Nicht kopieren – den eigenen Weg suchen

Hebräer 11, 23 – 31

23 Durch den Glauben wurde “Mose,” als er geboren war, drei Monate verborgen von seinen Eltern, weil sie sahen, dass er ein schönes Kind war; und sie fürchteten sich nicht vor des Königs Gebot. 24 Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten, 25 sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden als eine Zeit lang den Genuss der Sünde haben, 26 und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.

              “Mit dem Beispiel des Mose beginnt die Entfaltung dessen, was sich im Glauben als Widerspruch gegen die sogenannte Wirklichkeit äußert.“(W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 95) Mose und der Glaube – das ist eine Geschichte, die vor den Entscheidungen des Mose beginnt. Vielleicht muss man das lernen, in einer Zeit, die so sehr auf das setzt, was wir selbst zustande bringen. Unser Glauben hat immer eine Vorgeschichte, in der wir nicht die Aktiven sind. Es sind die Eltern, die ihn verbergen – aus Glauben. Erst dann folgt sein Schritt, dass er sich verweigert, nicht Karriere macht am Hof des Pharao, sondern sich zu seinem Volk stellt.

Er wählt die Schmach Christi! So sieht es der Brief, der im Weg des Mose den Niedrigkeitsweg der Inkarnation des Gottessohnes schon mit sieht. Das ist schon eine christliche Mose-Deutung: Wie Mose stellt sich Christus, wie Christus stellt sich Mose zu seinen Brüdern. Es ist die Denkweise, die diesen Verfasser kennzeichnet: er sieht im Alten Testament eine typologische Vorabbildung des Heils in Christus.

Es ist ein wichtiger Hinweis: Dieser Weg des Mose ist nicht so gradlinig, wie wir uns das gerne vorstellen: „Mose wäre nie zum Befreier des Volkes geworden, wenn er nicht die Torheit begangen hätte, eines Tages jemanden zu erschlagen und Angst bekam, er würde dafür bestraft werden. Er hatte eine Torheit begangen und deshalb war es nicht bloß der Weg des Glaubens, in die Wüste zu gehen, sondern er wusste, es war nun auch besser, dass er in der Wüste verschwand.“ (O. Michel, Aufsehen auf Jesus, Metzingen 1969, S. 176) Und dann zieht der Autor Otto Michel daraus eine Konsequenz im Blick auf uns Christen heute: Das  gehört  mitten in unser Leben hinein, dass uns der lebendige Gott manchmal durch unsere Fehler und unsere Schwäche packt und sagt: So gehst du nun!“( O. Michel, aaO.) Es ist ja ein bisschen die Gefahr, dass wir solche Sätze über Mose als Heldengeschichten lesen und nicht sehen, wie Gott seine Schwächen mit in seinen Weg nimmt. 

27 Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. 28 Durch den Glauben hielt er das Passa und das Besprengen mit Blut, damit der Verderber ihre Erstgeburten nicht anrühre. 29 Durch den Glauben gingen sie durchs Rote Meer wie über trockenes Land; das versuchten die Ägypter auch und ertranken.

Darin ist Mose Vorbild und Beispiel der gegenwärtigen Christen: er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. Ganz nahe ist diese Formulierung bei dem, was das Johannes-Evangelium als Wort Jesu an Thomas weitergibt: „Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“(Johannes 20, 29) Es ist Glauben über alles Sehen hinaus, der in der Nacht der Verschonung bewahrt, der den Weg durch das Schilfmeer öffnet.

30 Durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos, als Israel sieben Tage um sie herumgezogen war. 31 Durch den Glauben kam die Hure “Rahab” nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter freundlich aufgenommen hatte.

Es ist der Glaube, der die Mauern Jerichos fallen lässt: es ist der Glaube, der eine Rahab im Chaos der untergehenden Stadt bewahrt. Der sie Verschonung erfahren lässt. Der sie erleben lässt, dass auf das Wort von zweifelhaften figuren Verlass ist. Dass sie nicht der Willkür der Eroberer preisgegeben wird.

Es gilt, sich ehrlich zu machen. So wie der Hebräer-Brief blicke ich nicht auf Mose. Ich lese ihn nicht als die Vorabbildung Christi.  Ich sehe nicht, dass er die Schmach Christi erwählt. Er iwrd ein Opfer seines jähen Zornes. Er stolpert mehr in diese Rolle des Führers Israels hinein, als dass er sie erwählt hätte. Oder auch nur bewusst übernommen. Sie wird ihm aufgetragen.

Ich verstehe aus der Zeit des Schreibens: Mose ist die Autorität, an der Juden hängen. Christus ist die Autorität, an der Christen hängen. Aber da ist kein Gleichgewicht, sachlich nicht und theologisch schon gar nicht. Mose ist der Führer Israels in der Zeit. Wegweiser ins Gelobte Land. Christus aber ist das Heil – über alle Zeit hinaus.

So nehme ich die Argumentation des Hebräer-Briefs wahr. Ehrfürchtig. Weil sie mich die Ehrfurcht lehrt vor dem, wie damals einer seinen Christus-Glauben ausformuliert hat. Aber ich fühle mich nicht gebunden, meinen Christus-Glauben heute auch so auszuformulieren. Seine Sicht auf Mose muss nicht meine sein. Ich darf Mose so lesen, wie ihn mir die Hebräische Bibel zeigt – und hier und da leuchtet mir in diesen Texten das Bild Gottes auf – des Gottes, der der Vater Jesu Christi ist. Was wir gemeinsam haben ist das Vertrauen, dass uns der Glauben den Weg zu Gott öffnet und uns den Weg durch die Zeiten gehen lehrt – im Vertrauen auf Gott.

 

Herr, dass der Glaube so viel vermag, dass er so Wege wählen lassen kann, die nicht den Wegen der Welt entsprechen, nicht menschlich, sondern göttlich sind, das höre ich. Darüber staune ich und bin dankbar für diese Zeugen des Glaubens.

Und ich danke Dir, dass ich sie nicht nachmachen muss, nicht kopieren, sondern dass ich meinen Weg suchen darf, gehalten von Dir, ausgestreckt nach Deiner kommenden Stadt.

Stärke Du mir die Gewissheit meines Glaubens nach dem Maß, das Du mir zugedacht hast. Amen