Anfechtungen

Hebräer 10, 32 – 39

32 Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wart, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, 33 indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. 34 Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt.

Nicht mehr „Lasst uns“ – sondern: Gedenkt aber der früheren Tage. Mit dieser Erinnerung sucht der Autor die Verständigung mit seinen Lesern. Die unausgesprochene Frage heißt: Wenn ihr den Glauben aufgebt, ist dann nicht alles vergeblich, was ihr auf euch genommen habt? Sie haben ja einen hohen Preis bezahlt: Schmähungen,  Bedrängnisse, zur Schau gestellt, Eigentumsverluste, bloßgestellt – es ist eine beeindruckende Liste von Nachteilen und gesellschaftlicher Missachtung, die hier zum Vorschein kommt. Die aber offensichtlich nicht nur ferne Vergangenheit sind, sondern die sich aktuell wieder abzeichnen. „In diesem Teil der Mahnrede werden konkrete Hinweise auf die Vergangenheit der Gemeinde gegeben, die nicht typisch gedeutet werden können.“ (O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 238)  

Zum Schauspiel sind Christen geworden. Dennoch: „In dem Wort liegt kaum eine Anspielung auf die Fackeln in den Gärten Neros.“ (O. Michel, aaO. S. 239) Da hat der römische Kaiser Christen verbrennen lassen, um vom eigenen Tun abzulenken. Es ist nicht sicher, ob der Brief-Schreiber etwas von diesen Fanalen wusste.

In einer Zeit, in der manche auf Distanz zur Kirche gehen, weil sie Steuern sparen wollen, liest sich das seltsam. So hoch kann der Preis des Christseins also sein. In anderen Gegenden der Welt wird man das auch heute noch direkt verstehen – in Ägypten, Syrien, Indonesien zum Beispiel. Eine Absage unter dem gegenwärtigen Druck macht den ganze früheren Weg zunichte.  

35 Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. 36 Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.

Der Ton hat sich jetzt völlig verändert. Kein Drohen mehr. Werben. Bitten. Ermutigen. Werft euer Vertrauen nicht weg. Hinter der Bitte steht ja auch der Schmerz: Das Vertrauen zu Gott war bei manchen nur eine Episode. Wer das miterlebt hat, kann nicht mehr hochmütig davon reden, dass einer halt gegangen ist. Der spürt den eigenen Schmerz darüber. Und: Wenn hier und da und dort Einer aufgibt – was macht das mit uns selbst? Es ist ja nicht so, dass einige Glaubenshelden völlig unbeeindruckt einfach weiter machen, wenn Andere gehen. Da ist die Sorge: Werden wir womöglich mitgerissen in eine Welle des Aufgebens?

In der Sprache der Religionssoziologen: Glauben lebt auch davon, dass er von Anderen bestätigt wird. Dass er plausibel ist. Dass man sich gegenseitig in der Wahrheit und Tragkraft des Glaubens bestätigt. Sich die Geschichten der Erfahrungen mit Gott erzählt. “Die Freimütigkeit des Glaubens – παρρησίαν nimmt in Zeiten der Verfolgung die Gestalt der Geduld  – ὑπομονή an.“ (O. Michel, aaO. S. 241) Wenn aber die Anderen gehen, dann wird auch für einen selbst die Plausibilität in Frage gestellt. Und wenn zu viele gehen, dann bricht das Ganze des Glaubens vielleicht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Deshalb gibt es zu allen Zeiten den Kampf: „Geh Du nicht auch noch weg von hier!“(G. Schöne, CD Live, 1988/95) Hisse du nicht auch noch die weiße Fahne des Aufgebens.

So gesehen sind die leeren Bänke am Sonntagmorgen immer mehr als eine Anfrage an die erloschene Ausstrahlungskraft von Gottesdiensten. Sie sind vor allem ein Alarmzeichen für eine schwindende Plausibilität. Was da in unseren Kirchen gesagt und „gefeiert“ wird, leuchtet nicht mehr ein, strahlt nicht mehr ins Dunkel der Welt. Es entzündet keine Hoffnung mehr

Wenn man sich den griechischen Wortlaut dieses Abschnittes anschaut, dann bekommt dies Wort noch einen anderen Klang: Lasst den Zugang zu Gott nicht ungenutzt. Es geht hier nicht um eine Vertrauensfähigkeit, die in uns liegt. Es geht vielmehr um einen Weg, der offen vor uns liegt, und den wir gehen sollen. Vor uns liegt der offene Weg zu Gott. Er ist offen, weil er geöffnet worden ist, geöffnet durch Jesus Christus. Diesen Weg sollen wir gehen.

Ich stelle mir vor: Da ist die Tür aus einem brennenden Haus offen, die Treppe ist noch frei ‑ und dann steht einer oben und sagt: Aber wenn ich nun naß werde, wenn ich aus dem Haus renne! Das ist nur ein schwaches Bild für das, was hier auf dem Spiel steht: Weil Christsein kein leichter Weg ist, weil Christsein mit Unannehmlichkeiten verbunden ist, weil Christsein manche Türen zuschließt und manche Lebensmöglichkeiten zu Unmöglichkeiten macht, deshalb sollte ich die offene Tür zum Vater nicht nutzen? Dieser Weg, an den wir so viele Fragezeichen machen, ist der Weg, von dem der Hebräerbrief sagt: Großer Lohn.

Bewusst wird der Blick gelenkt: Vertrauen lohnt sich. Durchhalten lohnt sich. Da sind die Verheißungen Gottes. Da ist großer Lohn in den Himmeln. “Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.”(Lukas 12,37) Es ist die Erwartung der ganzen Schrift: Am Ende stehen die, die auf Gott vertraut haben, nicht mit leeren Händen da. Sie erfahren, wie Gott selbst ihre Hände füllt.

37 Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. 38 Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« (Habakuk 2,3-4).

             μικρν σον σον. Nur noch eine kurze Zeit. Ein Augenblickchen noch, nur noch einen Wimpernschlag.  Nur noch ein wenig durchgehalten. Gott verzieht nicht mit seinem Kommen. Das ist ja eine der großen Herausforderungen an die junge Christenheit. Sie rechnet bald schon mit dem Kommen des Herrn. Sie sehen das Ende der Zeit und den Anfang der schönen Ewigkeit unmittelbar bevor stehen. Manche geben auf, weil sie sagen und fragen: Wo bleibt er denn, der wiederkommende Herr? Das ist ein Schmerz für alle Anderen, die ja durch dieses Aufgeben auch in Frage gestellt werden: Machen wir uns etwas vor?    

           Dem stellt der Schreiber die Erinnerung an das Prophetenwort des Habakuk entgegen, das auch für Paulus – und später für Luther – so wichtig ist. Gefordert  ist die Haltung der Zuversicht, gerade jetzt, in bedrängten Zeiten. Nicht Schönreden, aber fest und beharrlich glauben. Nicht die Verhältnisse verharmlosen, aber sich festmachen daran, dass Gott größer ist, dass er retten kann und dass er die sieht, die sich an ihn festhalten, die seiner Gerechtigkeit glauben und darin zum Gerechten δκαις werden.

39 Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

             Wir aber – so schließt sich der Schreiber mit seinen Lesern zusammen. Wir geben nicht auf. Wir halten die Hoffnung fest. Wir warten weiter. „Glaubenstreue dient der Bewahrung der Seele.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 206) 

Es ist ein Einreden, das sich selbst und den Anderen Mut macht.

 Noch eine kurze Frist, dann ist’s gewonnen,                     dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen,                         dann darf ich laben mich an Lebensbächen                         und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.                                                       Grabinschrift  S. Kierkegaard 1813 – 1855

 

Gott, so kenne ich mich: mutlos – müde – erschöpft, dem eigenen Glauben gegenüber fremd, gar nicht selten dem Aufgeben nahe.

Die Stimmen, die sagen: Lass deinen Gott fahren. Es ist doch alles ganz sinnlos. Finde dich mit dem kleinen Glück ab – mehr gibt es nicht, sind nicht nur Stimmen von außen. Sie sind in mir drin. Sie melden sich in meinen Gefühlen, meinem Denken, in meinem Herzen. Und ich werde sie nicht los, wenn ich die Ohren zuhalte, sie übertöne mit Musik, weglaufe in Aktionen. Manchmal, mitten im Gottesdienst überfällt es mich: Was willst du noch hier?

Aber: Wohin soll ich gehen? Ich brauche in meiner Anfechtung, gegen meine Müdigkeit, gegen meinen Zweifel das Wort von außen, die Stimme von außen: Gib nicht auf. Halte dein Vertrauen im Spiel. Wirf das Herz über die Mauern der Fragen. Ich brauche die Anderen, deren Glauben ich sehen kann, deren Beten ich zuschauen kann, deren Hoffen ich spüren kann. Und Dich brauche ich, mein mir verborgener Gott.

Dann kann ich weitermachen, Schritt um Schritt, in Mühe und kleinem Glück und das Vertrauen gewinnt neue Kraft.

Wir sind unterwegs zu größerem Ziel und Du kommst uns entgegen und sagst: Willkommen zuhause, mein Sohn, meine Tochter. Amen