Im Aufbruch leben

Hebräer 11, 8 – 22

8 Durch den Glauben wurde “Abraham” gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Abraham ist das große Beispiel des Glaubens. Vater des Glaubens für Juden und Christen. Er ist im Vertrauen aus dem gewohnten Umfeld aufgebrochen. Er hat sich rufen lassen. Er hat es auf sich genommen, ein Fremdling zu sein im verheißenen Land. Er lebt, darauf kommt es hier an als einer, der wartet, weiß, dass er noch nicht am Ziel ist.   Wenn man aktuell zuspitzt: er lebt als einer, der nur eine Duldung hat, keine solide bestätigten Aufenthalts-Status. Aber er wartet dennoch nicht ins Leere hinein. Was der Text aus 1. Mose nicht sagt, das sieht der Schreiber des Hebräer-Briefes: Er wartet, weil er ein Fremdling bleibt, ein πάροικος,  über die Zeit hinaus auf die Stadt Gottes – ich ergänze aus meinem Wissen um das biblische Zeugnis: auf “das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel.” (Offenbarung 21, 2)

Ich stimme zu: „Der Verfasser vertritt die Auffassung, dass das eigentliche Ziel Abrahams und Moses schon immer die himmlische Stadt war, nicht das irdische Land Kanaan.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 75)Gleichzeitig weiß ich: Jüdische Auslegung würd dagegen heftig protestieren. Ihr geht es immer um das reale Land in der Zeit jetzt. 

11 Durch den Glauben empfing auch “Sara,” die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. 12 Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählbar ist.

             Zu Abraham gehört untrennbar Sara – auch sie eine Glaubende, eine Wartende. Ihr Glauben: Sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. Das gilt trotz ihres Lachens. Die Leser kennen die Geschichte (1. Mose 18,9-11) – das macht die Aussage besonders schön. „So wenig fragt die Bibel nach der seelischen Äußerung des Unglaubens oder Kleinglaubens, der ihren Glauben anhaftet… Es handelt sich darum, dass Menschen, die schwankende Menschen bleiben, Zeugnis empfangen, das heißt: eingestellt werden in die schicksalhafte Bezogenheit auf Gott und zum Gleichnis werden, an dem sich seine Macht erweist.“  (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 94)

Wider alles Erwarten, wider alle biologischen Fakten empfing auch “Sara“, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen. – jenseits der Zeit. Das Lachen der Sara wird nicht als Unglauben verurteilt und gegen sie gewendet. Es ist ein Akt des Glaubens, dass sie „die Liebe pflegt“ mit ihrem alten Abraham.  Mit einem, von dem es heißt: schon erstorben. „Gemeint ist,  dass sie nicht mehr zeugungsfähig sind. Gott schafft aus dem Nichts Wirklichkeit, aus dem Tod Leben.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 263) So handfest kann Glauben sein.

Aus diesem Glauben wird ein großes Volk, wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres. Es ist das Wunder, das ans Unglaubliche grenzt, dass auch der Grenzerfahrung des Todes standhalten lässt. In diesen Worten lesen wir „ein permanentes heimliches Zeugnis der siegreichen Überwindung der scheinbaren Allgewalt des Todes.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 216 ) Festzuhalten bleibt: Dieser Glaube ist ein festes Bekenntnis des Judentums….Gepriesen seist du Jahwe, der du lebendig machst die Toten (Achtzehnbittengebet) “ (O. Michel, ebda.)

 13 Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. 14 Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen. 15 Und wenn sie das Land gemeint hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie ja Zeit gehabt, wieder umzukehren. 16 Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen.

           „An dieser Stelle taucht das Bild von der Wanderung zum himmlischen Vaterland auf. Damit ist verdeutlicht, was es mit der „Verheißung“ auf sich hat.“(A. Strobel, ebda.) Der Schreiber liest seine Bibel mit Bildern im Kopf, die über die irdischen Erfüllungen hinausgehen. Sie, die Väter im Glauben, die Mütter, die früher geglaubt haben, waren nicht nur auf der Suche nach der irdischen Heimat. Sie suchten immer schon darüber hinaus. Vaterland, meinetwegen auch Mutterland  oder Heimatland – jenseits der Zeit.

„Wenn er sagte, dass er nach Hause gehe, richtete sich diese Absicht in Wahrheit nicht gegen den Ort, von dem er weg wollte, sondern gegen die Situation, in der er sich fremd und unglücklich fühlte. Gemeint war also nicht der Ort, sondern die Krankheit, und die Krankheit nahm er überallhin mit, auch in sein Elternhaus. Sein Elternhaus war nur einen Katzensprung entfernt, blieb aber trotzdem ein unerreichbarer Ort, und das keineswegs, weit der Vater es mit den Füßen nicht bis dorthin schaffte, sondern weil ein Aufenthalt im Elternhaus nicht einlöste, was sich der Vater davon versprach. Mit der Krankheit nahm er die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen, an den Fußsohlen mit….

Und erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält. Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich.“ (A. Geiger, Der alte König in seinem Exil, München 2011, S. 55-56)

Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.

             Darum – so wird diese Sehnsucht beantwortet. Von Gott. Weit greift der Brief zurück. Am Anfang hat er von Jesus gesagt: „Er schämt sich nicht, sie Brüder zu nennen,“ (2,11) Jetzt sagt er von Gott: Gott schämt sich ihrer nicht, ihr Gott zu heißen. Gott stellt sich zu seinen Leuten, auch zu denen, deren Glauben nichts als Sehnsucht ist, Hoffnung, manchmal angefochten und unsicher, aber Hoffnung.  Und das Zeichen dafür ist die Stadt, die er ihnen baut. Vielleicht darf ich in der Spur des Hebräer-Briefes sagen: Was auf Erden ist, das ist zweifelhaft, hinfällig und von Wankelmütigkeit geprägt. Aber was im Himmel ist, das steht fest. Unverrückbar. Wer auf den Himmel traut, ist nie gottverlassen.

  17 Durch den Glauben opferte “Abraham” den Isaak, als er versucht wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, als er schon die Verheißung empfangen hatte 18 und ihm gesagt worden war (1. Mose 21,12): »Was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden.« 19 Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; deshalb bekam er ihn auch als Gleichnis dafür wieder.

                Noch einmal geht es zurück zu Abraham, diesmal zu der unheimlichen Geschichte von der Opferung Isaaks. Ganz und gar gibt sich Abraham auf diesem Weg in Gottes Hände. Wenn er den Sohn preisgibt, dann, weil er an den glaubt,  der auch von den Toten erwecken kann. Und so  bekommt er den Sohn auch wieder als Einen, der von den Toten erweckt ist. Dass wir heutige Leser und Leserinnen an dieser Erzählung menschlich Anstoß nehmen, dass uns Gott darin grausam vorkommt, das alles interessiert den Schreiber nicht. Er will uns Gott vor Augen stellen, der unverrückbar treu ist, durch alle Widersprüchlichkeiten hindurch.

Wie weit ist das hergeholt: Manche Umkehr heute aus einem zerstörten Leben ist nichts anderes als eine Art “Auferstehung von den Toten”. Wer es miterleben muss, wie ein Leben auf der schiefen Bahn der Sucht immer tiefer gefährdet wird, der bekommt eine Ahnung von diesem “Abrahamsweg”. Da hilft ja das eigene Festhalten nicht mehr. Da bleibt nur ein Loslassen, das sich selbst und den, die, um die man bangt, in die Hände Gottes gibt. Und es kann geschehen, dass Auferstehen wird, ein Neuanfang, wo nichts mehr zu hoffen war. Aber das ist kein Automatismus. Und es gibt auch die anderen Geschichten, wo das Loslassen keinen neuen Anfang mehr erlebt, sondern nur noch das Ende. Tränen. Fragen. Schmerz.

20 Durch den Glauben segnete “Isaak” den Jakob und den Esau im Blick auf die zukünftigen Dinge. 21 Durch den Glauben segnete “Jakob,” als er starb, die beiden Söhne Josefs und neigte sich anbetend über die Spitze seines Stabes. 22 Durch den Glauben redete “Josef,” als er starb, vom Auszug der Israeliten und befahl, was mit seinen Gebeinen geschehen solle.

             Die Vätergeschichte ist noch nicht am Ende mit ihren Glaubenszeugnissen und Glaubenszeugen. Selbst von einer so blassen Figur wie dem Isaak wird sein Glauben angeführt. Er zeigt sich im Segen Isaaks für Jakob und für Esau (!).  Was für ein Trost für alle, die von ihrem eigenen Glauben keine so hohe Meinung haben. Es genügt, die Nachkommen zu segnen. Wieder und wieder.

Es folgt der Segen Jakobs, des Segenserschleichers für die Söhne des Josef. Und noch die Bitte Josefs „Darum nahm er einen Eid von den Söhnen Israels und sprach: Wenn euch Gott heimsuchen wird, so nehmt meine Gebeine mit von hier.“ (1. Mose 50,25) wird nicht nur auf die Rückkehr in das Land Kanaan gelesen, sondern als Hinweis auf das wirklich „gelobte Land“, die ewige Bleibe bei Gott.

„Glaube ist so entwurzelt im Lande der Sichtbarkeiten, dass ihm die irdischen Verheißungen zu vorläufigen Bildern einer Hoffnung werden, die alles Sichtbare übergreift.“ (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 94) Mit dieser Sicht knüpft der Hebräer-Brief an die Prophetie an, die der Wirklichkeit die Bilder des kommenden Reiches entgegenstellt und sie so völlig neu sehen lehrt – vorläufig, aber als Hinweis auf die gewiss kommende Vollendung. Gewiss, weil Gott für sie einsteht.

 

Mein Gott, wie oft habe ich mich selbst festgelegt, auf meine Vergangenheit, meine Erfahrungen, meine Sichtweisen, meine engen Grenzen.

Mein Gott, wie oft sehne ich mich nach dem Schritt über meine Grenzen, nach dem Mut zu neuem Anfang, nach dem Weg ins Land der Verheißung.

Abraham hat sich auf den Weg gewagt mit Sarah, mit Knechten und Vieh, hat sich getraut, ein Fremder zu werden, im Aufbruch zu leben.

Schenke mir den Glauben, der Dir traut und dann auch sich traut -auf die Wege Deiner Verheißung.

Schenke mir den Mut, unterwegs zu bleiben in der Zeit, die mir nur für ein paar Jahre Heimat sein kann. Amen

3 Gedanken zu „Im Aufbruch leben“

  1. Lieber PU, warum hast Du an einigen Stellen die Namen “Abraham”, “Isaak” usw mit
    Anführungszeichen geschrieben?
    Lieben Gruß Linde

    1. Das ist die Luther-Übersetzung 2017 – die nimmt die auf Papier kursiv gedruckten Namen im EDV-Format in Anführunszeichen.

  2. Im festen Vertrauen auf Gott sind wir Nachkommen Abrahams und als Christinnen und Christen verbunden mit dem Volk Gottes der Juden. Es ist meine Glaubenserfahrung, dass Gott mich auch dann auf meinem Lebensweg begleitet, wenn ich dies nicht empfinde und noch nicht einmal glaube, aber im Rückblick erst erkennen kann. Die unfassbare und unendliche Liebe und Weisheit Gottes lässt mich hoffen, dass sie der weltweiten Christenheit zu einer deutlichen Einheit in der Vielfalt ermöglicht.
    Dazu gehört auch die Überwindung des Skandals, dass wir Christen ausgerechnet bei der intimsten Verbindung unseres Menschseins mit der Liebe Gottes – im Abendmahl – nicht (oder nur inoffiziell) uns hierzu von Jesus Christus einladen lassen. Da kann nur trösten, dass beim großen Festmahl in Gottes neuem Himmel und neuer Erde keine Trennung mehr bestehen wird. In diesem neuen Universum Gottes, in dem alles anders sein wird, spielen unsere uns hier trennenden unterschiedlichen Glaubenslehren keine Rolle mehr.

    Bernd Hehner

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