Die Schönheit des Bundes

Hebräer 9, 1 – 10

 1 Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. 2 Denn es war da aufgerichtet die Stiftshütte: der vordere Teil, worin der Leuchter war und der Tisch und die Schaubrote, und er heißt das Heilige; 3 hinter dem zweiten Vorhang aber war der Teil der Stiftshütte, der das Allerheiligste heißt. 4 Darin waren das goldene Räuchergefäß und die Bundeslade, ganz mit Gold überzogen; in ihr waren der goldene Krug mit dem Himmelsbrot und der Stab Aarons, der gegrünt hatte, und die Tafeln des Bundes. 5 Oben darüber aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die überschatteten den Gnadenthron. Von diesen Dingen ist jetzt nicht im Einzelnen zu reden.

      Der erste Bund hat seine Satzungen. Und: Er hat seine Schönheit. Schon die karge Beschreibung lässt etwas ahnen, wie das Heilige seine äußere Gestalt gewinnt. “Mit einer gewissen Liebe zur Sache und zum Detail werden die Einrichtungen aufgezählt.” ( A.Strobel, Der Brief an die Hebräer, NTD 9, Göttingen 1975; S.168) Die Stiftshütte ist nicht ein Zelt wie alle Zelte. Der Tempel – von ihm ist hier die Rede ist nicht ein Haus wie alle anderen Häuser. Er ist durch seine Schönheit und die Kostbarkeit der Materialien ein Hinweis auf die innere, unsichtbare Kostbarkeit. Es ist ja bis heute so: Eine schöne Kirche trägt in sich das Versprechen, dass der Himmel schön sein wird. Sie vermittelt eine Ahnung von der Schönheit, die alles Schauen übersteigt.

Freuet euch der schönen Erde,                                                         denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten                                                                 unser Gott da ausgestreut.

Und doch ist sie seiner Füße                                                             reich geschmückter Schemel nur,
ist nur eine schön begabte,                                              wunderreiche Kreatur.

Wenn am Schemel seiner Füße                                                         und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen                                                             erst für Glanz und Wonne sein.                       
                                                  K.J. P. Spitta 1827, EG 510

Hinter den Worten steht eine genaue Kenntnis des Tempels, bis in bauliche Details hinein und in die Ausstattung mit „Kult-Gegenständen.“ Man kann auch Respekt und Achtung hinter diesen Beschreibungen spüren.

6 Da dies alles so eingerichtet war, gingen die Priester allezeit in den vorderen Teil der Stiftshütte und richteten den Gottesdienst aus. 7 In den andern Teil aber ging nur “einmal” im Jahr allein der Hohepriester, und das nicht ohne Blut, das er opferte für die unwissentlich begangenen Sünden, die eigenen und die des Volkes.

Die Unterscheidung der Räume im Tempel wird als ein Hinweis genommen für die Vorläufigkeit der irdischen Ordnungen. Das hat man ja in Israel immer schon gewusst, dass das Irdische nicht wirklich fähig ist, das Himmlische zu fassen und der Tempel nicht ausreicht als Wohnort Gottes. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“(1. Könige 8,27-30)

Und auch das wusste man wohl: So wenig wie der Tempel Gott fassen kann, so wenig vermögen die Opfer, die im Tempel gebracht werden, ihm wirklich gerecht zu werden. Sie sind “nur” Bilder, “nur” Symbolakte, und zeigen darin eine „bewusst gewollte vorläufige Unvollkommenheit und Beschränkung.“(A. Strobel, aaO. S. 172) Es würde manche hitzige Debatte über die richtigen Formeln des Glaubens entschärfen, wenn wir uns erinnern ließen: alles nur vorläufige, unvollständige Annäherungen. Kein Dogma beschreibt die ganze Wirklichkeit Gottes.

8 Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg ins Heilige noch nicht offenbart sei, solange der vordere Teil der Stiftshütte noch bestehe; 9 der ist ein Gleichnis für die gegenwärtige Zeit: Es werden da Gaben und Opfer dargebracht, die nicht im Gewissen vollkommen machen können den, der den Gottesdienst ausrichtet. 10 Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene Waschungen, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind.

Es sind vorläufige Ordnungen, schwache Bilder, die vor allem Eines deutlich machen: Wir Menschen sind angewiesen darauf, dass Gott sich unser Tun gefallen lässt. Und, fast modern: Das alles, was da an Riten stattfindet, reicht nicht wirklich hin, um die Gewissen zu beruhigen, um die Fragen des Gewissens zur Ruhe kommen zu lassen.

Es ist Wirkung des Geistes, dass wir verstehen lernen. Auch verstehen lernen, was noch nicht offenbart ist. Und damit verstehen lernen, dass die alten Riten und Ordnungen nicht ausreichen. Der Geist ist in seiner Wirkung durchaus nicht nur darauf beschränkt, Rückenwind zu geben, vorwärts zu treiben, Wege zu zeigen, die wir vorher nicht gesehen haben.  Der Geist lehrt. Der Geist eröffnet Einsichten, die wir nicht von selbst haben. Der Geist lehrt, das Wort zu ergreifen und ab und an auch zu begreifen. Der Hebräer-Brief redet sparsam vom Heiligen Geist. Er hat es nicht so sehr mit Enthusiasmus, mehr mit Zähigkeit und Nachdenklichkeit und Festhalten am Bekenntnis. Er wirkt darin ein wenig “konservativ”.

Hinter der Schilderung der Stiftshütte taucht eine grundlegende Erfahrung auf: Religiöse Ordnungen kommen an ihr Ende. Sie sind nicht für die Ewigkeit, sondern für die Zeit. Sie sind darum auch nicht unveränderlich. Jeremia kündigt das Ende des Standes der theologischen Lehrer an.(Jeremia 31,34) Jesus kündigt das Ende der Anbetung in Jerusalem und auf dem Garizim an. (Johannes 4, 20.21)  Paulus sieht den Tempel abgelöst durch die Christen. Sie sind Tempel des Geistes, Wohnorte Gottes in der Welt. (1. Korinther 6,19)Sie sind der Ort der zukommenden Gegenwart Gottes. Bonhoeffer schreibt von „Christus als Gemeinde existierend“  und fährt fort: „Die Gemeinde kann niemals auf sich selbst verweisen, auf keinen eigenen Besitz.“(D. Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche, München 1971, S. 45)

 

Das alles macht verständlich, warum der Hebräer-Brief spürbar ohne Bedauern vom Ende der alten Satzungen, Ordnungen, des Tempels schreiben kann. Es sind nur vorläufige Ordnungen, gewissermaßen Vorspiegelungen des Kommenden. Darum kennt der Schreiber keine Furcht vor einer drohenden Leere. vielleicht könnte uns diese Sicht helfen, wenn wir auf den gegenwärtigen Rückbau und Umbau von Kirche sehen. Das verlangt ja den Abschied von liebgewordenen, weil gewohnten Ordnungen. Es scheint, sie können mutig beendet werden, damit Neues Raum gewinnen kann. Es ist der Abschied, der den Weg in neue Zeiten und neue Erfahrungen öffnet. Das wird nur gelingen, wenn wir auch die Angst vor dem Wandel verabschieden. Weil wir glauben, dass in der Zukunft Christus auf uns zukommt, „der  die Himmel durchschritten hat.“(4,14)     

 

Mein Gott, wie leicht gehen wir über Deine Treue hinweg, dass Du mit Israel Deinen Bund geschlossen hast, dass Du Dein Gebot gegeben hast, dass Du in Israel Vertrauen auf Dich geweckt hast.

Wie leicht vergessen wir, dass Dein Volk in Dir Bergung gefunden hat, dass es eine Schönheit des Gesetzes gibt, eine Schönheit des Tempels, in dem Deine Name gewohnt hat.

Verwehre es uns, dass wir daraus nur eine Vorgeschichte machen und nicht den Anfang des Bundes darin sehen, in den wir hinein genommen sind. Amen

 

 

Ein Gedanke zu „Die Schönheit des Bundes“

  1. Lieber Paul Ulrich,
    danke für Deine Mühe, mit der Du täglich den Text auslegst. Der Hebräerbrief läßt ja wirklich
    tief ins AT eintauchen.
    Schreibst Du auch was zu den Sonntagspsalmen?
    Dir und Deiner Familie wünsche ich ein gesegnetes Pfingstfest.
    Ich werde mit meiner Tochter Susanne in Rehe bei der Akademikon sein.
    Herzliche Grüße
    Linde

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