Der Mittler

Hebräer 9, 11 – 15

11 Christus aber ist gekommen als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter durch die größere und vollkommenere Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das ist: die nicht von dieser Schöpfung ist.

    “In immer neuen Wendungen weist der Schreiber auf den Gegensatz von Schatten und Wirklichkeit, Irdischem und himmlischem, Geschaffenem und Ungeschaffenem, Vergangenem und Zukünftigem, Vergänglichem und Bleibendem hin.“ (Feine-Behm-Kümmel, Einleitung in das Neue Testament, Heidelberg 1970, S. 286)Immer mit dem gleichen Ziel in der Gegenüberstellung: Christus ist der Hohepriester am Heiligtum des Himmels, am “Original”. Es geht um das “Haus, nicht mit Händen gemacht” (2. Korinther 4,1). So wird ja von Paulus beschrieben, was unsere Zukunft ist. Das Bild des Hauses wird zum Bild für das eigene Leben. Und alle Argumentation mit der himmlischen Stiftshütte zielt auch darauf, das Vertrauen auf die eigene Zukunft, auf dieses himmlische Haus zu stärken.

12 Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben. 13 Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt, sodass sie äußerlich rein sind, 14 um wie viel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!

  Diesem himmlischen Haus als dem großen Ziel entspricht, dass es nicht durch Blut von  Böcken und Stieren gewonnen wird. Der Yom Kippur, der große Versöhnungstag, an dem der Hohepriester die Schuld des Volkes auf einen Widder legt, wird durch den Karfreitag überholt. Der Zugang zum  himmli schen Haus wird gewonnen durch die Hingabe des Einen, durch das Blut Christi. Nach diesem Opfer, dieser Hingabe gibt es keine Opfer mehr. “Wo die Sünde weggeschafft ist, hat sich jeder irdische Kult erledigt.” (E. Grässer, Der Brief an die Hebräer, EKK XVII/1I; Neukirchen 1993; S.162 )

             Christus ist das Ende aller Opfer. „Das Neue Testament verzichtet im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Mensch und Gott vollständig auf Gewalt und alle Formen des Opfers.“ (A. Ebert, Schwarzes Feuer, Weißes Feuer, München 2018, S. 126) In Jesus, durch ihn haben wir reine Gewissen. Durch ihn werden wir fähig, befähigt, gewürdigt, dem lebendigen Gott zu dienen. Wieder steht hier: ε̉φάπαξein für alle Mal. Unumstößlich. Unabänderlich.

Wenn ich das schreibe: Christus ist das Ende aller Opfer. habe ich Opferzahlen vor Augen: Kriegsopfer, Missbrauchsopfer, Opfer häuslicher Gewalt, Opfer der Bankenkrise, Opfer von Betrügern und Kriminellen, Tieropfer für den Fortschritt der medizinischen Forschung. “Opfer müssen gebracht werden” sollen die letzten Worte des abgestürzten Otto Lilienthal gewesen sein. Es steht uns als Kirchen gut an, darauf hinzuweisen, dass es zu viele Opfer in der Welt gibt, bis heute und dass Gott keines davon für sich will und braucht.

15 Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

             Darum. Das ist das Ziel: Alles geschieht, damit er den neuen Bund in Kraft setzt. Damit er die Erlösung bewirkt, damit er das Leben befreit aus den tausend Bindungen, aus der Angst, die die Übertretungen bewirken, als könnten sie den Zugang zu Gott für immer versperren. Er ist der Mittler des neuen Bundes. Das ist im Neuen Testament ein ziemlich seltener Ausdruck. ΜεσίτηςMittler, Bürge, einer, der vermittelt. „Denn es ist “ein” Gott und “ein” Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“(1. Timotheus 2,5) Nur hier wird das so gesagt. Sonst taucht der Begriff nicht auf. Das könnte daran liegen: „Es gibt vom Menschen her nichts zu vermitteln – außer durch Jesus.“(E. Grässer, aaO. S. 169) Vielleicht liegt es daran, dass unser Wort Mittler, wie es ja auch im Begriff Mediator mitschwingt, eine Gleichwertigkeit voraus setzt, die das Neue Testament an keiner Stelle gegeben sieht. Die Versöhnung ist Geschenk. Sie ist nicht Ergebnis einer Mediation zwischen Gleichwertigen, auf Augenhöhe.

Gleichwohl singen wir, weil das Bild uns so vertraut ist:

Es ist das Heil uns kommen her von Gnad’ und lauter Güte,
Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten,
Der Glaub’ sieht Jesum Christum an.                                       Der hat g’nug für uns all’ getan,
Er ist der Mittler worden.              P. Speratus 1523, EG 342

             Im Hintergrund ist im Text des Hebräerbriefes immer dieses andere Bild mit wirksam: Er, Jesus, hat durch sein Opfer den Weg in den Himmeln frei gemacht. So ist er „der Mittler“. Nicht als Mediator, sondern als Wegeröffner. Niemand kann mehr zuschließen, wo er die Türen geöffnet hat. Auf dem Weg in das himmlische Heiligtum hat er, der sich den Weg durch die  Leiden der Welt nicht erspart hat, die Himmel durchschritten. Und nun ist durch sein Opfer der Weg frei, das verheißene ewige Erbe zu empfangen.

Einmal mehr: Argumentation im Komparativ. In der Überbietung der früheren Wege kommt der Weg Christi zum Leuchten. Man kann es dahingestellt sein lassen, ob das überhaupt dem Weg Gottes mit seinem Volk gerecht wird, ihn auf die Rolle eines „Vorspiels“ zu reduzieren. Das alles lässt mich die Frage stellen: Muss man diese Passage so lesen, dass sie ein Debatten-Beitrag sind. Eine Antwort auf Anfragen, die dem Glauben an den Erlöser Jesus Christus die Praxis der Opfer entgegen gehalten haben mit dem Hinweis: Das genügt doch. So ließe sich der immer mitschwingende polemische Unterton, der sich ja durch den ganzen Brief hin wiederholt, vielleicht verständlich machen.

 

Du, mein Herr Jesus, bist der Mittler. Du verbindest Gott mit uns und uns mit Gott. Du lässt uns nicht wegbringen von Gott. Nichts darf uns fernhalten. Nichts darf uns den Weg versperren. Du hast alles weggeräumt. Dafür hast Du Dich eingesetzt. Dein Leben.

Begreifen werde ich das nie. Aber danken kann ich Dir dafür, mein Leben lang. Amen