Auferstehung, die besser ist, erlangten. 36 Andere haben Spott und Geißelung erlitten, dazu Fesseln und Gefängnis. 37 Sie sind gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet worden; sie sind umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen; sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. 38 Sie, deren die Welt nicht wert war, sind umhergeirrt in Wüsten, auf Bergen, in Höhlen und Erdlöchern.

Es sind auch nicht alles Bewahrungsgeschichten, die sich mit ihnen verbinden. Und nicht alle haben ihre Toten durch Auferstehung wiederbekommen. So wie die Witwe von Sarepta. (1. Könige 17,17 -22) Es geht nicht immer gut aus in der Zeit mit den Leuten Gottes. „Dass die Blutzeugen als selbstständige und letzte Gruppe innerhalb der Aufzählung auftreten, ist nicht zufällig“ (O. Michel, aaO. S. 280) Sie stehen in einer letzten Konsequenz für Gottes Wahrheit ein – durch die Art ihres Lebens bis in die Kleidung hinein und durch das Beharren in der Treue, bis zum Äußersten, bis zum Tod. „Darum spricht er der Welt, die diese Boten abschütteln will, das Urteil: Sie ist ihrer nicht wert.“ (O. Michel, aaO. S. 283)

Es wäre wohl auch schwierig, wollte der Hebräer-Brief seinen Zeitgenossen sagen, dass sie alle vor dem Schwert bewahrt bleiben, dass sie alle im Zirkus das Leben davon tragen, dass sie alle  dem Martyrium entgehen. Es gibt nicht nur die Geschichte von Daniel in der Löwengrube und den Männern im Feuerofen. Es gibt auch die Geschichten von denen, die ihr Leben lassen für den Glauben, die Gott nicht rettet aus der Hand der Häscher. Es gibt die Geschichten der Heimatlosen und Verstreuten, der Verstörten und Vertriebenen. Es reicht schon, die Apostelgeschichte des Lukas zu lesen, um einen Eindruck zu bekommen, wie Verfolgungen über die Gemeinde hinweg gehen. Und erst recht wird das sichtbar in der Offenbarung des Johannes.

Es ist wohl auch im Sinn des Hebräer-Briefes, wenn wir diese Liste ergänzen: Martin Luther King, Alfred Delp, Elisabeth von Thadden, Inge Jacobsen, Hellmuth James Graf Moltke, Paul Schneider, die Geschwister Scholl, die ermordeten Missionare der Weißen Brüder im Atlas-Gebirge, Bischof Romero, die Märtyrer dieser Jahre jetzt in Indonesien, Ägypten, in Nigeria in Syrien und all den anderen Orten der Welt, wo es gefährlich ist, Christ zu sein, ungezählte Christinnen und Christen, die in unserer Zeit mit ihrem Leben für das Zeugnis des Glaubens bezahlt haben. Gott kennt sie alle mit Namen. Sie alle werden unvergessen bleiben und er, Jesus, wird mit ihnen an sein Ziel kommen.

39 Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, 40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden.

Das sind in der Zeit Geschichten schlimmsten Leidens und oft genug, zu oft, von Entehrung und Entwürdigung. Aber ihr Ziel ist damit noch nicht erreicht und bleibt nicht unerreicht. Ihr Ziel ist das Andere. Hier wiederholt sich der Hebräerbrief – und es ist keine versehentlich gedrückte „Copy-Taste“ am PC. Er wiederholt sich, weil es besonders wichtig ist, um den Gedanken zu vertiefen und bei den Lesern in der Seele zu verankern: Weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden. Es ist stark oder hart oder beides in Einem: „Das alles wird vom Verfasser des Hebräerbriefes nur als vorläufig, unvollkommen angesehen – im Vergleich zu dem Glauben, der den Christen möglich und geschenkt ist.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 78) Was für die Großen des Glaubens gilt, gilt auch für die Vielen, deren Namen nur der Himmel kennt: Mit uns zusammen kommen sie ans Ziel, in die Vollendung.

Wenn ich das lese: Leiden um Christi willen, um des Glaubens willen – ich zögere, das in meiner Wirklichkeit identifizieren zu wollen. Aber es gibt das Leiden von Christen auch in unserer Zeit in unserem Land. Es gibt Krankheit, die sinnlos ist. Leben, das keine Heilung erfährt. Sucht, aus der es keine Befreiung gibt. Und das alles, obwohl Christenmenschen beten und glauben und hoffen. Es gibt Beten, das keine Antwort erfährt. Es gibt ein Scheitern in den Hoffnungen des Glaubens, das sich dem Schweigen Gottes stellen muss.

Am Ziel der Ewigkeit kommen nicht nur strahlende Sieger an. Da kommen welche mit dem Stigma der Verlierer, der Gescheiterten. Gezeichnet von nie verheilten Wunden. Geprägt von unerträglichen Schmerzen des Leibes und der Seele. Verwundet von Erfahrungen, die belasten und zerbrechen. Es ist eine Schar, die das Leid der Welt und des Lebens am eigenen Leib und der eigenen Seele erlitten hat. Das ist die Wahrheit auch dieser Zeugenliste aus den Zeugen des Alten Bundes.

Sie alle, die so am Glauben und im Glauben Schiffbruch erleiden –  sie sind hier mit im Blick. Nicht gesteinigt, zersägt, durchs Schwert getötet, nicht umhergezogen in Schafpelzen und Ziegenfellen. Aber sie haben Mangel, Bedrängnis, Misshandlung erduldet. Auch für sie gilt: sie sollten nicht ohne uns vollendet werden. Sie alle sind nur ein paar Schritte voraus vor denen, die jetzt im Glauben unterwegs sind. So wird mit einem winzigen Satz die undurchdringliche Grenze des Todes zwar noch nicht aufgehoben, aber durchsichtig gemacht.

Sie sind uns ein paar Schritte nur voraus in ihrem Scheitern und Leiden. Sie sehen nicht unbeteiligt unserem Zieleinlauf zu. Sie werden mit uns zusammen ans Ziel kommen. Nur mit uns zusammen. In der Ewigkeit gibt es keinen Vorsprung mehr.

Wieder steht hier τελειωθώσιν. Das Wort, das dem Wortstamm zugehört, der auch im Ruf Jesu am Kreuz gebraucht wird: τετέλεσται – „es ist vollbracht.“ (Johannes 19, 30)  Der Ruf Jesu am Kreuz und das Versprechen des Hebräer-Briefes schließen den Sieger am Kreuz und die Christen zusammen. Ihre Vollendung ist sein Sieg, sein Sieg ihre Vollendung.  

Das ist das Bessere, das Gott  für uns vorgesehen hat. Nicht, dass wir einigermaßen unbeschädigt durch das Leben kommen. sondern dass wir in das größere Leben eingehen, in die Ewigkeit bei Gott. In die Gottesgemeinschaft, auf die kein Schatten mehr fällt. Es ist ein Denken, das uns auch in Sätzen des Paulus begegnet: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“(Römer 8, 18) Es ist das Bessere, das alles überragende Ziel, das die Leiden dee Zeit relativiert und auf sich nehmen lässt.

Das zu schreiben, ist relativ einfach. Die Frage stellt sich – und ist nur persönlich zu beantworten: Vermag ich das ehrlich so zu sehen? Oder ist es doch so, dass mich jede kleinste Störung verunsichert, aus dem Gleichgewicht ringt? Das Bessere, auf das wir zugehen, an das wir glauben, müsste sich doch auch darin bewähren, dass es souveräner, gelassener im Umgang mit den Querschlägen de Lebens macht. Hier steht nicht die Ewigkeit, wohl aber der Glaube in seiner Kraft für den Alltag auf dem Prüfstand.

Der Blick auf die früheren Glaubenden schließt die heute Glaubenden über alle Zeiten hinweg mit ihnen zusammen. Ihre Vollendung, die wir nicht sehen, aber glauben, ist das Versprechen unserer Vollendung. Und – das ist noch einmal zusätzlich aufregend: Unsere Vollendung bringt ihre Vollendung ans Ziel. „Vollendet werden die Väter und mit ihnen die Christen dann sein, wenn sie die himmlische πόλις (=Stadt) (11,10+16), die wahre πάτρις (=Vaterland) (11,14) betreten, d. h. in die Nähe Gottes gelangen, wohin der πρόδομος (=Vorläufer) Jesus (6,20) den neuen und lebendigen Weg erschlossen hat.“(E. Grässer, aaO. S. 221)  Dann und so wird auch so ein Satz möglich: Wir sehen uns wieder. (Hanns Dieter Hüsch)  

 

Herr Jesus, mit Dir gehören wir zusammen. Und die uns voraus sind, gehören auch zusammen  mit Dir und mit uns.

Es gibt keinen Alleingang zum großen Ziel der Ewigkeit. Es gibt nur das Ankommen miteinander. Es gibt nur die Vollendung, in der Dein Volk ans Ziel kommt.

Alle Wirren der Zeit, alle Umwege und Sackgassen, alle Niederlagen dürfen daran nichts ändern: Du bringst uns heim. Amen