Nicht allein

Hebräer 10, 19 – 31

19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, 21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

Der Weg ist frei. Geht ihn nun auch. “So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat.” (Galater 5,1 nach Luther 1912) Es ist der gleiche Gedanke. Jesus hat alles getan, uns den Weg zu ebnen. Christus selbst ist als πρόδρομος diesen Weggegangen und hat ihn dadurch eingeweiht.“(O. Michel, Der Brief an die Hebräer, Krit.-Exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Göttingen 1949, S. 229) Wir haben einen freien Zugang zu Gott. Es ist an uns, ihn zu nützen und ihn nicht zu versäumen. Für Freiheit steht hier bemerkenswerter Weise παρρησα  und nicht wie im Galaterbrief λευθερα. Weil es um eine Freiheit geht, die in der inneren Gewissheit liegt, die Freimütigkeit erzeugt. Die nicht in der formalen Freiheit ihr Ziel hat. Sie will ergriffen sein. Darum: So lasst uns hinzutreten. Es ist die Angst, die diese Freiheit verspielt, sie nicht als Geschenk nimmt, sie nicht im eigenen Handeln bewährt, sich nicht auf diesen Weg traut.

Ein skrupelhaftes Gewissen, das nichts falsch machen möchte, hört in den Worten Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben  Perfektionismus-Forderungen. Wahrhaftig. Vollkommen. Sind wir nicht immer meilenweit davon entfernt?Nichts liegt dem Hebräer-Brief ferner, als moralischen oder geistlichen Perfektionismus einzufordern. Nur so viel ist gemeint: „Wer zu Gott tritt, soll es ungeteilten, ganzen Herzens tun.“(O. Michel, aaO. S. 230)  

Um zu verstehen, was hier gemeint sein kann, blicke ich auf eine Szene des Evangeliums. „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,2-3) Das ist der Vorsprung, den Kinder haben – ungeteilte Herzen, wahrhaftig, und ein Vertrauen, das kaum zu erschüttern ist:ein Vertrauen, das immer glaubt, dass es die Eltern gut mit ihnen meinen. Es geht um die Einfalt, die sich beschenken lässt, die der Autor hier ins Licht rückt. Das ist der vollkommene Glaube: ich lasse mich beschenken.

23 Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; 24 und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken 25 und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

Diese Freiheit wird bewährt im Festhalten am Bekenntnis und im Bleiben in der Gemeinde. κατχωμεν – “festhalten, behaupten, bestehen.”(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch, München 1957,  S. 426) Das in manchen Regionen noch gebräuchliche Wort „Katechumenen-Unterricht“ für Konfirmanden-Jahrgänge hat hier seinen biblischen Ursprung. Es geht um junge Menschen, die im Glauben befestigt werden sollen und, die das tun, sind Katecheten. Aber – so sagt der Verfasser – das ist unser aller Aufgabe, die wir aneinander haben.

Es ist schon charakteristisch, dass der Schreiber hier auf die Gemeinde zu sprechen kommt. Lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen. Die Wechselseitigkeit zielt auf Augenhöhe. „Ermahnt einer den anderen, dann ist nicht ein Glied über das andere gesetzt, sondern das Wort steht über beiden.“ (O. Michel, aaO. S. 232)  

Die Alleingänge im Glauben, die Privatisierung des Glaubens sind späte Erfindung des abendländischen Christentums, nicht Bild vom Glauben der neutestamentlichen Autoren. Hier ist die Vorstellung – für unsere Ohren fast unerfreulich deutlich – klar: Es braucht die Anderen, um die Hoffnung durchzuhalten. Es braucht die Anderen, um selbst am Glauben zu bleiben. Es braucht die Anderen, denen ich liebevoll begegnen kann und die mir liebevoll begegnen. Es braucht die Anderen, damit wir den Weg des Glaubens nicht verlieren. „Allein gehst Du ein.“ 

„Ich kann auch alleine Christ sein.“ Dieser Satz ist für unseren Schreiber undenkbar. So wie er auch für Paulus, für Johannes, für Markus, Matthäus und Lukas undenkbar ist. Es ist keine Verirrung irgendwelcher Gemeindefreaks, wenn es im Glaubensbekenntnis heißt: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ Das trifft den Grundkonsens der ersten Christenheit. Es ist eine der Lebensbedingungen des Glaubens, dass wir ihn mit anderen teilen und ihn eben nicht zur Privatsache erklären.

Noch schärfer gesagt: Es ist nicht Gott, der diese Gemeinschaft braucht. Er will sie, aber um unseretwillen, weil es „nicht gut ist, wenn der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18) Wir sind darauf angewiesen, Gefährten zu haben, Gehilfen, Weggenossen – nicht nur im engen Sinn der Ehe, sondern auch im weiteren Sinn der Weggemeinschaft von Brüdern und Schwestern.

Es ist wie eine Begründung dieser Mahnung des Hebräer-Briefes: „Der Christ braucht den Christen, der ihm Gottes Wort sagt, er braucht ihn immer wieder, wenn er ungewiss oder verzagt wird; denn aus sich selbst kann er sich nicht helfen….. Er braucht den Bruder als Träger und Verkündiger des göttlichen Heilswortes. Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders; jener ist ungewiss, dieser ist gewiss.“  (D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1939, S. 14) Wer sich aus der Gemeinde entfernt, so der Gedanke, beraubt sich selbst des Segens, der von Gott mit der Gemeinde gestiftet ist.

Lasst uns hinzutreten. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung. Lasst uns aufeinander Acht haben. Drei Aufforderungen, die in die Mitte des Glaubens führen. Der Zugang zum Herzen Gottes ist in Jesus frei gemacht. Diesen Weg gilt es gehen. Aus diesem Weg erwächst das Bekenntnis, nährt sich die Hoffnung.  Uns ist der Platz im Vaterhaus bereitet. Daran gilt es festzuhalten. Das Johannes-Evangelium würde sagen: darin gilt es zu “bleiben”. Glaube braucht die Beständigkeit, das Durchhalten. Damit das geht, muss aus dem Alleingang ein Miteinander werden.  Keiner kommt allein in den Himmel. alle sind darauf angewiesen, dass sie in Gemeinschaft unterwegs sind. Wir müssen einander nicht überholen. Wir dürfen miteinander ans Ziel gelangen.

Ich glaube nicht, dass es die größte Gefährdung für den Glauben ist, dass uns manche für Spinner, Märchenerzähler und Himmelkomiker halten. Die größte Gefährdung ist, dass wir ihn zur Privatsache haben werden lassen. Dass wir den protestantischen Individualismus gefeiert haben und dabei vergessen haben, dass Glaube wesensmäßig Gemeinschaft ist. Wir sind auch deshalb ein Spielball des Zeitungeistes, weil wir nur noch vereinzelt als Christen unterwegs sind. Nicht mehr erkennbar als Gemeinschaft. Kirchentage, ob katholisch oder evangelisch sind Ausnahmen. Kommunitäten auch. Es wird für die Zukunft gelten, um Gemeinschaft zu ringen. Das geht tiefer als eine bloße Suche nach neuen organisatorischen Strukturen. Es geht um Gemeinschaft in der Existenz.

 

Jesus, ich danke Dir für die Brüder und Schwestern, die mich Glauben gelehrt haben, an denen ich sehen konnte, wie Vertrauen geht. Ich danke Dir für die, die mich gemahnt haben, denen ich den Widerspruch wert war. Ich danke Dir für die, die mich korrigiert haben und sich nicht zurückgezogen haben, wenn ich mich nicht korrigieren lassen wollte.

Ich danke Dir, dass ich nicht alleine im Himmel ankommen werde sondern nur zusammen mit den Weggefährten des Lebens, den schwierigen und den freundlichen. Amen