Für Zeit und Ewigkeit

Hebräer 9, 16 – 28

16 Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat. 17 Denn ein Testament tritt erst in Kraft mit dem Tode; es ist noch nicht in Kraft, solange der noch lebt, der es gemacht hat. 18 Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet.

Das Bild mag wechseln. Aber der Schreiber bleibt an seinem Thema. Er hat ja kein anderes Thema als die unverbrüchliche Gültigkeit der Erlösung, die Jesus gebracht hat. Nichts kann sie mehr aufheben. Nichts reicht an sie heran. Alle anderen Heilsversprechen sind ihr gegenüber unzureichend. Alle früheren Wege sind durch sie überholt.

Das neue Bild heißt: Testament. Ein Testament tritt erst durch den Tod der Erblassers in Kraft. Wo kein Tod ist, gibt es kein Erbe. Das ist im Denken der biblischen Autoren nicht vorgesehen, dass das Erbe vor dem Tod ausgeteilt wird. Darum ist es ja so eine unbegreifliche Unverschämtheit, von der Jesus erzählt: „Ein Mensch hatte zwei Söhne Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.“ (Lukas 15,11-12)  Erst der Tod macht das Testament gültig – das meint auch die Aussage: Daher wurde auch der erste Bund nicht ohne Blut gestiftet. Es ist wohl so: „Der Verfasser spielt mit dem Wort „diatheke“, διαθκη, das sowohl Bund als auch Testament heißen kann.“ (W.R.G. Loader, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S. 55) Es kommt ihm auf das Eine an: Dieser Bund ist verlässlich.

19 Denn als Mose alle Gebote gemäß dem Gesetz allem Volk gesagt hatte, nahm er das Blut von Kälbern und Böcken mit Wasser und Scharlachwolle und Ysop und besprengte das Buch und alles Volk 20 und sprach (2.Mose 24,8): »Das ist das Blut des Bundes, den Gott euch geboten hat.« 21 Und die Stiftshütte und alle Geräte für den Gottesdienst besprengte er desgleichen mit Blut. 22 Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.

Das Blut, mit dem die Kultgegenstände, das Volk und die Stiftshütte besprengt werden, steht für den Tod. Der Tod gilt alles ab. Das Blut macht alles rein. Wobei ich hängen bleibe an dem Ausdruck besprengte das Buch. Was ist damit gemeint? Βιβλίον steht da im Griechischen und wir hören vermutlich unwillkürlich “Bibel”. Aber die kann ja bei Mose nicht gemeint sein. Was aber dann? „Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar. Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks.“ (2. Mose 24,6-7) Βιβλίον τη̃ς διαθήκης übersetzt die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testamentes. Es ist im Text des 2. Mose nicht von der Besprengung des Buches die Rede – das ist wohl der freien Erinnerung des Autors geschuldet. Aber es hat Sinn: Das Gesetz ist durch das Blut in Kraft gesetzt, geheiligt, gereinigt wohl auch.

Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung. Das ist ein Satz, der über die Hebräische Bibel hinaus reicht. Es geht um den Preis, den Vergebung kostet. Gott kostet. Gott lässt sie sich diesen Preis kosten. Damit wir zu ihm zurückkehren, nimmt er es auf sich, dass sein Blut vergossen wird. Ganz so, wie es Petrus schreibt: „Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“(1. Petrus 1, 18-19) Das hat auch Eingang gefunden in das Lehr-System unseres Glaubens:

„Ich glaube, dass Jesus Christus,                                      wahrhaftiger Gott ,
vom Vater in Ewigkeit geboren,
und auch wahrhaftiger Mensch
von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr,                           
der mich verlorenen und verdammten Menschen
erlöst hat, erworben und gewonnen
von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels,
nicht mit Gold (und) oder Silber,
sondern mit seinem heiligen, teuren Blut
und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben,                   
auf dass ich sein eigen sei“                                                                      (M. Luther, Erklärung zum 2. Artikel des Glaubensbekenntnisses) 

Lernstoff bis auf den Tag heute. Auswendig zu lernen, damit es unser Herz inwendig verwandelt, damit wir wissen, wie kostbar wir dem dreieinigen Gott sind.

 23 So also mussten die Abbilder der himmlischen Dinge gereinigt werden; die himmlischen Dinge selbst aber müssen bessere Opfer haben als jene. 24 Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesicht Gottes für uns; 25 auch nicht, um sich oftmals zu opfern, wie der Hohepriester alle Jahre mit fremdem Blut in das Heiligtum geht; 26 sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

      Das alles aber ist nur Abbild der himmlischen Dinge, „Vorabbildung“, Schattenbild der Erlösung, die durch Jesus im Himmel in Kraft gesetzt ist. „Jene alten Formen der Heiligung sind Schattenbilder einer ganz anderen Erlösung.“ (W. Löw, Der Glaubensweg des Neuen Bundes, Die urchristliche Botschaft 18, Berlin 1931, S. 72) Aber sie mussten eingesetzt werden, geschehen, Wirklichkeit werden. Sie sind nötig, auch wenn sie vorläufig sind. Sie weisen in ihrer Notwendigkeit über sich hinaus.

             Ανάγκη, Notwendigkeit, steht da. Das Opfer ist die Lebensbedingung schlechthin. „Ohne kultische Reinigung, speziell ohne die Entfernung der Sünde (καταρίζεσθαι) gibt es weder im irdischen noch im himmlischen Heiligtum einen Zugang zu Gott.“(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/II; Neukirchen 1993; S. 188) Geradezu unermüdlich betont es genau deshalb der Schreiber: Im Himmel sind die Dinge schon in Ordnung, ist es schon Wirklichkeit, was wir glauben. Jesus erscheint  jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes. Das Opfer ist gültig. Das ist Fakt. Darauf ist Verlass. Denn: Jetzt ist Christus „durch das himmlische Heiligtum ins Allerheiligste eingetreten, um jetzt für uns vor Gott zu beten.“ (W.R.G. Loader, aaO. S. 56)

Und auch das betont er wieder: Einmal. παξ. Nicht „the same procedure as every year.“ Es gibt kein Wiederholungsspiel und keine Fortsetzung. Damit verbietet sich auch ein Verständnis des Abendmahls als Fortsetzung des Opfers Jesu. Ein für alle Mal. Das eine Opfer, die Selbsthingabe am Kreuz reicht für Zeit und Ewigkeit, die irdischen und die himmlischen Ordnungen. Die irdischen Ordnungen des Heils sind davon überholt, die himmlischen dadurch endgültig in Kraft gesetzt.

Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, “einmal” zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus “einmal” geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

             Erneut taucht eines seiner Lieblingsworte auf: ά̉παξ. Einmal. Einmal ist Christus erschienen, am Ende der Welt, gemeint: am Ende der Zeiten. Einmal sterben wir. Einmal ist Christus geopfert. Es gibt kein Rad der Wiederholungen, keine zweite, dritte, vierte Wirklichkeit der Welt und des Lebens.

Stehen hinter diesen starken Formulierungen: Es ist den Menschen bestimmt, “einmal” zu sterben  intensive Auseinandersetzungen mit Vorstellungen vom immer wiederkehrenden Leben, von so etwas wie dem „Rad der Wiedergeburten“? Die Kommentare schweigen sich dazu aus. „Der Satz will eine Feststellung sein, keine Drohung. Er ist außerdem eine auf Erfahrung beruhende Überzeugung, keine nur persönliche Meinung.“(A. Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S. 187) Heute aber stellen diese Aussagen, dieses “einmal” in die Auseinandersetzungen mit den Gedanken der fernöstlichen Religionen. Der Hebräerbrief schreibt die Einmaligkeit des Lebens als Gabe Gottes mit der Einmaligkeit des Todes fest. Er hebt damit die unendliche Bedeutung des Lebens hervor. Der Ausweg: „Wir haben ja noch eine zweite Chance“ wird verstellt.

Daran aber liegt ihm: Das zweite Kommen Christi steht unter einem grundsätzlich neuen Vorzeichen. Es ist ein Kommen zum Heil derer, die auf ihn warten. Die Sünde ist ja erledigt mit seinem ersten Kommen. Dafür braucht es kein zweites Kommen mehr. Jetzt gilt es nur noch, auf sein heilsames Kommen zu warten. „Die in ihrem Glaubensmut wankend gewordene Gemeinde darf wissen, dass die Heilsfrage nicht mehr offen, sondern entschieden ist – für die bis ans Ende Ausharrenden.(E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/II; Neukirchen 1993; S.199)

             Diese Gemeinde kann singen:

“Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,                                         darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal.                                 Komm tröst uns hier im Jammertal.”    
F. Spee 1622 EG 7

Zeit für eine Zwischenbilanz des Briefes. Was fällt mir besonders auf beim Lesen des Briefes, dieses theologischen Traktates? Da ist einmal die Dominanz des Opfergedankens. Der Weg Jesu ist ein Weg des Opfers. Damit sind für alle Zeit alle anderen Opfer abgetan. Auch wenn das in der Logik des Hebräer-Schreibens einigermaßen verständlich erscheint – es ist eine zeitgebundene Sicht. aus einer Zeit, in der Opfer ein zentrales Merkmal aller Religion war. Versehen mit einem emotionalen und existentiellen Höchstwert.

Beides trifft für unsere Zeit nicht mehr zu. Darum hilft auch einfach Wiederholung der Opfer-Terminologie heute nicht weiter. Wir müssen nach Möglichkeiten suchen, die Heilsbedeutung des Weges Jesu im Leben, ans Kreuz und in der Auferstehung neu zu fassen. Für unsere Zeit. eine Zeit, die dem Wort Opfer keinen positiven Klang mehr zuordnen kann. Allenfalls noch im Sport , wenn eine Mannschaft aufopferungsvoll kämpft. Ein wenig bedauernd klingt es aber auch da. Weil die Niederlage wahrscheinlicher erscheint.

Die Aufgabe neue Sprachbilder zu suchen, ist klar. Der Weg dorthin nicht. Wie kann ich das „für mich“, „für uns“ neu füllen, jenseits der Opfer-Terminologie? Jenseits der Sprachbilder, die an einen blutrünstigen Gott denken lassen, der Blut sehen muss. wie kann ich sagen, dass dieser Weg, der ganzen Weg Jesu, von der Liebe bestimmt wird, die das Leiden auf sich nimmt, weil es für die Liebe unausweichlich ist? Es ist ein Tasten, ein Ringen um Verstehen, erst für sich selbst und dann auch für das Gespräch mitanderen.

Ein zweiter Brennpunkt im Denken des Briefes, eine große Herausforderung an unser Denken und unser Lebensgefühl ist seine Aussage: Die Wirklichkeit des Himmels ist der Erde voraus. Nicht nur zeitlich, sondern sachlich, grundsätzlich. Was im Himmel ist, bestimmt die Erde. Was die Erde günstigenfalls erreichen kann, ist, den Himmel abzubilden.

Die Wirklichkeit des Himmels ist der Erde voraus. Nicht nur zeitlich, sondern sachlich, grundsätzlich. Was im Himmel ist, bestimmt die Erde. Was die Erde günstigenfalls erreichen kann, ist, den Himmel abzubilden.

Wenn ich also sage: Ich will in den Himmel kommen, dann heißt das nach der Theologie des Hebräerbriefes: Ich will die Realität erlangen, aus ihr leben, die unsere Realität auf der Erde in der vergänglichen Zeit umgreift, trägt und heilt. Die Sehnsucht nach dem Himmel ist, so gesehen, gerade keine Flucht aus der Realität. Darum ist auch die Himmelfahrt Jesu kein Rückzug aus der Welt, in ein sicheres, besseres Jenseits, kein Abschied aus unserer Wirklichkeit, sondern sie ist der Schritt in die Wirklichkeit, die alle Wirklichkeit der Welt umfasst. Darum kann man auch statt Himmel Gottesgegenwart sagen.

Ich gestehe mir ein: So habe ich das noch nie gedacht. Aber es macht mich froh, so zu denken, weil es mir den Himmel nahe rücken lässt, ihn aus einem nebulösen Jenseits in das Jetzt holt. Und immer wieder sagt der Hebräerbrief mit seinen Verweisen auf den Himmel: Diese Zu-Kunft des Himmels hat schon begonnen. Darauf dürft ihr vertrauen.

 

Herr, wie gerne glaube ich das: Du hast das Heil geschaffen für Zeit und Ewigkeit. Im Himmel ist es schon unverstellt und für Zeit und Ewigkeit unverstellbar in Kraft. Darum kann ich mich darauf verlassen, auch in schweren Zeiten, wenn Fragen quälen, Lasten überhand nehmen, ich keinen Weg mehr sehe.

Dein Heil bleibt und ich bleibe im Raum Deines Heiles. Das werde ich sehen, wenn Du kommst in Herrlichkeit. Amen