Bedingungslos geliebt

Hebräer 10, 26 – 31

 26 Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort kein andres Opfer mehr für die Sünden, 27 sondern nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird.

Der Brief kehrt zu dem Thema zurück, das seinen Schreiber immer neu bedrängt: Was ist mit denen, die sich vom Glauben abwenden? Was ist mit denen, die mutwillig – das heißt doch wohl: in vollem Bewusstsein und mit klarer Erkenntnis, dass ihre Abwendung von Gott die Liebe Gottes und seine Vergebung missachtet – sündigen? Ἑκουσίωςfreiwillig, aus eigenem Antrieb.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957. S. 257)Ohne Zwang von außen. Ohne Druck„Nur zu leicht kann Unentschlossenheit, die mit einer heimlichen Entfremdung verbunden ist, in entschlossene Absage umschlagen.“ (A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975, S. 200) Das ist eine reale Gefahr in Gemeinden, die ohnehin dem Druck von außen ausgesetzt sind.   

Es geht nicht um gestohlene Eier oder hinterzogene Steuern, nicht um die so genannte Notlüge oder den sexuellen Fehltritt, den einer/eine gerne einmal als Betriebsunfall deklarieren möchte. Es geht um die wissentliche und willentliche Abkehr von dem Gott, dem ich mein Leben verdanke und dem ich es auch einmal willentlich und “von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all meiner Kraft” (5. Mose 6,5) anvertraut habe. Und jetzt sage ich: “Das kannst Du in die Tonne kloppen.”

Da und nur da sieht der Hebräer-Brief keinen Raum mehr zur Umkehr. Das doch wohl deshalb, weil der, der sich so abwendet, sich selbst diesen Raum nimmt und nicht mehr zugesteht. „Die vergebende Kraft des Opfers Christi endet da, wo sie nicht mehr beansprucht wird.“ (A. Strobel, ebda.) Es geht gleichwohl auch hier – davon bin ich überzeugt – nicht um ein letztes Urteil Gottes. Es geht vielmehr darum, dass wir Menschen manchmal Sätze sagen, die zu letzten Urteilen über uns selbst und gegen uns selbst werden können. Wir binden uns selbst und können die Fesseln nie mehr lösen.

28 Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. 29 Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? 30 Denn wir kennen den, der gesagt hat (5. Mose 32,35-36): »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.«

              Es ist ein erschreckendes Bild: der den Sohn Gottes mit Füßen tritt, das Blut des Bundes für unrein hält, den Geist der Gnade schmäht. „Der Ausdruck „mit Füßen treten“ ist das Zeichen äußerster Verachtung.“(O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 236) Es ist die Absage an alle Heilsbedeutung Jesu. Er ist nichts als ein Wanderprediger, ein Galiläer, um den sich ein paar abenteuerliche Geschichten ranken und dem ein paar geistig verwirrte Leute nachlaufen – bis zum heutigen Tag.

  Was steht hinter diesen Worten? Es könnte sein, dass Christen gezwungen worden sind, in Gerichtsverfahren zu einem Akt der äußeren Absage. Indem sie auf Christus spucken.  „Es hört sich an,  als sei an eine durch Verfolgung erzwungene Blasphemie gedacht.“ (W.R.G. aaO. S. 69) Im deutschen Recht unserer Tage gibt es die Bestimmung, dass Geständnisse, die durch Folter erzwungen sind, nicht verwertet werden dürfen, irrelevant sind. Sollte das vor Gott nicht auch gelten: die Absage an den Glauben, die durch Drohung mit Hinrichtung oder Folter  erzwungen ist, gilt nicht. Sie ist ja nicht mutwillig erfolgt, nicht aus eigenem Antrieb. Umso unverständlicher wirkt die rigorose Androhung:: Keine Gnade mehr. Kein Mitleid mit denen, die unter äußerstem Druck schwach geworden sind? Ich gestehe, dass ich mich damit schwer tue. Wahrscheinlich aus der Ahnung, dass ich nicht weiß, wie standhaft ich selbst in so einer Situation wäre.

Strafe verdienen klingt nach fremdem Handeln. Aber jemand, der den Sohn Gottes sieht und sagt: Ich will das nicht – beraubt er sich nicht selbst? Ich kenne die Sätze: „Ich brauche keine Vergebung, sie macht mich nur klein. Ich komme alleine zurecht. Ich will das mit der Gnade nicht  – ich stehe für meine Fehler selbst ein. Ich trage sie, sie gehören zu mir.“ Ich kenne sie aus dem Mund anderer und als hochmütige Versuchung in mir selbst. Es gibt ein Ablehnen des Glaubens, weil er angeblich klein macht, weil er die Selbstständigkeit raubt, weil er gegen die Autonomie steht.  Wer so denkt, der muss ohne das Geschenk der Gnade leben. Ist das nicht Selbstbestrafung, „Strafe“ genug? So baue ich mir eine Brücke, um mit den Worten zurecht zu kommen, vor allem mit dieser Formulierung  den Geist der Gnade schmähen.

31 Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

             „Gegen Gottes Gericht gibt es keine menschliche Sicherung und Vertröstung.“(O. Michel, aaO. S. 237) Aber – es gibt, schon in der Hebräischen Bibel die verwegene Hoffnung, als David die Wahl hat zwischen menschlichem und göttlichem Gericht: „Mir ist sehr angst, doch ich will in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß; aber ich will nicht in Menschenhände fallen.“(1. Chronik 21, 13) O der Schreiber des Hebräer dieses Davids-Wort nicht kennt?

Ich jedenfalls würde es für mich anders formulieren: Es ist schrecklich, aus den bergenden Händen des barmherzigen Gottes heraus zu fallen. In der Gottesferne zu landen, aus der es keinen Rückweg mehr gibt. So wie es die Erzählung Jesu andeutet: „Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.  Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.“ (Lukas 16, 22- 25)

Gleichwohl zeigen diese Worte des Briefes ein Bild von Gott, mit dem ich es schwer habe. Nicht, dass ich mich über die Schrift stellen möchte. Nicht, dass ich es einfach weg-argumentieren möchte. Ich habe es schwer, dieses Bild in Übereinstimmung zu bringen mit dem anderen Bild, an dem ich mit jeder Faser meines Herzens und meines Glaubens hänge: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn…. Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ (Lukas 15,20+24)  Die Scham ist dem Sohn nicht erspart. Das Eingeständnis der tiefen Schuld kommt zur Sprache. Es ist die erfahrene Versöhnung, die so frei macht. Die Angst vor Gott macht nicht frei.

Es ist eine Frage, die sich bei mir meldet: Kann es sein, dass der Schreiber des Hebräer-Briefes nichts von Petrus weiß? Nichts von seinem Bekenntnis: „Du bist Christus, der Sohn, des lebendigen Gottes.“ (Matthäus 16, 16) Nicht von seinem Abstreiten: „Ich kenne den Menschen nicht.“(Matthäus 26,72) Nichts von der Begegnung mit dem Auferstandenen und der Beauftragung: „Weide meine Schafe.“(Johannes 21,27) Nichts von dem Wort vor der Verleugnung: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dann umkehrst, so stärke deine Brüder.“(Lukas 22, 31-32) Ist das vorstellbar bei der Rolle, die Petrus für die erste Gemeinde gespielt hat?  Ausgerechnet Petrus als das Beispiel, dass der Schritt zum Glauben widerrufen werden kann, nach einem langen Weg und dass damit dennoch nicht das letzte Wort gesprochen sein muss, nicht von dem Menschen und erst recht nicht von Seiten des erbarmenden Gottes.

Als Warnung vor Leichtsinn, falscher Sicherheit und Gleichgültigkeit kann ich die Sätze des Schreibers wohl lesen. Aber nicht als das letzte Urteil. Das ist über den Sohn gesprochen. Er hat den Schrecken der Gottesferne getragen. Das genügt. Ein für alle Mal.

 

Herr Jesus, dafür danke ich Dir, dass Du den Weg frei gemacht hast, alle Hindernisse weggeräumt, alle Angst weggenommen. Du hast uns das Bild des Vaters vor Augen gestellt, der auf uns wartet, uns mit offenen Armen entgegenkommt, uns mit bedingungsloser Liebe liebt.

Lass mich dieses Bild aufnehmen in meine Seele und ihm Glauben schenken, weil ich Dir glaube. Amen